Anne Fadiman, Ex Libris

Dienstag, 24. Januar 2006 um 8:31

Ich war tatsächlich ganz begeistert von Anne Fadimans Essaysammlung Ex Libris. Confessions of a Common Reader, das mir Kommentatorin Jule hier empfohlen hatte. (Danke! Genau dafür liebe ich das Bloggen.) Die Empfehlung wiederhole ich hiermit.

Und doch haben mich zwei Stellen in diesem Buch gekränkt, vermutlich besonders wegen der sonst übereinstimmenden Leidenschaft:

1. Im Essay „Never Do That to a Book“ legt Fadiman dar, Buchliebhaber, die den Gegenstand Buch erhalten, schützen, bewahren, hätten kein sinnliches Verhältnis dazu. Sie nennt diese reader „courtly lovers“, im Gegensatz zu „carnal lovers“, die zum Beispiel auf D’Aulaire’s Book of Greek Myths Led-Zeppelin-Schlagzeugsoli üben. Sie macht recht klar, dass sie „courtly lovers“ für mindere Buchliebhaber hält.
Das kränkt mich, weil ich sehr wohl auf meine Bücher aufpasse. Ich finde es zwar in Ordnung, wenn man ihnen ansieht, dass sie gelesen wurden – doch sie auf den Bauch zu legen, vielleicht aufgeschlagen auch noch platt zu drücken, hieße, ihr lesbares Dasein massiv zu verkürzen (aus einem Taschenbuch, das ich ohnehin kein zweites Mal zu lesen gedenke, die weggelesenen Kapitel gleich ganz herauszureißen und wegzuwerfen, wie es Fadiman senior zuweilen tut, das kann ich mir schon eher vorstellen). Zudem versehe ich meine Lektüre durchaus mit Notizen – allerdings ausschließlich mit Bleistift. Auch wenn ich mir inzwischen jedes Buch leisten kann, das ich lesen möchte (ich bin keine Sammlerin und begehre keine raren Ausgaben), sind Bücher für mich weiterhin Kostbarkeiten. Vielleicht entsteht diese Haltung nur, wenn man wie ich aus einer funktional bücherlosen Familie kommt. Dass man Bücher auch selbst besitzen kann, nicht nur aus Bibliotheken ausleihen, dass man sich das sogar sehnlich wünschen kann, das kam ureigen aus mir heraus und steht im Gegensatz zu meiner Familiengeschichte.

2. Woraus Kränkung Nummer 2 folgt. Fadiman behauptet im Kapitel „My Ancestral Castles“, dass nur das familiäre Vorleben von Bücherliebe zur Bücherliebe bei den Nachkommen führen könne:

My daughter is seven, and some of the other second-grade parents complain that their children don’t read for pleasure. When I visit their homes, the children’s rooms are crammed with expensive books, but the parents’ rooms are empty. Those children do not see their parents reading, as I did every day of my childhood.

Ihre Folgerung:

There must be writers whose parents owned no books, and who where taken under the wing of a neighbor or teacher or librarian, but I have never met one.

Soso, denke ich mir, vielleicht hätte Madame Fadiman sich einmal im Leben raus aus ihren Manhattan-Woody-Allen-Ostküstenintellektuellenkreisen bewegen sollen. Dann wäre sie vielleicht auf keineswegs seltene Menschenexemplare wie mich gestoßen, denen das Lesen, das Schreiben und die Bücherliebe ein angeborenes Bedürfnis war, das sich sogar gegen Leseverbote der Eltern (denn für die war Romanelesen = Faulsein auf dem Niveau von TV-Shows-Gucken) durchsetzte. Es gab auch keine Lehrerin oder Bibliothekarin, die mich unter ihre Fittiche genommen hätte: Ich las mich durch eine Menge Scheiße in der Pfarrbibliothek (Die dortige alte Dame stutzte nur einmal kurz, als ich mir mit 10 Kästners Fabian holte, weil ich alle anderen Kästners bereits gelesen hatte. Doch sie überließ es mir kommentarlos, kannte seinen Inhalt anscheinend selbst nicht.), bis ich mithilfe des regulären gymnasialen Deutschunterrichts auf nachhaltigere Lesefährten kam.
Ich fühle mich von Fadiman ausgegrenzt aus dem Kreis der ernst zu nehmenden common readers, von denen ihr Buch handelt, weil ich aus den falschen Kreisen komme. Und bin beleidigt.

(Poetic justice: Weil ich noch die Zitate nachschlagen musste, nahm ich das hübsche Fadiman-Büchlein in meiner Arbeitstasche mit ins Büro. Wodurch seine Rückseite leider ein paar Kaffeeflecken abbekommen hat.)

