Journal Samstag, 14. Februar 2026 – Weitere Wien-Verliebung inklusive Albertina

Sonntag, 15. Februar 2026 um 8:42

Gut und in mehreren Abschnitten vor allem lang geschlafen.

Dieser Wien-Ausflug zu einer Jahreszeit, in der das Wetter mit großer Wahrscheinlich keine Schönheit erwecken oder verstärken kann, soll ja der Prüfung meiner Sturzverliebtheit in diese Stadt von vergangenem August dienen. Und ich kann gleich mal vorweg nehmen: Weniger ist sie nicht geworden.

Nach Bloggen (zu einem geteilten Kaffee aus einem bereitgestellten Packerl löslichen zum Wasserkocher) und Morgentoilette verließen wir das Hotel kurz nach zehn. Erste Anlaufstelle sollte der Schweizer Käseladen in der Wollzeile sein, der führte laut eigener Website auch englischen Käse. Und den wiederum wollte ich fürs Abendessen kaufen, denn: Dafür hatte ich selbst vor drei Wochen keine Tischreservierung in den gewünschten Lokalen bekommen – woraus ich lernte, dass der gestrige Valentinstag in Wien wohl recht ernst genommen wird.

Wir spazierten unter düsterem Himmel und in entsättigten Farben, aber milder Luft die Felberstraße entlang und vorbei unter anderem an einem eleganten Laden mit italienischen Spezialitäten, darunter besonders Zitrusfrüchten aller abgefahrenen Art (Neuverliebung 1).

Und Baukunst mit Fledermaus.


Typoliebe.

Am Opernring passierten wir einen altmodischen Herrenbekleidungsladen, im Schaufenster war unter anderem ein altmodischer Herren-Regenmantel mit typischen Raglan-Ärmeln ausgestellt, wie ich ihn aus Spielfilmen der 1940er bis 50er kenne, ob Hollywood oder Europa. Ich wies Herrn Kaltmamsell darauf hin und äußerte, dass der jedem Mann stehen würden. Woraufhin er beschloss, genau so einen jetzt sofort haben zu wollen und die Ladentür öffnete.

Ein Herr, exakt wie ich in solche einem Laden als Besitzer erwarte, brauchte nur einen Versuch für die passende Größe, und der Mantel kleidete Herrn Kaltmamsell tatsächlich ungemein. Also wurden Ärmel und Saum abgesteckt (beides zu lang, Kürzung im Preis enthalten), am Montag wird das neue schöne Stück abholbereit sein (Neuverliebung 2).

Der Weg zum Käseladen brachte uns in die höchste Menschen- und Touristendichte der Stadt, für den Mittagscappuccino erinnerte ich mich an die guten Erfahrungen mit McDonalds: In der Nähe des Stephansplatzes wurden wir in einem wieder besonders herzlich bedient, der Cappuccino schmeckte gut, Herr Kaltmamsell bekam ein Stück Frühstückstorte dazu.

Typo- und Tierliebe.

Der Besuch im winzigen Käseladen (wirklich winzig: es passten nur zwei Menschen hinein) war dann eher enttäuschend: An englischem Käse gab es nur Stilton, doch auch sonst sprach der Herr Verkäufer von Frischkäse, den sie manchmal aus England hätten, konnte mit meinem Wunsch Caerphilly nicht mal etwas anfangen. Abendessen brauchten wir ja trotzdem, ich nahm Stilton mit und halt etwas Schweizerisches.

Im Februar wirkt nicht mal Graffiti am Donaukanal wirklich bunt.

Nächstes Ziel Karmelitermarkt. Kurz davor blieb mein Blick an dieser Sammlung alter Schriftzüge hängen:

Ein Kommentator auf Mastodon informierte mich, dass dahinter der Verein Stadtschrift steckt:

Der Verein Stadtschrift wurde im März 2012 als Initiative gegründet, obsolet gewordene historische Wiener Geschäftsbeschriftungen zu dokumentieren und vor der Verschrottung zu bewahren. Unser Anliegen ist, das Bewusstsein für die „Handschrift“ unserer Stadt zu fördern, indem ­wir obsolet ­gewordene Schriftzüge mit identitätsstiftender ­Bedeutung sammeln und für die Öffentlichkeit wieder zugänglich machen.

Neuverliebung 3: WAS FÜR EINE GROSSARTIGE STADT!

Wir spazierten über die Marktstände (deutlich mehr los als vergangenen August), kauften in der Tofu-Manufaktur nur Nachtisch für Abends, weil uns auf Nachfrage beschieden wurde, dass die Tofus des Hauses bei Raumtemperatur bis zu unserer Rückreise nächsten Dienstag verderben würden.

Eher frühes Mittagessen gab es bei Liwei’s Kitchen, das uns im August mit den Gerichten mit selbstgemachtem Tofu (-> Tofu-Manufaktur) so glücklich gemacht hatte.

