A dance to remember

Mittwoch, 12. Januar 2005 um 16:21

Oder: Als Euterpe und Terpsichore zusammen einen heben gingen.

Chorfestival in Aschaffenburg, Mitte der 80er. Ich hatte mit meinem Jugendchor teilgenommen, hier einen Wettbewerbsauftritt gehabt, dort ein Konzert gegeben. Wir fühlten uns all den anderen Chören, die ja so furchtbar arrogant waren, weit überlegen. Dennoch ließen wir uns dazu herab, aufs Abschlussfest zu gehen.

Die Feier fand in einer klassischen Dreifachturnhalle mit grellem Licht statt und war sehr rustikal. Als ich mit einigen Mitsängerinnen ankam, spielte schon längst die Kapelle. – Die Kapelle! Eine echte Tanzkapelle! Damals war ich begeistertes Tanzschul-Mitglied und hatte bereits schmerzlich festgestellt, dass die Zeit, in der es regelmäßig öffentliche Gelegenheiten für diese Art der Bewegung gab, so gut wie vorbei war. (Noch heute träume ich von den amerikanischen Lokalen der 40er und 50er, in denen man ein gepflegtes Steak essen konnte und zu Live-Musik tanzen. Zu viele Perry-Mason-Romane gelesen, vermutlich.) Hier wäre eine der seltenen Gelegenheit gewesen – und ich saß ohne Partner da.

Den Gesprächen am Biertisch konnte ich kaum folgen, solch eine Sehnsucht lösten die Musik und der Anblick der tanzenden Paare aus. Gleichzeitig wollte ich natürlich auf keinen Fall zu bedürftig aussehen, das wäre ja noch schöner gewesen.
Doch dann wurde auch noch mein geliebter Tango gespielt…!

Da trat der Franz vor mich hin. Mit dem Franz, gerne auch Frrrrunz genannt, hatte ich immer viel gelacht, er war ein lustiger Kerl. Aber er war auch ein untersetzter Tenor und mit seinem ungepflegten, schütteren Haar, seiner unmodischen Brille, den abgebissenen Fingernägeln, dem Baggerführerpullover überm Karohemd und der Hochwasserhose aus braunem Cord deutlich auf der unattraktiven Seite. Von einer Freundin vom Franz oder einer wie auch immer gearteten Liebschaft hatte noch niemand gehört; regelmäßig musste er sich deshalb hochnehmen lassen. Der Franz hatte damals gerade das beste Abitur der Stadt geschrieben und war mit Bild in der Lokalzeitung gestanden (was sein Fernfahrer-Vater als Schande empfand, weil jetzt die ganze Nachbarschaft über sie sprach). Den unangenehmen Streber-Verdacht konnte er eigentlich nur durch seinen brachialen Humor entkräften. Niemals hätte ich also den Grund erraten, aus dem der Franz in diesem Moment vor mich hin trat: Er bat mich um einen Tanz. Ich nahm mir gar nicht erst die Zeit mich zu wundern, ich war so von Tanzverlangen zermürbt, dass ich auch Franz Josef Strauß auf die Tanzfläche gefolgt wäre.

Dort fasste mich der Franz ohne Federlesen an, drückte mich an den richtigen Stellen an sich und begann, mit mir Tango zu tanzen. Wir verschmolzen so schlagartig miteinander, dass ich keine Zeit fürs Verdutztsein hatte.
Rück, rück, Wiegeschritt, vor seit Platz.
Rück, rück, rück seit Dreh, vor seit Platz.

Der strähnige, mopsige Strebertenor war ein begnadeter Tänzer! Er bewegte sich und damit mich mit einem energischen Selbstbewusstsein, dass ich mich vollkommen in den Tanz fallen ließ. Der Franz führte so sicher und gut, dass ich mich in Schrittfolgen und Figuren wiederfand, die ich noch nie gesehen hatte.

Trotz aller Versunkenheit in die Musik und in den Tanz nahm ich eines doch wahr: Die Tanzfläche leehrte sich. Um uns sah man immer mehr von den Handball- und Basketballmarkierungen auf dem Turnhallenboden. Ein Paar nach dem anderen hörte auf zu tanzen, um uns Platz zu machen und zuzuschauen. Es war mir egal. Wie in einem schlechten Highschool-Film konnte ich mich später immer noch fühlen.

Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, ob ich noch weitere Tänze mit dem Franz getanzt habe. Aber an diesem Abend war ich so in ihn verliebt, dass ich ihm nicht mehr in die Augen schauen konnte.
Das legte sich glücklicherweise am nächsten Tag mit einem Schlag, als er auf der Heimfahrt einen besonders brachialen Kalauer durch den Bus trompetete, gefolgt von seinem keckernden Lachen (Tenor halt).

Der Franz hat dann übrigens Kirchenmusik studiert, nach dem Abschluss keinen rechten Spaß mehr daran gehabt und kurz mal ein Medizinstudium drangehängt. Er müsste heute irgendwo als Facharzt für Allgemeinmedizin praktizieren.

Franz, wenn Du irgendwo da draußen bist: Willst Du mit mir tanzen?

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „A dance to remember“

  1. dieJulia meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    eine dieser Geschichten, die das Leben besser schreibt als jeder Hollywooddrehbuchschreiber – und so erzählt, daß man nachgerade süchtig auf mehr wird. Bin jetzt schon einige Tage auf der Vorspeisenplatte unterwegs und gustiere mit großem Genuß: Großes Kompliment und bitte nicht aufhören! ;-)

    Liebe Grüße aus Wien
    dieJulia

  2. holger meint:

    Hallo,

    die richtige Erkenntnis kommt meistens zu spät, aber ein Recht auf richtig Entscheidungen hat halt keiner, so ist halt das Leben.

  3. cdv! meint:

    #hach (Und dann nehm‘ ich noch das h aus lehrte und schubse ein e dafür hin. Ok?)

  4. die Kaltmamsell meint:

    Danke für den Hinweis, cdv!.


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