Journal Montag, 18. Mai 2026 – Berlin 5: 1. Tag re:publica

Dienstag, 19. Mai 2026 um 7:28

Nach gutem und ausreichend Schlaf war ich so zügig durch mit Bloggen, Morgengymnastik, Morgentoilette, Anziehen und Packen, dass mir vor meinem Fußmarsch zur re:publica sogar noch Zeit für Lesen blieb. Was allerdings auch daran lag, dass ich als Ankunftszeit 11 Uhr anpeilte. Die Eröffnungsfeier ließ ich aus, denn: Schon seit vielen Tagen war mein Ausblick auf die diesjährige re:publica getrübt, genauer seit Johnny Häusler vor zehn Tagen in seinem Newsletter sachlich mitteilte, dass er und seine Frau Tanja, beide Mitgründer*innen der re:publica, nicht mehr Teil davon sind; sie haben ihre Anteile verkauft. Und obwohl sich selbstverständlich diese als Blogger-Konferenz gestartete Veranstaltung immer verändert und weiterentwickelt hat: Eine re:publica ohne Tanja und Johnny brach mir erstmal das Herz. Dieser Schatten blieb den ganzen Tag.

Aber dann Fußweg in nochmal herrlichem Sonnenschein.

Outfit des Tages.

Mir ging’s beim Fotografieren um die Yellow Fist im Vordergrund.

Und hier um die Schrift: Ungewöhnlicherweise wurde an diesem sehr modernen und neue Gebäude der 1950er-Schriftzug beibehalten.

Hallo Station!
Die Schlange für den Einlass (Taschenkontrolle von richtig freundlichen Menschen) hatte sich wieder bis 30 Meter hinter den Aufgang zur U-Bahn gezogen, bewegte sich aber wohlkoordiniert schnell.
Erstes Treffen mit einem re:publica-Newbie.

Auf dieses Line-Up hatte ich mich sehr gefreut (von links): Luisa Neubauer, Carolin Emcke, Alice Hasters und Constanze Kurz unterhielten sich zu “Never Gonna Give (You) Up – Warum wir immer weiter machen”. Sehr persönliche Sichten, sehr unterschiedliche Ansätze, sehr unterschiedliche Sprache und Begrifflichkeit (erster Lacher beim Eingangsstatement von Luisa Neubauer “Richtig. Für gute Laune fragt man Klimaaktivisten.”). Aber eben auch Einigkeit, dass Aufgeben keine Option ist.

Nach einem Mittagscappuccino setzte ich mich in die ersten Reihe vor Stage 1. Oliver Nachtwey, Professor für Soziologie, und Soziologin Carolin Amlinger stellten die Forschung hinter ihrem Buch Zerstörungslust vor, “Warum so viele Menschen die Demokratie brennen sehen wollen” (Foto vom anschließenden Gespräch mit der sehr fundiert vorbereiteten Moderatorin Ann-Krsitin Tlusty). Das war sachlich und ziemlich tief, ich hörte wieder, dass man vielen gesellschaftsdestruktiven Haltungen nicht mit Fakten begegnen kann, weil sie auf dominanierenden Gefühlen basieren. Das Projekt und die Literatur dazu waren einerseits erhellend, andererseits deprimierend.

Jetzt nutzte ich mein Privileg als Speakerin mit Zugang zur Speakers’ Lounge und dem dortigen Catering:

Ich setzte mich dort auf einen Teller Salat und Tai-Curry mit Tofu, fand auch noch eine Banane.

Die nächste Session, die ich mir notiert hatte, “Streiten wir noch – oder hassen wir schon?”, konnte ich nicht sehen: Der (sehr große) Saal 2 wurde wenige Personen vor mir wegen Überfüllung geschlossen. Statt dessen (zumindest lief mir unterwegs dorthin Heidi Reichinnek über den Weg) ließ ich mir vom vertrauten Cory Doctorow vortragen zu “On Enshittification – and what can be done about it.”

Sehr dicht, gehaltvoll und überzeugend, ich verlinke die Aufzeichnung, sobald sie bereit steht: Empfehlung.

Auf der ARD ZDF Media Stage berichteten drei ARTE-Mitarbeitende über neue Projekte, die sich an junge Leute richten. Der Einblick war interessant, doch die Detailfragen aus dem Publikum ließ ich bereits aus.

Ich hatte einen Stimmungs-Durchhänger und zog mich in die fast leere Speakers’ Lounge zurück, las dort auf einem Sofa Zeitung, bis es Zeit für meinen eigenen Auftritt war: Alexander Matzkeit hatte Felix Schwenzel, Franziska Bluhm und mich zusammengeholt für ein Gespräch zu “Mythos Blogosphäre – Wie war es damals wirklich?”. Wir warfen unsere Erinnerungen zusammen, die einander durchaus glichen – für Belastbares müssten man allerdings gezielter nachschlagen, recherchieren und unter anderem mehr Blogger*innen von damals fragen, vor allem verschiedenere (Melody? katatonik? – nur so als Einstieg in andere Kreise als die von Franzi, Felix und mir). Schön fand ich auch die Beiträge und Fragen aus dem Publikum (etwa 30 Interessierte).

Hier ein Foto von unserer Runde.

Bei dieser Gelegenheit traf ich ganz alte Internet-Bekanntschaften wieder, das freute mich. Doch es war bereits acht Uhr durch, durch fühlte auch ich mich und ging. In U- und S-Bahn zum Ostbahnhof wog ich ab, ob mir ein Restaurantbesuch (ich hatte eine Empfehlung beim Ostbahnhof) oder Supermarkteinkäufe lieber waren: Supermarkt verschaffte mir Zeit zum Bloggen. Und so gab es Körnersemmeln mit Butter und Käse, dazu Tomaten. Nachtisch ein wenig Schokolade.

Im Bett überraschend Joachim Meyerhoff, Alle Toten fliegen hoch: Amerika ausgelesen: Die letzten 11 Prozent stellten sich mal wieder als Leseprobe eines anderen Romans heraus (zefix!).

§

IT-Berater Christian Hofstede-Kuhn listet in seinem Blog (strukturell aus IT-Perspektive) auf, wie er durch Jahrzehnte Erfahrung zum Profi-Bahnfahrer in Deutschland wurde. Und gibt diese Erkenntnisse weiter, eingeleitet mit “If you board a German long-distance train often enough, you stop hoping for punctuality and start engineering around its absence.”:
“A Field Manual for Three Years on Deutsche Bahn”.

Es geht um Dinge wie Entscheidungen bei Zugausfall, dass Strecken über Nürnberg denen über Stuttgart vorzuziehen sind etc.

The thing nobody tells you about commuting by train for years is that you develop a relationship with the system. You stop fighting it. You learn its moods, its bad days, its hidden virtues. You build out a mental model of failure domains, fallback paths, and where the load-bearing humans sit. You discover that the Bordrestaurant at 9pm on a Friday between Hamburg and Frankfurt is one of the most quietly civilised places in modern Europe, full of other tired professionals reading novels and eating overpriced soup, and you would not trade it for a plane.

DB will let you down. It will also, more often than the internet would have you believe, deliver you eight hours of clean uninterrupted thinking time at 250 km/h across a country, drop you within walking distance of your next meeting, and occasionally reroute you down the left bank of the Rhine at golden hour as an apology. The trick is to plan for the first and enjoy the second.

die Kaltmamsell

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