Journal Donnerstag, 8. August 2024 – Geballte Ladung Essen

Freitag, 9. August 2024 um 18:09

Veröffentlichung mit reichlich Verspätung, weil sich der letzte Programmpunkt mit einer heftigen Migräne rächte.

Recht gut geschlafen, erst mal mit dem Kapselmaschinchen im Hotelzimmer sowie mitgebrachtem Milchschäumer und Hafermilch Cappuccino gemacht. Draußen der angekündigte bedeckte Himmel.

Für den Blogpost musste ich nur noch die Fotos bearbeiten und einstellen, dann machte ich mich fertig und begleitete Herrn Kaltmamsell zum Frühstück (ich hatte versäumt, nur Übernachtung ohne Frühstück zu buchen).

Das Frühstücksbuffet war sehr liebevoll, zudem wirklich üppig und besonders, Herr Kaltmamsell bereitete sich amerikanische Pancakes zu und probierte unter anderem auf meinen Wunsch das saftige Rosinenbrot. Selbst holte ich mir noch einen Cappuccino – und kam gleichmal wieder ins existenzielle Grübeln.

Chromglänzende Riesenkaffeemaschine auf Schubladen-Kommode, darauf bunte Tassenstapel

Ein Hotelkaffeemaschine, deren Optik (Chrom) und Mechanik (Hebel) eine Siebträgermaschine imitiert, die de facto (Knöpfe, Nespresso-Pads) aber ein Kapselautomat ist, der nicht mal die Bohnen frisch mahlt wie ein Vollautomat. Das bedeutet doch irgendwas für unsere Kultur.

Programm für gestern, unserem einzigen wirklich frei verfügbaren Tag in Essen: Alte Synagoge, Margrethenhöhe, feines Abendessen. An der Zeche Zollverein hatte ich Fahrrad-Wegweiser “Essen Zentrum” gesehen, die auf kleine Wege im Grün wiesen. Die wollten wir zu Fuß gehen.

Asphaltierter Weg im Grünen, der alte Schienen eingearbeitet hat

Asphaltierter Weg im Grünen, am Ende ahnt man eine rote Eisenkonstruktion

Und tatsächlich waren das ganz wundervolle Wege, nur immer kurz an großen Straßen entlang, sonst durch wildes Grün und hintenrum durch alte Wohnstraßen.

Asphaltierter Spazierweg mit eingearbeiteten Schienen durch alte museale Industriekonstruktion

Die Alte Synagoge in Essen ist gar nicht mal so alt (1913 fertiggestellt) und hat doch eine bewegte Geschichte; sie wird heute als Haus der jüdischen Kultur genutzt, mit (ein wenig windigen) Vitrinen und Erklärungen zum jüdischen Jahreskreis und Leben. Mich interessierten aber vor allem das Gebäude selbst und seine Geschichte.

Alte Synagoge Essen in Baugerüst und mit Polizeiauto davor

Den Anblick, auf den ich mich nach Schilderungen einer aus Essen stammenden Freundin besonders gefreut hatte, bekam ich nur durch Baugerüste gestört. Später entnahm ich dem Audio-Guide, dass einst ein großer Vorhof Teil des Ensembles gewesen war: Er stand dem Autoverkehr im Weg und musste weichen. Essen ist ohnehin sichtlich Autostadt, wir kreuzten immer wieder riesige Kreuzungen und vielspurigen Autoverkehr. Ich frage mich naiv: Wenn sie es geschafft haben, den Öffentlichen Nahverkehr unter die Erde zu verlegen – warum dann nicht auch den Autoverkehr?

Dunkle Holztür mit Glaseinsatz und dezenter Jugendstil-Verzierung zwischen hellen Steinsäulen

Riesiger Thora-Schrein in der Essener Synagoge

Blick vom Obergeschoß neben dem Thora-Schrein auf den großen Synagogen-Innenraum mit Kuppel

Das Innere der Synagoge wurde nur so ungefähr rekonstruiert, doch die Details weisen ganz klar auf dieselbe Entstehungszeit wie die Augsburger Synagoge hin.

Zum nächsten Programmpunkt, Margarethenhöhe, gingen wir ebenfalls zu Fuß, eine gute Stunde hintenrum durch kleine Straßen. Hin und wieder zeigte sich die Sonne, wir sahen heimisches Leben, passierten in der Gemarkenstraße einen interessanten (Wochen-?)Markt, kamen wieder durch unerwartete Grüngebiete.

Blick von der Straße zum Eingangstor zur Margarethenhöhe vor eher dunklem Himmel

Hier die informative Website zur ersten Gartenstadt.

Den deutlichsten Unterschied im Vergleich mit den historischen Aufnahmen sah ich in der heutigen Dominanz geparkter Autos. Da mag Margarthe Krupp an fließend Wasser gedacht haben, an moderne Heizung und Bäder, an Einkaufsgelegenheiten und sonstige Infrastruktur (Schule, Kirche) – doch sie konnte nicht wissen, dass einst jeder und jede ein eigenes Auto haben wollen würde. Anlass für Nachdenken mit Herrn Kaltmamsell, wie das wohl kam. Vorläufige Thesen: Enorm gewachsener Wunsch nach Mobilität (früherTM blieben die Leute viel mehr daheim), enorm gewachsener Konsum weil gewachsener Wohlstand auf Kosten der Herstellungsländer (sinn- und nutzlose Käufe um des Kaufens und Habens willen, fast jedes “Shopping” ist mit einer Autofahrt verbunden, Dinge halten auch nicht mehr so lange und machen Ersetzen häufiger nötig).

