Journal Mittwoch, 20. Mai 2026 – Berlin 7: 3. Tag re:publica und lange Heimreise

Donnerstag, 21. Mai 2026 um 9:53

Gestern war der re:publica-Tag, an dem ich unterm Strich mindestens so viele Bereicherndes aus Gesprächen mit Internet-Kontakten mitnahm wie aus Sessions.

Nach Längerem reiste ich wieder am Abend des letzten Veranstaltungstages nach Hause (ich wollte dringend am Donnerstag ganz daheim sein, weil 21. Mai und Rosentag) und bemerkte, dass ich mir damit diesen 3. Tag re:publica zu großen Stücken nahm: Ich Kopf war ich bereits auf dem Heimweg, richtete alles darauf aus.

So auch den frühen Wecker, um frühzeitig an der re:publica sein zu können. Ich hatte große Schlangenangst: 1. Kofferschlange, ich musste ja mein Gepäck bis Abfahrt unterstellen, 2. Einlassschlange. Zudem musste ich packen und das Apartment gemäß vorgegebender Checkliste aufräumen.

Gestern in Tarnkleidung.

Ausgeräumtes Apartment – war sehr in Ordnung, nur den Matratzenschoner in Bettnässer-Qualität hätte ich gern gegen etwas weniger Schweißtreibendes getauscht.

Anfahrt mit einmal Umsteigen, an Kofferabgabe und Einlass ging alles flugs. Jetzt war ich dann wieder viel zu früh drin, guckte ich mich halt an den Partner-Ständen um. Ich blieb hängen an dem der Arolsen Archives, in deren Online-Angebot ich ja schonmal die Spur meiner polnischen Großmutter und meiner Mutter gefunden hatte.

Am Touchscreen vor diesem Schild erklärte mir eine Arolsen-Mitarbeiterin das Projekt #everynamecounts: Freiwillige helfen, Namen und Daten von NS-Verfolgten digital zu erfassen, indem sie die Angaben von abfotografierten Originaldokumenten online in eine Eingabemaske übertragen. Weil die Karteien und Dokumente oft handschriftliche Eintragungen enthalten, können sie nicht einfach maschinell ausgelesen werden, es braucht Menschen zur Verarbeitung. Die Dame versicherte mir, dass jede Eingabe dreimal überprüft werde, um Fehler so gering wie möglich zu halten. So wird der durchsuchbare Datenbestand zur NS-Verfolgung immer größer. Was für eine großartige Bürgerbeteiligungs-Aktion! (Die Projekt-Website regt auch an, das für Schul- oder CSR-Projekte in Unternehmen zu nutzen.)

Mit Frau Klugscheisser traf ich mich ganz vorne in Stage 1 für “Ohne Moral keine Demokratie? Über Werte, Macht und gesellschaftlichen Zusammenhalt”: Yasmine M’Barek unterhielt sich mit Anne Rabe zu ihrem Buch Das M-Wort: gegen die Verachtung der Moral. Sehr schnell waren sie wieder bei den bedrohlichen Prognosen der Landtagswahl Sachsen-Anhalt im Herbst, aber drumrum nahm ich einige neue Gedanken mit.

Bei der nächsten Session hatte ich nur den Titel gelesen und etwas ganz Anderes erwartet (selber schuld): In “‘Wir spüren auf, wir graben tiefer’ – ARD Team Recherche zeigt, wie investigativer Journalismus auf Social Media funktionieren kann” ging es NICHT darum, wie das ARD Team Recherche auf Social Media recherchiert, sondern wie recherchierte Themen dieser Redaktionen als instagram-Reels und TikToks aufbereitet werden. Als ich meine Enttäuschung überwunden hatte, fand ich das doch interessant, vor allem mal wieder den Einblick in den Maschinenraum des Arbeitsalltags Öffentlich Rechtlicher.

Zeit für Mittagscappuccino im Hinterhof, Festhalten der neuen U-Bahn-Wagen der Berliner Verkehrsbetriebe, Schwatz mit wirres-Blogger Felix Schwenzel. Auch wenn das Wetter gestern düster aussah, es später auch regnete, war die Luft angenehm mild.

