Freund der Bahn

Freitag, 15. Juli 2005 um 10:45

Ich möchte gerne die Auszeichnung „Freund der Bahn“ / „Freundin der Bahn“ einführen. Und natürlich selbst verleihen. Wer sie dreimal bekommen hat, darf fortan selbst andere damit auszeichnen. Ich habe auch schon eine Vorstellung, wie sie aussehen sollte: Eine bunte Anstecknadel, auf der man den Oberkörper einer Cartoon-Frau sieht, die liebevoll und innig eine moderne Lokomotive umarmt. Für den Herrn gibt’s die Nadel mit Cartoon-Mann. (Tut mir leid, ich kann immer noch nicht zeichnen.) Aufkleber mit dem Motiv kann man dann auch gleich machen.

Umgehend und sofort zur „Freundin der Bahn“ würde ich Frau Chronistin ernennen. Allein schon für diese Ausführungen: Öffentlicher Verkehr.

Die Idee dazu formte sich heute morgen: Am anderen Ende des EC-Großraumabteils bemerkte ich eine Diskussion, deren Inhalt ich nur in Bruchstücken verstand. Anscheinend hatte ein Passagier seine Bahncard vergessen, und die lässige, freundliche Schaffnerin, mit der ich kurz zuvor noch gescherzt hatte, akzeptierte deshalb seine Fahrkarte nicht. Dagegen protestierte der Passagier wortreich. Die Schaffnerin wies ihn erst geduldig darauf hin, dass er keinen gültigen Fahrschein hatte. Nach einigen Minuten der Auseinandersetzung auch weniger geduldig. Bald verlegte sich der Passagier auf allgemeines Bahn-Bashing; ich hörte die Satzfetzen „kann doch nicht sein, dass“, „wenn Sie nicht mal“, „ich möchte einmal erleben“ sowie „wollen Sie mir etwa sagen“.
Bis sich ein Mitfahrer entschieden und gelassen einmischte: „Sie belästigen hier das ganze Abteil. Hören Sie endlich auf. Die Sachlage ist ja wohl eindeutig: Sie müssen nachzahlen.“
Daraufhin hörte ich nur noch ein zaghaftes „Aber die kann doch nicht…“ Dann war Ruhe.

Und da wäre ich gerne aufgestanden und hätte dem Ruhestifter die Nadel „Freund der Bahn“ ans Revers geheftet.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Freund der Bahn“

  1. L9 meint:

    Oh Gott, ist das ein Zeichenbefehl???? Und dürfte sie vielleicht eine Dampflok umarmen?

  2. KleinesF meint:

    Ich war einst Freund der Bahn h. c.. Ich liebte Bahnhöfe. Ich liebte Interrail. Doch nun ist alles dahin. Seit ich pünktlich kommen muss.

  3. Jörg meint:

    Ob sie genauso jubeln, wenn sie in 1,5 Jahren auf den täglichen ICE nach A. verzichten müssen?

    Ich bin sicher auch ein Freund der Bahn. Aber die Freundschaft wird immer wieder auf harte Proben gestellt.

  4. typ.o meint:

    Ich kaufe Ihre Anstecknadel. „Sein eigener Kutscher sein zu müssen, ist nur was für Lakaien“.

  5. Erwin meint:

    Meine Liebe zur Bahn wurde nie erwidert. Die Scheidung habe ich dann schließlich nach einer halbjährigen Ochsentour eingereicht: Jedes Wochenende 2×12 Stunden Bahnfahrt mit unglaublichen Erlebnissen war einfach mehr als genug.

    Damals hat die Bahn mir unmißverständlich klar gemacht, daß sie an meinem Geld nicht interessiert ist. Seit dieser Zeit hat sie auch fast nichts mehr von mir bekommen. Mir ist’s egal. Der Bahn sicher auch.

  6. Chronistin meint:

    Ich danke für die virtuelle Auszeichnung! Wir könnten aber auch einen Club gründen… ;)

  7. die Kaltmamsell meint:

    Lisa, höchstens eine Zeicheninspiration. Aber es darf auf keinen Fall eine Dampflok sein, damit die Auszeichnung nicht nach Nostalgieverein (davon gibt es genug) aussieht.

    KleinesF: Meiner Erfahrung nach kommen zu Terminen viel häufiger die Autofahrer zu spät. Stau, Berufsverkehr, Parkplatzsuche, Schnee.

