Journal Dienstag, 29. September 2026 – Das große Sich-anstellen
Mittwoch, 30. September 2026 um 6:22Der jährliche Angsttermin (im Grunde halte ich lediglich eine Unterrichtsstunde) kostete mich dann doch Nachtschlaf mit Angstwellen; kein gutes Zureden half (1. ist ECHT NICHT SCHLIMM, 2. ist doch bald vorbei, 3. ist wirklich gut vorbereitet), drecks Stoffwechsel. Mir war sogar eine Lösung fürs Zeit-Management eingefallen: Bislang hatte ich immer meinen kleinen Reisewecker vor mich gestellt, doch der ist ja mittlerweile kaputt; jetzt fand ich eine Möglichkeit, die Uhrzeit auf meinem Handy-Sperrbildschirm anzuzeigen (mit der App OLEDX).
Der Angsttermin begann um 9 Uhr; vorher sah ich mir im Büro dabei zu, wie das Angst-Adrenalin mich ablenkte und dumm machte (reines Aufregungs-Adrenalin macht ja eher alert), schon nach Klick auf ein Programm wusste ich nicht mehr, was ich dort wollte – das ganze nahm Migräne-artige Züge an.
Der Termin verlief dann ok, natürlich. Da mir aber so überhaupt nicht einfällt, wie ich die innere Folter in den Tagen davor bekämpfe, nehme ich mir für nächstes Jahr vor abzusagen. Meinen Zusage-Reflex habe ich bislang vor allem durch Entkarrierisierung und Rückzug von Menschen bekämpft (behalten habe ich das schlechte Gewissen), in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit sollte ich lernen, mich auch vor dem Rest zu schützen.
Nach etwas Beruhigung (durch Rumrennen) Mittagscappuccino aus der Cafeteria, damit ich mittags raus in die Sonne und um die Blöcke kam: Für die Jahrezeit war es schon wieder viel zu warm und sommerlich – dennoch genoss ich es sehr. Unterwegs machte ich Halt in einem Supermarkt HIT, der mich bei einem ersten Besuch mit seinem riesigen Sortiment beeindruckt hatte. Und tatsächlich fand ich dort den schwer zu bekommenden Zuckersirup von unserer Einkaufsliste (die Whiskey-Sour-Saison naht).
Zu Mittag gab es Apfel, Feigen, Skyjolei.
Nachmittags reichlich Reise-Orga und Querschüsse, ich freute mich sehr auf den sonnigen Heimweg.
Der war dann auch herrlich, tiefe Atemzüge, trotz Bogengehenmüssen ums Oktoberfest.
Zu Hause Häuslichkeiten, Gymnastik des Abends war die erste von fünf Folgen Gabi Fastner “Gesunder und schmerzfreier Rücken” – abgehalten hatte mich bislang tatsächlich, dass sie alle nur 15 Minuten lang sind (dafür die ganze Umzieherei und Matteausrollen?). Meine Beschwerden waren zwar in den vorhergehenden 48 Stunden nicht schlimmer geworden, und die Ursache Skoliose mit extra belasteten und verrutschten Bandscheiben würden eh nicht weggehen – aber verschlechtern würden die Übungen meinen Zustand ja wohl kaum.
Waren dann auch einmal mehr interessante Übungen, taten gut – und ich sah währenddessen in der früh einsetzenden Dämmerung eine Fledermaus vorm Wohnzimmerfenster vorbeiflattern.
Ernteanteil war aufgegessen, zum Nachtmahl hatte ich mir von Herrn Kaltmamsell eine Pastagericht ohne Knoblauch (Zahnarzttermin Mittwochmorgen) gewünscht, er hatte dafür auf meine Anregung auf dem Viktualienmarkt Steinpilze gekauft und sie zu einer Crème-fraîche-Sauce verarbeitet: ganz besonders gutes Abendessen. Nachtisch Schokolade.
Abendunterhaltung: Ich war einem Tipp zur arte-Doku Matrix Generation gefolgt. Erwies sich als ungemein dichte Analyse des Zusammenspiels von Film Matrix (1999) und gesellschaftlicher Entwicklung, von filmischen und weiteren medialen Vorbildern und Erkenntnisphilosophie, was heutige Technik damit zu tun hat. Manche Argumentationssprünge waren mir zu groß, doch wenn ich noch schaffte, daheim gezielt Filme zu gucken, hätte ich jetzt eine lange Liste (u.a. asiatische Science Fiction).
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Juna macht sich lesenswerte Gedanken zu
“Das Leben in Diktaturen ist einfach”.
Ich bin dankbar, dass ich in dieser anstrengenden Welt namens Demokratie leben darf. Ich habe in meinem Leben nicht eine einzige Wahl verpasst und ich durfte immer in einem Land wählen, in dem „Demokratisch“ nicht nur ein Feigenblatt war. Ich weiß, wo in meiner Stadt die Grenze lief, ich weiß, wie grau und dunkel es war. Ich kann mich entsinnen an die stillen Gespräche der Erwachsenen, wenn wieder jemand „erwischt wurde“, an die langen Spaziergänge in den Wäldern, damit man sich ungehört unterhalten konnte.
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Seit einiger Zeit wird in meinen Kreisen viel mit den Begriffen “neurodivergent” und “neurotypisch” diskutiert – ich habe das nie hinterfragt. Hätte ich vielleicht mal sollen, denn es handelt sich keineswegs um medizinische Kategorien. Mal wieder dargelegt von einem Krautreporter-Artikel, den ich Ihnen schenken kann:
“Kein Gehirn ist neurotypisch”.
Darüber, ob ich klinisch betrachtet wirklich aufs Spektrum gehöre, also ob ich tatsächlich neurodivergent bin, mache ich mir selten Gedanken.
Warum auch? Ich habe einen Master in Psychologie. Ich habe als Neuropsychologe geforscht. Ich habe eine Idee davon, wann Diagnosen helfen und wann nicht. Und davon, was es über mich aussagen würde, wenn ich irgendwo auf dem Spektrum wäre. Nämlich gar nichts.
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„Neurodivers“, sagte Begriffserfinderin Singer, „beschreibt als Adjektiv nichts anderes als die ganze Welt.“ Aus ihrer Sicht kann es keine neurodiversen Gehirne oder Menschen geben. So ähnlich wie es keine biodiverse Tierart gibt, sondern nur biodiverse Ökosysteme.
(…)
Aus heutiger Sicht sind Menschen auf dem Autismus-Spektrum ein perfektes Beispiel für diese Vielfalt. Sie und ihre Gehirne sind untereinander ebenso verschieden wie Menschen ohne Autismus-Diagnose. Dass alle Menschen auf dem Spektrum bestimmte Merkmale haben, ist ein weitverbreiteter Irrglaube.
Stephen Shore ist Professor für Sonderpädagogik an der Adelphi-Universität in New York. Er beschrieb die Diversität von Menschen mit Autismus bis heute vielleicht am treffendsten: „Wenn du eine Person mit Autismus getroffen hast, hast du EINE Person mit Autismus getroffen.“


