Ich und Lyrik – ein Klagelied

Freitag, 8. September 2006 um 17:24

Beichtzeit: Ich kann Lyrik nicht.
Zwischen Gedichten und mir klaffen uneinsehbar tiefe Gräben, über die mich allerhöchstens eine liebende Hand führen kann. Allerdings auch das nur, wenn sie mir vorher die Augen verbunden hat.

Für dieses Unverstehen kann ich niemand Drittem die Schuld geben: Ich erinnere mich deutlich an meine erste Abwehrreaktion Lyrik gegenüber. Da hatte ich gerade Lesen gelernt und den Sammelband von James Krüss Das Buch der sieben Sachen geschenkt bekommen (befindet sich immer noch in meinem Besitz). Ich las gefesselt die Geschichten, freute mich an den Illustrationen (die mir bis heute aufs Lebendigste im Gedächtnis sind) – und überblätterte schon nach ein, zwei vergeblichen Anläufen alles, was in einer schmalen Spalte, linksbündig, Flattersatz daher kam (niemand fühlte sich je von Stanley E. Fishs Aufsatztitel „How to recognize a poem when you see one“ so stark angesprochen wie später ich). Ich weiß auch genau, was diesen Langeweilereflex auslöste: Texte in dieser äußeren Form erzählten keine Geschichten – und wenn sie es doch taten, dann auf eine bemühte und alberne Art, die es in Prosa nicht gebraucht hätte.

Das blieb so, mein ganzes Leben. Ein früher Meilenstein in meiner Lesegeschichte waren Kiplings Dschungelbücher, in einer zauberhaft illustrierten Jugendausgabe. Da die Gedichte und Lieder thematisch eingebunden waren, überflog ich sie zumindest, aber ich erinnere mich deutlich an das gierige Umblättern und die folgende Enttäuschung: „Äh, bloß ein Gedicht.“

Dass meine Mutter von Schillers Lyrik schwärmte und klar signalisierte, dass Gedichte besonders wertvolle Kunst seien, kann mich auch nicht verdorben haben. Dasselbe tat sie nämlich mit Theaterstücken, ohne dass ich je Probleme mit Dramen oder Theater an sich gehabt hätte.

Nun habe ich ja begeistert Literaturwissenschaft studiert. Darin bemühte ich mich ehrlich und redlich um einen Zugang zu Gedichten. Doch bei dieser Gelegenheit erkannte ich, dass ich Gedichte einfach nicht verstehe. Genauer: Ich sehe sie nicht, mir entgehen ganze Zeilen. Bei John Donne oder Milton versuchte ich mir das damit zu erklären, dass die Sprache durch ihre Ferne von meiner Gegenwart eben sehr verschlüsselt sei. Aber man legte mir auch Lyrik in meiner Muttersprache und aus meiner Zeit vor, die sich vor meinen Augen in frei schwebende Wörter auflöste. Ein Semester lang befasste ich mich mit amerikanischer Lyrik des 20. Jahrhunderts. Da das Seminar in einer britischen Hochschule stattfand, umfasste es eine motivierend große Fülle Materials. Zumindest boxte ich mich durch die Wörter einer solchen Menge Lyrik, dass ich „Howl“, ein bisschen Kerouac und Creeley sowie einen ganzen Schwung T.S. Eliot erkenne, wenn ich’s sehe – aber nicht etwa wegen eines Zugangs zu den Originaltexten, sondern wegen der zugehörigen und sehr spannenden Ausführungen des exzentrischen Dozenten (wieder Prosa).

(Exkurs: Das ist nicht die einzige Art von Fiktion, die mir aus zweiter Hand lieber ist als direkt. Wenn mein Freund Frank mir aus den Romanen von Terry Pratchett erzählt, finde ich sie klasse. Die Romane selbst langweilen mich. Selbiges bei der Fernsehserie Simpsons.)

Der Mitbewohner, ein Lyrik-Liebhaber, hat mich durch manches Gedicht geführt, das mir zunächst nur unverbundene Wörter war – auch das fand ich schön. (Und muss immer an Glenn Close als Jenny Fields im Film Garp und wie er die Welt sah denken, die sich von ihrem Sohn seine Kurzgeschichte erklären lässt und dann erfreut sagt: „Wenn es das bedeutet, dann gefällt es mir.“)

In meiner Zeit als Dozentin für englische Literaturwissenschaft musste ich meine Einführungskurs-Studenten natürlich auch zu Lyrik bringen. Die Vorbereitung dieser Stunden holte ich komplett aus Büchern, selbst konnte ich sie mir nicht erarbeiten. Ich fühlte mich wie eine Betrügerin. In meiner eigenen Magisterprüfung hatte ich mich geschickt durch Spezialisierung auf Dramatic Monologue durch den Lyrik-Part gemogelt. Und Shakespeares Sonette gehen eh immer.

