Familienalbum – 14: Oma

Samstag, 21. Januar 2006 um 10:37

Kazimiera, 29.8.1921 – 16.1.2006, hier 1970 mit ihrer ersten „Engelin“

„I stirb i eh bald.“ Seit ich mich erinnern kann, erwähnte meine polnische Oma bei jeder passenden Gelegenheit (die sie notfalls selbst schuf), dass sie nicht mehr lang zu leben haben würde. Sie war, bei allem ungesunden Lebenswandel (u.a. massives Übergewicht, null Bewegung), ein sehr zäher und gesunder Mensch, der halt mangels irgend welcher anderer Interessen seine Wehwehchen in das Zentrum seines Bewusstseins und Denkens stellte.
Irgendwie muss ich daraus abgeleitet haben, dass sie in Wirklichkeit niemals nicht sterben würde. Denn ich war völlig überrascht, dass sie das dann doch tat, gestern haben wir sie in meiner oberbayrischen Geburtsstadt beerdigt. Im Alter von 84 Jahren war sie nachts in ihrer Wohnung, vermutlich auf dem Weg aufs Klo, einfach tot umgekippt. Meine Eltern fanden sie wenige Stunden später bei ihrem fast täglichen Besuch.

Ich werde sicher noch ausführlicher über das Leben dieser Kazimiera aus dem südpolnischen Klimontov schreiben (hier hatte ich bereits kurz von ihrer Verschleppung erzählt). Meine Mutter fand in ihren Schubladen einen Stapel alter Fotos, von denen sie die wenigsten einordenen konnte (fragen geht ja nun nicht mehr). Ich habe sie rasch eingescannt, auch beschriebene Rückseiten.

Im Lauf des gestrigen Tages wurde mir klar, dass es neben ihrem unvergleichlich schrägen Deutsch vor allem drei Gerüche sind, die mich wohl auf ewig an meine Oma erinnern werden: Ölheizung („te Ähluffe“), Armani-Parfum (entdeckte meine Oma, gleich nachdem es auf den Markt kam und verwendete es reichlich; bis heute verdutzt es mich, wenn junge Frauen ein für meine Nase mit „Oma“ belegtes Parfum verwenden), Eukalyptusbonbons, die sie schon ausdünstete, wenn sie mich vor 35 Jahren vom Kindergarten abholte.
Meine Mutter erzählt, dass sie in Omas Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, noch über ein Kilo dieser Eukalyptusbonbons fand.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Familienalbum – 14: Oma“

  1. Lila meint:

    Liebe Kaltmamsell, danke für das Bild und das Erinnerungsbild. Ein trauriger Abschied, ich fühle das mit. Unsere Omas sind wichtige Personen, vielleicht oft unterschätzt. Ich habe eine Oma vor 15 Jahren verloren, die andere vor 2 Jahren, und beide fehlen mir. Ich habe sie auch oft bei mir, mal die eine (beim Spülbeckenputzen), mal die andere. Ich hoffe, Du machst Dein Versprechen wahr und erzählst uns mehr über Deine Oma. In solchen Situationen bin ich doch froh, daß es Blogs gibt, diese schlichte, eindrückliche Form des Denkmals.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ja Lila, das haben wir beide gemeinsam, diese Nutzung unserer Blogs als Denkmal. In diesem Fall werde ich sogar sehr absichtlich viele Spuren in Form von Eigen- und Ortsnamen hinterlassen, die über Suchmaschinen nachvollziehbar sind: Meine Oma hatte jeden Kontakt zu ihrer Familie in Polen abgebrochen, vielleicht finden sich übers Internet die Verbindungen wieder.

  3. Liisa meint:

    Auch von mir herzliches Beileid und Anteilnahme zum Tod Deiner Großmutter. Interessant, daß es gerade Gerüche sind, die Du mit Deiner Oma verbindest, bei mir ist es genauso und ich habe es auch schon von anderen gehört: die Verbindung Oma/Großmutter und Gerüche.

  4. Indica meint:

    Das tut mir leid. Omas sind ganz, ganz wichtige Menschen. Ich setze meiner verstorbenen schlesischen „Oma Stadt“ heute wieder ein praktisches Denkmal – ich werde ihre „Mohnkließel“ als Dessert zubereiten und zu einem Freundesessen mitnehmen.

    Blogs als Erinnerungsorte sind wichtig, das geht mir kein bisschen anders. Ich freue mich auf weitere Einträge über Ihre polnische Oma.

  5. Frau Klugscheisser meint:

    Mein Beileid!
    Auch ich habe im Oktober meiner Oma zum sich jährenden Todestag ein kleines Denkmal in meinem Blog gesetzt. Und jetzt, wo ich Ihr Foto sehe, entdecke ich sogar Ähnlichkeiten.

  6. Lu meint:

    ich hatte nie wirklich etwas von meinen omas und opas. die „richtigen“ opas starben beide im krieg, was meine eltern zu unehelichen kindern machte. die omas blieben, eine im osten , meine zonen-oma, rund, schnitt das brot immer mit dem riesigen brotmesser in körperrichtung, hatte schlachtfeste auf dem hof und bekam, das erste mal bei uns im westen, einen lachkrampf, als sie mein fettes kaninchen durch die wohnung hoppeln sah. die andere, mütterliche seite, switchte zwischen bad godesberg und los angeles hin und her, war klapperdünn und arbeitete bei der amerik. botschaft. die zonen-oma raffte ein schlaganfall recht zeitig dahin, die andere ein herzinfarkt auf einem free-jazz-konzert in köln. ich war sechs, und hatte nie diese sache, dass sonntags die großeltern besucht werden, und alles drum herum.
    ich sah bei anderen, das die omas meist freundinnen wurden, lockerer als die eigenen mütter waren und auch sonst viel spass mit ihnen verbunden war.
    ich frage mich manchmal, grad bei so texten wie diesem, wie es gewesen wäre, mit den großeltern.
    deswegen :mein beileid, aber auch meinen glückwunsch, dass sie ihre so lange hatten. :)

  7. Stefan meint:

    Ich habe leider nur ein Pflege-Großelternpaar zu bieten. Eukalyptusbonbons spielten dort auch eine Rolle, aber was mich wirklich sehr lange geprägt hat, war der Duft in der Küche meiner Pflege-Omi. Einige Gerichte bekomme ich jetzt instinktiv (ohne dass ich das bewusst will) so hin, dass mich der Duft am Ende an sie erinnert. Duft ist sowieso ein ganz wichtiger Erinnerungsträger.

    Auch von mir ein kleines Beileid.

    Und es war schön zu lesen, wie Sie mit den Kindern ausgekommen sind :-)

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