Der auktoriale Erzähler kehrt zurück

Montag, 26. April 2004 um 13:22

Rechts George Clooney

Aber hallo wie der zurückkehrt! Gestern habe ich von Wolf Haas Komm, süßer Tod gelesen. Nach vielen Jahren endlich mal wieder ein deutschsprachiger Roman, der handwerklich so richtig scheißgut gemacht ist.

Es ist echt ehrlich Zufall, dass der Krimi sich schon wieder um ein ER-Thema dreht, mein Mitbewohner hatte mir das Buch schon vor zwei Wochen empfehlend in Sichtweite gelegt. Und das hat er gut getan.

Komm, süßer Tod verwendet nämlich eine Erzählperspektive, die längst aus der Mode gekommen ist: den auktorialen Erzähler. Zur ansetzenden Hochblüte des Romans als Genre (18. Jahrhundert) war die Technik Standard: Meist hat sich der Autor des Buches als solch ein Erzähler geriert, „Lieber Leser“ geschrieben, diesem Leser mal kurz die Personen erklärt, den einen oder anderen Hinweis auf kommendes Geschehen gegeben, gerne auch mal das eben Erzählte ordentlich analysiert. Leute wie Jane Austen und später Charles Dickens spielten dann bereits mit dieser Technik, lenkten die geneigte Leserin auch mal in die Irre.

Das Ende des 19. Jahrhunderts und die Moderne schafften diese Art des Erzählens ab. Der erkennbare Erzähler verschwand immer mehr, statt dessen verschaffte die personale Perspektive dem Leser die Illusion, der Handlung und den Personen ungefiltert zu folgen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das, was vom Erzähler übrig blieb, nannten wir Literaturwissenschaftler den „impliziten“ Erzähler, der lediglich in Wortwahl und in der Auswahl von Details oder Adjektiven erkennbar ist.
Ausnahmen gab es immer schon; so ist mein liebster zeitgenössischer Autor des 19. Jahrhunderts John Irving.

Der Haas Wolfgang schiebt einen Erzähler vor, wie er seit Tristram Shandy nicht mehr auktorialer war – und Tristram Shandy zählt nicht, weil der als „Ich“ auftrat. Dieser Erzähler stellt sich vom ersten Satz an brettelbreit vor den Leser und legt los. In mündlich geprägter Straßensprache ohne großen Bildungshintergrund wedelt er mit dem Zeigefinger, erzählt die Geschichte des ehemaligen Detektivs Brenner, der als Krankenwagenfahrer ins Schlamassel gerät, erklärt die Welt im Allgemeinen und das Wiener Sanitäterwesen im Besonderen, legt dabei gerne auch mal verschwörerisch den Arm um des Zuhörers Schulter. Es ist immer ein Zuhörer, den er anspricht, nie ein Leser – die Leute, die er anspricht, lesen eher keine Bücher. Dieser Erzähler hat so viel eigene Persönlichkeit, dass ich jederzeit darauf gefasst war, dass er um die Ecke der Kreuzretter-Garage biegen und sich ins Personal der Handlung einreihen würde.

Mit diesem Kniff ist auch das Problem der Informationsvermittlung gelöst. Nun kann jeder Roman einen sachlichen Absatz einschieben, in dem er Hintergründe („Seit 40 Jahren stand das Haus schon vor den Toren der Stadt…“) oder Vorgeschichte („Es war nicht das erste Mal, dass er ihr begegnete. Er erinnerte sich nur zu gut an den kalten Januartag, als sie…“) darlegt. Aber das ist fad. In Komm, süßer Tod bekommt der Leser die Informationen direkt vom Herrn Erzähler (doch, in meinem Kopf eindeutig ein Mann), stark gefärbt durch seine Perspektive. Diese Färbung macht jede Information gleich noch mal so interessant. Und falls jemand etwas gegen seine Sicht der Dinge hat, watscht der Erzähler gleich mal prophylaktisch in die Richtung von „Psychologie-Ding“.

Erfrischend. (Und: Ja, Bach kommt drin vor.)

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Der auktoriale Erzähler kehrt zurück“

  1. meike meint:

    ich gestehe: ich liebe wolf haas auch und das nicht nur, nachdem er gleichzeitig, als ich "das ewige leben" las, sich für "uschi" begeisterte…

  2. die Kaltmamsell meint:

    Uuuhh! Dann sprich ihn doch das nächste Mal auf seine Zeit als Lektor an der Uni im grässlichen Swansea an (da hab ich auch ein Jahr studiert)…

  3. meike meint:

    ich kenne ihn noch nicht persönlich, angeblich gibt es noch eine andere frau in seinem leben…

  4. Joshua meint:

    Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch. Ich kenne kein professioneller gemachtes Hörbuch. Der Film ist eher so naja.

  5. L9 meint:

    Ja – der Haas und der Brenner – die sinds schon. Der Film hat mir auch gut gefallen. Vor allem weil der Erzähler dann als Stimme im Hintergrund fungiert.

  6. Lyssa meint:

    Ich bin frisch verliebt in Philip Ardaghs "Awful End" – aus dem Kinderbuchregal, Abteilung für Erwachsene. Er erklärt sogar "big words" wie conurbations und unterhält mit völlig absurden Einschüben: "How he came to forget the wail on that particular birthday has to do with a lady hypnotist called the Great Gretcha, and is another story."

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke Lyssa, ist schon auf meine Wunschliste geschoben!

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