Journal Freitag, 26. September 2014 – beruflicher Oktoberfestbesuch

Sonntag, 28. September 2014 um 10:10

Der zweite Eintrag zum Freitag. Es war der Tag, an dem ich aufs Oktoberfest musste.

Eigentlich war es zu dieser Reservierung auf Bitte eines ausländischen Kunden gekommen. Ich hatte alles darangesetzt sie zu ermöglichen (inklusive angstwacher Nächte, denn wir wissen doch alle, dass Oktifestreservierungen ohne Kundennummer praktisch unmöglich sind). Doch auf meine erleichterte Erfolgsmeldung hin wurde mir beschieden, dass der Kunde die zugehörige Veranstaltung in München abgeblasen hatte, die Reservierung also gar nicht brauchte. Kurzerhand, und wenn man schonmal Tische hatte, übernahm sie die Agentur, für die ich arbeite.

Zumindest weiß ich jetzt, wie das mit der Reservierung von Tischen für das Oktoberfest geht und kann das hier festhalten (und mich so ein wenig für die hilfreichen Erklärtexte von Novemberregen revanchieren).

Erst mal bewirbt man sich so früh wie möglich bei den Festzelten um eine Reservierung, und zwar schriftlich, je nach Festzelt per Fax (meist) oder per E-Mail (seltener) – die gewünschte Medienart steht auf den verlinkten Websites der Bierzelte. Wichtige Details erläutert Christian Schottenhammel: „Auf die Bestellung gehören die Anzahl der Gäste und der gewünschte Termin.“

Ohne Kundennummer hat man die größten Aussichten auf Erfolg mit einem Wunschtermin mittags von Montag bis Donnerstag. Denn Wochenenden, Feiertage (dieses Jahr auch Freitag, 3. Oktober) und Abende geben die meisten Festzelte von vorneherein als ausgebucht an.

Da der Kunde eine größere Veranstaltung um den Oktoberfesttermin herum organisieren wollte, musste es ein Freitag sein, blieb in Ermangelung des 3. Oktober nur Freitag, der 26. Oktober. Um die Erfolgsaussichten zu erhöhen, schrieb ich alle Festzelte an, zumal ich Ende Februar verhältnismäßig spät dran war mit meinem Anliegen.

Ob die Reservierung erfolgreich ist, erfährt man erst Mitte April, nämlich wenn der Stadtrat festgelegt hat, wie viel Prozent der Plätze überhaupt reserviert werden dürfen (den Titel „Wiesn-Chef“ führt der Wirtschaftsreferent der Stadt). Das wird jedes Jahr neu verhandelt und beschlossen. Ziel der Quote ist ein Mittelweg zwischen dem Interesse der Oktoberfestwirtinnen, durch Reservierungen möglichst gut planen zu können, und dem Wunsch des gemeinen Volks aus München und der ganzen Welt, auch spontan in ein Bierzelt zu gehen und einen Platz zu finden.

Absagen auf meine Reservierungsanfragen bekam ich von umgehend bis in den Mai hinein, immer mehr Zelte musste ich streichen. Eine partielle Zusage für die Hälfte der beantragten Plätze traute ich mich nicht anzunehmen, schießlich plante der Kunde ja eine größere Veranstaltung. Umso tiefer war meine Erleichterung, als ich endlich eine Zusage mitsamt Kundennummer bekam, und dann auch noch von der renommierten Ochsenbraterei: Freitag, 26. September, 12 bis 16 Uhr.

Damit ist allerdings lediglich die erste, wenn auch größte Hürde für einen reservierten Besuch auf dem Oktoberfest genommen. Um die Reservierung zu fixieren, muss man sich zu einem Mindestverzehr pro Kopf verpflichten. Er besteht meist in zwei Maß Bier und einer Mahlzeit, unterscheidet sich aber von Zelt zu Zelt. Und zwar verpflichtet man sich schriftlich dazu, noch bevor die Preise festgelegt sind, das werden sie nämlich erst im Juni.
Erst wenn man das Geld für diesen Mindestverzehr (oder mehr) überwiesen hat, ist die Reservierung wirklich bindend. Man erhält im Gegenzug Gutscheine für Getränke und Speisen, mit denen man im Zelt bezahlt.

