Bildungsfernsehen: Musik

Samstag, 2. Juli 2005 um 15:50

Return of the Live Aid, dachte ich mir, könnte mir einen Eindruck über zeitgenössische Populärmusik verschaffen. Nun:

Die Herren Toten Hosen machen immer noch die Musik von vor 20 Jahren. Wenn ich immer noch dieselbe Arbeit wie vor 20 Jahren machte, schriebe ich auch heute auf der Basis des Polizeiberichts Meldungen für die Lokalseiten eines Provinzblattes. Wär vielleicht kein Schaden.

Coldplay sind also die wohlgeraten Söhne von Barclay James Harvest, süß. (Der Trommler trägt ein T-Shirt mit dem Cover der Kraftwerk-Platte Radioactivity; hey, das gehört MEINER Generation!)

Das London-Lied von Richard Ashcroft kann ich ab der Hälfte mitsingen. Ist das nun gut oder schlecht? Vielleicht mag ihm jemand einen dritten Akkord spendieren?

Bei Gitarren-Geschraddel wie von Good Charlotte schalten meine Ohren auf Durchzug, merke ich gerade.

McFly (Marty?) wiederum klingt, als wäre die Musik speziell für unjunge Leute wie mich gemacht. Hieß die Gruppe möglicherweise früher Kelly Family?

Elton John IST einer von diesen unjungen Leuten, wenn nicht sogar die Elterngeneration derselben. „Schmissig“ nannte man solche Musik damals, glaube ich. Wann wird der Werbspot eingeblendet, nach dessen Untermalung sie klingt? Für eine von diesen anti-erwachsenen Automarken vielleicht?

Duran Duran, rührend. Mit einem konservativeren Haarschnitt fiele der Herr Sänger im Vorstandsbüro 20 Meter rechts von meinem nicht auf. Den Gitarristen müsste er aber daheim lassen. Dieses Lied haben sie doch beim ersten Live Aid auch schon gebracht, oder? Ja, der Mann mit den rostroten Strähnchen hat es gerade zugegeben. Und jetzt singen sie auch noch „Wild Boys“! Uuuuh, Herr Sänger versucht, wild und böse zu schauen. Ganz lieb.

Dido (ich nehme an, das ist die weiße Frau und nicht der dunkle Mann) singt auf irische Volksliedweise – spricht dann aber überraschenderweise gar nicht mit irischem Akzent.

Green Day – Gitarren-Geschraddel mit Pausen mittendrin. Muss ja auch anstrengend sein für den Schraddler. Guckt auch ganz angestrengt.

Aus Johannisburg nur ein Querschnitt von Musik (mit vielen schönen dicken Frauen), die dort bislang gespielt wurde. Na ja, ist ja nur Afrika, interessiert doch eh niemanden. Halt, um welchen Kontinent geht es heute nochmal?

R.E.M, und der Sänger hat sich einen zwölf Zentimeter breiten blauen Balken über die Augenpartie gemalt – ist das vielleicht sein Markenzeichen? Ein jüngerer Schreihals vorhin hatte sich allerdings schwarze Waschbäraugen gemalt. Die Musik kenne ich aus dem Radio, R.E.M. sind wohl sehr populär.

18.30 Uhr
Habe leider den Namen der rappenden Band nicht mitbekommen, sie singen hübsch flotte Weisen. Sehr lustig ist allerdings, dass die einzige Dame auf der Bühne streckenweise zu den lasziven Bewegungen ansetzt, die weibliche Rap-Musikerinnen in Musikvideos als ausschließliche Bewegungsform präsentieren. Zumal die Männer ganz eindeutig mehr mit Musikmachen beschäftigt sind als mit Reaktionen auf ihre Balzshow.

19.45 Uhr
Annie Lennox sieht tatsächlich Else Buschheuer ähnlich. Else habe ich zwar lesen, aber nie singen hören; Sangeskünste kann ich daher nicht vergleichen. Frau Lennox höre ich sehr gerne singen. Was auch immer.
Schöner,altmodischer Rock. Und dann „Sweet Dreams“, hat sich gut gehalten. Das ist meine Party.

Bon Jovi, den kenne ich auch. Bombasto-Rock hat man also immer noch. Sängerisch ja `ne echte Leistung. Ohne saubere Stütze und Atmung hielte jemand wie Herr Jovi das nie ein Konzert lang durch. (Habe ich zumindest in den 80ern ständig über diese Sorte Band gehört, also Scorpions, Bonfire etc.)

