Wahlgeholfen

Montag, 26. Mai 2014 um 8:58

Die Stadt München warb vergangenes Jahr mit einer großen Kampagne (Plakate und Flyer) um Wahlhelfer und Wahlhelferinnen. Neugierig war ich schon lange darauf gewesen, bei Wahlen auch mal hinter die Kulissen zu schauen; diese Kampagne brachte mich endlich tatsächlich zu einer Bewerbung. Am Termin der Kommunalwahl war ich leider schon für eine Familienfeier verplant, deshalb half ich erst gestern bei der Europawahl.

Ende April hatte ich die Benachrichtigung über den Ort meines Einsatzes bekommen (nur zehn Fußminuten von daheim entfernt) und meine zugewiesene Funktion: Beisitzerin. Das war mir fürs erste Mal ganz recht, denn ich würde mich nicht groß einarbeiten müssen. Die Benachrichtigung hatte mich auch gebeten, um 7.30 Uhr anzutreten, doch ein Anruf des Wahlvorstehers vergangene Woche teilte mich in die Nachmittagsschicht ab 12.30 Uhr ein.

Und so war für einen Nachmittag das meine Aussicht:

140525_Wahlraum

Mit mir hatten Dienst eine Stadtplanerin (stellvertretende Wahlvorsteherin) und ein Jurastudent kurz vor dem Examen (Schriftführer) – zwei sehr angenehme und interessante Menschen, mit denen ich anregende Stunden verbrachte. Unter anderem erfuhr ich, dass von städtischen Angestellten Wahlhilfe erwartet wird (sie bekommen im Gegenzug aber auch einen Tag frei), ich lernte Hochinteressantes über Stadtplanung in München (nein, es ist kein Zufall, dass in München eigentlich jedes Viertel bunt ist), bekam den Tipp, dass die Gegend um die Ruderstrecke Oberschleißheim sehr schön zum Wandern ist, merkte mir die Information vor, dass man während des Oktoberfests auf den Turm der Kirche St. Paul steigen kann. Später am Nachmittag kam eine Freundin der Stadtplanerin mit Kaffee vorbei, und es ergab sich ein munterer Austausch über Formalitäten und Anekdoten zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft: Der Herr Student ist Bulgare und äußerte entsprechende Pläne, die Stadtplanerinfreundin ist sowjetisch-tschetschenisch-ukrainischer Herkunft und konnte Lustiges sowie Haarsträubendes beitragen, ich schöpfte aus meiner spanisch-polnischen Herkunft und erzählte von der Einbürgerung meiner Familie – die Atmosphäre war ausgesprochen europäisch.

Über die Stunden bekam ich einen Überblick über die Bevölkerung des Viertels, meines Viertels – von sehr jung bis sehr alt, Familien, Skater, junge Frauen frisch vom Sonnenbaden an der Isar (zumindest ließen Aussehen und Gepäck darauf schließen), Menschen mit Vorfahren aller Art, Originale. Ich trug ein Handtuch über der Schulter (gestern war Towel Day), ein Wähler tauchte tatsächlich mit einem ebensolchen auf (ignorierte aber meines).

Meine Aufgabe war es, die Wahlbenachrichtigungen auf Korrektheit des Stimmbezirks zu prüfen und den Wahlzettel auszuhändigen (hin und wieder wies ich darauf hin: „Jeder nur ein Kreuz.“). Nach Ausfüllen des Stimmzettels bat der Kollege neben mir um die Wahlbenachrichtigung, um den Namen im Wählerverzeichnis abzuhaken (wie eine Wählerin richtig beobachtete, blieb sie dadurch nicht ganz anonym, doch, so erklärten wir es auch immer wieder, wird damit verhindert, dass jemand mehrfach Wählen kommt). Wer die Wahlbenachrichtigung nicht dabei hatte, identifizierte sich per Ausweis. Die weitere Kollegin ließ Wähler und Wählerinnen anschließend ihren Wahlzettel in die Urne werfen; parallel zählte sie per Strichliste die Zahl der abgegebenen Zettel. Die Wahlbenachrichtigung gaben wir den Inhabern und Inhaberinnen wieder mit. Es tauchten einige Sonderfälle auf, für alle fanden wir Regelungen im umfangreichen Infomaterial (zur Not hätten wir auch Telefonnummern von Informationsstellen gehabt).

Bei Schließung des Wahllokals um 18 Uhr war auch die Vormittagsschicht wieder da zum Auszählen – bei dieser Wahl sehr einfach, die Helfer der Kommunalwahl im März hatten da ganz andere Geschichten zu erzählen: Die Zahl der Zettel in der Wahlurne wurde mit der mitgezählten und der abgehakten abgeglichen, dann zählten wir Stimmen pro Partei sowie leere und ungültige Wahlzettel, füllten mit den Ergebnissen Formulare aus. Abschließend kamen alle Unterlagen zurück in die Wahlurne. Kurz vor 19 Uhr verabschiedeten wir uns voneinander.

Als Beisitzerin bekam ich 35 Euro ausgehändigt, außerdem hatte sich das Münchner KVR hiermit charmant bedankt:

140525_Wahldank

Das mache ich wieder.

die Kaltmamsell

15 mal Beifall zu “Wahlgeholfen”

  1. iv meint:

    gerne gelesen (lieber als die offizielle Wahlberichterstattung).