Am kleinen Markt setzte ich mich kurz nach eins mit Herrn Kaltmamsell auf eine Bank (mit Blick auf geparkte Autos; wenn kein Markt ist, wird der Platz keineswegs als Piazza genutzt, sondern als Parkplatz), brotzeitete unterwegs gekaufte Aprikosen und Körnersemmeln.

Fassade des Gasthauses Margarethenhöhe mit durchegehendem Balkon mit Geranien, davor Autos

Zweigeschoßiges Backsteinhais mit Giebeldach

Zweigeschoßiges Haus mit grün-weißen Fensterläden, die Fassade völlig überwachsen, davor Autos

Kleineres Haus mit Portico, davor Autos

Erkerhäuschen mit riesigem Baum, davor ein Auto

Schmale Straße mit alten malerischen und identischen Reihenhäuschen, gesäumt von parkenden Autos

Seite eines alten Hauses, zum Teil überwachsen, davor Autos und ein Wohnwagen

Theoretisch wäre nach unserem ausführlichen Spaziergang noch Zeit vor dem feinen Abendessen gewesen, ins Museum Folkwang zu schauen, lag auch gar nicht weit weg – doch wir waren nicht mehr aufnahmefähig. Statt dessen schaukelten wir mit Tram und Bus gemütlich zum Hotel auf der Gegenseite der Stadt und ruhten uns aus.

Fürs feine Abendessen folgten wir einer Empfehlung (der wir dann auch beim Essen begegneten!) und fuhren mit zwei Straßenbahnen nach Rüttenscheid. Da wir hier sehr wahrscheinlich nicht nochmal (so schnell) herkommen würden, gaben wir uns alle fünf Gänge Überraschungsmenü. Als Wein bat ich um Französisches, weil ich mich damit sehr schlecht auskenne.

Ein Viererbild: Drei gefüllte Teller, eine Weinflasche

Ein Scamorza-Salätchen, gebratene Wachtelbrust mit Bohnensalat.

Ein Viererbild: Drei gefüllte Teller, eine Weinflasche

Gambas-Pepperoncino-Pasta, Steinbutt mit Pfifferlingen, Sauerampfer-Sorbet.

Ein Viererbild: Zwei gefüllte Teller, eine Weinflasche, ein gefülltes Süßweinglas

Kalbskotelett, Ahornmousse.

Wir wurden sehr herzlich und freundlich versorgt, aßen sehr gut, sprachen unter anderem über Kinderreime, bekamen wirklich spannende Weine zum Essen – allerdings deutlich zu viel davon. Wie geplant nahmen wir ein Taxi zurück zum Hotel, doch ich fühlte mich vor allem betrunkener, als angenehm gewesen wäre.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 7. August 2024 – Essen also

Donnerstag, 8. August 2024 um 8:01

Früher als Arbeits-früher Wecker, weil unser Zug bereits um 7:20 Uhr ging, bis dahin hatte ich gut geschlafen.

Wir machten die Wohnung Hitze-resistent, rollkofferten zum Bahnhof, beim Passieren der Portalklinik wünschte ich ein herzliches “Happy Birthgiving!” der von dort oben mit eindeutigem Auslöser brüllenden Frauenstimme. Der ICE Richtung Hamburg Altona fuhr pünktlich ab – wie der Zugchef bei seiner ersten Durchsage froh verkündete. (Verspätung hinter Köln erschien schon jetzt im Reiseplan, weil Baustelle.)

Selfie einer Frau mit kurzen Haaren, Brille, rot geschminktem Lippen im Zug, neben ihr ein Mann, der nach unten schaut

Wir verließen München bei sommerlichem Sonnenschein, ab Ulm zog der Himmel immer weiter zu. Ich freute ich mich, dass der ICE am Rhein entlang die Panorama-Strecke fuhr und nicht durch die ICE-Tunnels, so konnte ich mal wieder Retro-Deutschland und Burgen gucken.

Blick auf gegenüberliegende Rheinseite mit Ausflugsschiffen, Ort unter Weinbergen unter düsterem Himmel

Rheinlandschaft von der egegenüberliegenden Seite mit Weinbergen, oben Burg, unten Örtchen entlang dem Fluss

Rheinschleife mit Hügel und Ort mit Kirche

Meinen Mittagscappuccino hatte ich mir schon kurz hinter Mannheim im Speisewagen geholt (Zug mittlerweile dicht besetzt, aber nicht überfüllt). Brotzeit gegen eins: Aprikosen und Birne, Hüttenkäse. In Köln hatten wir die ersten zehn Minuten Verspätung eingefahren.

Blick von unten durch die Streben eines durchsichtigen Dachs, dahinter die Türme des Kölner Doms

Großstadtfluss mit Brücken

Das Sitzen war mittlerweile anstrengend geworden, aber half ja nichts, ich machte ein paar Dehn-Übungen. Nach gut sieben Stunden Fahrt stiegen wir in Essen aus, hurra, laut Google wär’s mit Auto auch nicht schneller gegangen. Der Essener Bahnhof ist gerade gründlich Baustelle, ich fühlte mich wie daheim.

Tram (fährt hier zu großen Strecken unterirdisch) zur Zeche Zollverein und unserem dortigen Hotel, wir bezogen unser Zimmer mit Förderturmblick (im Ernst, das betonte die freundliche Angestellte am Empfang).

Es war sehr warm im Zimmer (27,5 Grad), das würde ein geöffnetes Fenster allein nicht runterkühlen. Also wandten wir uns an die Klimaanlage des Zimmers.

Kleine digitale Anzeige mit Klimaanlagensymbol, „16 Grad“, „OFF“, darunter Touch-Symbole + o -

Nicht zum ersten Mal: Zwei Technik-affine Menschen touchen sich am Display einen Wolf, können alles mögliche einstellen, finden aber nicht das simple „ON“. Bis sich herausstellt: Dafür gibt‘s oben eine mechanische Taste. (Wir sind mit dem UX-Fail nicht allein.)