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Anne Fadiman, Ex Libris

  1. kelef meint:

    bei uns – besonders bei meinem vater – war lesen immer sehr gefragt, und ich habe auch gelesen, alles was mir in die finger kam. es gab jede menge bücher zu hause, bei den grosseltern und aus bibliotheken. einen von vaters leitsprüchen: „schau wie ein mensch mit seinen büchern umgeht, und du weisst was das für ein mensch ist“ habe ich vielfach bestätigt gefunden. paperbacks mochte er gar nicht, aber er konnte bücher binden und auch reparieren.
    nur mit der auswahl der mir überlassenen bücher kann ich mich bis heute nicht anfreunden: „lies was ordentliches“ führte bedauerlicherweise dazu, dass mickey mouse und bravo verboten waren, und frau kelef im alter von 12 jahren klausewitz (vom kriege), dostojewski (memoiren aus einem totenhause) und dickens (pickwickier) zu lesen bekam. und fritz reuter, im original. ich rächte mich dann, sozusagen, und holte mir aus der bibliothek sämtliche angelique-bände, auf englisch, ebenfalls in diesem alter. vater meinte, hauptsache englisch (so etwas hätte er nie gelesen und wusste daher nicht worum es ging), muttern kriegte hysterische anfälle über die verdorbene tochter.
    flecken in büchern machen mich heute noch krank, und ich glaube, ich habe nie im leben in ein buch was reingeschrieben oder gar eines zerstört. wenn notizen sein müssen, werden zettel aus dünnem pauspapier an der entsprechenden stelle eingefügt. ich hege und pflege meine bücher, und manche besonderen exemplare kriegen schon auch einmal streicheleinheiten.

  2. Lila meint:

    Liebe Kaltmamsell, kränke Dich nicht, da hat die Dame eben ihren blinden Fleck, den wir alle überall haben. Mir fallen beim einfachen Nachdenken auf Anhieb fünf Freundinnen aus Nichtleserhaushalten ein, die sich zu feinsinnigen, leidenschaftlichen und klugen Leserinnen entwickelt haben. Dagegen habe ich schon viele Leser-Eltern klagen gehört, daß sie ihre Kinder nicht vom Bildschirm weglotsen können. So einfach ist das also nicht mit der Übertragung der Lese-Leideschaft.

    Ich behandle meine Bücher recht unbekümmert, geb ich zu. Ich schreibe rein, lege biographisch gerade passende Briefe, Bilder oder sonstige Andenken rein, vermerke in jedem Buch, wann ich es gelesen habe, und kaufe gern Bücher mit Gebrauchsspuren. Ich schleppe Bücher überall mit mir rum, und binde sie neu ein, wenn mir der Einband nicht gefällt. Ich bin nicht der schonende Typ, auch meine Schuhe und Klamotten zeigen recht schnell Spuren meiner Nutzung. Als ich jünger war, habe ich adrettere Menschen beneidet und mir vorgenommen, sorgsamer zu werden und weniger schluderig im Umgang mit Dingen. Heute macht es mir nichts mehr aus, es gibt ärgere Charakterfehler, an denen ich noch immer vergebens schnitze.

    Und ich komme, aus ehrlichem Herzen dankbar dafür, aus einer Dynastie der Bibliomanen. Unvergeßlich Omas Worte über den vor meiner Geburt verstorbenen Opa: „der hätte sich so über dich gefreut, er hat auch so gern gelesen und Bücher gesammelt“. Ich habe seine Ausgabe des David Copperfield mit dem schönen, schwungvollen Namenszug im Regal. Und seine Stuttgarter Ausgabe, original aus den 40er Jahren, als man sonst nichts hatte, aber Opa Hölderlin lesen mußte, und seine Kunstbände, die er liebte – die hat meine Oma mir geschenkt.

    Aber hat das meinen Bruder zum Leser gemacht? Weit gefehlt.

  3. Anke meint:

    Hm. Glaube ich auch nicht, dass es unbedingt das Vorbild der Eltern braucht, um sich als Kind zur Leseratte zu entwickeln. Bei mir war das eher die Faszination des Materials, Papier in der Hand zu haben (ich spiele immer noch beim Lesen mit den Fingern an den Seiten rum), Geschichten intensiv und unmittelbar zu erleben (genau wie ich heute Kino erlebe — mit dem ganzen Herzen), mich alleine zu beschäftigen (viel angenehmer als im Rudel Kinder unterzugehen) als meine Eltern lesen zu sehen. Was ich übrigens recht selten gesehen habe, obwohl meine Eltern über eine durchaus ordentliche Bücherwand verfügen. Aus mir ist eine begeisterte Leserin geworden, aus meiner Schwester dagegen gar nicht. Hat anscheinend recht wenig mit der Aufzucht zu tun, ob man nun gerne liest oder nicht.