Ich empfinde meine Lyrikstörung als echtes Gebrechen, als Lücke in meiner Wahrnehmungsfähigkeit. Weil das so ist, werde ich manchmal böse auf Lyrik und schimpfe, warum die Schreiberin nicht gleich ein Bild gemalt hat, wenn sie mir ganz offensichtlich gar nicht sagen will, was sie meint. Dann erinnere ich mich an die Podiumsdiskussion, in der der Romanschreiber Robert McLiam Wilson (ob der nach seinem wundervollen Eureka Street je wieder etwas zustande bringt?) die feenhaft durchscheinende irische Lyrikerin Medbh McGuckian bearbeitete, warum sie den Blödsinn mit den Gedichten nicht endlich sein lasse und mal was Richtiges schreibe, zum Beispiel einen Roman.

Glücklicherweise fällt mir dann ein, dass ich Lyrik ja doch ein bisschen kann. Manchmal. Wenn es auf Spanisch ist. Federico García Lorca zum Beispiel, der immer zu mir gesprochen hat. Oder Lateinamerikaner wie Nicanor Parra. Pablo Neruda wieder gar nicht, zu manieriert (oder empfinde ich das erst so, seit ich ihn seine Gedicht selbst vorlesen hörte?). Dann aber auch wieder deutsch Robert Gernhard, der sich bezeichnenderweise auch zeichnend ausdrückte.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Ich und Lyrik – ein Klagelied“

  1. Der Langweiler meint:

    Da kann ich ja mal guten Gewissens Joseph Brodskys Essay über das Gedicht September 1, 1939 von WH Auden empfehlen.

    Danach kann man sich für mindestens einen halben Tag einreden, dass man Lyrik toll findet. Es ist begeisternd.

    Brodsky wird sowieso viel zuwenig gelesen.

  2. sabbeljan meint:

    Die Platte leiert,
    Flattersätze kurzgeschoren,
    an Ihres Hirne hochgeboren,
    – gnadenlos vorbeigeeiert.

    (das hätte ich jetzt nicht zeichnen können ;)

  3. Tanja meint:

    Es gibt in keiner Gattung vorwiegend Gutes. Und die meisten Menschen haben keine Lust sich wegen ein paar seltenen Goldadern ein Leben lang durch alles hindurch zu wühlen. Deshalb haben sie einen Filter entwickelt, der sich Vorliebe nennt. Es ist zu beobachten, dass es hierbei auch Jahrhundert- und Generationentrends gibt.

    Als Buchhändlerin nach alter Schule kann ich sagen: Die meisten Leute können Lyrik nicht (ab).

    Wenn Sie einen Lyrikband verkaufen möchten, der NICHT religiös und KEIN gereimtes Geschenkbändchen mit herumfliegenden Valentins-Herzlein oder esoterisch drapierten Steinen an Flussufern ist, dann werden Sie kläglich versagen. Sie werden Blut schwitzen für Hölderlin und das Lied von der Glocke singen, Sie werden Tucholsky röcheln, Achmatowa recyceln, Hohler rezitieren und Sie werden im Glücksfalle höchstens gefragt, ob sie dieses Gedicht hier – ja dieses ist schon noch so passend – vielleicht rasch kopieren könnten?

    Frau Kaltmamsell, Sie sind nicht allein :-)

    PS. Neruda ist – wie Hesse – nur unter Berücksichtigung seiner „Zeitgenossenschaft“ (wie Max Frisch die Zusammenhänge des Autors mit seiner Zeit nennt) erträglich. Dann aber durchaus. Die Rundfunkaufnahmen habe ich allerdings nie gehört und auf die Übersetzung bin ich auch angewiesen.