Es ist immer wieder überraschend, wie fertig viele Stunden Sitzen machen können, Herr Kaltmamsell und ich mussten erstmal eine Weile blöd schaun. Doch dann wurde ich schon wieder wepsert und schlug vor, die Tram zurück nach Essen zu nehmen und den Teil zu erkunden, der in Google Maps als “Stadtkern” bezeichnet wird. Das machten wir auch.

Fußgängerzone, an einer Häuserwand große, realistische Streetart eines bärtigen Manns mit Brille und Schiebermütze

Man hat hier Streetart und weitläufige Fußgängerzonen (mit einigem Leerstand – wie in allen deutschen Städten).

Eingang eines alten Kinos "Lichtburg" mit Neonlichtern und viel Messing

Man hat hier aber auch schöne alte Kinos und reichlich Theater.

Im wiederaufgebauten Dom (Essens Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe nahezu komplett platt gemacht, was hier alt aussieht, ist rekonstruiert) gefielen mir besonders die modernen Fenster von Wilhelm Buschulte.

Modernes Buntglasfenster in Beige- und Blautönen

Modernes Buntglasfenster in Blau- und Rosatönen

Nach weiterem Spaziergang waren wir hungrig und fuhren zurück in die Nähe unseres Hotels: Die Speisekarte eines mediterran orientierten Lokals hatte vertrauenswürdig ausgesehen. Mein gemischter Salat und meine Tagliatelle mit reichlich Garnelen und Lachs waren in Ordnung, dazu ein Glas Grauburgunder, auf das ich mich sehr gefreut hatte.

Spaziergang zum Hotel unter düsterem Himmel.

Riesiger alter Kohleförderturm vor Backsteingebäuden mit der Aufschrift "Zollverein"

Alte museale Industrie-Backsteingebäude, dazwischen gepflegte Rasenfläche und Wege

Renovierte Backstein- und Glasgebäude einer alten Zeche

Schon ein bissl Hunger Games. (Jaja, ich weiß, dass District V ja der Bergbau-District ist, in diesen Fall wurde die Assoziation durch die Kombination mit dem Geschleckten hervorgerufen.) Aber auch idyllisch.

Wege durch lichten Laubwald vor bedecktem Himmel

Bevor wir ins Bett gingen und das Fenster öffneten, kühlte ich das Zimmer nochmal mit Klimaanlage runter. Verrückt.

§

Während es mich immer noch nicht reizt, anderen Menschen beim Sporttreiben zuzusehen (Ausnahmen bei ästhetischen Komponenten -> Turnen, Synchronschwimmen, Skateboard; aber Menschen dabei zusehen, wie sie rennen oder Dinge ganz weit weg werfen?), auch nicht jetzt bei den olympischen Spielen, finde ich so manche Technik dahinter spannend. Zum Beispiel dass ich am Wochenende von den Vereins-schwimmenden Nifften erfuhr, dass bei 50 Metern Kraulen tatsächlich gar nicht mehr geatmet wird. Oder dass Grundlagenmathematiker Ken Ono bessere Bewegungsabläufe für das olympische Schwimmteam der USA gefunden hat:
“US-Schwimmerinnen sind dank Mathematik schneller”.
(Ich begrüße ausdrücklich den Seitenhieb des Autors Reinhard Kleindl gegen die Floskel “keine Raketenwissenschaft” im Englischen.)

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 6. August 2024 – Reise-Countdown in Hochsommer

Mittwoch, 7. August 2024 um 6:16

Zerhackte Nacht, doch zwischen den Aufwachen bekam ich genügend Schlaf. Aufgestanden zu einem herrlichen sonnigen und frischen Sommermorgen. Gestern hatte ich volles Programm vor der Abreise nach Essen.

Blick über einen Balkontisch hinweg auf Park mit blauem Morgenhimmel

Balkonkaffee mit Strickjacke, vor der angekündigten Hochsommerhitze des Tages war es noch frisch. Bald wurde ich gestört: Die Straße vorm Haus wird mal wieder aufgerissen (ich muss aber zugeben, dass das seit vielen Jahren das erste Mal ist), gestern war ein normaler Werktag, es wurde sehr laut. Ich dachte fast sehnsüchtig an die Ruhe in meinem Büro, fing mich aber rechtzeitig wieder.

An die Witwe des verstorbenen Freundes der Familie schrieb ich einen Beleidsbrief, weil ich nicht zur Beerdigung kann.

Erster echter Programmpunkt: Schwimmrunde im Dantebad. Ich radelte gemütlich hin. Noch standen am Radlparkplatz kaum Fahrräder, aber diesmal war ich schlau genug, meines an einem Außenparkplatz anzuketten: Bei den letzten Schwümmen bei Freibadwetter war ich beim Verlassen des Dantebads von Idioten eingeparkt worden, die die Durchgänge zur Straße zugestellt hatten.

Meine 3.000 Meter Schwimmen waren sehr schön in glitzerndem Wasser, ich fühlte mich kräftig und ausdauernd, Geräteschwimmer gab es erst in der zweiten Hälfte auf meiner Bahn. Danach sonnencremte ich mich neu und legte mich in die Sonne, neue und spannende Musik auf den Ohren. Es wurde schnell heiß, ich hatte bald genug.

Auf dem Heimweg kaufte ich Frühstück ein, das gab es daheim gegen zwei: Körnersemmeln mit Butter und Tomaten.

Beauty-Nachmittag wie so ‘ne Sex-and-the-City-Darstellerin: Beine enthaaren bei der feurigen Sardin, dann Pediküre und Gesichtspflege bei meiner geschätzten Kosmetikerin, letzteres mit viel Gesichtmassage und Zwischenruhen, sehr entspannend.