Erstmal gab es für mich Seidentofu-Suppe – Texturfestival! Der leichte Tofu in kräftiger Miso-Brühe, darin unter anderem gehackte Pilze, Algenblätter, frische Frühlingszwiebel, ein echtes Erlebnis. Herr Kaltmamsell aß Misosuppe.

Dann für mich gebratenen Tofu mit Gemüse (nach dem Fleischberg vom Vorabend jetzt zufällig ein veganes Mittagessen), gegenüber das Mapu Tofu mit Rindfleisch, das mich im August so begeistert hatte.

Sehr satt spazierten wir in die Richtung, aus der wir kamen. Ich hatte von einer Ausstellung in der Albertina gelesen, die mich sehr interessierte: Die Wiener Fotografin Lisette Model (1901–1983) bekam eine Retrospektive.

Auf dem Weg dorthin lernte ich das Griechen-Eck kennen.

In der sehr gut besuchten Albertina steuerten wir gleich die Model-Ausstellung im 2. Stock an.

Mir gefiel die Retrospektive gut, die chronologisch nach Lisette Models Hauptprojekten unterteilt war, fast alle mit Schnappschüssen von Menschen. Außerdem Street Photography im Wortsinne mit Spiegelungen in Schaufenstern oder der Perspektive aus Kellerfenstern auf Beine.

Auch Models Arbeitsweise wurde beleuchtet: Auf Kontaktabzügen markierte Bildausschnitte zeigten ihre tatsächliche Entfernung beim Fotografieren und was davon sie zum Motiv gemacht hatte. Das belegte wieder einmal, wie sehr der Bildausschnitt für den Abzug das eigentliche Kunstwerk ausmacht (was ja bei einer posthum entdeckten Künstlerin wie Vivian Maier wegfällt, die nur von einem winzigen Bruchteil ihrer Negative überhaupt Abzüge gemacht hat – hier sind es Dritte, die entscheiden, was als ihr Werk gilt).

Wenn wir schonmal da waren, sahen wir uns in der Albertina auch unter Impressionisten und Pablo Picasso um (ich muss immer daran denken, welch ein Gkücksfall für die Museumswelt ist, dass Picasso so produktiv war uns so lange lebte: Es ist für jedes etwas da) aber wirklich interessiert war ich an der Ausstellung von Leiko Ikemura, “Motherscape”.

Wenn sie dir einen riesigen Spiegel ins Museum stellen, nimmst du ein Spiegelselfie auf und postest es. Ich habe die Regeln nicht gemacht.

Wir streiften also im Erdgeschoß durch die Ikemura-Ausstellung, doch ich hatte nicht mehr sehr viel Aufmerksamkeit übrig. Fasziniert war ich von der Materializiät der Gemälde (Ikemura arbeitet viel auf Jute und anderen groben Stoffen) und von den Skulpturen. Die Erklärungen mit der Künstlerinnenabsicht gingen ziemlich an mir vorbei, doch ich bin überzeugt, dass sie mir als Laien-Betrachterin einfach egal sein dürfen.

“Gelbe Figur mit drei Armen”

“Pinkes Haar II”

Wir spazierten gemütlich durch belebte Straßen und mit einem Umweg zurück, passierten tatsächlich auffallend viele Blumenstraußtragende (Valentinstag), waren am späten Nachmittag zurück im Hotelzimmer.

Gemütliches Lesen nur getrübt von Hackebeil-Kopfschmerzen rechts – dagegen half eine Ibu.

Abendessen also Käse und Dinkelbrot vom Karmelitermarkt (den Käse eher wüst mit Kaffeelöffeln zerteilt – wir hatten das Taschenmesser ebenso daheim vergessen wie Brotzeitbretter, oder: warum wir Ferienwohnung bevorzugen), zum Nachtisch gab es Tofu-Cheesecake.

Ich machte früh das Licht aus zum Schlafen weil steinmüde.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Samstag, 14. Februar 2026 – Weitere Wien-Verliebung inklusive Albertina“

  1. Juna meint:

    Ich finde es immer wieder interessant, wenn Kontaktabzüge vorhanden sind, wer zuschnitt, wer nicht. Die einen behaupten, das Bild müsse sofort sitzen, man dürfe nicht schneiden, die anderen tun es selbstverständlich (und machen das Bild auch so oft besser). Danke, dass Du das angemerkt hast und noch eine schöne Zeit Euch.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Bei Model wollte ich das auch wissen, Juna, weil ihre Portraits von der Promenade des Anglais in Nizza bildfüllend sind: Wie nah ging sie tatsächlich ran? Aus den Negativen von Vivian Maier zum Beispiel wird klar, dass sie komplett rücksichtslos war und sich auch nicht scherte, wenn Menschen wütend wurden – in diesem Moment drückte sie sogar nochmal ab.

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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