Frauenbilder und Selbstbestimmung

Mittwoch, 7. September 2005 um 8:33

SZ_Zitat

lese ich auf der Drei der heutigen Süddeutschen Zeitung und verschlucke mich schier an meinem Milchkaffee. Ich lese zur Sicherheit nochmal, nein, kein Verleser – und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll in meiner Empörung. Eine Frau, die keine mädchenhafte Kleidung und langes Haar trägt, „VERSTECKT“ sich? Meint die Autorin, Constanze von Bullion, das ernst?

Aber das Schlimmste ist ja: Wahrscheinlich beschreibt sie sogar das dominierende Frauenbild. Frau Syberia hat erst gestern eine neue Studie zitiert, in der das Bild der „idealen Frau“ erarbeitet wird, basierend auf männlichem Blick aber auch auf weiblichen Vorstellungen von den Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Und was haben wir da unter anderem? „Sie trägt Kleidergröße 34-36 und kleidet sich modisch und körperbetont, jedoch nicht aufreizend-sexy oder edel-elegant.“

Jetzt muss ich erst mal verdauen, dass auch weiterhin nichts einen Menschen so sehr in seiner freien Entfaltung einschränkt, wie seine Geschlechtszugehörigkeit.
(Der erste, der mir biologistisch kommt, muss mit der Vogelwelt als Gegenargument rechnen.)

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Frauenbilder und Selbstbestimmung“

  1. kecks meint:

    Mist. Frau von Bullion (Suppe?!) hält mich für einen „Typ Frau“, der sich „versteckt“. Interessant. Ich geh‘ gleich mal unter meiner „stacheligen Igelfrsiur“ und meinen „jungenhaften“ Klamotten nach meinem „wahren weiblichen Ich“ stöbern. Vielleicht weiß Frau von Suppe ja mehr über mich und meine Sublimierungsstrategien als ich selbst.

  2. Iris meint:

    Was ist eigentlich das Idealbild vom Mann? Oder macht darueber niemand Studien?

  3. Michael meint:

    Ich fühle mich an eine Rassemerkmalbeschreibung deutscher Schäferhundköter erinnert! :-) Aber mal im Ernst, wie kommt man sonst bei einem solchen Blatt auf Seite 3, wenn nicht mit unterwürfigen „Old Boys“-Mainstreamdenken?

  4. kid37 meint:

    Und dann mit 16. Also mitten in der tastenden, suchenden, mit Geschlechter- und Rollenvorbildern jonglierenden, oft androgynen Phase der Pubertät. Wirklich ein reichlich unüberlegt daherpalaverter Kommentar.

    Größe 34 halte ich nicht für erstrebenswert (außer man ist vielleicht 1,20 m klein). Dann sehen aber Ringelstrümpfe nicht mehr gut aus ;-)

  5. Lila meint:

    Na, und was machen die langhaarigen Frauen? Die verstecken sich hinter ihren Haaren. Und die mit den weiblichen Kleidern? Verstecken sich natuerlich drin. Und die Kostuemchentraegerinnen? Verstecken sich in ihrer Uniform der Tuechtigkeit. Ja selbst hinter einem Damenbaertchen kann frau sich prima verstecken.

    Deswegen heisst es vermutlich cherchez la femme….

  6. Anke meint:

    Größe 34–36? Bitte? War nicht vor einigen Jahren noch 38 die allein seligmachende Kleidergröße? Und die war schon nicht unbedingt deutsche-Frauen-durchschnittskompatibel.

  7. kathleen meint:

    Das Furchtbarste an diesen Einschränkungen finde ich, daß es oft genug die Frauen selber sind, die sich noch an dem, was die Soziologen eine ‚Zurichtung‘ nennen, beteiligen: Gestern, in Berlin. Ich haste durch den Bahnhof auf dem Weg zu meiner S-Bahn, fast rennend, bin spät dran. Der Bau voller Menschen, man rennt sehr dicht an einander vorbei. Kleine Hippe, Anfang 20, Typ Bohnenstange, mir wildfremd, blafft mich im Vorbeigehen an: „Zieh du dir mal ’nen BH an.“ – Wieso denn, bitte? Meine 85A brauchen nur beim Sport einen BH. Die Kleine, übrigens, war auch nicht üppig, aber dennoch mit BH und einer Art Unterhemd unterwegs. Bei über 30 Grad.
    [Am Rande: Vorauseilend berlinisiert, und das gern, blaffte ich aus dem Stand zurück: Und halt du mal die Klappe.]