Daheim Umsetzung der Pack-Pläne, die sich in meinem Hirn in den Tagen davor formiert hatten: Rauslegen von Dingen, erstes Packen. Unsere Hochzeitskleidung würden wir in Kleidersäcken transportieren, auch deshalb wollte ich sehr gerne eine Zugverbindung ohne Umsteigen.

Meine tägliche Yoga-Gymnastik, Vor-Reise-Coronatest (für die Teilnahme an der Hochzeitsfeier selbst wird um einen weiteren gebeten, es ist alles für die Gäste organisiert – sehr löblich).

Ergebnis-Kästchen eines Covid-Tests mit negativem Ergebnis

Ist wie Radlfahren, verlernt man nicht.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell ein kleineres Shakshuka. Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung: Eine arte-Doku über Esther Williams.
“Esther Williams: Hollywoods Meerjungfrau”.

Als Kind liebte ich Esther-Willams-Filme mit ihrer irrealen Wasser-Glamour-Ästhetik – und brachte Mitschülerinnen dazu, im Schwimmunterricht zumindest das Seitlich-hintereinander-ins-Becken-Springen daraus zu versuchen (wobei mir nicht klar war, welche Rolle die Kameraperspektive bei diesem Wunder spielte). Dass Esther Williams das ganze Genre erfand, Wasserballett begründete und die einzige Hollywoodkünstlerin mit dieser Spezialität war und blieb – das ahnte ich damals ja nicht.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 5. August 2024 – #wmdedgt von Herrsching nach Dießen

Dienstag, 6. August 2024 um 7:46

Am 5. jedes Monats sammeln sich geneigte Tagebuchblogposts um die Frage von Frau Brüllen: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?”, #wmdedgt, im August 2024 hier.

Nach gutem Schlaf früh aufgewacht – das freute mich trotz Urlaub, weil ich mich als Morgenmensch im ersten Drittel des Tages immer am lebendigsten fühle.

Dichte und hohe Stangenbohnen auf einem Balkon

Stangenbohnen auch schon fit.

Trotz düsterem Himmel setzte ich mich zum Morgenkaffee auf den Balkon, doch nach eben diesem zog ich mich fröstelnd zurück ins Drinnen.

Mein Plan für diesen Urlaubstag war schon lange eine Wanderung mit Herrn Kaltmamsell gewesen; diesmal dachte ich halbwegs rechtzeitig daran, ihn darüber zu informieren, nämlich bereits einige Tage vorher. Mit Hoffnung auf wenige andere Menschen wollten wir ein wenig um den Ammersee herum gehen, nämlich von Herrsching nach Dießen. Die Anreise war einfach: S-Bahn nach Herrsching. Zurück würden wir von Dießen ein Stück Schienenersatzverkehr benötigen – aber wir hatten ja beide frei.

Die S-Bahn war angenehm wochtäglich dünn besetzt. Zeitunglesen (ich habe für die Urlaubswoche wieder auf online umgestellt) wurde allerdings zunächst verhindert, weil sich die SZ-App nicht mehr an mich erinnerte und ein frisches Log-in haben wollte, die im Handy gespeicherten Daten aber als falsch deklarierte. Meine (verschlüsselt notierte) Passwort-Liste hatte ich natürlich nicht dabei. Also erstmal Passwort zurückgesetzt etc. trallala, dann endlich Zugriff. Am Abend stellte sich heraus, dass die gespeicherten Daten korrekt gewesen waren, die Online-Verwaltung der Süddeutschen ist also weiterhin ein Saftladen. (Dass es sich um ein derartiges Cookie-Monster handelt, dass ich im ganz normalem Firefox nicht mal an die Reklamations- oder die Urlaubs-Funktion rankomme und nur dafür jedesmal Chrome starte, erwähnte ich?)

Beim Aussteigen in Herrsching am Ammersee war das Wetter Vorhersage-gemäß bedeckt und mild, es ging ein leichter Wind: Perfektes Wanderwetter, und ich war in ärmellosem Oberteil genau richtig gekleidet. Dazu trug ich eine lange Hose, um vor dem Wachsenthaar-Termin Kratzer und sonstige Wunden zu vermeiden. Diesmal ging ich möglichst wenig Risiko ein und besprühte mich gleich nach dem Aussteigen und noch am Bahnsteig gründlich mit Mückenspray, ich finde Mückenstiche wirklich, wirklich unangenehm, empfinde sie eher als Schmerz denn als Jucken.

Ich hatte mir Brotzeit eingepackt, Herr Kaltmamsell brauchte noch eine: Dafür und für einen überraschend guten Cappuccino steuerten wir in Herrsching die Bäckerei Kasprowicz an.

Stehtisch in einer Bäckerei, darauf zwei Bäckereitüten und zwei Tassen Cappuccino, im Hintergrund eine schicke Bäckereitheke mit Verkäuferinnen und Kundschaft

Das erste Stück am Ammersee entlang, eine knappe Stunde, kannte ich von unseren Wanderungen Richtung Andechs und Starnberger See, darauf freute ich mich schon.

In einem großen See steht ein Pfahl, darauf steht eine kleine Möwe, im Hintergrund ragt ein Steg in den See

Renovierte Gründerzeit-Villa zwischen alten Bäumen, zum Spazierweg ein moderner Metalllzaun

Ein altes Haus mit spitzem Dach ragt ins Bild bis an den See

Leuchtend rose Blütenstände in einer hohen Wiese, im Hintergrund ein Streifen See, in dem ein schwarzer Hund steht

See mit einem Baum im Vordergrund, weit weg am gegenüberliegenden Ufer ein Ort mit sehr großer Kirche

Blick auf unser Ziel Dießen.