Die nächste Session hatte ich mir als Highlight gleich beim ersten Durchsehen des Programms markiert: “Schrumpfende Spielräume – ARD-Korrespondentinnen berichten” – was für ein Line-up mit (von links) Isabel Schayani vom ARD-Weltspiegel, Gudrun Engel (Studioleiterin des ARD-Studios in Washington), Tamara Anthony (bis 2024 Leiterin des ARD-Büros Peking), Sophie von der Tann (ARD-Korrespondentin für Israel und die palästinensischen Gebieten), Marie-Kristin Boese (Leiterin des ARD-Studios in Mexiko-Stadt). Von Schayani schön mit gezielten Fragen strukturiert berichteten die vier von den aktuellen Umständen ihrer Arbeit und wie sich diese verändert haben – durchaus unterschiedlich, denn während Engel mit einer immer größeren Flut von Ereignissen und Informationen kämpft, sehen sich die anderen von teils immer bizarreren (China) Hindernissen eingeschränkt. Was sie verbindet: Ein ungeheuer kämpferischer Geist. Und ja: Es machte auch diesmal einen Unterschied, dass da nur Frauen als Fachleute saßen (und es überhaupt nicht um ihr Frausein ging).

Ich saß am Rand, neben mir eine E-Rolli-Fahrerin, die sich am Ende, als wir zum Glück auch mal zur Seite schauten statt nach vorne – als Christiane Link herausstellte, Bloggerinnen-Urgestein! Große Wiedersehensfreude, auf meine zweite Frage (nach Befinden), die nach ihrem Blog, verwies Christiane auf ihren Substack “The accessible Link”. Wie bei jeder Begegnung hatte sie gleich mal wieder aberwitzige Geschichten auf Lager, von ihrer Rolle in einer parlamentarischen Anhörung (!) (!!) bis zu den Drehbuch-reifen Turbulenzen um ein Gutachten, das sie für ein Gerichtsverfahren in Schottland erstellte und mit dem sie sich über schlimme gesundheitliche Probleme rettete. Außerdem bin ich sicher nicht indiskret, wenn ich hier weitergebe, dass Christiane es jetzt offiziell und schriftlich hat, dass sie KEINE mad woman ist.

Wegen Verratschens besonders spätes Mittagessen: Kurz vor drei gab es drinnen auf dem Affenfelsen Apfel und Hüttenkäse. Und Nachklingenlassen des Umstands, wie lange ich mit Frau Klugscheisser, Felix und Christiane über das Internet verbunden bin und ihre Leben mitverfolge (in dem Maß, in dem sie selbst das zulassen).

Als Pflicht-Programmpunkt “Session, deren Thema mich überhaupt nicht interessiert”, ging ich in “Battle of the Nerds – LIVE auf der re:publica!”, sonst eine Spielshow als Podcast. Doch ich war durch, konnte auch das nur wenig wahrnehmen.

So schweiften meine Gedanken ab. Auffallend dieses Jahr auf meinen Fußmärschen durch Berlin: Wie oft mich Passantinnen anlächelten, in allen Altersstufen, mal Kinderwagen schiebend, mal gebeugt und mit schwerem Schritt Hackenporsche ziehend, mal mit funkelnden Augen zwischen unzähligen Piercings. Auch die E-Radlerin, die mir an einer Kreuzberger Kreuzung nach Blickkontakt den Vortritt ließ und eigens dafür abstieg. Möglicherweise bin ich in einen universitären Feldversuch geraten. Allerdings verweigert mir Berlin ja seine verbriefte schlechte Laune und Anranzigkeit seit Jahrzehnten.

Gestern eine weitere Entdeckung auf meinem Fußmarsch, nämlich auf der Brücke über den Kanal:

Laut der App Flora Incognita Scharfer Mauerpfeffer, noch nie gesehen/wahrgenommen.