Dann muss man nur noch pünktlich am reservierten Tisch erscheinen, sonst erlischt die Reservierung im letzten Moment. Die Reservierungen des Tages hängen am Haupteingang der Zelte aus (Name, auf den reserviert ist, sowie Reihen- und Tischnummer), so können sich alle Gäste zurechtfinden.

§

Nicht erst als klar war, dass die Agentur diese Oktoberfestreservierung übernehmen und eigene Kunden einladen würde, hatte ich meine große Abneigung gegenüber der Veranstaltung klargemacht. Ich betonte mehrfach, wie sehr ich da nicht hin wollte, doch man bestand darauf – obwohl ich in dieser Agentur in keiner Weise Bezugsperson für die Gäste bin. Klar hätte ich mich krank lügen können, aber solche blanken Lügen, vor allem im Arbeitsleben, hebe ich mir dann doch für lebenswichtige Umstände auf.

Fast ebenso unnachgiebig verlangte man von mir, den Termin in Oktoberfestverkleidung anzutreten, knickte aber zumindest in diesem Punkt ein, als ich die Kosten dafür von der Agentur erstattet haben wollte.

Mir war übel und ich fror, als ich mich am Freitag kurz vor zwölf in den Menschenstrom von der Hackerbrücke zum Oktoberfest einreihte. Zu meiner Überraschung war der Weg gesäumt von lebenden Statuen – oder wie heißen diese Menschen in Verkleidung und Bemalung, teilweise sehr aufwändig, die auf Podesten stehen und dafür Geld möchten?

Die Betreuung in der Ochsenbraterei war sehr freundlich und professionell. Kaum saßen wir am reservierten Tisch, kam eine Bedienungsvorarbeiterin, begrüßte uns und erklärte das Prozedere. Sie schlug vor, die Gutscheine gleich mal einzusammeln (ich gab ihr zwei Drittel) und deren Wert abschließend mit der Zeche zu verrechnen (es ist also keineswegs so, dass mit der Bestellung eines halben Liters Wasser gleich die 9,90 Euro für eine Maß weg sind). Zusätzliches konnte man bar und mit EC-Karte begleichen.

Die Kapelle war, wie alle Oktoberfestkapellen, musikalisch hervorragend. Kurz nachdem ich meine Radlermaß bekommen hatte, spielte sie den Gefangenenchor aus Nabucco, ich amüsierte mich, und dass gefühlt das gesamte Bierzelt gerührt schunkelnd mitsang (auf „Lalala“, nicht etwa mit Operntext), ist für mich bis auf Weiteres das bezeichnendste Bild für die Veranstaltung.

Ein Geschäftspartner der Firma saß mir gegenüber und machte freundlich Konversation, ich rettete mich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Eine liebe Kollegin kam eigens an meine Tischseite, um mich für meine Haltung zu loben, ich war mir noch peinlicher also ohnehin schon.

Nach anderthalb Stunden, als die Gruppe auch Essen bestellt hatte, sah ich meine arbeitsvertragliche Pflicht für erfüllt an, schob einem Kollegen den Umschlag mit den restlichen Gutscheinen rüber und ging zurück ins Büro. Selten habe ich mit größerem Enthusiasmus einen Berg Arbeit weggeschafft. (Und wenigstens eine Hand voll Nüsse gegessen, bislang hatte ich nichts heruntergebracht.)

§

Als ich abends heimkam, war ich völlig durch den Wind: Nachmittags war auch noch ein unerwartetes, dringendes Projekt aufgetaucht. Um irgendwie runterzukommen, verfiel ich erst mal in wahlloses Räumen in der neuen Küche (der Mitbewohner hatte bereits den ganzen Nachmittag hindurch geputzt und geräumt).

Eine bessere Idee war der anschließende Ausflug in eine garantiert Oktoberfest-freie Bar: Auroom.