  8. syberia meint:

    Auch so eine Sache, das mit den BH-Grössen. Möchte lieber nicht wissen, wie viel die selbsternannten „Schönheits“chirurgen an den eingebildeten Unzulänglichkeiten bereits verdient haben und noch verdienen werden. Zum Glück scheint diese Mode wieder ab zu flauen, nachdem RTL eine Brustvergößerung live brachte…

  9. croco meint:

    Alternativ angeboten wird nun eine Hirnvergößerung ;-)

  10. Klabauter meint:

    Also ich hab den Artikel ja nicht gelesen… *räusper* aber es gibt doch tatsächlich Frauen, die sich in jungenhaften Klamotten verstecken – will meinen, das ist doch ein psychologisches Phänomen. Wie soll man das denn beschreiben, wenn nicht so? Das heißt ja nicht im Umkehrschluss, dass alle Frauen, die jungenhafte Klamotten tragen, sich darin / dahinter verstecken.

  11. kecks meint:

    Wieso denn „verstecken“? Manche Frauen verstecken sich selbst vielleicht auch in adretten, eleganten Sommerkleidchen. Und wieder andere unter Regenmänteln oder im Wald.

    Nee, mal im Ernst, das ist einfach ein ganz blödes Stereotyp, das besagte Autorin da in ihrem Artikel (der übrigens insgesamt unterer Durchschnitt war) bemüht – man ist fast versucht, mal wieder das Wörtchen „reaktionär“ zu gebrauchen.

  12. mark793 meint:

    Jetzt muss ich erst mal verdauen, dass auch weiterhin nichts einen Menschen so sehr in seiner freien Entfaltung einschränkt, wie seine Geschlechtszugehörigkeit.

    Die ist ja heutzutage kein unabänderliches Schicksal mehr. Klar kann ich keine Kinder kriegen, aber hey, es gibt auch Frauen, die keine Kinder kriegen können. Anders gesagt: Es gibt Dinge, von denen ich mich subjektiv mehr eingeschränkt fühle als vom XY-Chromosomensatz.

  13. L9 meint:

    Ach da lob ich mir die Drag Queens. Die verstecken ihre Weiblichkeit nicht hinter jungenhaftem Auftreten.

  14. Allegria meint:

    @Mark: Geschlecht als unabänderliches Schicksal oder nicht, ist für mich nicht der Punkt:

    Mich stört, dass jeder schon weiß, welche löblichen Eigenschaften ich habe (teamfähig, diplomatisch, sensibel, toll im Ungang mit Kindern), was ich besser bleiben lassen soll (trampen, heimwerken, analytisch denken) und in welchen Klamotten ich am besten durchs Leben laufen soll, damit ich gut aussehe (unbequem, unsportlich, empfindlich), noch bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Ich hätte aber auch den Eigenschaftenraster, den man auf Männer anwendet deswegen nicht lieber.

    Es wäre einfach eine schöne Abwechslung, wenn nicht ständig alles was ich tue, glaube, mag, nicht kann,… zu meinem Geschlecht querreferenziert und in „typisch“ oder „untypisch“ Kistchen geschlichtet würde. Es wird ja auch nicht ständig ein Vergleich zwischen meinen Eigenschaften und denen anderer kurzsichtiger Menschen gezogen. Ich sehe meine Weiblichkeit halt nicht als meine wichtigste Eigenschaft, und sehe nicht ein, wieso ich meine ganze Identität auf diesem Detail aufbauen soll. (Was nicht heißt, dass ich nicht gerne Frau im Sinne von ein Mensch mit einem weiblichen Körper wäre.)

  15. chinil meint:

    Das Süppchen will nur Püppchen!

  16. mark793 meint:

    @allegria:

    Hm, verstehe. Aber nur weil irgendwelche Mitmenschen Ihnen diesen Schuh hinstellen, müssen Sie ihn sich noch lange nicht anziehen. Wenn ich qua Chromosomensatz zunächst mal als potenzieller Vergewaltiger, Lichthupendrängler und Biertrinker wahrgenommen werde, ist das auch unschön. Aber letztlich so egal, wie wenn am Bielefelder Bahnhofsimbiss ne Bockwurst platzt (war das jetzt nicht tyyypisch Typ?).

