Journal Sonntag, 15. Februar 2026 – Wien mit Sonntagsbraten und meinem ersten Mal Burgtheater

Montag, 16. Februar 2026 um 9:28

Gut und lang geschlafen, wieder leuchtete bereits Tageslicht durch die Ränder der zugezogenen Vorhänge – leuchtete besonders intensiv trotz bedecktem Himmel, weil es nachts ein wenig geschneit hatte.

Blick aus unserem großen Hotelzimmerfenster (mit Fliegengitter) auf den Innenhof, der im Sommer traumhaft sein muss.

Pläne für den Tag:
– Cappuccino in Café
– Einkauf jüdische Backwaren
– Sonntagsessen im Gasthaus Stern
– Theaterbesuch im Burgtheater

Am Samstag waren wir auf dem Weg zum Karmelitermarkt in der Leopoldstadt an der jüdischen Bäckerei Ohel vorbeigekommen – natürlich am Sabbat geschlossen. Doch das Angebot sah sehr verlockend aus (Rugelach!), und weil sie sonntags geöffnet ist, war das gestern unser erstes Ziel. Noch erster ein Cappuccino, doch das angesteuerte Café hatte vor lauter Sonntagsfrühstücker*innen keinen Platz. Also wurde es der MacDonald’s im Westbahnhof: Spannende Aussicht, guter Cappuccino, und um uns herum saßen einige interessante Menschengruppen, die auf mich den Eindruck machten, als würden sie sich immer sonntagvormittags hier treffen.

Cappuccino mit Aussicht.

Wenn man im Urlaub die U-Bahn in die falsche Richtung erwischt, macht das gar nichts aus: Mehr Zeit zum Schauen und Entdecken, zum Beispiel sehr lokale Understreetart (später erfuhr ich, dass das Graffiti schon recht lang hier prangt, wird offensichtlich respektiert).

Es war deutlich kälter geworden, der Wind schnitt unangenehm, also nahmen wir eine U-Bahn zum Stephansplatz und spazierten von dort zur Leopoldstadt und zur koscheren Bäckerei. Mittelerfolgreicher Einkauf: Rugelach waren schon aus (man beschied uns, dass die immer besonders schnell weggingen), wir kauften zwei Sorten Hamantaschen und zwei frische Quarktaschen für nach der Theatervorstellung.

Sonntagsbraten im Gasthaus Stern, das uns im August Freunde vorgestellt hatten und das bleibenden Eindruck hinterließ (genau meine aktuelle Lieblingssorte gehobene Küche: Mit Ehrgeiz und Anspruch bei Zutaten und Zubereitung, aber außerhalb der Sternewelt). Die U3 brachte uns praktisch vor die Haustür.

Der Wirtshaus-Gastraum war lebhaft besucht, vor allem von größeren Gruppen, die nach Familien aussahen, angenehme Atmosphäre.

Die Deko im Fenster ist ein Hinweis: Der Stern-Wirt Christian Werner jagt selbst.

Eine Kuriosität hatte ich schon vergessen: Das gesamte Personal trägt graue Hausmeisterkittel.

Kartoffelbrot mit geschlagener Butter, wunderbare Begleitung.

Ich bestellte als Vorspeise die lauwarme Kalbszunge mit Chili und Yuzu: Eine ganz hervorragende Kombination, der zarten Zunge standen sowohl Schärfe als auch Zitrussäure. Gegenüber aß Herr Kaltmamsell Hirn gebacken mit Kaisergranat-Bisque, Haselnuss und Zwetschkenröster – war sehr angetan. Das Glas Wein, das wir uns dazu empfehlen ließen, war ein Grüner Veltliner aus der Wachau, der perfekt passte. (Wasser dazu gleich aus der Leitung angeboten, immer ein riesiger Pluspunkt für ein Lokal.)

Hauptgericht Hirsch, also Cerf de Bourguignon mit Serviettenknödel: Ich hatte im August mitgekommen, dass der Wirt selbst jagt und sein eigenes Wild serviert – das gefiel mir. Und ich liebe Wild. Schmeckte dann auch sehr gut (die Sauce für meinen persönlichen Geschmack vielleicht ein bisschen zu sehr angedickt). Dazu öffnete der Wirt eine Flasche Bordeaux Château Durfort-Vivens (entschuldigte sich, weil sie keinen Burgunder hatten), der mir ausgezeichnet gefiel.

So sehr nämlich, dass ich mir statt Dessert noch ein Glas davon einschenken ließ, während Herr Kaltmamsell ein Gedeck mit Espresso und Crème brûlée orderte. Dann waren wir sehr satt und entspannt.

