Journal Dienstag, 19. Mai 2026 – Berlin 6: 2. Tag re:publica plus Ausstellung
Mittwoch, 20. Mai 2026 um 7:02Ein wenig hatte ich mich zeitlich verschätzt: Zur ersten re:publica-Session, “Reden wir noch oder canceln wir schon?” mit Igor Levit, Jouanna Hassoun, Johannes Volkmann und moderiert von Deutsche-Welle-Redakteur*innen Jennifer Wilton und Jaafar Abdul karim kam ich zwei Minuten zu spät.
Unterschätzt hatte ich zum einen, wie lange ich für den Einlass aufs Gelände schlangestehen musste: mehr als 15 Minuten (ich notiere das zum Merken für eventuelle nächste Male). Zum anderen wurde ich auf meinem – wieder sensationell sonnig frühlingshaften – Marsch zur Station charmant aufgehalten. Am Rolandufer überholte ich ein Quintett junger Burschen, die auf US-Englisch miteiander plänkelten. Aus diesem Plänkeln erahnte ich bereits, was dann als Ansprache von hinten kam: “Entschuldigung!” Die Burschen wollten ihr Deutsch üben. Ich ließ mich darauf ein, sie waren auch zu niedlich, aber viel hatten sie noch nicht zu bieten. Bis ich ihnen dann doch beibringen musste: “Ich möchte nicht unhöflich sein – I don’t want to be impolite – but I am in a hurry.”
Da drüben am Märkischen Ufer lag das Restaurant-Schiff, auf dem ich am Freitag zuvor so gut gegessen hatte; es sind die beiden rechts vor der Brücke.
Diese erste Session war eine Bereicherung: Die Teilnehmenden sprachen wirklich miteinander, auch wenn manchmal spürbar die Luft brannte wegen gegenteiliger Ansichten, deren Äußerung offensichtlich reflexartige Unterstellungen erzeugte. Aber die drei Diskutand*innen wollten sehr zeigen, wie Reden statt Canceln geht (selbstverständlich wurde um eine Definition von “Canceln” gerungen – ohne eindeutiges Ergebnis): Sie differenzierten, klärten, hakten nach. Und mit CDU-MdB Johannes Volkmann würde ich mich sehr gern ausführlich unterhalten um herauszufinden, worin unsere Ansichten sich in Wirklichkeit unterscheiden. (Außerdem kann ich jetzt nachvollziehen, warum Pianist Igor Levit ein so gefragter Diskussionsteilnehmer ist: Er formuliert nicht nur zuhörenswert, sondern stellt auch kluge Bezüge her.)
Ich eilte in einen anderen Saal für “Der Innovations-Maschinenraum Deutschlands: 11 Pioniere live auf einer Bühne”, in erster Linie aus beruflichem Interesse. Die Pitches waren alle extrem dicht und kurz, ich weiß nicht, ob irgendeine der hochtechnischen Innovationen wirklich verstanden wurde und ankam – relevanter war eigentlich der Rahmen, den Alexandra-Gwyn Paetz vom Bundesforschungsministerium (bei der Fotoafnahme oben bereits weitergeeilt) und Jeanne Rubner als Vize-Präsidentin der Technischen Universität München (oben ganz rechts) spannten – aber das erzähle ich in der Arbeit.
Jetzt machte ich eine re:publica-Pause: Ich wollte ohnehin unbedingt die Ausstellung “Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?” im Dokumentationszentrum Topografie des Terrors sehen und hatte auf meinem Fußmarsch zu Station entdeckt, dass sie fast auf dem Weg und nur 15 Fußminuten von der re:publica entfernt lag. Dorthin spazierte ich also, mit kurzem Abstecher für Mittagscappuccino.
Eine ganz ausgezeichnete Aufbereitung des Themas: Sauber und akribisch anhand von Quellen befasst sich die Ausstellung in drei Kapiteln damit.
“Propaganda” beleuchtet, was das NS-Regime über die Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden öffentlich bekannt gab. “Hinweise im Alltag” rückt Gerüchte und inoffizielle Nachrichten über die Massenmorde in den Blick. “Vom Puzzleteil zum Bild” zeigt, wie einzelne Personen Informationen zusammenfügten, um sich ein Gesamtbild zu verschaffen.