Destiny’s Child verdeutlichen das Anliegen der Konzerte, indem sie eine Dame mitsingen lassen, die selbst vom Hungertod bedroht zu sein scheint. Auch diese Musik kenne ich aus dem Radio, ist also sehr breitenpopulär.

20.45 Uhr
Madonna fragt wiederholt: „Are you ready for the revolution?“ Ganz schön gewagt: I’m afraid you would be one of the first up against the wall, ma’m. So als Schlossbesitzerin und Multimillionärin.
Aber sie kann tatsächlich singen, kräftig und richtig.
„Music makes the people come together“, so so. Das ist also das amerikanische “Wo man singt, da lass dich ruhig nieder”?

Coco Mbassi – eben wollte ich bemerken, wie schön und fein die Musik ist, da war sie schon wieder weg. Ah, wir sind wieder im uninteressanten Südafrika.

Snoop Doggs Obersänger trägt zwei Zöpfchen, vermutlich symbolisieren sie die Hundeöhrchen des Bandnamens. Soul und Rap gemischt, nicht schlecht. Im nächsten Stück ist der Soulanteil fast verschwunden, jetzt wird’s beliebig. Vermutlich kommt’s mehr auf den Text an als auf die Musik. Ist mir aber zu anstrengend, mir den rauszuhören. Und dann kommt’s doch wieder soulig, das gefällt mir.

21.15 Uhr
Brian Wilson – oh Gott, lasst den armen alten Mann doch in Ruhe. Oder stellt zumindest sein Mikrophon ab. Er klatscht nicht mal im Rhythmus. Für die Sache alter Menschen können wir doch ganz einfach eine eigene Aktion machen, nein? Nein, das ist weit jenseits von rührend.

Kanye West hat Geigen, Celli und eine Harfe auf der Bühne. Gibt’s keine guten Synthesizer mehr? Oder ist das die Grand-Prix-de-la-Eurovision-Note? Ausgerechnet in Philadelpha? Wieder ganz viel Sprechgesang, ist mir wieder zu anstrengend rauszufinden, was dem jungen Mann so wichtig ist.

Shakira, die kenne ich! Das Lied kannte ich auch vom Hören, jetzt weiß ich, dass es von Shakira ist. Die shaket aber ihre Hips, was!

Ahas Sänger hat sich gut gehalten, aber seine Kollegen hören sich selbst beim Singen offensichtlich nicht – hat da jemand den Mischer geärgert? Oder hätt’mer’s dann doch lieber eine Terz tiefer nehmen sollen, hm?

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Bildungsfernsehen: Musik“

  1. Ina meint:

    also, einiges mus gesagt werden:

    1. gehts hier ncht um qualitativ hochwertige musik, sondern um die sache dahinter
    2. nichts gegen coldplay – die sind toll

    dem rest stimme ich zu.
    und zu einem größeren kommentar habe ich keine zeit
    grüße, de ina

  2. blue sky meint:

    Haha klasse, bis ins Detail genau das, was ich mir beim angucken/-hören gedacht habe. Bis auf Green Day, die fand ich großartig. Juli wären wohl besser im Studio geblieben, mit gestimmten Gitarren und elektronischer Gesangshilfe. Und Jesus Bono sollte man das Mikro abschalten, wenn er gerade nicht singt.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ui, Ina, das 1. sagen Sie aber hoffentlich keinem der beteiligten Musiker und Techniker. Sonst kommen die das nächste Mal mit Schellentambourin und ohne elektronische Verstärkung.
    Und das 2.: Haben Sie was gegen Barcley James Harvest?

  4. Erwin meint:

    „Die Sache dahinter“? Na ja, „die Sache dahinter“ ist komplizierter und vertrackter als sie von den Live-8-Machern dargestellt wird. Nehmen sie Uganda. Die hatten 2000 bereits einen Schuldenerlaß (2 Milliarden USD). Keinem der Armen in Uganda ging es dadurch besser. Es gab Anfangserfolge, ja, aufgrund des 1998 in Aussicht gestellten Erlasses. Bis 2000 die Schulden wirklich erlassen wurden. Dann ging es weiter wie vorher. Seit 2000 hat Unganda wieder rund 5 Milliarden USD Schulden angehäuft. Von diesen 5 Mia haben die Armen auch nichts gesehen. Die sind bei korrupten Beamten und Politikern gelandet. Mit etwas Glück auch etwas beim Mittelstand. So, Frau Ina, nun raten sie mal, was der Schuldenerlaß den Armen diesmal bringen wird?

