Journal Freitag, 10. April 2026 – Vorbereitungen Wochenende und Urlaub

Samstag, 11. April 2026 um 7:12

Gut und tief geschlafen, ohne Wecker hätte das noch viel länger angehalten.

Düsterer Marsch in die Arbeit in milder Luft, aber einer dunkelgrauen Wolkenwand entgegen; der Schirm in der Hand wirkte als Talisman bis zum Bürogebäude: Es regnete erst später.

Genug zu tun am Schreibtisch, aber nicht zu viel: So mögen wir das vor allem am Freitag. Auch die noch leereren Gänge und Büros als freitags üblich begrüßte ich.

Keine Lust auf Mittagscappuccino, aber auf Draußenluft. In der es allerdings um die Mittagszeit energisch regnete (der Bauer braucht den…).
Dann halt nur kurz und mit Schirm auf eine Erledigung raus.

Zu Mittag gab es reichlich Orangen sowie Skyr, dem ich doch nochmal eine Chance gebe, weil er im Angebot war, mit Leinsamenschrot.

August-Urlaub mit Herrn Kaltmamsell in Brighton angegangen: Ich wollte gern mit ihm in dem Apartment wohnen, in dem ich mich vergangenen Herbst so wohl gefühlt hatte, doch der Preis pro Nacht war auf einmal mehr als doppelt so hoch. Stellte sich heraus: Wir platzen mal wieder in Brightons Pride-Woche. Nachdem wir den Initial-Schrecken überwunden hatten, beschlossen wir:
1. Mia ham’s ja.
2. NOCH mehr wundervoll bunte Menschen in Brighton!
3. Federboas einpacken.
Und so buchte ich.

Pünktlicher Feierabend, auf direktem Weg nach Hause. Es war ziemlich kalt geworden, doch ich kam trocken heim.

Tapferer Kastaniensprössling bei der Villa Wagner.

Nach Ankunft wie geplant umgehend Kochen für Samstag: Ich hatte mich an die Meatball Sandwiches von David Lebovitz erinnernt, die uns begeistert hatten, die ich aber seit Jahren nicht mehr gemacht hatte: Die Hilfsaktion meiner Eltern am Samstag war ein willkommener Anlass für eine Wiederholung (Tomatensauce vielleicht einen Tick zu scharf geworden).

Das verschob unser Nachtmahl ein wenig, weil ich die Küche belegte, aber dann buk Herr Kaltmamsell panierten Käse und koreanische Teigtaschen, briet Ernteanteil-Kohlröschen, während ich Ernteanteil-Salat (plus Radieserl-Blättern, Kresse, Petersilienresten) mit Orangensaft-Haselnussmusdressing anmachte, zudem weitere Crowdfarming-Orangen auspresste (wir verbrauchen sie hektisch immer knapp der nächsten matschigen Stelle hinterher) für den Drink zum Wochenendfeiern: Wodka-Orange.

Nachtisch Osterschokolade.

Früh ins Bett zum Lesen: Lidia Yuknavitch, The Chronology of Water besteht aus so viel Alkohol, sonstigen Drogen und Sex, dass einer bei der Lektüre die Lust auf alles davon vergehen kann.

§

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Kleinere Konzerte gehen ja oft unter – in München ärgere ich mich regelmäßig darüber, Interessantes wegen Nichtwissen verpasst zu haben. Das wird in Berlin ähnlich sein, deshalb.
Der Berliner Kammerchor Jeunesse singt am 25.4. und 26.4. in der Berliner Malzfabrik zwei sehr abgefahrene Konzerte: Sie sind eine Games Show, in der das Publikum unter anderem Stimmblöcke des Chors aus- und einschalten kann. Ich weiß davon, weil ein Verwandter beteiligt ist.
Hiermit weitergegeben.

§

Geständnis: Diesen Krautreporter-Artikel hätte ich fast ohne Lesen bereits auf Basis der Überschrift empfohlen – weil allein schon diese Überschrift dem wenig hinterfragten Anspruch widerspricht, dass alles, was Inhalt des Schulunterrichts ist, einen nachweisbaren Nutzen in jedem späteren Erwerbsleben haben muss. (Hat eigentlich schon mal ein Politiker Bildungs-Controlling gefordert? Zumindest einer von der FDP?)

Zum Glück stellte sich der Text selbst dann als sogar noch besser heraus, deshalb schenke ich ihn Ihnen:
“Es ist gut, dass du in der Schule Dinge lernst, die du nicht brauchst”.