Champagnercocktail Orange Blossom:

140926_Orange_Blossom

Thymian-Gimlet:

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Dazu gab es Bar-Food, ein wenig war mein Appetit zurückgekehrt: mit Mandeln gefüllt Oliven, gebratene Speckdatteln, Saté-Spieße.

die Kaltmamsell

25 mal Beifall zu “Journal Freitag, 26. September 2014 – beruflicher Oktoberfestbesuch”

  1. Gaga Nielsen meint:

    Ganz unabhängig davon, ob man das Oktoberfest als gastronomisches Highlight empfindet oder nicht, die Umstände bei der Reservierung sind ja die reinste Raketenwissenschaft. Ich nehme an, die meisten Besucher gehen wohl in kleineren Gruppen von zwei bis vier oder sechs Leuten hin und schauen dann, wo sie eine freie Bank erwischen. Die Bezahlungsmodalitäten finde ich auch sehr kurios – zurerst muss man alles bezahlen, auch die Bewirtung von Gästen, die dann vielleicht zu spät am reservierten Tisch eintrudeln oder gar nicht? Auf jeden Fall ein gutes Geschäft. Wenn man ohne Zwangs-Gesellschaft dort hingeht, ist man sicher freier und kann dem Ganzen aufgeschlossener gegenüberstehen. Ich war mal im Hofbräuhaus in Las Vegas, wo ähnliches zelebriert wird, auch sehr gute live Musik war. Ich war in Gesellschaft von drei Frauen, Las Vegas war nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Arizona, und wir waren alle eigentlich von Hause aus keine großen Freundinnen von Bierzelten und Kirmesrummel – das war eher eine launige Anwandlung, dass wir da waren – die Stimmung hat uns aber mitgerissen, sogar die (amerikanischen) Bedienungen haben bei den volkstümlichen Weisen getanzt und laut mitgesungen. Das war im Grunde Rock’n’Roll. Äh. Ja. Vielleicht hat es mich auch deshalb so amüsiert. Ich traue mir aber zu, dass ich mit der entsprechenden Begleitung auch beim Oktoberfest Gaudi haben könnte. Wenn man das alles mit viel Humor nimmt.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ich bin mir durchaus bewusst, Gaga, dass der Mangel auf meiner Seite liegt – Millionen Fliegen Besucher können ja wohl nicht irren. Trotzdem wünsche ich mir so sehr, dass auf diesen meinen Schaden ein bisschen Rücksicht genommen wird. Und sei es nur so weit wie auf Laktoseintoleranz.

  3. iv meint:

    puh. das treibt einem ja beim lesen den angstschweiß auf die stirn. wie gut, dass es am abend gegenprogramm gab.
    ein einziges mal war ich auf dem oktoberfest, mit einer wiesnfesten freundin, die sofort zielsicher erkannte, dass für mich eher der kindernachmittag geeignet ist. riesenrad und backfischsemmel habe ich in guter erinnerung, trotzdem nie wieder das bedürfnis gehabt, nochmal hinzugehen.

  4. Gaga Nielsen meint:

    Kann ich mir schon lebhaft vorstellen, dass man sich genötigt fühlt, wenn man in einer Stadt lebt, die aus allen Poren fast ganzjährig Blasmusik, Starkbier, Dirndln und Weißwürschte schwitzt. Ich war auch noch nie dort und habe auch keine echte Sehnsucht. Bayern ist in dieser Hinsicht sehr anstrengend. Ich erlaube mir das zu sagen, weil ich die ersten zwanzig Lebensjahre im „Freistaat Bayern“ verbracht habe und in meiner Kindheit durchgängig mindestens zehn mal im Jahr in solchen Bierzelten herumgekrabbelt bin, weil mein Vater sich in den Kapellen etwas nebenher verdient hat. In diesen Blasmusikkapellen spielen nämlich auch Musiker, die sonst in Swing-Bands oder philharmonischen Orchestern spielen, wenn sie gut genug sind, versteht sich. Sobald ich halbwüchsig war, habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt, dahinzugehen. Das war mir alles atmosphärisch zu grobschlächtig und hundertmal erlebt. Ich bin da auch nicht sentimental. Aber der Las Vegas-Trip zum Hofbräuhaus hat mir gezeigt, dass man das Ganze auch mit den Augen einer amerikanischen Besucherin betrachten kann. Und dann ist es ein kurioser Teil der bunten Weltkulturen. Mit der ich mich aber nicht identifizieren muss, und auch ohnehin nicht identifiziert werde. Veranstaltungen, die man in einem beruflichen Zusammenhang mitnehmen muss, sehe ich mittlerweile sportlich. Hätte mich übrigens interessiert, wie die Kleidung nun ausgesehen hat, bei diesem Oktoberfestbesuch. Ein Dirndl war es ja nun nicht, wie wir wissen.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich trug Cowboyhosen, Gaga, auch als „Jeans“ bekannt, passend zu den Holzfällerhosen der Oktoberfestverkleidung (mit schwarzem Pulli). Und ich hatte mir eigens Ohrringe und einen Halskettenanhänger in Brezenform besorgt. Da ich die Grundlage der Oktoberfestverkleidung weiterhin nicht verstehe, kann ich auch nicht mitdenken. So gibt es überzeugte Dirndlträgerinnen, die eine klare Meinung zu No-gos haben, doch auch deren Dirndl ist keineswegs eine lokale Tracht, sondern – ja was? Aus Ethnologinnenblick ein genauso künstliches Operettenkostüm wie die 39-Euro-Fetzen, die in Buden angeboten werden.