    Übrigens haben sich die Finanzminister der G8-Länder bereits auf einen 55 Milliarden-Schuldenerlaß geeinigt (Uganda ist mit dabei). Der wird auf dem G8-Treffen nur noch abgesegnet.

    Lassen wir „die Sache dahinter“ mal ruhen, ich nehem so manch einem Musiker sein Engagement da nicht ab. Schauen wir auf die Musik. Dann sind die Konzerte eine recht wilde, merkwürdige Musikmischung mit Stars von Gestern und Sternchen von Morgen. Ein bisschen was zum „Mitschunkeln“ für uns Alte, etwas zum Mitsingen und -kreischen für die Kids. Na ja.

  5. Modeste meint:

    Herrje, war das voll. Und heiß. Mit Mühe, Frau Kaltmamsell, bin ich den Horden irgendwo auf der Straße des 17. Juni entkommen. Green Day fand ich aber wirklich gut, die mag ich. Solange habe ich auch ausgehalten, nachdem ich kurz nach dem Aufstehen zur Siegessäule geschleift wurde, weil meine Jungs alle zusammen Judith Holofernes verfallen sind. Und Audioslave mag ich (und nicht nur wegen ihres wirklich unglaublich schönen Sängers Chris Cornell).

  6. die Kaltmamsell meint:

    Von Green Day habe ich nur das erste Stück mitbekommen, also das gitarrengeschrammelte (dann Kuchenbacken).
    Judith Holofernes, schließe ich, ist eine Band? Die habe ich verpasst. Und wie es halt so mit Pop ist, haben sie vermutlich nicht die hebräischen Schlager gespielt, nach denen ihr Bandname klingt?

  7. Erwin meint:

    Judith H. ist die Frontfrau von „Wir sind Helden“ http://www.wirsindhelden.com/
    Sehr angesagte Combo, die sich unter anderem mit so tiefsinnigen Songs wie „Gekommen um zu bleiben“ in den Charts plazierte. Nicht wirklich wichtig die Combo.

  8. moni meint:

    Michael Stripe von R.E.M. macht das mit der Augenmaske nicht immer, aber scheinbar auf der diesjährigen Tour. Er ist übrigens auch ein sehr guter Tänzer. R.E.M. ist meine absolute Lieblingsband.

    Brian Wilson ist eine lebende Legende. Der Mann hat Musikgeschichte geschrieben mit seinen Songs. Ich fand er sah glücklich aus.

    Madonna hat etwas zugenommen. Gibt es denn sowas? Ja sie kann singen u. die Musik ist einfach perfekt arrangiert. Trotzdem mag ich sie nicht.

    Annie Lennox ist einfach nur grossartig.

    Frau Kaltmamsell hat immerhin mitgekriegt, dass Coldplay nichts besonderes ist ;)

    Ich hatte nicht den Nerv mir viel anzusehen. Den Grossteil habe ich aufgenommen. Eigentlich nur wegen Pink Floyd. Über 20 Jahre haben sie sich geweigert nochmal was zusammen zu machen.

    Keine Ahnung, ob diese Aktion was bringt. Ich finde allerdings, dass man einen Schuldenerlass auch an Bedingungen knüpfen sollte. Man kann gespannt sein, wieviele Leute dem Aufruf folgen u. nach Schottland gehen.

  9. Jörg meint:

    Ich verstehe auch nicht, warum die Opas immer noch auf die Bühne geschoben werden. Roxy Music, McCartney, Duran Duran, Bon Jovi, Toten Hosen, Madonna, Elton John, Zuchero, Peter Gabriel, Pink Floyd, U2, REM, Lennox, … usw. usw. Die haben doch schon vor 20 Jahren zu unserer Zeit „alt“ geklungen. Aber das ist ja nur die sichtbare Spitzue des Eisberges. Wenn man zufällig mal im Internet nach „alten“ Interpreten und Gruppen sucht, sieht man, dass die meisten immer noch auf Tour sind. Vornehmlich in USA und UK tingeln die da rum.