Wie nutzlos etwas ist, ist außerdem oft eine Frage des Zeithorizonts: Allgemeinbildung ist eine Lebensversicherung gegen eine unbekannte Zukunft. Schule muss breite Grundlagen legen, weil niemand mit zwölf Jahren weiß, welche Berufe, Probleme oder Technologien mit 30 wichtig sein werden. Du wirst mit Anfang 30 jeden Tag mit KI arbeiten, aber nie wieder Code schreiben, obwohl dir Informatikunterricht als der heiße Scheiß für deine Zukunft verkauft wurde.

(…)

Lebensweltbezug heißt deshalb vielleicht, dass du lernst, was dich interessiert. Aber nicht, dass du nur noch lernst, was im Alltag später (eventuell) mal eine Rolle spielen wird. Du wirst in der elften Klasse lernen, wie man eine Steuererklärung macht, weil deine Erdkundelehrerin das für wichtig hält. Die Steuererklärung ist das Paradebeispiel für alltagsnahen Unterricht. Lass dir sagen: Es werden nach deinem Abi zehn Jahre vergehen, bis du deine erste Steuererklärung machen musst. Du wirst absolut nichts mehr von dem wissen, was du in der Schule darüber gelernt hast.

(…)

Die vielleicht wichtigste Funktion fast aller Dinge, die du in der Schule so lernst, ist Metakognition – die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten. Wann verstehst du etwas wirklich, wann bildest du dir das nur ein? Wo bleibst du hängen, und warum? Wie lernst du am besten? Diese Fähigkeiten entwickelst du nicht, indem du Dinge lernst, die dir leichtfallen. Du entwickelst sie, indem du an Stoff arbeitest, der dich herausfordert. Wenn du dich durch „Kabale und Liebe“ quälst, trainierst du, mit Nicht-Verstehen umzugehen. Das ist eine der nützlichsten Fähigkeiten, die es gibt. Als Erwachsener greifst du praktisch immer beim Lesen von Zeitungsartikeln oder politischen Schriften wie Koalitionsverträgen auf diese Kompetenzen zurück.

Mal wieder hat tip zu meinem damals ganz jungen Altgriechisch-Lehrer Herrn Nusser, der uns als Antwort auf die regelmäßige Frage “Und wozu brauchst du das?” empfahl: “Schule bildet. Schule bildet nicht aus.”
Dabei behaupte ich bis heute, dass ich in keinem Schulfach mehr für mein späteres Leben gelernt habe als in Altgriechisch.
Hat tip auch zum Gymnasiallehrer Herrn Kaltmamsell, der gerne darauf hinweist, man brauche Bildung, um Witze zu verstehen.

Ich empfehle sogar noch mehr die Lektüre der im Artikel verlinkten Festrede von Peter Bieri 2005 an der Pädagogischen Hochschule Bern (unter anderem als sprachliches und rhetorisches Vorbild):
“Wie es wäre, gebildet zu sein”.
(Die mir allerdings die Illusion nimmt, Self Egalness könnte mich weiterbringen.)
Dafür verzeihe ich Bieri sogar den mäßigen Roman Nachtzug nach Lissabon, unter dem Pseudonym Pascal Mercier veröffentlicht.

  1. Von Herzen und nicht von Geld, eh. []
die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Freitag, 10. April 2026 – Vorbereitungen Wochenende und Urlaub“

  1. Sabine meint:

    Danke für Artikel zum Lernen in der Schule. Das Thema hat früher bei uns regelmäßig zu Diskussionen am Esstisch geführt. Habe den Link sofort an die Söhne geschickt und freue mich jetzt schon auf Rückmeldung.

  2. Monika meint:

    Ich habe zur philosophischen Diskussion nichts beizutragen, will nur ganz schnöde anmerken, dass ich diese Kohlröschen unglaublich lecker finde :) Aus meiner Heißluft Fritteuse schmecken die vorzüglich!

  3. Frau Klugscheisser meint:

    Ein toller Artikel, der meine diesbezüglichen Gedanken besser zusammenfasst, als es mir möglich gewesen wäre. Herr Kaltmamsell hat natürlich Recht, Witze wirken erst mit dem nötigen Wissenshintergrund. Ob der heute noch aus der Schule kommt? Gibt ja viele Memes und Serienkalauer, die nur mit Internet-Hintergrund verständlich sind. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich Thomas Mann verschlang und auf Nachfrage immer seinen subtilen Humor pries, namentlich die Beobachtungen im Sanatorium im Zauberberg aber auch Vieles im Dr. Faustus.

  4. Mareike meint:

    Mäßiger Roman? Ich bin empört, „Nachtzug nach Lissabon“ war eine Offenbarung für mich. Und dann noch mehr „Perlmanns Schweigen“. Ich finde es einfach unglaublich gut, wie „Pascal Mercier“ es schafft, dass die innere Not seiner Figuren in mir selbst so tief und intensiv spürbar wird. Aber Geschmäcker sind natürlich verschieden ;)
    Danke für den Link zur Rede!

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