Ab dann wurde es spannend und neu, zunächst eine Weile weiter am See entlang. Außer uns praktisch keine anderen Fußgänger, auf dem Weg wurde geradelt – gerademal nicht so viel, dass wir nicht ständig auf der Hut sein mussten.

Aus niedrigem Wald ragen zusammengeimmerte Bretter, über die Wasser fließt, links davon ein Schild "Wasserbaustelle"

Wasserbaustelle

Jetzt ging es allerdings fast eine Stunde eine Straße entlang, dann auch auf einer Straße.

Schmaler bräunlicher Fluss längs, von Bäumen und Büschen gesäumt, darüber dunkle Wolken

An der namensgebenden Ammer links, wir verließen den See.

Blick über eine nahezu eingewachsene Rastbank auf schmalen Fluss, der hier über ein paar Steine fließt, darüber dunkle Wolken

Eine Rastbank neben großem Baum und vor ebener Landschaft

Nach zweieinhalb Stunden machten wir Pause, wir trafen fast auf die Minute auf ein passendes Bankerl mit Blick auf Raisting. Ich hatte eingeweichtes Muesli mit Joghurt dabei, außerdem eine hervorragende Nektarine (diese zu Herrn Kaltmamsells Amüsement im Schraubglas tranportiert, doch ich wollte sehr gerne Plastiktütenmatsch verhindern). Die Wolken wurden immer weniger, immer mehr Sonne schien – und machte sofort sehr warm

In Dießen kamen wir wenige Minuten vor Abfahrt am Schienenersatzbus an. Das waren etwa 14 Kilometer in knapp vier Stunden mit einer Pause – fast alles brettleben und ausschließlich auf breiten Wegen, viele davon asphaliert, das geht halt schnell.

Selfie von einem älteren Männer- und Frauengesicht, beide mit kuren Haaren und Brille

Der Bus schlängelte sich über teils erstaunlich schmale Straßen und viele Halte (darunter Sankt Ottilien, zu dem mir seine Geschichte als jüdisches Krankenhaus und Sammelort für Displaced Persons 1945-48 einfiel, da wollte ich ja unbedingt mal eigens hin – es gibt sogar öffentliche Rundgänge) bis Geltendorf, dort Regionalbahn nach München Hauptbahnhof. Ich machte mich direkt auf den Weg zu Lebensmitteleinkäufen, Herr Kaltmamsell ging kurz nach Hause zum Frischmachen, holte dann den Leih-Smoking für die Hochzeit ab.

Ich freute mich auf gründliche Säuberung unter der Dusche, stellte allerding beim Ausziehen wie befürchtet fest: reichlich Wanderkrätze an beiden Unterschenkeln. Ich baue darauf, dass sie in den fünf Tagen bis zur Hochzeit verschwunden ist. Ja, die gestrige Strecke hätte ich auch in Turnschuhen sicher gehen können, doch die Wanderstiefel erleichtern das Gehen mit ihrem Halt und verteilen die Anstrengung über mehr Beinmuskulatur. Nach Dusche und herrlich frischer Kleidung las ich ein wenig auf dem Balkon, ging dann zu einer Einheit Yoga-Gymnastik rein – tat wieder SO gut.

Fürs Nachtmahl hatte ich ein Rezept aus der Wochenend-Süddeutschen aufgehoben, Thema Tomaten, vor allem aber zum Aufbrauchen des letzten Stück Ernteanteils: Salbei.

Ein Teller mit Spahetti, hellen Tomatenstücken, Semmelbröseln, frittiertem Salbei

Schmeckte ganz hervorragend: Die Tomaten in dieser Zubereitung intensiv und gemüsig, ich mag Salbei, der Knaller aber war der Parmesan für Arme, also die gerösteten Semmelbrösel (die das Gericht zufällig vegan machten), herrlich knusprig. Nachtisch Schokolade.

Nachtrag: Die gebuchte Supersparpreis-Zugverbindung zur Hochzeit nach Essen gibt es seit einigen Wochen nicht mehr, die Nachricht der Bahn, “Fahrplanänderung”, verwies auf eine “Reiseempfehlung” mit zweimal Umsteigen, unsere Platzreservierung existierte nicht mehr. Gestern entdeckte ich eine wesentlich bequemere Alternative München-Essen, stellte sicher, dass die “Fahrplanänderung” auch wirklich eine Aufhebung der Zugbindung bedeutete und zahlte nochmal eine Platzreservierung für eine Fahrt ohne Umsteigen. Die Rückreise gibt es ebenfalls nicht mehr, in diesem Fall folge ich aber der Empfehlung, die auch die Platzreservierung übernommen hat. Alltag des Bahnreisens in Deutschland.

Im Bett las ich weiter Helena Adler, Die Infantin trägt den Scheitel links, freute mich am nächsten Kapiteleinstieg:

Meine Mutter rastet nicht, habe ich immer geprahlt. Und wenn sie rastet, rastet sie aus.

§

Bericht über den ersten Bundeskongress der Omas gegen Rechts.
“Widerstand statt Ruhestand”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 4. August 2024 – Früher Isarlauf, großes Grillen bei Elterns

Montag, 5. August 2024 um 7:32

Etwas unruhige Nacht, früh zu Ende – was mir sehr recht war, weil Pläne. Wir waren gestern bei meinen Eltern zum Grillen eingeladen, auch eingeladen waren die Familie meines Bruders und meine Schwiegereltern. Und vorher wollte ich noch eine Runde Laufen.