Auf dem Rückweg hatte ich eine Vision (inspiriert von Wein und Situation) von Herrn Kaltmamsell und mir in der Rente, wie wir in München einen Import von englischem Käse aufziehen. Wenn es Stilton aus handwerklichen Käsereien an Käsetheken zu kaufen gibt, ist ein Inport ja grundsätzlich möglich. Ich sah uns bereits
– Neal’s Yard Dairy als Kooperationspartner einholen
– die Münchner Fine-Dining-Gastronomie zu Verkostungsveranstaltungen einladen (mit Neal’s Yard Dairy als Name, der zieht)
– Presse-Infos an Food-Redaktionen aussenden, Verkostung für sie veranstalten (plus englische Weine? die allerdings nur als zusätzliche Kuriosität, sie sind noch lang nicht international konkurrenzfähig)
– parallel Direktkontakte zu britischen Käsereien knüpfen, Modalitäten des Inports recherchieren, uns in den zugehörigen Bürokratie-Dschungel stürzen
– parallel eine Website mit Online-Shop einrichten, auf der es natürlich eine Ecke für englische Küche gäbe
– Kontakt zu britischen und irischen Expats in München knüpfen, vielleicht ist ja jemand mit Käse-Hintergrund dabei?
– ein Ladengeschäft suchen.
Nichts davon ist realistisch, nichts davon wird passieren, aber das Ausmalen machte Spaß.

Ich wollte gern in Wien ins Theater, und weil ich erstmal die Sehenswürdigkeiten von Weltruhm abhaken wollte, bevor ich mich ernsthaft mit der Wiener Theaterwelt befasste, hatte ich das Programm von Burgtheater und Theater in der Josefstadt nachgeschlagen. In unsere Pläne passte am besten die gestrige Vorstellung von Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti im Burgtheater. Bei der Platzwahl fühlte ich mich überfordert von all den Rängen und Logen, und weil fast exakt mein Platz im Kammerspielabo im Parkett noch zu haben war, nahm ich halt den und den daneben – ähnliche Rahmenbedingungen für besseren Vergleich.

Die Sonntagsvorstellung begann auch hier um 18:30 Uhr angenehm früh, eine Trambahn brachte uns zum prächtigen Gebäude des Burgtheaters.

Wir hatten reichlich Zeit, uns in den Gängen umzusehen, die Gemälde und Büsten verblichener Angestellter der Burg zu betrachten, im Zuschauerraum peinlicherweise erst mal die falschen Plätze zu besetzen (es gab zwei Reihen 4) und auch dort viel um uns zu schauen.

Die Inszenierung selbst – war nicht so mein Fall. Ich sah puren Klamauk und Durcheinander um ein Thema, das ohnehin andere Dramen viel greifbarer verarbeiteten und das hier mit dem Alkoholismus eher psychologisiert wird, als das Klassen-Problem zu verdeutlichen. Beeindruckend für mich die gemalten Hintergründe und wechelnden schematischen Hütten des Bühnenbilds (Matthias Koch), und unter den Darsteller*innen allen voran Marie-Luise Stockinger, die Puntilas Tochter Eva zwischen Potscherl, Wohlstandsverwahrloster und Leidenschaft schwanken ließ. Aber! Ich langweilte mich in den drei Stunden der Inszenierung keine Sekunde lang, und die Kühe/Bauernhoftiere, als die alle Darsteller*innen gleich zu Anfang auf der Bühne herumstanden, mochte ich sehr. Wichtiger Nachtrag: Lob den wirklich bequemen Sesseln.

In der Pause Gebäudebewunderung.

Weil die Tram gerade wegfuhr, brachte uns eine U-Bahn zurück zum Hotel. Richtigen Abendessenshunger hatten wir nicht, ich aß einen Apfel und die Ohel-Quarktasche (sehr gut!).

§

Was ich an der Süddeutschen unter anderem schätze: Dass sie mir immer wieder Themen nahebringt, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Von “habe ich noch nie drüber nachgedacht” bis zu “stimmt eigentlich”. Zu Letzterem gehört eine detaillierte Übersicht, dass die USA mehr militärische Stützpunkte im Ausland unterhält als alle anderen Nationen zusammengezählt und insgesamt 180.000 US-Soldaten außerhalb der USA stationiert sind. Plus historische Herleitung. Alles keine Enthüllung, doch ein krasser Gegensatz zu den Erzählungen über Bedrohtheit des aktuellen Trump-Regimes (€):
“US-Militärbasen
Weltmacht, noch immer”.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Sonntag, 15. Februar 2026 – Wien mit Sonntagsbraten und meinem ersten Mal Burgtheater“

  1. Schlosswiler meint:

    Als Partner für den Import von englischen Weinen würde ich empfehlen:
    https://www.corkk.co.uk/canterbury

  2. Susann meint:

    Sollten Sie’s wider Erwarten doch mit dem Käseimport versuchen, ich wäre eine dankbare und treue Kundin auf immerdar!

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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