Journal Mittwoch, 11. September 2013 – Nichtmanagen

Donnerstag, 12. September 2013 um 8:15

Ich muss besser darin werden nicht zu managen.

Bekomme ich einen Arbeitsauftrag, denke ich weiter und durch, greife Eventualitäten vor, erkenne Lücken und fülle sie selbstständig, recherchiere fehlenden Informationen hinterher. Wenn ich das Ergebnis abliefere, ist es zu weit durchdacht und mitgestaltet. Gerne ordnet der Auftraggeber zwei Drittel der Einzelschritte nochmal an, weil er gar nicht erkennt, dass sie bereits geschehen sind. Ich habe gemanagt und gestaltet statt auszuführen. Zudem: Wenn der eigentliche Auftrag keine Schlüsselfunktion im Projekt hat, werde ich nicht über Änderungen der Ausgangssituation informiert und habe gern mal in die falsche Richtung gearbeitet.
Meine nächste Übung ist also, möglichst buchstabengetreu die Anweisungen auszuführen und deren Einzelergebnisse aufzulisten, statt sie vorauseilend zu einem durchgehenden Ganzen zusammenzufügen – also zur Effizienzsteigerung nur zu machen, was mir angeschafft wird.

Und wenn ich irgendwann lerne, mich auch für die Effizienz nicht mehr verantwortlich zu fühlen, könnte eventuell eine gute Sekretärin aus mir werden.

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Ein Tag des guten Essens. Mittags ließ ich mich mit meiner Zeitung bei Marietta nieder und bestellte einen Strudel mit Kürbis und Ricotta. Das Lokal war rege besucht, rechts von mir wurde über die Auswirkungen von Windows 8 auf die Programmierung bestimmter Computerspiele diskutiert, links von mir eine rege Unterhaltung auf Französisch, untermalt von genau dem eleganten Gestenballett, das ich mit dieser Sprache verbinde. Vor mir:

130911_Marietta_Strudel

Abends kochte der Mitbewohner auf, zum Nachtisch gab es Zwetschgen-Pie:

130911_Zwetschgenpie

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Falls Sie es noch nicht gemerkt haben: Ich bewege mich gerne in Sport-ähnlicher Form. Laufen, Schwimmen, Step-Aerobics, Gewichte heben, Crosstrainer-Strampeln, Rudermaschine ziehen. Aber auch schlicht Radeln, Treppen steigen, zu Fuß gehen, Tanzen, Wandern. Und auch wenn ich mir immer noch nicht zu 100 Prozent über den Weg traue, ob nicht doch ein Quentchen Angst vor Gewichtszunahme in meine Motive gemischt ist, bereiten mir all die aufgelisteten Dinge in allerallerersten Linie Freude. Inklusive Freude an und Anerkennung für meinen Körper, der mich all dies machen lässt – ich bin mir sehr bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist.
Gerade deshalb macht mich Werbung zum Sporttreiben böse, die von ganz unverantwortlichen und gefährlichen Zielen und Gründen ausgeht. Hier eine Aufzählung: „The 6 most shockingly irresponsible ‚fitspiration‘ photos“

The fitness industry—from gyms to clothing manufacturers—collectively produces more propaganda than North Korea, a lot of it just as crazy.

via @ankegroener

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Ein TEDx-Vortrag, „Violence and Silence“ von Jackson Katz, gibt mir eine Bezeichnung für meine Erkenntnis „Es geht nicht um mich“: bystander principle. Sexismus und damit verbundene Gewalt können nur bekämpft werden, wenn sich auch diejenigen einmischen, die weder auf der Täter- noch auf der Opferseite stehen. Weil es sich eben um strukturelle Missstände handelt und nicht um persönliche Probleme. Katz appelliert in seinem Vortrag vor allem an Menschen in Führungspositionen, sei es in der Arbeitswelt, in Sportvereinen oder beim Militär (das sind die Bereiche, in denen er Kurse und Workshops leitet).

via @holadiho

die Kaltmamsell

11 mal Beifall zu “Journal Mittwoch, 11. September 2013 – Nichtmanagen”

  1. Sebastian meint:

    Sehr schöne Übung, das Nichtmanagen. Eine ganz neue Art der Selbstoptimierung, die einen freundlich vor Selbst- und Fremdausbeutung schützen kann, wenn es immer mal wieder neu kalibriert wird.

    Und bei den „fitspiration photos“ reichen mir schon die, den Rest will ich gar nicht mehr lesen. Ich fürchte aber, dass manche drauf hingewiesen werden müssen? Ist das nur sehr amerikanisch oder gibt es bei uns auch Entsprechendes?

  2. Ramona meint:

    Hm, das sieht sehr lecker aus auf deinem Teller.
    Die Sport-Werbung jedoch sehr gruselig.

