Journal Dienstag, 15. September 2026 – Nochmal Biergarten aus dem Sommer rausgeholt
Mittwoch, 16. September 2026 um 6:25Erster Schultag, ab jetzt verlässt Herr Kaltmamsell wieder vor mir das Haus (weil er an seiner Schule für den Vertretungsplan zuständig ist, der halt vor der ersten Unterrichtsstunde stehen muss und tagesaktuelle Ausfälle berücksichtigen).
An diesem sehr frischen, aber sonnigen Morgen marschierte ich besonders zackig in die Arbeit: Ich hatte aus Schlepp-Faulheit keine Jacke über die kurzen Ärmel des Oberteils gezogen.
Durch die spätsommersonnige Gollierstraße, bevor die Schulkinder unterwegs waren.
Der Vormittag im Büro dominiert von einer Info-Veranstaltung mit aktivem Part by proxy.
Vor und nach dem Sommer gibt es ein paar Wochen lang morgens einen Sonnenstand, bei dem die Strahlen von den Fenstern des Nebenhochhauses so blöd gespiegelt werden, dass sie genau mein Gesicht vor dem Computer-Bildschirm treffen. Jetzt begannen diese Nachsommerwochen wieder.
In herrlichem Spätsommerwetter marschierte ich Sonnenwärme suchend zu meinem Mittagscappuccino – und sah ausgesprochen entzückt einige Außengastronomie von aufgerezelten Familien belegt, die Schulanfang feierten, prächtige Schultüten auf den Tischen, dahinter je ein aufgekratztes Kind.
Zu Mittag gab es später eher trockene Feigen, köstliche Mirabellen (ein paar zu viel davon), Quark.
Nebenbei war ich gut mit instagram beschäftigt: Derzeit ergießt sich wieder eine Welle von Accounts mit meist vielen Ziffern hinterm Männernamen (meist ohne eigene Posts oder nur wenigen egalen) in Likes und Kommentare vor allem derjenigen meiner Posts, auf denen ich zu sehen bin. Aus tiefem Ekel blockiere ich sie konsequent. Hat etwas von Handy-Spiel (wie ich mir die vorstelle, die nicht Pokemon sind), bei dem ich alle anderthalb Stunden ein Dutzend Neu-Follower blockiere.
Heimweg in weiter gestiegener Wärme über kurzen Vollcorner-Einkauf. Diese verstaute ich nur im Kühlschrank, fürs Abendessen (Ernteanteil bereits weggegessen) war ich mit Herrn Kaltmamsell aushäusig verabredet: Das nochmal sommerliche Wetter nutzten wir für den Schnitzelgarten.
Der Kellner hatte mir meine Bestellung Cordonbleu Gorgonzola bei meinem Luftholen bereits aus dem Mund genommen – auch wenn ich nur zwei- bis dreimal im Jahr komme, erinnerte er sich, dass ich das immer bestelle. Herr Kaltmamsell hatte endlich mal die ebenso legendäre Roulade essen wollen, doch die war gestern schon aus. Also wiederholte er meine Bestellung. Gutes Abendessen in wunderbarer Luft. (Nein, wir schafften wieder nicht alles, hatten für den Rest eine Plastikdose dabei.)
Biergartenhimmel am Sommerende.
Auf dem Heimweg blieb ich am geschätzten Nachbarschafts-Blumenladen hängen und gönnte mir Dahlien.
Zu Hause noch Schokolade als Dessert.
Sehr früh ins Bett mit völlig überraschenden Zahnschmerzen links oben hinten – wie praktisch, dass ich Mittwochmittag eh einen Termin bei meiner Zahnärztin hatte zur Besprechung eines Implantants für den abtrünnig zerspaltenen Zahn rechts oben hinten.
Meine neue Lektüre war punktgenau aus der Vorbestellung bei der Münchner Stadtbibliothek als verfügbar gemeldet worden: Mely Kiyak, Dieser Garten.
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Wenn ich jemanden über den Nahost-Konflikt lesen möchte, dann Carolin Emcke. Wegen ihrer umwerfenden Klugheit, wegen ihrer persönlichen Nähe zum Thema, weil sie sich schon so oft und tief Gedanken und Gefühle gemacht hat über Gewalt und Empathie. Deshalb hob ich mir ihren Text zum Thema fürs SZ-Magazin bis zu einem Augenblick mit Ruhe und Konzentration auf (€):
“Jedes einzelne Leben”.
Und Emcke beginnt auch gleich sehr klug:
Für manche beginnt die eigene Zeitrechnung am 7. Oktober. Das Datum markiert eine Zäsur. Dieses Verbrechen reiht sich nicht ein in eine Chronologie oder einen Kontext. Es hebt die Zeit aus den Fugen. Für andere gibt es eine andere Zeitrechnung, gibt es ein Davor, eine Chronologie, die andere historische Momente, andere Gewalterfahrungen betont. Für manche beginnt es mit der israelischen Besatzung im Westjordanland. Und mit der Abriegelung des Gazastreifens. Für andere noch viel früher. Mit dem Teilungsplan und der Gründung des Staates Israel. Mit dem Krieg, der darauf folgte. Mit der Nakba, der »Katastrophe«, der Gewalt und der Vertreibung der Palästinenser. Für andere beginnt es mit der Shoah. Für wieder andere beginnt es mit den Briten und ihrem Mandat. Mit den Enteignungen und Entrechtungen im Namen britischer Notstandsverfügungen. Mit dem Imperialismus der Briten und ihren kolonialen Techniken der Repression, die später immer wieder zitiert oder kopiert wurden.
Wer spricht oder schreibt über den Nahen Osten, setzt und deutet Anfänge, Bruchstellen, Wendepunkte, Zäsuren, setzt und deutet Hintergründe, Vorgeschichten, bestätigt oder bestreitet Kontinuitäten oder Diskontinuitäten, empfindet und erfährt Wiederholungen, Re-enactments, Retraumatisierungen.
Wenn Sie irgendwie rankommen, empfehle ich die Lektüre dieses Essays. Es geht auch darum, wie Nachdenken, Erinnern und Assoziieren funktionieren, wo Vorwürfe komplett unangebracht sind.
Weinen Sie mit mir.
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Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach bloggt über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt, was mir schon lange durch den Kopf geht:
“Nehmt sie endlich Ernst!”
Was mich in den letzten paar Tagen dann aber wirklich irritiert hat, ist, wie wenig die Menschen, die AfD wählen, Ernst genommen werden. Durchweg. Da wird auf ihre Ängste hingewiesen, auf ihre Enttäuschung, auf ihren Frust, auf das verlorene Vertrauen. Als ob das erklären kann, wieso rund 50% der Menschen, die gewählt haben, eine rechtsextreme, eine Nazi-Partei wählen. Wer so über deren Entscheidung redet, als ob sie aus Frust, im Affekt, irgendwie unreflektiert gefallen wäre, macht doch genau das gleiche, was sie vorher als Ursache zu identifiziert zu haben glauben.
Ich drücke es so aus: Diese Leute wollen Faschisten, seht es endlich ein!
Und Wolfgang:
Um es klar zu sagen: wer enttäuscht ist, wütend, sich zurückgelassen fühlt, entscheidet sich bewusst zwischen der Linken und den Nazis. Und nicht zufällig. Es mag vielleicht frustrierend sein und es macht mir ja auch Angst. Aber wenn ich die Menschen Ernst nehme, gibt es nur einen Schluss: sie haben sich bewusst für Nazis entschieden, weil sie die Antwort der Nazis richtig finden.