Draußen war es kühl und düster nach nächtlichem Regen, wieder kein Morgenkaffee auf dem Balkon. Eng getimet mit einer Maschine helle Wäsche machte ich mich lauffertig. Es war trocken und angenehm, nach fast einer halben Stunde kam ich auch mal wieder ein wenig in den Fluss.

Unter anderem Nachdenken über eine Geschichte im Granta 168, Significant other, vor allem über diese Passage:

Being recognized as part of a couple thrilled me; I felt legitimised.

Das fehlte mir immer schon komplett. Ich verliebte mich, manchmal war eine Folge, dass ich Teil eines Paars wurde – doch damit haderte ich. Bis ich erkannte, dass ich das eigentlich lieber nicht war. Herr Kaltmamsell musste hohe Hürden meistern, um mich zu überzeugen: Er war die Ausnahme. Erst kürzlich hatte mich eine Diskussion über Online-Datingportale zur Erkenntnis gebracht: Ich war noch nie auf Partnersuche. Neben meinem frühen und intensiven Nicht-Kinder-Wunsch wohl ein zentrales Stück Privileg und Freiheit in meinem Leben.

Blick auf eine zugewucherte Gärtnerei, im Vordergrund am Boden dunkle Gärtnereifolie, im Hintergrund werden Beete bewässert

Über der Flaucher-Gärtnerei zeigte sich erster blauer Himmel.

Dicht zugewachsene Flusslandschaft mit steinigem Flussbett

Liegender Grabstein in dichtem Grün, bei aller Verwitterung kann man die große Inschrift lesen: "Georg Simon Ohm"

Am Alten Südfriedhof sagte ich Herrn Ohm hallo – dem großen Widerstandskämpfer. (Eine physikalische Einheit nach sich benannt zu bekommen, ist schon sehr weit oben auf der Coolheits-Skala.)

Zug nach Ingolstadt, pünktlich und problemlos. Große Freude über Wiedersehen meiner Eltern, meiner Schwiegereltern, der lange nicht mehr gesehenen Bruderfamilie. Wir saßen auf der Terrasse des Elternhauses, vor der meist scheinenden Sonne mit einem riesigen Schirm geschützt, Blick auf den hochsommerlich zugewucherten Garten. Viele hochspannende Neuigkeiten von den Nifften (unter anderem Einblicke in den Medizinertest, der ganz anders ist, als ich gedacht hatte). Vom Grill (den meist mein Bruder bediente, damit meine Eltern sich um ihre Gäste kümmern konnten) gab es Garnelen, Tintenfisch, Rinderfilet, Schweinskotelett, Schweinebauch, Tofuspieße, vegane Würschtl, Tomaten, Champignons, Brot, dazu Salate. Nach einer Anstandspause Kaffeeundkuchen, und zwar Marzipantorte (von der Gastgeberin selbst gekauft).

Am späten Nachmittag nahm ich mit Herrn Kaltmamsell einen Zug zurück, dieser sehr dicht besetzt. Daheim eine wohltuende Runde Yoga-Gymnastik (dass ich weder crow pose noch half moon je erleben werde, habe ich mittlerweile überwunden), dann hatte ich wieder Hunger (mittags vor Aufregung gar nicht so viel gegessen): Zwei frisch gepflückte elterliche Tomaten als Salat mit Flachpfirsich, Basilikumblättern und Olivenöl, außerdem Käsereste, hartgekochtes Ei, danach noch reichlich Schokolade.

Meg Rosoff, The Great Godden ausgelesen, bis zum lahmen Schluss beleidigt über die Flachheit der Geschichte, doofes Buch. Meine nächste Lektüre muss das ausgleichen: Helena Adler, Die Infantin trägt den Scheitel links (war in der Münchner Stadtbibliothek gerade verfügbar). Das schaffte dieser Roman der Anfang des Jahres jung verstorbenen Österreicherin sofort. Er beginnt:

Home Sweet Home

Nehmen Sie ein Gemälde von Pieter Bruegel.

Wir essen schwarze Regensuppe zum Nachtmahl. Der grüne Kachelofen brütet in der Ecke, in der Stube dampft es, doch mir ist kalt. Die Bewohner des Hauses haben sich im Parterre versammelt. Nicht oft verlassen die Urgroßeltern den ersten Stock. Sie sind die Urgesteine hier am Hof und wer sie bewegen will, beißt auf Granit. Wir, die Eltern, die Schwestern und ich, wohnen bei ihnen, nicht sie bei uns.

Zack: Wenige Zeilen, doch schon ist der Ton gesetzt, die Szenerie aufgebaut. Jetzt freute ich mich wieder aufs Lesen.

§

Eine lesenswerte Perspektive aufs Thema privates Fliegen von Bernhard Ötter in der taz:
“Wir unperfekten Menschen”.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 3. August 2024 – Alle Sommerwetter in einem Tag

Sonntag, 4. August 2024 um 7:05

Gut und ausgeschlafen; erst nach sieben zog ich den Rollladen hoch – in Dürsternis und Regen. Na ja, keine Überraschung, das war angekündigt. Aber halt auch: kein Balkonkaffee.

Nahaufnahme eines nackten Fußes mit silbern lackierten Nägeln in einer hellgoldenen Riemchensandalette

Weiteres Schuheintragen (die Nägel werden noch pedikürt und bekommen eine andere Farbe).

Möglicherweise habe ich unseren Geschirrschrank ruiniert. Ich entdeckte an der linken vorderen Ecke des Schranks eine Wasserlache auf dem Parkett, also unter dem Topf mit der immer mächtigeren Efeutute auf dem Schrank, die ich morgens gegegossen hatte. Umgehend holte ich einen Lappen und ging der Quelle nach: Klare Spuren auf dem weiß lackierten Holz von oben – dabei hatte ich regelmäßig gecheckt, dass der Unterteller unterm Blumentopf nicht volllief. Wohl nicht oft und gründlich genug. Zwar zeigte die Oberseite des Schranks zu meiner Erleichterung keine Spuren von regelmäßiger Überflutung, doch es war wohl oft genug Wasser ausgelaufen, dass ich bereits einen Spalt am Eck der oberen Verzierung und der unteren Leiste sah.