  3. Indica meint:

    Ich vermute, das wird eine große Aufgabe, das mit dem Nicht-Managen. Als ich gestern den Social-Media-Firmentypen-Artikel las, dachte ich so bei mir: „Hmm, die Frau Kaltmamsell ist da doch Sekretärin, oder?“

    Ihr Vorhaben, „möglichst buchstabengetreu die Anweisungen auszuführen“ hört sich extrem anspruchsvoll an und ich bin nach wie vor skeptisch, ob das klappen wird. Aber ich beobachte Ihren Selbstversuch mit großem Interesse und werde die erste sein, die das Modell zur Nachahmung empfiehlt, falls es Ihnen gelingt.

  4. lihabiboun meint:

    Liebe Kaltmamsell, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen einen Rat zu geben: Ansage,
    das muß sein! Ansagen: ich habe dies und das gemacht – weil, wie sollen die sonst merken, was Sie tun? Das ist alles kein Witz, sondern Erfahrung. Und ich prophezeihe Ihnen: SIE werden durch nicht-managen auch nciht glücklicher. Also, so schätze ich Sie ein. Herzliche. Grüße.

  5. Gaga Nielsen meint:

    Waren auch schon so meine Gedanken, bei der Lektüre der letzten Büro-Erlebnis-Aufsätze: klingt nach automatisierter Kompetenzüberschreitung, die entweder aus Gründen der Nützlichkeit mal mehr, mal weniger stillschweigend zur Kenntnis genommen (werden) wird und Frustrationspotenzial von wegen möglicherweise demnächst vermisster Anerkennung der Leistung. Auch gehaltseinstufungstechnisch. Um es mal unverschwurbelt zu kommentieren.

  6. Tim meint:

    Stelle ich mir schwierig vor. Wie es von hier aus aussieht arbeiten Sie in einer Branche, von der Sie als nun Sekräterin mehr Ahnung haben, als die verantwortlichen Projektleiter. Da gedanklich abzuschalten – fast übermenschlich.

  7. Angelika meint:

    yummm, die essensfotos sehen für mich so lecker aus, dass ich mir endlich mal merken muss, selbst vorher zu essen, bevor ich hier lese/gucke.

    nicht-managen : was @Indica meint.
    ich wünsche gutes gelingen.

    von wg. J. Katz : vor einiger zeit habe ich mir alles angeguckt und gelesen, was von ihm im webz ist. ich freue mich daher, jedesmal/wenns auf nem dt. blog verlinkt wird :)
    so wie ich u.a. ihn verstehe, geht es ums engl. active bystander principle. (weil : engl. bystander sind wir ™ eigentlich immer, wenns um zwischen-menschliches geht).
    falls es Sie/dich werte Kaltmamsell interessiert, habe dazu u.a. bei MIT weiteres dazu gefunden – engl. active bystander – link:
    http://web.mit.edu/bystanders/index.html
    und hollaback London hat hier ein interaktives plakat – engl.:
    http://ldn.ihollaback.org/2013/01/15/bystanders-what-you-gonna-do-about-it/

    herzliche grüsse

  8. trippmadam meint:

    Schwierig, schwierig…in meinen ersten beiden Jobs wollten die Chefs immer, dass ich nicht nur mit- sondern vorausdenke. Im jetzigen ist es ungefähr so, wie Sie es oben schildern. Ich habe mich schon ganz gut daran gewöhnt, nicht so viel vorauszudenken, aber frage mich doch manchmal, ob man mich dann nicht auf Dauer als „dumm, gesund und glücklich“ einschätzt und mir nichts anderes mehr zutraut. Andererseits wollte ich ja einen Job, den ich bei Dienstschluss hinter mir lassen kann (meine Art von Work-Life-Balance).

  9. Croco meint:

    Ich verstehe Sie gut.
    Es ist nicht einfach, das SichNichtKümmern.
    Und doch entlastet es die Seele . Nur ab und an , wenn das schlafende Ehrgeizteufelchen wach wird, quält sie sich ein bißchen.

    Dann muss man lieb zu ihr sein, sich in die Sonne setzen und etwas blinzeln.
    Einfach im Hier und Jetzt sein, das heilt ganz schön.

  10. giardino meint:

    „Und wenn ich irgendwann lerne, mich auch für die Effizienz nicht mehr verantwortlich zu fühlen, könnte eventuell eine gute Sekretärin aus mir werden.“

    Bekomme nur ich bei diesem Satz einen Kloß im Hals? Nicht die angemessene Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen, mit seinen Fähigkeiten nicht wahrgenommen zu werden, zu wissen, wie es eigentlich besser gehen würde, aber nicht in der Position zu sein, das umzusetzen – ich glaube, mich würde das auf Dauer kleinmütig und krank machen. Und vermutlich genauso, wenn ich mich irgendwann erfolgreich bis zu dem Punkt verbogen hätte, mich für nichts mehr verantwortlich zu fühlen.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Ich weiß, giardino, das widerspricht allem, was man uns in Management- und Personalführungstrainings beigebracht hat. Potenzialverweigerer sind im System nicht vorgesehen.

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