  6. Gaga Nielsen meint:

    Haha, Brezen-Ohrringe und -Halskette! Das klingt aber schon sehr nach bayrischem Fasching. Sicher war der Schmuck auch für den Chef unübersehbar. Wurde das Geschmeide kommentiert? Ich finde das ist schon ein sehr sportlicher Ansatz, der Bekleidungsvorschrift genüge zu tun. Ich wäre zufrieden gewesen. Die Absicht zählt! Nun frage ich mich aber, ob die Firma die Anschaffungskosten für den Schmuck übernimmt. Wenn ich so aus der Distanz Fotografien vom Oktoberfestpublikum auf mich wirken lasse, habe ich den Eindruck, dass alles möglich ist, wenn irgendein folkloristisches Versatzstück dabei ist. Was ich aber als Evolution empfinde, eingedenk meiner Kindheitserinnerungen, wo wirklich nur herkömmliche Trachtenkleidung oder gutbürgerliche Ausgeh-Aufmachung akzeptiert wurde. Mir geht noch durch den Kopf, dass es vor einiger Zeit hier Berichterstattung über den Besuch eines Tanzkurses gab, wo volkstümliche, alpenländische Tänze gelernt wurden. Könnte man das dort nicht ausleben? (ich frage ja nur)

  7. Anke meint:

    Ich hasse größere Menschenmengen. Ich mag keine Betrunkenen (solange ich nicht selbst betrunken bin). In meiner Heimatstadt Hannover findet das größte Schützenfest der Welt statt und ich habe den Reiz desselben nie nachvollziehen können. Und dann stand ich vor vier Jahren das erste Mal in München in der Augustiner Festhalle, in der 3.000 (?) Menschen gleichzeitig mit Bierkrügen anstoßen – und war verliebt. Seitdem bin ich Wiesnfan und habe keine Ahnung warum.

  8. Maria Hofbauer meint:

    Bei jenen Leuten, die sich das Prozedere der Reservierungen fürs Oktoberfest einfallen haben lassen, muss es sich um direkte Nachfahren eines Raubrittergeschlechtes handeln.

    Um es kurz zu sagen: Solche Festivitäten sind ein Alptraum für mich. „Atmosphärisch grobschlächtig“ ist in dieser Hinsicht eine enorm treffende Beschreibung.

  9. pepa meint:

    Oh nein, was für eine Qual!
    Kann die Kälte und Deine Übelkeit gerade körperlich spüren und finde Deinen Einsatz mehr als heldenhaft!
    Und falls diese Reaktion wirklich auf einen „Schaden“ zurückzuführen sein sollte, dann habe ich genau den gleichen.

  10. Trippmadam meint:

    Auf dem Weg zum Recycling-Container fiel mir gestern ein sympathischer Aushang auf: „Trachten müssen leider draußen bleiben.“ Leider sind Sie und ich für die fragliche Lokalität zu alt, werte Kaltmamsell. (Über Trachten und warum Dirndl bestenfalls ein primitiver Abklatsch davon sind, wollte ich eigentlich noch etwas bloggen, aber mir fehlt die Energie.)