  4. Bernd Günter meint:

    Auch Heinz Erhardt hat mit Lyrik so seine Erfahrungen gemacht:

    „Warum machst du in Gedichten?“
    fragte mich ein Menschenkind.
    „Warum schreibst du nicht Geschichten,
    die doch leicht verkäuflich sind?“

    Oh, ich habe meine Gründe
    für mein Tun — und sprach verträumt:
    „Weil ich es viel schöner finde,
    wenn sich hinten alles reimt!“

    Gut, er ist nicht John Donne…
    …aber recht hat er! :-)

  5. mek meint:

    Sie sprechen mir aus der Seele. Auch ich überspringe Gedichte, Liedtexte, wo immer sie mir begegnen.
    Was mich aber verwirrt, ist, dass Lyrik bei mir funktioniert wenn sie vorgetragen wird. In Liedern zum Beispiel. Ich kann die Balladen von Francoise Villon nicht lesen, aber gesungen, mit musikalischer Untermalung, verstehe ich sie plötzlich und finde sie wunderschön. So geht es mir mit vielen Texten auch andersherum, die Einstürzenden Neubauten beispielweise, deren Texte die Musik mitfärben, und umgekehrt, wobei sie mir beim Lesen überhaupt nichts tun.
    Lyrik ist ein bisschen Pommes ohne Majo.

    Wahrscheinlich mangelt es uns einfach an Phantasie und Lust, für ein paar geschriebene Sätze gleich eine ganze Stimmungskulisse hochzuziehen. Sollen sie doch Musiker werden, diese faulen Lyriker.

  6. mek meint:

    oh. francois ist natürlich ohne „e“. (und mit dem gezwirbelten „c“)

  7. croco meint:

    Ich bin zwar allein hier, aber ich liebe Rilke.Und Neruda.Aber erklären kann ich es nicht. Vielleicht darf man nicht mit dem Verstand herangehen. Ob es gut wäre, sie sich in einer lauen Vollmondnacht ins Ohr flüstern zu lassen?

  8. Anke meint:

    Ich mag an Lyrik, dass sie Worte in Sätze bringen kann, die in einer Geschichte komplett fehl am Platz wären. Weil sie in einem Gedicht in ihrer unkonventionellen Zusammenstellung eher ein Gefühl transportieren anstatt eine klare Aussage zu haben. Ich sach nur e.e.cummings.

  9. kid37 meint:

    Was wäre der Expressionismus ohne seine Lyrik? (Wer will schon einen Schrei über 300 Roman-Seiten ertragen?) Es ist vielleicht aber auch eine Trennung wie bei abstrakter und figurativer Malerei. Bei mir wechselt das mit den Stimmungen. Bilder, Schwingungen, Rhythmus (wie in den Gedichten Thomas Klings z.B.) haben einen eigenen Reiz – auch wenn ich grundsätzlich ebenfalls lieber Erzählungen lese.

  10. Connie meint:

    also nun kommen Sie mir bitte nicht, Herr oder Frau mek, daß dieses unselige Rilke-Projekt die einzigmögliche Art sei, Rilke zu akzeptieren ;=)

    was mich so wundert, daß in Deutschland (und das ist woanders nicht so, ich weiß das aus Iran, Russland, Armenien… ) das bekämpft wird oder so hämisch abgetan wird, was man nicht versteht. Das ist nicht nur bei der Lyrik so, das ist auch bei klassischer oder Neuer Musik so.

    In Iran zum Beispiel ist die Poesie die hochgeschätzteste Kunstform.
    Jeder Russe kennt mindestens einen Jessenin auswendig, jeder Armenier einen Sayat Nova oder Charents, Araber ihren Omar Khayam..

    Dann laßt es doch einfach. Ihr Nicht-Lyrik-Versteher brecht Euch doch nichts aus der Krone, wenn da mal was ist , was nicht für Euch ist.
    Es gibt leider zu wenig, aber trotzdem Menschen in zählbarer Anzahl, die Assoziationen Empfindungen Glück Verzweiflung Trauer Freude etc. erhalten, wenn sie sich mit Lyrik beschäftigen.

    Es wird ja keiner gezwungen, aber wer ein Musical für große Kultur hält, der hat eben andere Empfindungstentakeln.

    Mir tut immer nur die Ablehnung weh, die aus Nichtverstand gegen die Kunst losgetreten wird.

    Lyrik hat mein kleines Leben bisher enorm bereichert, was man bei meinen Projekten, siehe http://www.zweiterblick.de, vielleicht merkt.

