Reisetagebuch Brighton 2005 (Freitag)

Samstag, 21. Mai 2005 um 16:20

In Brighton ist derzeit Brighton Festival mit Veranstaltungen aller kultureller Art. Also gingen wir ins Theater, in ein Double Feature mit Stuecken von Shaun Prendergast im Theatre Royal. Dass es in englischen Theatern keine Garderoben gibt, wusste ich noch: Die Zuschauer legen ihre Maentel und Jacken meist zusammengefaltet auf ihren Schoss – im Winter sehr unbequem. Aber dass im Theater gegessen und getrunken wird, hatte ich vergessen – Bier, Gin and Tonic, Wein, Schokoriegel, Crisps, Gummibaerchen. Alerdings geht das mit erstaunlich wenig Geraeusch.

Wir sahen zunaechst The True History of the Tragic Life and Triumphant Death of Julia Pastrana, the Ugliest Woman in the World. Nur dass „sehen“ falsch ist: Das Stueck wurde in kompletter Dunkelheit aufgefuehrt.

Zunachst wurden wir Zuschauer, die wir Karten fuer die Raenge hatten, umdirigiert auf ordentliche Stuhlreihen auf der Buehne und setzten uns mit dem Gesicht zum Zuschauerraum. Dann trat die Regisseurin auf, Andrea Brooks, und erklaerte die Formalitaeten. Der Raum, sagte sie, wuerde gleich voellig abgedunkelt. Voellig? Voellig, auch die Notausgang-Lichter wuerden ausgeschaltet: „Yes, we’re allowed to do this.“ Die Auflagen der Aemter seien im Grunde wenige, denn, so Brooks, gefaehrlich werde es nur, wenn jemand aufstehe und sich im lichtlosen Raum bewege. Deshalb spannte sie ein Tau in Schenkelhoehe den Buehnenrand entlang und wies uns an, was wir Zuschauer zu tun haetten, falls einer – aus welchem Grund auch immer – raus muesse: „Raise your hand“, sie hob zur Demonstration die Hand wie zum Melden in der Schule, „and shout ‚usher‘!“ Einer der fuenf Platzanweiser im Raum werde dann seine Taschenlampe anschalten und den Lichstrahl ueber die Koepfe des Publikums gleiten lassen, bis er die gehobene Hand sehe. Dann werde er die Person nach draussen fuehren.

Danach wurde es tatsaechlich ungeahnt dunkel, und das Stueck begann. Hatte ich vorher noch vermutet, man haette vielleicht gleich ein Hoerspiel daraus machen sollen, wurde mir bereits klar, dass das nicht stimmte, als der erste Schauspieler mit schweren Schritten hinter mir quer ueber die Buehne ging und marktschreierisch die haesslichste Frau der Welt ankuendigte. Um sie ging es, Julia Pastrana, eine junge Suedamerikanerin, die im fruehen 19. Jahrhundert von ihrer Familie an einen Wanderzirkus verkauft wurde, wo sie in der Side Show vortanzte und sang.

Ja, das Stueck funktioniert nur in der Dunkelheit, allerdings fallen mir sofort einige andere Geschichten ein, die von dieser Art der Auffuehrung profitieren wuerden – Reisegeschichten zum Beispiel.

Als das Licht wieder anging, sah ich, dass erheblich weniger Schauspieler involviert waren, als ich gedacht hatte: zwei Frauen und drei Maenner in Schwarz, alle mit schwarzen Schuerzen. Jetzt bei Licht suchte ich nach den Hilfsmitteln, mit denen sie sich im Raum zurecht gefunden hatten. Ah, es waren an einigen Stellen schwarze Gummiseile gespannt, zudem dicke schwarze Kabel auf dem Boden befestigt.

