Auf meinem Weg in die Arbeit (31): Herr Schaffnerin

Dienstag, 3. Januar 2006 um 10:25

So mag ich die ICE-Zugchefs, denke ich, als er sich über den Lautsprecher meldet: Eine leicht fränkische Männerstimme, eine freundliche und frei formulierte Durchsage (er verwendet sogar das umgangssprachliche „Speisewagen“), sehr souverän.

Als er das Großraumabteil betritt, im üblichen ICE-Schaffner-Anzug, nimmt mein Augenwinkel jedoch eine kleine Störung wahr: Am Hinterkopf, des schlanken Mannes, dessen Alter früher als „in den besten Jahren“ bezeichnet wurde, sitzt ein blonder, leicht toupierter Pferdeschwanz. Er tritt ruhig und gelassen auf, prüft freundlich die Fahrscheine. Und fast jeder Passagier macht einen mehr oder weniger deutlichen Doubletake:
Herr Zugchef mit dem etwas hageren Gesicht trägt goldene, aber dezente Ohrhänger (im Stil biedere Tante Erna), Make-up mit silbrigem Lidschatten, Rouge und zartem Lippenstift, hat viel Goldschmuck an den Händen und lange, zurückhaltend lackierte Fingernägel.

Zum ersten Mal habe ich ihn vor etwa anderthalb Jahren gesehen, damals ging ich von einer Übergangsphase zum Geschlechtswechsel aus. Ich weiß ja nicht, wie lange für welche Phase dieses Wechsels veranschlagt wird, doch ich hätte erwartet, inzwischen einer Dame gegenüberzustehen, im ICE-Schaffnerinnen-Kostüm.

Vielleicht ist er einfach genau so, wie er jetzt auftritt: ein sehr gepflegter Mann mit Schmuck, Make-up und langen Haaren. Ich wiederum muss mir eingestehen, dass ich offensichtlich immer noch eherne Rollenerwartungen habe, sonst würde mich dieser Herr nicht so beschäftigen.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Auf meinem Weg in die Arbeit (31): Herr Schaffnerin“

  1. croco meint:

    Herr Schmidt heißt ab heute Frau Schmidt!
    Das wäre doch zu brutal. Ein bißchen androgyn kann doch ganz reizvoll sein.

  2. typ.o meint:

    So ganz grauenhaft kann unsere gesellschaftliche Entwicklung nun doch nicht sein, wenn im ehemaligen Staatsbetrieb mit Schnauzbarterlaß so ein bunter Vogel arbeiten kann. (Im Regionalzug von Ellenberg nach Kassel fuhr lange Zeit eine junge Schaffnerin, die jede Woche mit einer neuen Neon – Haarfarbe ihrer Stachelfrisur erfreute)

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