Die Rückreise wurde beschwerlich. Ich hatte mich besonders schlau gefühlt (nein, diesmal kein Selbst-Bashing, meist sind diese schlauen Ideen nämlich wirklich schlau), weil ich mit meinem schweren Koffer eine direkte Busverbindung zum Hauptbahnhof rausgesucht hatte, Haltestelle zehn Fußminuten von der Station entfernt. So musste ich nämlich den Koffer nicht die Treppen zur U-Bahn und die Treppen beim unweigerlichen Umsteigen schleppen. Und ich verließ die re:publica mit reichlich Zeit bis Zug-Abfahrt.

Nicht bedacht hatte ich als Auto-Ferne, dass Busfahren demselben Hindernis unterliegt wie Autofahren: Stau. Und der war durch zahlreiche Baustellen durchgehend. Nach 45 Minuten Schleichfahrt und Stehen (so lange hätte ich zu Fuß zum Hauptbahnhof gebraucht) waren wir grade mal bis Unter den Linden gekommen. An der dortigen U-Bahn-Station ließ der Busfahrer mich und einige andere Rollkoffermenschen raus (auf der Treppe bot mir eine Passantin Hilfe mit dem Koffer an – die Berlinerinnen sind einfach entzückend, siehe oben), die U-Bahnfahrt ließ mir noch genügend Zeit für Brotzeiteinkauf vor Abfahrt.

Die sich immer weiter verschob: “Wegen Bauarbeiten” verzögerte sich die Abfahrt des Zuges nochmal und nochmal – während meiner Stunde Rumstehens wurde für nahezu alle, viele ICEs Verpätungen von mindestens 15 Minuten durchgesagt, aus wechselnden Gründen, vorwiegend aber “wegen Bauarbeiten”, nur zwei fuhren pünktlich. Ich stand so lange Handy-lesend am Bahnsteig, dass mir – auch nach dem langen Stehen im Bus – der untere Rücken ausgesprochen unangenehm weh tat. Ein paar Gabi-Fastner-Übungen (ja mei, dann schaun’s halt) taten so gut, dass die Schmerzen erst nach anderthalb Stunden Zugfahren (Abfahrt mit 40 Minuten Verpätung) wieder einsetzten. Da hatte ich bereits zu Abend gegessen: Apfel, Vollkornsemmel mit Brie, Nussecke.

Der Ausblick vom locker besetzten Wagen bot mir unter anderem einen Reiher, dann eine ganz schmale Mondsichel am Himmel, ich las Mastodon-Timeline, Süddeutsche, guckte instagram.

Bei der Ankunft in München war die Verspätung von “Wir haben für Sie Wasser und Kekse bereitgestellt” mit 65 Minuten jenseits von Fahrgastrechteformular gerutscht. Ziemlich erledigt nach Hause gerollkoffert, den extra nochmal aufgestandenen Herrn Kaltmamsell geherzt. Mich am Kofferausräumen gehindert und nur das Notwendigste rausgeholt (E-Zahnbürste aufladen, Butter in den Kühlschrank), Bett.

§

Auch “Blogosphäre”-Mitdiskutantin Franzi machte sich nachträglich Gedanken:
“Mythos Blogosphäre: Was mir noch durch den Kopf geht”.

Stimmt: Die Bedeutung von Sprache ist bis heute in Blogs geblieben. Ich lache beim Bloglesen immer wieder laut auf: Weil da Leute, die Schreiben keineswegs beruflich machen, Pointen setzen können, Geschichten erzählen, Wörter erfinden oder für ihre Zwecke umfunktionieren.

§

Ein kleiner Knaller auf der re:publica war, als in einer Session verglichen wurde, was Verlage manchmal als Buch-Vorschüsse zahlen. Berit Glanz erklärt fachlich die Mechanismen und Hintergründe solcher Vorschüsse (und verlinkt den Knaller-Moment der Session):
“Zwischen Bestseller und Brainrot – Wie der Markt die Literatur sortiert”.

die Kaltmamsell

Comments are closed.