  4. kecks meint:

    Volle Zustimmung!

    (Wobei ich beim zweiten Deiner Kritikpunkte nicht so recht weiß, ob er zutrifft – ich kenne jedenfalls niemanden persönlich, der Bücher schätzt und viel, viel, viel liest, ohne daß im das zuhause vorgelebt worden wäre.)

    (Und weil ich gleich mein Seminar damit belästigen werde: Kästners „Fabian“ ist vielleicht nicht ganz das Richtige für zehnjährige Mädchen, aber sicherlich kein Sch***! Ganz im Gegenteil!)

  5. Sanníe meint:

    Meine Eltern lesen zwar, haben es aber nicht als so lebensnotwendig verstanden wie ich.
    Sie waren stolz und ein bißchen verwundert, mit welcher Leidenschaft ich mich als Kind schon durch Bücher „gefräst“ habe, und haben es immer gefördert.

    Ganz anders hier: http://www.zeit.de/2003/52/C-BuchSchavan?page=all
    (Fiel mir spontan wieder ein.)

  6. Aufpasser meint:

    Dass die Erwartung nichtlesender Eltern an die Leselust der Kinder fehl am Platze ist, damit hat Anne Fadiman sicher recht – „Do as I say, don’t do as I do“ ist in der Erziehung nicht angebracht. Aber es gibt eben beide Fälle: das Übernehmen der Gewohnheiten, Präferenzen oder Vorlieben der Eltern und die Suche nach neuen Wegen und Wichtigkeiten seitens des Nachwuchses.
    Beim Lesen habe ich die Leselust meines Vaters übernommen mit ein wenig zusätzlichem Sammlereifer.

  7. croco meint:

    Bei uns zieht sich das durch die weibliche Linie von Generation zu Generation. Meine Großmutter war eine leidenschaftliche Leserin, die Welt um sie heraum versank mitsamt ihrer 8 Kinder, so auch meine Mutter, die aber nicht sehr froh ist um diese Leidenschaft. Mich hat es erwischt, meine Schwester komplett verschont. Meine kleine Nichte hingegen freut sich wie blöd auf die Schule, um endlich die Bücher selbst zu lesen, die sie schon hat.

  8. Das Blog-Heinzelmännchen meint:

    Darf ich zu diesem Anlass Clifton Fadiman nennen, den Vater der Autorin, der in den 30er Jahren Lektor bei Simon and Schuster und Buchkritiker beim New Yorker war. Ich kenne ihn als Star von Information Please, einer enorm geistreichen Radio-Quiz-Show während der gesamten 40er Jahre, wo die prominenten Gäste nominell Quiz-Fragen beantworten, tatsächlich aber nur sich und das Publikum beeindrucken und unterhalten.
    Gelesen habe ich Ex Libris noch nicht, hole es aber sicher bald nach.

  9. Mareike meint:

    Ich sehe mich als weiteren Beweis dafür, dass man auch ohne elterliches Vorbild gerne und viel lesen kann! Meine Mutter konnte nicht damit anfangen, dass ich in jeder Bibliothek in meiner Nähe Bücher ausgeliehen habe (und diese auch noch mehrfach gelesen habe). Und was war ich dankbar, für die Pfarr-, Schul- und Stadtbibliothek! Mittlerweile arbeite ich an meiner eigenen kleinen Privatsammlung und bei jedem Umzug füllen sich mehr Kisten mit Büchern — sehr zu meiner Freude.

    Zu den zwei Lesertypen, die unterschieden werden… ich bin definitiv ein carnal lover! Für alles andere fehlt mir die Disziplin – ich könnte eigentlich einfach meinen Namen unter Lilas Kommentar setzen. Allerdings schreibe ich nicht auf, wann ich welches Buch gelesen habe. Sehr interessante Idee… *bleistiftspitz* *zurbücherwandgeh*

  10. kid37 meint:

    Ich stamme ja ebenfalls aus einer 1-Buch-Familie, in der „Lesen“ kein besonders hohes Ansehen genießt. Mein Literaturstudium ging quasi als Sprachlehrgang durch, die vorbildlose Bibliothek wurde jahrelang mißtrauisch begutachtet. („So viele Bücher. Wenn du mal umziehen mußt!“) Darin gibt es Schätze, die ich beinahe nur mit weißen Baumwollhandschuhen anfassen möchte, und anderes, das ge- und vielleicht auch verbraucht wird. Je nachdem. Nicht alle Bücher taugen zum Fetisch. Papier aber ist und bleibt sexy.

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