    Schuldenerlass hört sich so nach Vergebung an. Basiert aber auf knallharten Interessen:

    Warum der Schuldenerlaß sein Ziel verfehlt
    http://www.wams.de/data/2005/07/03/740515.html

  10. Erwin meint:

    Ja, das mit den Opas ist so eine Sache. Jedoch, es gibt auch Ausnahmen. Die gesetzten Herren von Pink Floyd zum Beispiel zeigten den jungen Hüpfern wie handgemachte Musik klingt wenn man seine Instrumente beherrscht – nämlich gut. Noch nach 20 Jahren. Frau Lennox ist auch so ein positives Beispiel.

    Von den vielen heutigen selbsternannten Superstars wird man in 20 Jahren nichts mehr hören. An viele dieser weichgespülten heutigen Kaugummi-„Persönlichkeiten“ will man auch gar nicht erinnert werden. Die Opas „müssen“ deshalb ran, weil es die Jungen nicht bringen, so einfach ist das.

  11. moni meint:

    @Jörg
    Ich gehe mal davon aus, dass Sie nichts von guter Musik verstehen.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Ah, eine Expertin! Moni, könnten Sie mir die Kriterien für „gute Musik“ nennen?

  13. Jörg meint:

    Schade, dass es Menschen gibt, die keine Chance hatten, jemals gute Musik zu hören und die Fähigkeit zu entwickeln, eigenständig für sich Musik bewerten zu können.

  14. Jens meint:

    könnte freilich auch einfach nur Geschmackssache sein, was „gute Musik“ so für den einzelnen ist…aber ich wollte nicht stören. Bitte weitermachen, wird grade lustig.

  15. moni meint:

    Ich fand sein Posting schlichtweg unverschämt. Wer all diese Bands pauschal abwertet KANN keine Ahnung von Musik haben.

    Gute Musik ist Musik die mich nicht nervt ;)

    Noch einen schönen Sonntag, ich hab was bessers zu tun, als mit Ignoranten zu streiten.

  16. stubenhocker meint:

    Schön zu lesen, dass es sich gestern um genau die Grusel-Shows gehandelt hat, die ich erwartet hatte.

  17. the K meint:

    Nerviger als die olle Musik waren ja wohl die langen Pausen dazwischen und diese mitleidsheischenden Filmbeiträge vom „scheiternden Looser-Kontinent“ Afrika. Ich habe die Message nicht verstanden. Und dieses ewige „be part of the history“ – beim Zugucken und mit dem Fingerschnippen berühmt werden…
    Und ich fand alles etwas langatmig, nur MUSE haben mich vom Hocker gerissen. Drei kleine Teufel machen verrückte Musik. Aber dieses neumodische Juli-Silbermond-wir-wollen-auch-mal-Ding habe ich sowieso nie verstanden.
    Es gibt übrigens tatsächlich eine Band namens „Judith Holofernes“. Irgendwas spanisches, ich weiß es nicht mehr so genau.

  18. stattkatze meint:

    ähem, nur so am rande, schon weil aus der ecke der alten musiker gutfinder, denn ohne die wären die jungen halt gar nicht erst da, aber nicht nur deshalb, und green day war reichlich okay, und audioslave auch, und das judith kind kann halt einfach nicht singen und macht daher auf niedlich, das hieß „make poverty history“.

  19. Peter Fisch meint:

    Eingeschaltet.
    BAP auf der Bühne: Verdammt lang her.
    Scheisse, habe ich gedacht, als ich 13 war, hat mich das irgenwie bewegt. Auch wenn ich kein Wort verstanden habe und immer noch nicht verstehe.
    Also ausgeschaltet.

    Der Grundfehler der Aktion sind doch: Es gibt nicht DAS Afrika. Es gibt Armut und Ungerechtigkeit auch auf anderen Kontinenten. Musik und „die gute Sache“ helfen da kein Stück.

  20. L9 meint:

    Live Aid ist immer schon etwas eigenartig gewesen.
    Aber die müssenhalt einfach Mainstreamig sein, sonst gibts keine Kohlen. Da geht nix mit musikalischen Experimenten.

  21. Ärztingattin meint:

    Richtig, L9.
    Ich finde Jörg und Moni sollten ne Band gründen, da gings dann ab!
    (Ist übrigens mein Ernst)

  22. moni meint:

    Nur wenn er gut ausschaut ;)

  23. Pernod meint:

    Annie Lennox? Ich würde mein rechtes * geben um sie mal life zu sehen.
    *neidisch sei*

  24. luke meint:

    Pernod: Du würdest Dein rechtes Sternchen geben?

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