Das Wetter beruhigte sich: Der Regen hörte auf, der Himmel wurde bunt inklusive blauer Flecken.

Semmelkauf und kurzes Abbiegen in den Edeka in der Holzstraße für Tomaten und Nektarinen. An der Kasse ein Schild, das die Schließung dieser Filiale am 12. August ankündigte – oh. Edekas gibt es nun wirklich genug in der Innenstadt (vor allem, seit auch die Tengelmanns zu Edekas wurden), aber dieser hier hatte einen besonderen Platz in meinem Herzen. Was mag nur statt dessen in die Räume kommen?

Zum Dantebad radelte ich im Vertrauen auf die Wettervorhersage, die erst für den späteren Nachmittag weiteren Regen ankündigte. Komisches Wetter: Eigentlich war die Luft kühl, doch jede Bewegung führte zu Schwitzen.

Das Schwimmbecken war ohne Freibadwetter wenig beschwommen, neben Wolken schien vom Himmel immer wieder die Sonne und verglitzerte den Metallboden, und mein Körper machte sehr gut mit – vielleicht schon eine Wirkung meiner Eisen-Kur?

Zudem schön: Es waren nur Leute im Becken, die einfach schwammen, ohne Spielzeug. Vielleicht lief ja gerade bei den Olympischen Spielen der Wettbewerb im Geräteschwimmen, auf den die anderen sonst trainierten, und sie saßen alle vorm Fernseher.

Nach Heimradeln in der Sonne und mit nur wenigen lebensgefährlichen Situationen: Zum Frühstück um zwei gab’s zwei Kürbiskernsemmeln mit dick Butter und Tomaten.

Gemütlicher Nachmittag: Lesen auf dem Balkon (mit herabgelassener Markise, denn jeder Sonnenstrahl machte unangenehm heiß), Bettschwere, die Lesen unmöglich machte, also eine Runde Siesta. Danach wurde es doch wieder düster: Gewitter und Regenguss.

Yoga-Gymnastik mit wackligem Kreislauf, der aber hielt. Zum Abendessen verarbeitete Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Zucchini zu italienischer Scarpaccia (etwa so, aber mit Polenta ins Mehl gemischt), ein Tipp aus dem Kartoffeldruck, dem Newsletter zu unserem Ernteanteil.

Gedeckter Tisch, auf Glastellern flacher Zucchinikuchen, dazwischen eine weiße Schüssel mit Salat, ein Glas Weißwein

Schmeckte ok, aber andere Verarbeitungen von Zucchini sind mir lieber. Dazu machte ich den kleinen Chinakohl aus Ernteanteil zu Salat mit Joghurtdressing (seit Studentinnentagen, in denen ich Chinakohl wegen seines Preis-Sättigungsverhältnisses oft aß, kommt in das Joghurtdressing dazu immer Sesamöl) und restlichen Tomaten, im Glas ein aromatischer und kräftiger Pecorino.

Im Fernsehen ließen wir Caroline Links Verfilmung von Als Hitler das rosa Kaninchen stahl laufen – die mir lediglich illustrativ vorkam, ohne künstlerisch oder erzählerisch Eigenes. Im Bett las ich weiter Meg Rosoff, The Great Godden – immer ärgerlicher über die eindimensionale Handlung und die stereotype Darstellung der Figuren: Nein, so sind Menschen nicht, so sprechen sie nicht, so verhalten sie sich nicht.

§

Vor 40 Jahren erreichte die erste E-Mail Deutschland, über das Computer Science Network (CSNET). Tagesschau.de nutzt die runde Jahreszahl für einen schönen Hintergrund-Artikel:
“Erste E-Mail erreicht Deutschland”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 2. August 2024 – Sterbebetten

Samstag, 3. August 2024 um 9:03

Unruhige Nacht, die Todesnachricht trieb mich um. Zumal ich sehr wahrscheinlich nicht an der Beerdigung des Verstorbenen würde teilnehmen können, da sie wohl mit meiner Reise nach Essen kollidiert (Termin stand da noch nicht fest – doch abends erwies sich meine Befürchtung als zutreffend).

Blick aus Wohnzimmer auf Balkon mit Bank und Tisch, darauf zugeklappter Laptop, eine große Tasse, ein Wasserglas

Balkonkaffee, angenehmer Weg in die Arbeit. Sowohl über dem Klinikviertel als auch überm Westend sah ich einen einzelnen Mauersegler fliegen, vielleicht war es derselbe. Der ganz zum Schluss nochmal nachsieht, ob auch niemand was im Bad oder unterm Bett vergessen hat.

Im Büro wechselte ich wieder in die neuen hohen Riemchensandaletten zum Einlaufen.

Ich rief meinen Vater an, sprach ihm mein Mitgefühl zum Verlust eines seiner ältesten Freunde aus, erfuhr Details über die letzte Begegnung mit dem Freund auf dem Sterbebett. Es war eine lustige Geschichte, die mir den ganzen Tag nachging: Zum einen dachte ich viel an den Verstorbenen, der Teil meiner Kindheit war. Zum anderen daran, dass diese Art von Geschichte von einer Weltwahrnehmung sprach, die meinen Burder, meinen Vater und mich verbindet.

Trotz starkem inneren Abgelenktseins brachte ich Arbeit zuwege, letzter Arbeitstag vor einer Woche Urlaub.

