Lesebogen

Mittwoch, 14. März 2007 um 7:30

DER LESEBOGEN für Sebastian Dickhaut (erschienen in der Giessener Allgemeinen Zeitung am 2. 12. 2006)

Liebster erster Satz
„It is a truth universally acknowledged that a man in posession of a good fortune must be in want of a wife.“ Pride and prejudice von Jane Austen, aus dem Gedächtnis zitiert und als korrekt überprüft. Es hat schon Gründe, warum es allein um diesen einen Satz ganze literaturwissenschaftliche Kongresse gibt: Darin sammelt sich Austens ganze Faustdickheit hinter den Ohren.
(Oder doch „Her gynecologist recommended him to me.“? John Irving kann sehr gut erste Sätze.)

Mein 1. Buch
Kindlers neues Literaturlexikon (dass darin nur ein Aufsatz von mir ist, muss genügen)

Zur Zeit lese ich
Dead Time von Eleanor Taylor Bland

Als nächstes Buch lese ich
Granta 96: War Zone

Wann lesen Sie?
Fast ununterbrochen. Wenn ich gerade nicht lese, treibe ich vermutlich Sport, spreche mit jemandem oder ich schlafe.

Was lesen Sie?
Alles, was ich entziffern kann, unter anderem Internet, Zeitung, digitale Dokumente auf dem Bildschirm, Schilder, Aufschriften auf Verpackungen, Bücher – eben Geschriebenes.

Wo lesen Sie?
Am Wohnzimmertisch, in der Straßenbahn, im Bus, am Arbeitsplatz, im Zug, im Bett, auf dem Balkon, im Hotelzimmer, am Schreibtisch, im Café und überall, wo mir zufällig Lesbares vor die Augen kommt.

Lieblingsbuch
Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlands in Anekdoten von Friedrich Torberg.

Lieblingsautor
Shakespeare: durchgehend schnafte, ohne Abstriche

Ärgerlichstes Buch
Bildung vom Schwanitz. Aber ich habe mich damals ausgesprochen fruchtbar geärgert.

Liebster Roman-Held
Henry aus The Time Travellers Wife von Audrey Niffenegger

Liebste Roman-Heldin
Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Pipi Langstrumpf und Ruth Cole aus John Irvings Widow for one Year.

‘Bösester’ Roman-Schurke
Mrs Ferrars aus Jane Austens Sense and Sensibility

Liebste Comic-Figur
Peter Parker

Dieses Buch hat mich bewegt
Unter anderem The Cider House Rules und Son of the Circus von John Irving, Captain Corelly’s Mandolin von Louis de Bernieres, The Time Traveller’s Wife, Sense and Sensibility, German Angst von Friedrich Ani, Die viertorige Stadt von Doris Lessing – unmöglich, mich für nur eines zu entscheiden.

. . . verändert
Pipi Langstrumpf von Astrid Lindgren.

. . . zu Tränen gerührt
Ana Nein von Agustín Gomez-Arcos.

. . . zum Lachen gebracht
Eats, Shoots, and Leaves von Lynne Truss

. . . klüger gemacht
Rätsel der Kochkunst. Naturwissenschaftlich erklärt von Hervé This-Benckhard. Seither kann ich Vinaigrette und weiß auch noch, warum.

. . . geärgert
Brick Lane von Monica Ali. So ein klasse Setting, derart mies gemacht.

. . . toleranter gemacht
Such a Long Journey von Rohinton Mistry

Überschätzter Autor
Peter Handke

Unterschätzter Autor
Joanne K. Rowling

Gute Krimis sind . . .
gute Romane.

Schlechte Romane sind . . .
bei genügend hoher Verkaufszahl immer noch eine Einkommensquelle für irgend jemanden.

Bestseller-Listen sind . . .
für andere.

Wie viele Bücher haben Sie gelesen?
Verzeihung, diese Frage konnte ich zuletzt im Alter von sieben Jahren beantworten.

. . . lesen Sie im Monat im Schnitt?
Seit ein paar Jahren wohl nicht mehr als vier.

. . . stehen in Ihrem Bücherschrank?
Bitte nochmal um Verzeihung, diese Frage konnte ich zuletzt mit 16 beantworten. Ich kann ja mal die Bücher zählen, die sich in meinem Schlafzimmer aufhalten, also zum Schmökern neben meinem Bett liegen oder ungelesen in einem kleinen Sideboard stehen, weil ich noch nicht weiß, ob ich sie wirklich lesen möchte, ungelesen als Referenzwerke in die Bibliothek sortieren oder weggeben: 23. (Es gibt einen eigenen Meter definitiv zu lesender Bücher im Wohnzimmer.)

Wieviel Geld geben Sie im Monat für Bücher aus?
20 bis 100 Euro.

Wenn mein Bücherschrank überfüllt ist . . .
werfe ich dem Mitbewohner (ein aktiver Sammler) einen scharfen Blick zu.

Leihen Sie Bücher aus?
Nein.

Verleihen Sie Bücher?
Nein, ich verschenke sie eher.

Eselsohren sind . . .
ein Unglück.

Menschen, die keine Bücher lesen, sind
. . . vermutlich anderweitig interessiert.