  2. joriste meint:

    gerne gelesen und danke für Ihren Einsatz.
    Ich habe mich gestern nicht getraut, mich bei den Wahlhelfern in meinem Wahllokal-Klassenzimmer zu bedanken.
    Aber angeregt durch Ihren Beitrag werde ich mich auch endlich bewerben.

  3. Anke meint:

    Ich habe vor ungefähr 25 Jahren das letzte Mal Wahldienst geschoben, damals noch bei uns auf dem Dorf. Mein damaliger Freund und ich hatten den Jackpot der Wahllokale gezogen: eine Gaststätte, statt der üblichen Schulen oder ähnlichem. Der Wirt ließ quasi dauernd eine Runde springen und wir hatten einen Trinkgeldteller, auf dem die WählerInnen auch was hinterließen. Das wurde sofort in Wurstplatten umgesetzt.

    Doch, doch, wahlhelfen fand auch ich recht unterhaltsam. (Und man war sehr satt abends.)

  4. mariong meint:

    Genauso ist es.
    Als städtische Angestellte wird man nach paar Jahrzehnten jedoch auch mal Ehrenamtsmüde. Man kann „lustige“ Erlebnisse mit Wahlberechtigten erzählen. Da im hiesigen Bürgerhaussaal mehrere Wahlkreise aufgebaut sind, kann man auch über „Wettkämpfe“ berichten (welcher Wahlkreis arbeitet effizienter und hat schneller ausgezählt und darf früher nach Hause).
    Die Wahlauszählung ist öffentlich. Das habe ich mal genutzt um mein Kind zusehen zu lassen. Spannender Beitrag zur politischen Bildung :-)

  5. ilse meint:

    Toll, dass du das gemacht hast.
    Aber was war in der KVR-Tüte drin? Waldmeisterwackelpeter?

  6. die Kaltmamsell meint:

    Gummibärchen waren drin, ilse!

  7. Hamburger meint:

    Schöner Bericht. Habe das Ganze gestern und heute auch in Hamburg mitgemacht. Der Satz “Jeder nur ein Kreuz.” hätte bei uns aber nicht funktioniert, denn es gab noch gelbe und rosa Bezirkswahlhefte, in die jeder je Heft noch bis zu 5 Kreuze machen durfte, nach Belieben entweder für eine Partei, für verschiedene Parteien oder für einzelne Parteienvertreter. Das Auszählen wurde dadurch nicht einfacher – es sei denn der Wähler konnte auch nicht zählen und überbot die 5 Kreuze…..

    Dummerweise wusste ich nix von dem Towel Day, obwohl alle fünf Bände der „Trilogie“ bei mir im Regal stehen…

  8. Mari meint:

    Witzig, ich war gestern auch zum ersten Mal Wahlhelferin. :)
    Und ich mach das auch wieder!

  9. Alessa meint:

    Habe gestern auch wahlgeholfen und ausgezählt – im Gegensatz zur Kommunalwahl eine angenehme, schnelle Sache, das stimmt.
    Während meines Dienstes im Wahllokal habe ich es bei einigen Wählern auch mit dem „Jeder nur ein Kreuz“-Satz versucht, aber die Reaktionen waren erschreckend sparsam – Joko, Klaas & Co. scheinen Monty Python so gut wie verdrängt zu haben …

  10. Mareike meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  11. vilsrip meint:

    ******************KOMMENTAROMAT & Edit ****************

    Gerne gelesen, denn es hat mich an meine eigene Wahlhelfertätigkeit (vor rund 15 Jahren) erinnert. Ich war (glaube ich) zwei oder dreimal dabei. Fand es auch anregend und interessant.

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  12. Wieseltier meint:

    Was für ein toller Bericht! Jetzt sind blöderweise bei uns alle Wahlen vorbei, aber das nächste Mal melde ich mich auch.
    Vielleicht sowieso keine so schlechte Idee gegen Wahl- und Demokratiemüdigkeit, die Leute in die praktische Seite der Sache mit einzubeziehen. Mein Vertrauen in den Rechtsstaat habe ich als Schöffin gefunden. Auch empfehlenswert.

  13. Frau Nessy meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  14. K meint:

    “ Wer die Wahlbenachrichtigung nicht dabei hatte, identifizierte sich per Ausweis.“

    Unglaublich…man muss sich mit dem Personalausweis oder einem ähnlichen Dokument ausweisen! Nur so kann die Identität festgestellt werden! Nur die Wahlbenachritigung reicht nicht. Sonst könnte ja jeder Wahlbenachrichtigungen aus den Briefkästen klauen oder von Verwandten nehmen und damit wählen gehen!

  15. Micha meint:

    Stimmt, K, man muss sich ausweisen. Zur Identifikation reicht aber auch ein abgelaufener Ausweis oder ein Führerschein – und wenn man die auch nicht dabei hat, aber jemandem aus dem Wahlkomitee bekannt ist, reicht auch das – habe ich am Sonntag bei meinem ersten Einsatz im Wahllokal gelernt. Bei uns hat es aber niemand drauf ankommen lassen, obwohl ich für die Nachbarn aus unserem Haus, den Schuster, den Buchhändler und den Zahnarzt gerne gebürgt hätte.

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