    Ich melde mich am alljährlichen Firmen-Oktoberfest-Termin regelmäßig völlig uneigennützig zum Telefondienst, was mich dieses Jahr nicht davor bewahrte, vom Oberchef wegen unpassender Kleidung (lies: kein Dirndl) angepflaumt zu werden. Oberchef ist übrigens im selben erzpreußischen Kaff geboren wie ich.

  11. Anke meint:

    Lese mit ein bisschen Abstand meinen Kommentar noch mal, der da doch irgendwie sehr unsensibel rumsteht. Neuer Versuch: Ich bin froh, dass du deinen Oktoberfesttag überstanden hast und dass es dir besser geht. Irgendwann werde ich dich zu einer kleinen Mittagswiesn überreden, ohne Dirndl (aber ich sehe so gut darin aus!), und wir essen einen Schmalzkuchen und gehen Dosenwerfen und dann ganz kurz auf eine winzige Maß auf die Oide Wiesn, die viel puscheliger ist als die große, und vielleicht ist es dann gar nicht mehr so doof. Bambieyes?

  12. die Kaltmamsell meint:

    Die Rummelplatzseite des Ganzen finde ich sogar attraktiv: Kettenkarussel, Riesenrad, türkischer Honig, Fischsemmel, glasierte Früchte. Mein Horror basiert allein auf den Bierzelten – doch für die meisten IST das das Oktoberfest.

  13. die Kaltmamsell meint:

    Sehr gerne, Anke, auch Sebastians Vorliebe für den letzten Oktoberfestsonntag kann ich nachvollziehen.
    Wahrscheinlich bin ich auch hier nie der Pubertät entwachsen – Volksfest hat für mich nichts mit Bier zu tun, sondern mit Karusselfahren, Losbuden, Essen.

  14. Steffie meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    ich kann Ihren Argwohn absolut nachvollziehen. Mich hatte es für 4,5 Jahre aus dem beschaulichen Dresden bzw. ursprünglich aus dem Norden nach München verschlagen und 2x im Jahr gingen wir mit der Firma hin – einmal mit Kollegen, einmal mit Kunden. Beim ersten Mal saß ich noch sehr rehäugig und verschreckt in der Ecke. Besonders der Hin- und Rückweg zum Zelt – wir hatten immer die 17-Uhr-Reservierung – haben bei mir immer Angst und Respekt ausgelöst. Menschenmassen trete ich nicht sehr aufgeschlossen gegenüber. Besoffenen Menschenmassen noch weniger. Aufgrund des Weges zum Zelt fühlte ich mich in der für uns reservierten Box dann immer ganz sicher. Sie lag am Hinterausgang des Zelts, gleich bei den Toiletten, und umschlossen von bekannten Gesichtern fühlte ich mich dann immer ganz wohl. Ich bin dann sogar richtig aufgetaut und gern hingegangen, habe mit auf Tischen und Bänken gesungen und getanzt, jedoch versucht, nüchtern zu bleiben. Meist folgte auf eine richtige oder Radlermaß eine alkoholfreie (besonders im Paulaner-Zelt hervorragend). Den Rückweg habe ich nie allein angetreten – das war für mich sehr beruhigend. Mein Highlight war die Kettenkarusselfahrt zu später Stunde mit der Frau meines Chefs. Ich muss eigentlich auf jedes Kettenkarussel das ich sehe – außer auf das ganz hohe auf dem Oktoberfest – einmal reicht ;)
    Bis zum Schluss habe ich mich gegen ein Dirndl gewehrt. Und bin lieber mit Cowboyhosen ;) und einer im Second-Hand-erworbenen Wiesnbluse (rot mit Herzchen und Hirschhornknöpfen, an den Schultern reichlich abgewetzt) gegangen.
    Ich bedaure es, nie am letzten Wochenende und nie mal über Mittag oder auf die oide Wiesn gegangen zu sein – das stelle ich mir recht gemütlich vor. Aber nach München nur zum Oktoberfest fahren werde ich nicht machen…und ich glaube nicht, dass es mich noch einmal für längere Zeit nach München verschlägt…aber wer weiß das schon.
    Auf jeden Fall fühle ich mit Ihnen, Sie haben Tapferkeit gezeigt und ich bin froh, dass Sie sich nicht in Tracht zeigen mussten. (Gespannt bin ich aber auf das Trachtenoutfit für den Geburtstag Ihrer Mama.) Ich hoffe trotzdem, dass es eine ganz angenehme Zeit war. Und schade, dass Sie nichts gegessen haben! Ich fand gerade das Essen recht gut!