Mittagscappuccino im Westend, unterwegs jagten gerade dunkelgraue Wolken über den Himmel und drohten mit Regen.

Subjektive Kameraperspektive von jemandem, der auf einer breiten fensterbank sitzt, Beine mit blauer Hose darauf ausgestreckt, links davon eine Tasse Cappuccino, draußen sitzen Menschen

Mehrgängiges Mittagessen: Salat aus kleingeschnippeltem Ernteanteil-Fenchel, Flachpfirsiche (nicht sehr aromatisch) mit Sojajoghurt. Dazu las ich einen Artikel im SZ-Magazin, der zu meinem Tages-Gefühl passte: Die Ärtzin und Schriftstellerin aus Odessa Iryna Gingerova erzählt über Hausbesuche (€ – ich wünschte, ich könnte Ihnen den wundervollen Text schenken):
“Hausbesuch” / “Es gibt so viele Arten zu sterben”.

Urlaubsübergaben, Dinge fertig gemacht, Abwesenheitsnotiz eingeschaltet: Ab in den dritten Bröckerl-Urlaub des Jahres (nach re:publica und Bachmannpreis), bevor ich dann Mitte September endlich so richtig drei Wochen Jahresurlaub inkl. Oktoberfestflucht mache. (Und damit endlich den Jahresurlaub 2023 aufbrauche.)

Der Heimweg über Abendessen-Einkäufe im Vollcorner war angenehm kühl, ich musste mich in meinem Sommerhemd sogar erst warmgehen. Zu Hause erste Abendessens-Vorbereitungen (Tsatsiki mit Ernteanteil-Gurke), dann Yoga-Gymnastik, die wieder sehr gut tat (weswegen ich dieses Programm weiterverfolge und nicht wie geplant auf eine Woche Pilates gewechselt habe).

Bohnenranke in einer Gebäudenische am Fenster, die sich vom Topf im Boden bis über die Decke hinaus hochrankt

Stand der Kletterbohne.

Jetzt aber Feiern des Wochenendes und des Starts in meine Urlaubswoche. Als Alkohol hatte ich Herrn Kaltmamsell vorgeschlagen: Aperol Spritz oder PetNat oder eine Flasche Weißwein zum Essen.

Ein Mann und eine Frau auf einem Balkon lachen in die Kamera und haben jeweils ein Glas Aperol Spritz mit Strohhalm in der Hand.

Hier seine Wahl, wir setzten uns fürs erste Glas davon auf den jetzt sonnigen und warmen Balkon.

Als Nachtmahl briet Herr Kaltmamsell die dicke Scheibe Bio-Entrecôte, die ich mitgebracht hatte, mit Knoblauch und Ernteanteil-Salbei, dazu gab es Mole und das Tsatsiki. Hervorragend. Zum Nachtisch Eiscreme und noch ein wenig Schokolade. Im Fernsehen ließen wir Clueless laufen, meiner Ansicht nach eine der besten Verfilmungen von Jane Austens Emma. (Nein, nein, nein, der kann unmöglich schon 19 Jahre 29 JAHRE – siehe Kommentar – alt sein.)

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Wir im Kartoffelkombinat haben einen wirklich spannenden Arbeitsplatz zu besetzen:
Die Leitung des Pack-Teams für die Ernteanteile. Vielleicht wissen Sie jemanden?

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Maximilian Buddenbohm erzählt von einem München-Aufenthalt mit Familie, und ich frage mich, in welche Inszenierung er da wohl geraten sein mag, mit Kostümen, Lehrfilmchen und sonstigem Drum und Dran. Das Erleben der eigenen Wohnstadt durch Besucher ist schon arg anders. Ja, man sieht vereinzelt Bayern-Cosplayer*innen im Münchner Straßenbild, doch so geballt, wie er es schildert, eigentlich nur zum Oktoberfest-Umzug. Und vergangene Woche war ja nicht mal Starkbierzeit oder ähnliche Kostümfeste. Durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft fallen wir Münchner*innen sonst auch weiterhin nicht auf; wo bei anderen sowas sitzt, haben wir hier Grant: Die grundsätzliche Verstimmung über die Zumutung des Lebenmüssens. Noch dazu zwischen anderen Menschen. Das müssen alles weitere Besucher*innen gewesen sein.

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Dieser Artikel wurde in den vergangenen Wochen in meinem Internet so oft von Radlerin zu Radlerin gereicht, dass ich auch hier auf ihn hinweisen will: Er scheint wirklich wichtig zu sein.
“Cycling’s Silent Epidemic”.

Too many women stop riding their bikes because of labial swelling and pain. Here’s why it happens, what they can do about it, and how to prevent it in the first place.

Einen Absatz zitiere ich unabhängig von Sattel-Problemen bei Radlerinnen: Zu viele Frauen können ihre äußeren Genitalien nicht korrekt benennen (das soll um Himmels Willen kein Vorwurf sein, es ist nie zu spät zum Lernen) – was das Sprechen über Probleme damit noch schwerer macht als ohnehin.

To fully understand what causes these injuries, it’s important to review some basic terms. Despite our colloquial use of the word “vagina,” the correct word for a woman’s external genitals is “vulva,” which includes the labia majora (fleshier outer lips), labia minora (inner lips), the clitoris, perineum, pubic mound, and the vaginal opening (but not the vagina, which is the muscular inner canal that connects the vulva to the uterus).

Hier eine Grafik mit den deutschen Begriffen.

When I started reporting this story, I too felt awkward discussing the topic with sources—we would talk in coded language. Then I decided to start each interview with a quick review of terms, and discussions became more comfortable and informative. A woman could now tell me that her labia majora became enlarged, instead of grasping for vague euphemisms like, “It wasn’t pretty down there.”

die Kaltmamsell