Wunderbare Morgendüfte. Dennoch ein Tag, an dem mir keine angenehme Erinnerung einfallen wollte. Sogar meine Happy Places, an die ich zum Einschlafen gehe, schnitten mir verächtliche Fratzen.
Zum Frühsport wieder das neue Langhanteltraining, diesmal mit erhöhten Gewichten – immer noch nicht genug, der entsprechende Muskel war nicht ermüdet. Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.
Auf dem Heimweg von der Arbeit Obsteinkauf für den freien Mittwoch (ich nahm mir frei, um endlich mal wieder im Kartoffelkombinat mithelfen zu können). Herr Kaltmamsell war aushäusig und hatte mir zum Nachtmahl köstlichen Graupensalat mit gebratenen Auberginenwürfeln, Tomaten und Feta hinterlassen, an dem ich mich mit Ansage überfraß.
Margaret Atwoods The Heart Goes Last ausgelesen – oyoyoy, am besten schnell wieder vergessen (Details nach Leserunde, vorab: Lesen Sie besser ein anderes von ihr).
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Mein Internet diskutiert den Wunsch von alternden Frauen nach Sichtbarkeit, angestoßen durch diese Meinungsäußerung von Diana Weis im Zeit Magazin:
“Botox
Eine glatte Lüge”.
Hier zum Beispiel Journelles Antwort:
“Sichtbarkeit einfordern”.
Wie so oft bei diesem Thema stolpere ich über die Prämisse: Ich warte nämlich seit 20 Jahren vergeblich darauf, dass mich endlich die Unsichtbarkeit umfängt, die sich Frauen angeblich beim Altern zuziehen.
Mit Mitte Dreißig stehen Frauen im Zenit ihrer sexuellen Anziehungskraft. Ein paar Jahre später interessiert sich keiner mehr dafür, ob sie auf einer Party den Raum durchschreiten oder nicht.
Und zwar warte ich auf genau diese Unsichtbarkeit angeblicher sexueller Anziehungskraft. Offensichtlich geht die Welt davon aus, dass sich jede, jede Frau danach sehnt. Das Streben danach wird als Motivation für praktisch alles vorausgesetzt, was Frauen tun. Das ist die Prämisse, mit der ich als heterosexuelle Frau seit meiner Pubertät hadere.
Sie fragen sich: Wo bleibt das Natürliche, das Allgemein-Menschliche? Die Würde des Alters, die Wertschätzung eines gelebten Lebens? Nun, das sind edle Gedanken, nur helfen sie wenig, wenn man an einer überfüllten Theke einen Drink bestellen möchte. Ein straffes Gesicht sichert Aufmerksamkeit. Altersanzeichen wirken bei Frauen wie eine unfreiwillig getragene Tarnkappe.
Ja wenn’s doch so wäre! Ich weiß um die Gefahr, eigenes Erleben als repräsentativ anzusehen – aber zum einen tut die Autorin des Artikels offensichtlich genau das, zum anderen halte ich mich nun wirklich für durchschnittlich genug, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sein können. Auch mit 50 bekomme ich an einer überfüllten Theke meinen Drink ebenso wie mit 25 – und zwar nicht, weil ich dem Herrn dahinter meinen inzwischen faltigen Ausschnitt über seine vorgeschnittenen Zitronen halte, sondern weil ich aufmerksam, höflich und freundlich bin – genauso wie mit 25. Sehr wahrscheinlich aber frequentiere ich ganz andere Etablissements als die Autorin.
Mich hat bereits als junges Mädchen gestört, dass ich keinen schön schwingenden Rock tragen konnte, ohne dass er als Haschen nach männlicher Aufmerksamkeit angesehen wurde. Schon damals hatten für mich Unbefangenheit und Umgang mit einem interessanten Menschen höhere Priorität als ein mögliches Techtelmechtel, zog ich kein Selbstwertgefühl aus sexueller Bewunderung – im Gegenteil: Wenn ich sie überhaupt bemerkte, machte sie mich befangen und unsicher.
(Ein Ergebnis war regelmäßig, dass mir auf geselligen Veranstaltungen der interessante Gesprächspartner abhanden kam, weil er das Angeflirtetwerden einer anderen Frau spannenden Diskussion vorzog, selbst wenn sie sich um spanische Philosophen des Siglo de Oro drehten oder um die Zukunft der europäischen Landwirtschaft – völlig unverständlich. Vielleicht war schon immer mein Problem, dass mich potenzieller Sex mit den Herren weniger interessierte als die Mehrheit der Frauen?)
Dass all mein Tun in erster Linie als Werben ums Attraktivsein für Männer interpretiert wurde, schränkte mich ein. Ich war ausgesprochen genervt,
- dass ich den klugen Kommilitonen im Seminar nicht einfach ansprechen konnte und um eine Fortsetzung der Diskussion über einem Bier bitten.
- dass ich den witzigen Arbeitskollegen nicht zum Essen einladen konnte.
- dass ich den jungen verwurschtelten Bedienerich mit schönem Hund nicht von Herzen anlächeln konnte.
- dass ich den jungen Mitschwimmer mit langem Bart nicht ausfragen konnte.
- dass ich männliche Praktikanten nicht so intensiv betüdeln konnte, wie ich es gerne hätte.
Weil ich eine Fehlinterpretation fürchten musste. Und wenn ich sowas dann doch tue, in der Hoffnung, außerhalb des Attraktivitätsheischsystems zu stehen, merke ich leider bis heute an der Art der verlegenen Reaktion, dass meine Geste weiterhin in erster Linie aus der Balzperspektive wahrgenommen wird.
Was sicher stimmt: An Männer und Frauen werden verschiedene Maßstäbe zur Einordnung ihres Werts angelegt, das ist ein wirkliches strukturelles Problem. Doch vieles weist darauf hin, dass die Autorin eher ein psychologisches hat.
Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war?
Das ist die wirkliche Frage? Wer dem zustimmt, der kann ich nur empfehlen, tatsächlich Botox anzuwenden und was die chemische Industrie sonst noch so ausspuckt, um sich ein wenig Frieden mit sich selbst zu erkaufen.
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Wissen’S, ich hab doch gar nichts gegen den Newsletter an sich. Als zum Beispiel @SammyKuffour twitterte, Gerhard Polt habe jetzt eine richtige offizielle Website – da haben Sie gar nicht so schnell schaun können, wie ich den Newsletter abonniert habe.
(Nebeneffekte der Polt-Sozialisation von Kindesbeinen an: Beim Datenbankpflegen keinen Herrn Gschwendner eingeben können, ohne Gisela Schneeberger mit “Herr, äh, Geschwendner” im Ohr zu haben.) 
die Kaltmamsell