  15. oachkatz meint:

    Ich musste beim Lesen an diese heute gelesene Kolumne denken: vielleicht hilft’s ein bisschen, die schlimme Zeit zu überstehen.
    Ich komme selbst ursprünglich aus Augsburg und neben Countrymusik habe ich als Jugendliche und junge Erwachsene wenig so verabscheut wie die Bierzelte auf diversen größeren und kleineren Volksfesten, obwohl ich alles andere am Rummel liebte, vor allem am geliebten Plärrer.
    Dirndl hätte ich niemals angezogen und würde es auch heute nicht, wobei der Druck im weit entfernten Preussenland diesbezüglich glücklicherweise nicht so hoch ist.

  16. maz meint:

    Der Reservierungsprozess ist sehr beeindruckend. Fast schon ein guter Roman mit einigen Spannungsbögen…
    So kenne und liebe ich meine Deutschen: wenn sie alles so lustvoll durchorganisieren

  17. die Kaltmamsell meint:

    Danke, oachkatz – nur dass Colin Goldner und ich die Minderheit sind. Es stimmt leider nicht, dass die Oktoberfestbelange in München „keine Sau interessieren“. Drei Wochen lang ist in München der Gesprächseinstieg Nr. 1: „Warsd‘ scho auf da Wiesn?!, „Geh ma auf’d Wiesn?“

    Oh ja, maz – und hier spüre ich meine deutsche Seite auch am intensivsten: Auf diese prozessoptimierte Effizienz fahre ich total ab. Mittlerweile sehe ich „bürokratisch“ nicht mal mehr als Schimpfwort an: Mir kam die Erleuchtung, dass sie im Grunde Gerechtigkeit zu Ziel hat – ent-individualisierte, gefühllose Gerechtigkeit, aber eben das Gegenteil von Abhängigkeit von persönlichen Beziehungen und Privilegien, von Abhängkeit vom Wohlwollen des Zuständigen. (Ziel!)

  18. Julia meint:

    Ich habe 5 Jahre direkt am Festgelände gewohnt & fand immer unsäglich, dass die Anwohner durch parkende Italiener-WoMos, Besoffene mit allen (!) Körperflüssigkeiten, großflächigen Straßensperren usw. belästigt werden, nur, um dann am einzig freien Tag (Sonntag) nicht auf die Wiesn zu kommen, weil das gesamte Gelände wegen Überfüllung geschlossen ist. „Nehmen’s halt an Dag frei!“. Ja, klar. Ich bezahle nicht nur das ganze Drumherum mit, halte die Auswüchse aus, ich nehme auch noch einen Tag Urlaub, nur weil das dann den Wiesnwirten besser ins Kalkül passt. Ich bin sehr froh, dass ich diese 16 Tage nun nur noch aus der Ferne miterleben muss…

  19. Claudia F. meint:

    Vielleicht noch eine Ausrede für das nächste Jahr: „ich gehöre einer Sekte an, die es mir nicht erlaubt auf Volksfeste zu gehen“. Das ist meine Standard-Ausrede für alle möglichen Anfragen von Menschen, die es nicht akzeptieren, dass ich irgendetwas einfach nicht mag, auch dann nicht wenn es eine Million Fliegen – äh Menschen gibt, die das anders sehen.
    Aber dies wird – genaus wie Laktoseintoleranz – akzeptiert und genauso selten hinterfragt.

  20. Bergmeister meint:

    Ich würde mir ja wünschen, dass dem Pöbel diese unfassbare Umweltsauerei verboten wird. Schön wäre auch, dem Plebs nach seiner Schichtarbeit im Krankenhaus oder am Fließband nur noch ein Taschengeld zu überlassen. Über die Verwendung der Wertschöpfung entscheiden dann die Stil-und Lebenserwartungsinstanzen auf diesem Blog. Bei uns in Nordkorea funktioniert das super.