  11. Angel meint:

    Da kann ich mitbekennen: Lyrik und ich verstehen uns nicht. Ich allerdings führe das auf die Tatsache zurück, dass ich Technikerin bin und somit per se nur SciFi und sowas verstehen kann (naja, so in etwa). Falsche Hirnstrukturen oder so ;-)

    Allerdings sehe ich das nicht als Problem und gehe der Lyrik eben so gut aus dem Weg wie es nur geht.

    @Connie:
    Mir kommt es nicht so vor als würde hier Lyrik aktiv bekämpft, ich habe vielmehr das Gefühl, man bekommt so Zeug allenaselang unters Gesicht geschoben und wenn ich zugebe das nicht verstehen zu können (und zu wollen, my fault), dann wird ellenlang erklärt oder mir der Intellekt abgesprochen (wobei Variante 2 die angenehmere ist). Ich vertrete Logik nicht halb so vehement wie Lyrik-Liebhaber Gedichte und sowas.

  12. Herr Paulsen meint:

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Darum schenke ich ihnen jetzt das einzige Gedicht da ich je schrub, vor Jahren, nach einer Lyrik-Lesung:

    Nein, dichten lieber nicht!

    Was ist nur dran, am Dichterwahn,
    wo führt das hin, wo fing es an,
    tät nicht, bei klarem Licht besehen,
    einfach nur Schreiben auch schön gehen?

    Warum muß, was man sagt und denkt,
    in einen Reim, meist ungelenkt,
    am liebsten noch vor Publikum,
    das wünscht, der Dichter bliebe stumm?

    Was soll die ganze Dichtersmüh,
    das klare Wort es scheint per due,
    der klare Satz, war früher mal,
    jetzt wird gereimt, in Überzahl.

    Und ob es passt, oder auch nicht,
    fällt meistens nicht sehr ins Gewicht
    der Dichter selbst ist überzeugt,
    das Versmaß öfter gramgebeugt.

    Wo kommt die alte Leier her,
    ich reime also bin ich wer?
    Ist Goethe schuld oder Homer,
    am erhöhten Dichtverkehr?

    Nein, meist erkennt der Mensch beim dichten,
    hier bin ich Gott, kann Sätze richten,
    hier kann ich Wörter frei vermählen
    und nebenbei noch Leser quälen,

    und keiner schifft ihm an die Karre,
    dem Dichter mit der Wörterknarre,
    den Dichten, obacht!, große Kunst,
    auch wenn der Dichter nur mal grunzt.

    Zum Dichterfürst wird nur erreifen,
    wer sich auch Reime kann verkneifen,
    die hinten haken, vorn nicht passen,
    in dem Fall klug sein, einfach lassen.

  13. die Kaltmamsell meint:

    Holla, Herr Paulsen! Welch Vermächtnis!

  14. Gedichte Liebhaber meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  15. rip meint:

    Ein paar Stegreif-Thesen zur Lyrik:
    – Gereimte Gedichte sind generell überbewertet. Es ist erschreckend, wieviele Leute immer noch meinen, dass der Reim ein wesentliches Merkmal eines Gedichts sei.
    – Viele moderne Gedichte sind maniriertes Geplapper.
    – Lyrik als Textform ist trotzdem toll: Ein gutes Gedicht ist Dichtung in konzentriertester Form.
    – Gereimte Gedichte können auch umwerfend sein: Gryphius zum Beispiel.
    – Moderne Gedichte können mehr sagen als eine Erzählung: Sarah Kirsch zum Beispiel. Oder Ernst Jandl.
    – Jandl ist überhaupt toll.
    – Gedichtenichtmöger sind entweder überfüttert worden mit Lyrik oder haben noch zuwenig davon gesehen. Oder das Falsche. ;-) Aber nicht jeder muss alles mögen. Ich mag zum Beispiel kein Lammfleisch.
    – Diese Liste ist sehr oberflächlich. :-))

  16. windsbraut meint:

    Machen Sie sich nichts draus. Manche Dinge liegen einem einfach nicht. Ich bin Pro-Lyrikerin und wie rep der Meinung, dass ein gutes Gedicht Dichtung in konzentriertester Form ist, kann aber auch verstehen, dass Lyrik nicht jedem zugänglich ist.
    Dafür kann ich mit Theater nichts anfangen trotz, das möchte ich an dieser Stelle betonen, vielfachem Versuch. Bin bei Tschechow regelmäßig eingeschlafen. Und ich liebe Terry Prachett schon allein dafür, dass er in ‘The Fifth Elephant‘ den Tschechow so schön verhohnepiepelt.

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