    Mein Problem mit der Geschlechterrolle ist nicht, ob ich irgendjemandem da draußen ins Klischeebild passe oder nicht. Als Hausmann, dessen Lebensunterhalt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von seiner erwerbstätigen Ehefrau bestritten wird, bin ich da eh relativ schmerzfrei. Nein, der Punkt ist, wie kriegen wir – meine Frau, unser Baby und ich – es möglichst gut geregelt? Und dabei können wir auf tradierte Geschlechter-Klischees in der Gesellschaft und im Umfeld nun mal keine Rücksicht nehmen. Wenn etwa meine Schwiegermutter meint, das könne so nicht gutgehen, hey, dann soll sie die Erde eben weiterhin für eine Scheibe halten.

    Davon abgesehen bin ich gar nicht mal sicher, ob ne Welt so ganz ohne (Geschlechter-)Klischees automatisch ne bessere Welt wäre. Oder anders gesagt: Was wäre so verkehrt daran, Ihre Weiblichkeit als zweitwichtigstes Merkmal (nach „Mensch“) anzuerkennen? Ich bin nicht der Meinung, dass daraus der unausweichliche Sachzwang erwüchse, allen weiteren diesem Merkmal zugeordneten Untereigenschaften entsprechen zu müssen. Aber ich kann da auch falsch liegen – irren ist männlich…;-))

  17. Allegria meint:

    @mark: Es ist schon richtig, dass ich eine untypische Frau sein kann, ohne deswegen des Landes verwiesen zu werden oder so. Aber ist ein Faktum, dass einem diese Identitätspackagedeals, die man offenbar abschließen sollte, sobald das Geschlecht feststeht, bei dem Versuch herauszufinden was man eigentlich möchte enorm im Weg herumstehen.

    Allein was man schon alles einmal extra deswegen tun muss, um zu zeigen, dass man es tun kann obwohl man eine Frau ist (Welche 80 Stunden Jobs im finstersten irgendwo hätte ich mir nicht alle ersparen können, wenn ich gleich mal darauf geachtet hätte, dass mir eigentlich nichts daran liegt mich für die Karriere völlig zu verheizen). Dann noch der Kram, den man tut um eine normgemäß attraktive Frau zu sein, weil ja auch der Partner irgendwie verdient hat, eine normgemäß tolle Frau an seiner Seite zu haben, die Polyadingsbums – Spitzenunterwäsche nicht kratzig findet. Und dann noch all das, von dem einem gar nicht auffällt, dass man es eigentlich nur deswegen tut, weil man es mit dem rosaroten Teddybär in die Wiege gelegt gekriegt hat. Da hat man schon ganz schön viel zu sortieren.

    Und dann rennen einem ständig Geschlechtsgenossinen über den Weg, die von einem erwarten, dass man seiner besonderen Verbundenheit mit dem Mond nachspürt, fühliger Mensch, der man als Frau halt einfach ist. Brrrrr.

    Ich weiß nicht, ob meine Weiblichkeit mein zweitwichtigstes oder drittwichtigstes oder zehntwichtigstes Merkmal ist oder ob ich sie einfach mal so provisorisch als zweitwichtigstes sehen sollte, für den Fall dass dem so ist. Weiblich ist mein Körper samt dem, was der dazugehörige Hormoncocktail mit mir so tut (-Welche meiner Eigenschaften ich jetzt genau deswegen oder aufgrund eines Versehens trotzdem nicht habe, keine Ahnung). Und darüber hinaus? Und ist die Auswirkung auf mein Selbst gravierender als die Tatsache eine westliche Bildung und Sozialisierung genossen zu haben (beispielsweise) oder nicht und welchen Sinn macht es überhaupt zu reihen?