    Jörg, ich glaube kaum, dass alle ICEs zwischen MUC und Augsburg abgeschafft werden. Selbst dann bleiben die ECs. Zudem braucht die Regionalbahn auf dieser Strecke nur 10 bis 15 Minuten länger, das ist zu verkraften.

    Erwin, es gibt ja auch Ehepaare, die sich ganz offensichtlich nicht verstehen.

    Chronistin, Club wäre schön. Dann könnten wir die Bahnen vielleicht zur Veröffentlichung eines schönen (vierteljährlichen?) Technikmagazins über Antrieb, Gleise, Wagonausstattung bewegen – die DB hat da eine große Lücke (bahntech zählt nicht, was will ich mit Themen wie „Mehrwert durch soziale Verantwortung“ blablabla).

  8. mo meint:

    samstag morgen.
    mietwagen vor der tür (firma zahlt!)
    neuer 3er BMW mit automatik zwar aber auch navi
    ziel: münchen
    10 uhr abfahrt
    2 stunden lang umgeben von holländischen wohnwagen
    und die ankunftszeit im navi zählt hoch…
    140km von ffm umgedreht richtung würzburg
    dem mann bei sixt die karre hingestellt
    12.32 ice nach münchen
    tomatensuppe im bistro

    :)

    (nur am montag morgen, wenn der 5.20 zug von münchen in mannheim mal wieder der anschlugszug nach ffm verpasst und ich deshalb eine stunde zu spät ins büro komme, dann …)

  9. ICE-Fahrer meint:

    …ein wahrer Freund der Bahn hätte sich allerdings mit dem Passagier solidarisiert – immerhin bestätigt das meine düstere Vermutung, dass der Besitz einer Bahncard 100 korrumpiert. Die dunkle Seite lockt und man muss ihr widerstehen, ansonsten sitzt man in zwei Jahren mit dem 1.Klasse-Upgrade im VIP-Bereich des Bahnhofs und betrachtet mit Ekel das übrige Bahnfahrerpack…

    P.S.: Ich finde es selbstverständlich, dass ich zur Not meine Personalien aufnehmen lassen kann und die vergessene Bahncard nachreichen kann. Soviel Kundenservice darf man ja wohl erwarten, wenn man sich schon mit dem Kauf einer BC als treuer bahnfahrer outet…

  10. Georg meint:

    ICE-Fahrer: In den AGB zur BahnCard ist der Fall „vergessene BahnCard“ wie folgt geregelt:

    Der Anspruch auf den BahnCard-Rabatt besteht nur bei Vorlage einer gültigen BahnCard 25/BahnCard 50 bei der Fahrkartenkontrolle. Der Reisende ist verpflichtet, auf Verlangen seine Identität mit dem in der BahnCard 25/BahnCard 50 bezeichneten Inhaber durch einen amtlichen Lichtbildausweis nachzuweisen. Kann der Reisende bei der Fahrkartenkontrolle keine gültige BahnCard 25/BahnCard 50 vorlegen, so hat er zu dem von ihm bereits bezahlten Fahrpreis einen Betrag in Höhe von 25 % (BahnCard 25) bzw. 50 % (BahnCard 50) des Bordpreises ohne BahnCard-Rabatt nachzuzahlen. Legt der Reisende innerhalb von 14 Tagen nach der Fahrkartenkontrolle eine zum Kontrollzeitpunkt gültige BahnCard 25/BahnCard 50 vor, wird der nachgezahlte Betrag gegen ein Entgelt von 15 € erstattet.

  11. dark.star meint:

    Ich fahr ja auch gern mit dem Zug. Man kann sich so schön von der vorbeiziehenden Landschaft berauschen lassen, Leute beobachten, Nervenkitzel ala schaffe ich meinen Anschlusszug inklusive. Aber auf meinem letzen Bahnausflug, bei dem ich mit über vier Stunden Verspätung (eigentlich wollte ich nur vier unterwegs sein) meinen Zielbahnhof erreichte und dafür mit fünf Euro Entschädigung getrostpflasetert wurde, bin ich immer noch wütend und würde ohne Bedenken einen „Feind der Bahn“-Pin tragen. Gute Fahrt.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Feinde der Bahn gibt es genuegend, meine Herrschaften da oben, eigentlich fast ausschliesslich. Fuer die braucht es deshalb auch keine Auszeichnung. Deshalb habe ich ja auch das Beduerfnis, die Ausnahmen zu ehren. („Darf man ja wohl erwarten“ gehoerte, glaube ich, ebenalls zu den Bashing-Schnippseln, die ich waehrend der beschriebenen Szene hoerte.)

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