  21. Croco meint:

    Diese Abneigung kann ich gut verstehen.
    Bin ich doch im Besitz eines Gehirns, das kaum filtert und alles an Geräuschen, Gerüchen und anderen unsäglichen Sinneseindrücken wahrnimmt und dann wegen Überforderung Migräne meldet und runterfährt.
    Eigentlich reicht mir dafür auch ein Schulfest.

  22. Karin Anderson meint:

    Oje, da bricht einem ja schon beim Lesen der Angstschweiss aus. Gegen Schunkeln war ich als Nordlicht sowieso schon immer allergisch.
    Das Oktoberfest samt Lederhosen und Dirndl hat (leider) das amerikanische Deutschlandbild nachhaltig geprägt, und der Begriff „Oktoberfest“ wurde ins Amerikanische übernommen. Jeder Ort feiert hier eins, wobei auch ein paar skurrile Regeln aus der Prohibitionszeit den Veranstaltern (und dem Teufel Alkohol) Hürden setzen: Alkohol darf nämlich nur in abgrenztes Räumen ausgeschenkt werden – wobei allerdings ein Feigenblatt/Seil genügt.

  23. Sebastian meint:

    Auweh, zu Mittag in der Ochsenbraterei, das klingt ja noch ganz gesittet, umso mehr bedaure ich, dass es zu soviel Selbstverpein geführt hat. Die ersten fünf Münchner Jahre wohnten wir festwiesennah, ohne die Auswüchse zu spüren, und gingen gern 2-3mal die Woche mittags zum Essen.

    Weil das aber wieder bis zu 20 Jahre her ist, könnte ich jetzt auch schon sagen „Ja früher“. Tatsächlich ist es derzeit ab Mittag schon rund um den Bahnhof ein Graus, und als ich am Samstag jemanden mit dem Auto aus Versehen von dort aus nahe am Fest vorbei lotsen musste, hatte das was von „The Night of the Living Dead XXL“ Nach dem Dunkelwerden ist die Wiesn die Hölle, und kurz davor auch schon, wie ich jetzt bei einer dienstlichen halben Stunde erleben musste. http://goo.gl/sJD87C

    Und doch… am Samstagfrüh um zehn traf ich mich mit den Tenören des Kirchenchors auf der Oidn Wiesn, und das waren die vier schönsten Stunden seit langem auf dem Fest. Grad mit dem Wissen, dass auf der anderen Seite der Wand (ja, sie hat Burgmauerfunktion) derweil der Wahnsinn erwacht.

  24. padrone meint:

    Montag (29.09.) mittags im Ammerzelt. Türen und Fenster weit offen. Sehr hell und frisch. Unaufgeregte, entspannte Atmosphäre. Tische weiß gedeckt (Stoff). Soweit ersichtlich alles geckenfrei. Auf dem Balkon handgemachte Volksmusik. Dezente Lautstärke. Freundlicher, zuvorkommender Service. Augustiner Bier (liefert als einzige Münchner Brauerei noch Holzfässer zum Oktoberfest). Sehr gut gegessen (Naturland-Hendl). Zuvor Nachfrage nach dem gewünschten Bräunungsgrad. En passant Seitenhieb auf das Elend der gemeinsamen Heimatstadt (http://www.extraprimagood.de/2014/09/30/liebe-ingolstaedter-festwirte/). Frage (ernst gemeint): Wollen wir das mal (bei freier Kleiderwahl) gemeinsam machen? Oder ist in Sachen Oktoberfest jeder Zug abgefahren?

  25. die Kaltmamsell meint:

    Mir fallen SO viele Orte ein, padrone, an denen mich Hendl und Volksmusik erfreuen – warum muss es ausgerechnet und unbedingt das Oktifest sein?
    Heute Morgen schon schrieb ich schon dem abgefallenen Oktoberfestfreund Sebastian, dass wir uns einfach am besten in 20 Jahren als Rentner dort treffen – wenn das Oktifest uncool geworden und zu sich selbst zurückgekehrt ist. Ich will aber Karussel fahren und glasierte Früchte.

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