    Es ist noch zu früh (am Morgen) für so Themen *gähn*, *streck*

  18. mark793 meint:

    @allegria: „Identitätspackagedeal“ ist ein sehr schönes Wort (das mich nebenbei bemerkt zu der Vermutung verleiten könnte, dass Sie im weitesten Sinne in der Unterhaltungsbranche arbeiten;-))

    Ihre Einlassungen klingen ziemlich plausibel. Trotzdem frag ich mich jetzt natürlich, warum ich nicht in dem Maß das Gefühl habe, dass mir meine mit dem Chromosomensatz erworbenen Zuschreibungen im Wege stehen. Und das liegt nicht etwa an fehlendem Problembewusstsein. Wie gesagt, meine Lebenssituation wirft eine ganze Menge Fragen nach meinem Rollenverständnis (und dem meiner Frau natürlich ebenso) auf. Ich muss auch diverse Dinge tun, um zu beweisen, dass ich sie auch als Mann kann. Und das klappt nicht immer. Müssen Frauen demnach in dieser Gesellschaft immer noch mehr unter ihrem Frausein leiden???

    Der Gesprächsstoff auf diesem Themenfeld wird uns also nicht ausgehen. Wie ich hörte, kommt auf RTL demnächst ne neue Show mit Günther Jauch. Arbeitstitel: „Typisch Mann, typisch Frau“. Könnte interessant werden…

  19. die Kaltmamsell meint:

    Mark, ich kann mir durchaus eine Erklärung vorstellen, warum Männer seltener mit ihrer Geschlechterrolle hadern als Frauen: Sie sind das Normale. Männer erleben in unserer Gesellschaft viel weniger Situationen, in denen sie als Mann gesehen werden.
    Beispiel: Eine Kanzlerkandidatin kandidiert als Frau, ein Kanzlerkandidat keineswegs als Mann.
    Zudem haben sich die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen in den letzten Jahren eher zementiert als gelockert. Auch persönlich treffe ich auf immer mehr Menschen, die auf jedes menschliche Verhalten das Etikett „typisch Mann“ / „typisch Frau“ kleben. Selbst wenn sie sich dabei in zwei Sätzen dreimal selbst widersprechen.

  20. arboretum meint:

    Kleidergröße 34 klingt doch eher nach Kinderkörper als nach weiblich. Und diese ideale Frau wie die größte Langweilerin.

  21. Oldtimer meint:

    irgendwie verstehe ich die Welt nicht mehr mit den spez. Ausdrücken wie “ Geringfügigkeitsbasis “ und auch oben mehrfach genannte “ Fremdwörter “ wer kann mich aufklären, wo denn jetzt die neue * Denkweise * gelehrt wird, aber bitte nicht so
    große Entfernungen, habe kein * Langstreckenfahrzeug * mehr .

    Gruß aus Berlin
    Oldtimer

  22. Pernod meint:

    Ein Nachsatz zum letzten Kommentar der Frau Kaltmamsell:
    „Sie sind das Normale. Männer erleben in unserer Gesellschaft viel weniger Situationen, in denen sie als Mann gesehen werden.“
    Das sehe ich nicht so. Ein Mann wird genauso an seiner Rollenkonformität gemessen wie eine Frau, er kann genauso häufig auffallen wie eine Frau.
    Aber er hat weniger Veranlassung dazu weil er es sich in seiner Rolle wohl fühlt und sie mit Freude ausfüllt. Zugegeben, die Rolle hat er sich größtenteils selbst definiert, aber diese Rolle ist jetzt genauso zementiert wie die weibliche.
    Wenn ein Mann jetzt auf die Idee kommen würde es wäre total toll leuchtend gelbe Söckchen zu schwarzen Halbschuhen zu tragen würde er damit genauso aus der selbstdefinierten und festgeschriebenen Rolle fallen wie das – im obigen Beispiel beschriebene – 16 jährige Mädchen.

  23. Susanne Lauter meint:

    He, woher kommt dieses Zitat??? Habe gerade meinen Namen in Google eingegeben und bin hier gelandet. Sehr interessantes Thema, hab mich damit auch schon beschäftigt, aber WIE KOMMT MEIN NAME HIER HER???? *lol* Könnte ja sein, dass es sich um mich handelt, denn die Beschreibung stimmt auf die 16jährige Version von mir (wenn auch ganz und garnicht auf mein gegenwärtiges Selbst) – aber wer, bitte veröffentlicht Fallbeispiele mit vollem Namen??? Kurios!

  24. die Kaltmamsell meint:

    Frau Lauter, der Artikel stand auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung vom 7.9.2005. Dass Frau Bullion als – selbstverständlich geänderten – Namen der Hauptperson den Ihren wählte, halte ich für Zufall. Lustig ist es allerdings schon, dass sie damit trotzdem ins Schwarze traf.

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