Die Quellen sind die Exponate der Ausstellung und belegen: Niemand konnte nichts gewusst haben.
Was zur Frage führte:
Auch darauf werden Antworten gesucht, wird um Antworten gerungen.
Wenn ich schonmal da war, sah ich mich auch im Außenbereich des Dokumentationszentrums um, dessen Inneres ich mit Herrn Kaltmamsell Ende 2024 besichtigt hatte – allerdings nur kursorisch.
Auf dem Rückweg zur re:publica machte ich um halb zwei Mittagspause im Mendelssohn-Bartoldy-Park (Berlin hat SO viel schöne kleine und große Parks) und aß Apfel sowie Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.
Zurück auf dem Veranstaltungsgelände traf ich weitere meiner kleinen Internetfreund*innen, riss mich aber rechtzeitig los für: “Onlinehandel, Stadtzentren und nachhaltiger Konsum – Wie passt das alles zusammen?”
Lisa Frien-Kossolobow und Jan Gimkiewicz vom Umweltbundesamt berichteten über Pilotprojekte dazu – durchaus herzerfrischend.
Ich machte weiter mit “Das skaliert nicht!”: Vor allem der Lokaljournalismus (im Panel u.a. Marc Rath, Chefredakteur Mitteldeutsche Zeitung und Magdeburger Volksstimme) versucht echte Nähe zu den Menschen in ihrem Zeitungsgebiet herzustellen mit Hilfe von vielen kleinen, originellen Aktionen (u.a. regelmäßige Redaktionstage im Hauptbahnhof, ein Redakteur fährt mit einer Elektro-Schwalbe über die Dörfer, ein Stand in einer Plattenbausiedlung) , das hörte sich überzeugend und vielversprechend an.
Als ich mich in die Session “How-to Aufhören: Ein Gespräch über bessere Enden im Arbeitsleben” setzte, wusste ich noch nicht, dass es meine letzte des Tages sein würde: Ich war elend müde und konnte mich nicht darauf konzentrieren. Umso attraktiver erschien mir ein Heimweg zu Fuß in der immer noch herrlichen und eher frischen Frühlingsluft. Ich bin erwachsen und kann machen was ich will, also machte ich das – ich war einfach over capacity. (Schade, ich erinnere mich an re:publicas, auf denen ich viel aufnahmefähiger war.)
Ich nahm nochmal einen anderen Weg, kreuzte dabei die Zossener Brücke, kam am legendären Prinzenbad vorbei,
entdeckte Berliner Wanderwege
und ließ mir von der App Flora incognita diese ungewöhnliche und hübsche Blume in der Grünanlage um die Kirche St. Thomas bestimmen: Dolden-Milchstern, ganz bezaubernd.
In der Unterkunft nur kurzes Bilderrunterladen und -sortieren, dann folgte ich einer Empfehlung zum Abendessen in ein italienisches Hotelrestaurant.
Das zum einen wusste, dass italienische Restaurants außerhalb von Italien bitteschön mit rot-weiß-karierten Tischdecken arbeiten, zum anderen einen hervorragenden Spargel-Spinat-Salat servierte. Die anschließenden “Spaghetti Carbonara” ware weder Spaghetti noch Carbonara, sondern Linguine (wahrscheinlich aus eigener Herstellung) in Käsesauce mit Speck, aber schmackhaft und sättigend. Dazu genehmigte ich mir ein Glas Vermentino. Zurück in der Unterkunft gab es noch Schokolade.
Im Hinterkopf arbeiteten bereits die Pläne für die Rückreise am Mittwoch, wird ein langer Tag.
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Auch Initiator Alexander Matzkeit hat über unsere Session zum “Mythos Blogosphäre” gebloggt – der halt für uns Zeitzeug*innen kein Mythos war (und ich kann mich erinnern, wie irritiert ich mich vor vielen Jahren auf Twitter äußerte, dass Sascha Lobo auf einer Veranstaltung als “Blogger” vorgestellt wurde: Er musste mich selbst auf seine Beteiligung an der Riesenmaschine hinweisen, die ich eher als Online-Magazin wahrgenommen hatte denn als Blog).