Nach der Pause sass ich oben im ersten Rang auf der Royal Gallery. Gegeben wurde jetzt The False Corps: Ein manisch depressiver und stark geschminkter Komiker kuendigt als seine letzte Vorstellung an, er werde sich auf der Buehne erschiessen. Ein 19.-Jahrhundert-Arzt versucht, ihn davon abzubringen. Es geht um das Wesen der Komik, den Witz, das Lachen, das Publikum. Letztertes wurde immer wieder zum Eingreifen aufgefordert, hatte zu diesem Zweck auch beim Hereinkommen rote Plastiknasen bekommen (damit mussten wir dem Arzt beweisen, dass jeder von uns einen simplen Witz besser erzaehlen konnte als der Arzt, der behauptet hatte, Comedy sei ja wohl simpel). Hat Spass gemacht, das Stueck, war ellerdings zu kurz und schnell, als dass ich viel mitgenommen haette.

Sonst:

– Kleinkinder, die sich in einem Planschbecken am Strand vergnuegen, nackig und nass bis zu den Haarspitzen. Zwar war es nachmittags trocken mit ein bisschen Sonne, aber sicher nicht waermer als 17 Grad. Die Eltern der Kleinen sassen ja auch in Wollpullovern auf den Stufen zum Planschbecken.

– Polizisten und Polizistinnen, die den Strand auf dem Fahrrad patroullierten, sogar auf Mountainbikes. Statt der Polizistenmuetze trugen sie dunkelblaue Fahrradhelme, dazu gelbe Leuchtwesten.

– Aktuelle englische Mode: Anoraks mit pelzverbraemten Kapuzen (bei jedem Wetter); Stiefel zum Rock gerne auch gefuettert (bei jedem Wetter), am liebsten zu knielangen weiten Roecken mit Muster ueberm Saum. Ich nenne das hiermit den Kalinka-Look. Nachdem die Englaenderin bislang eher dazu tendierte, sich beim ersten Sonnenstrahl in Traegertops und Sandalen zu kleiden, halte ich diese derzeitige Mode fuer sehr gesundheitsfoerderlich.

– Louis de Bernieres hat endlich, endlich einen neuen Roman veroeffentlicht. Nach dem superben Captain Corelli’s Mandolin von 1994 hatte er nichts Laengeres mehr rausgebracht. Habe mir das Buch, Birds without Wings, gleich gekauft und beim Lesen des Klappentextes festgestellt, dass er tatsaechlich den Roman geschrieben hat, von dem er sprach, als ich ihn vor neun Jahren kennenlernte (ich betreute als Hiwi am Lehrstuhl fuer Englische Literaturwissenschaft die Schriftsteller, die uns das British Council schickte). Damals kam er gerade von einer ausgiebigen Tuerkei-Reise zurueck ud erzaehlte, er wolle unbedingt ueber die persoenlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen schreiben, die der tuerkisch-griechische Konflikt Anfang der 20. Jahrhunderts ausgeloest hatte, wahrscheinlich am Beispiel einer tuerkischen Siedlung auf griechischem Boden und einer griechischen auf tuerkischem Gebiet. Ich freue mich schon sehr auf das Buch.

Mal sehen, was ich vom Brighton Festival noch mitnehme. Sehr attraktiv klingt Artists Open Houses:

At a typical Open House you can see art displayed in an informal domestic setting and buy affordable artworks direct from the artist, maybe even having an invaluable chat and consultation with the artist over tea and home-made cakes (…) Entry is always free and it is an unique opportunity to view the homes and gardens of practising artists.

Unter den 750 Kuenstlern, die an 170 Orten in Brighton und Umgebung ausstellen, sind auch Fotografen; die wuerden mich interessieren.

die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Reisetagebuch Brighton 2005 (Freitag)“

  1. erpel meint:

    HiHi
    Da wollte ich bei google mehr zu „The True History of the Tragic Life and Triumphant Death of Julia Pastrana, the Ugliest Woman in the World.“ erfahren und was steht ganz oben? Ich fürchte ich drehe mich im Kreis…

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