Welches Buch fehlt ihnen?
Alle, die Douglas Adams nicht mehr schreiben konnte.

Liebster Schluss-Satz
„After all, tomorrow is another day.“

Vom Mittagesser.

die Kaltmamsell

18 Kommentare zu „Lesebogen“

  1. Sebastian meint:

    Sauber! Die Tante Jolesch, ich glaub’s nicht! Obwohl: „Alles, was ein Mann schöner ist als ein Aff, is a Luxus.“ Hätte man sich ja denken können. Der Schlusssatz erinnert mich, dass ich Vivien Leigh als unterschätzte Autorin vergessen habe… Nein, ich meine natürlich Margarete Mitscherlich. Nein… obwohl: „After all, tomorrow is another day” und „Die Unfähigkeit zu trauern”, das passt eigentlich. Bin jetzt still.

  2. Helga meint:

    Handke – danke.

  3. Gretchen meint:

    Was lesen Sie am liebsten im Orchestergraben?

    Gaaaanz flache Sachen: Am liebsten Susanne Fröhlich „Familienpackung“ oder ähnliches. Finden meine Kollegen auch ganz amüsant… wie sie mit der Fernbedienung vom Vibrator das Garagentor geöffnet und den BMW ihres liebsten zerstört hat. Köstlich!
    Und wenn dann noch Lohengrin eine Etage über uns seine Gralserzählung schmettert! Was könnte es schöneres geben?
    Höchstens einen Abend lang Sudokus lösen und währenddessen Verdis „Otello“ spielen!

    Es grüßt Orchestermusiker-Gretchen

  4. croco meint:

    Und ich dachte, mit meinen Vorlieben für Pippi, John Irving und Hervé This-Benckhard wäre ich ganz alleine auf der Welt. Bei mir käm halt noch Bruce Chatwin dazu, und ich les nicht so gerne auf Englisch, aber die Liste ist ansonsten passgenau. Wir sollten wirklich mal zusammen Kaffee trinken gehen. Das wäre sicher ein Vergnügen.

  5. Remington meint:

    Was war denn am dicken Schwanitz so schlimm? Ich fand den stellenweise recht amüsant, hängen geblieben ist allerdings auch nicht viel. Aber der Wälzer war prima geeignet, die Kollegen in der Nachtschicht zu beeindrucken. Müsste ihn mal fertig lesen…

  6. die Kaltmamsell meint:

    Sebastian: In Deinem Fachgebiet müsste Dir doch viel eher in Erinnerung geblieben sein „Tse. Des werd ja morgen net zum derscheißen sein.“ (Da habe ich übrigens mein gern gebrauchtes „Tse“ her.)

    Gretchen: Heiteres im Orchestergraben? Und wenn Sie zu laut lachen müssten, kommt hoffentlich wieder ein Einsatz fürs Blech?

    Croco: Wir zwei sind doch fest für den nächsten Schulausflug ins Deutsche Museum verplant, oder?

    Remington: Die Mühe mache ich mir vielleicht wirklich mal, dass ich diese Schwanitzsche Unverschämtheit detailliert auseinander nehme. Mir hat er dann aber doch leid getan, als er halb wahnsinnig und völlig vereinsamt starb.

  7. kid37 meint:

    Ach, „verschieben wir’s auf morgen“ – das ist ein Satz.

  8. Frau Klugscheisser meint:

    Kaum vorzustellen aber neben Sportunlust gibt es noch die Steigerung: Leseunlust.
    [schöner Fragebogen übrigens]

  9. Sebastian meint:

    Lese jetzt erst richtig: „über Bildung FRuchtbar geärgert”. Wie das?

  10. die Kaltmamsell meint:

    Nachdem der Inhalt des gleichnamigen Buches meiner Meinung nach keineswegs Bildung war, Sebastian, habe ich mir gründlich Gedanken gemacht, was es tatsächlich ist (und ich habe mir einen Gutteil der Bibliographie im Anhang besorgt). Jajaja, ich hole das gründliche Zerpflücken noch nach.

  11. Andreas meint:

    Hat sehr viel Spass gemacht, Ihren Lesebogen zu lesen. Interessant dabei: Deutschsprachige Autoren (abgesehen vom Autor von German Angst) werden wenn, als „am meisten überschätzt“ aufgeführt. Wie eben Peter Handke. Das mag zutreffen, ich kenne ebenfalls Autoren bzw. Autorinnen, die mir wesentlich mehr bedeuten, aber auch wesentlich weniger. Einige, die mir (ganz subjektiv wie Ihr Lesebogen auch) wesentlich mehr bedeuten:

    Emma Braslavsky
    Juli Zeh
    Manfred Rumpl
    Bernd Schröder
    Maxim Biller
    Sibylle Lewitscharoff
    Peter Stamm
    Judith Herrmann
    Andreas Kollender
    Klaus Modick
    Walter Kempowski
    Guy Helminger
    Thomas Lehr
    Ingo Schulze
    Ludwig Fels
    Peter Rosei
    Ivana Jeissing

    Ich könnte ja jetzt noch mit Sekundärliteraten weiter machen. Ne, lieber nich :-) Die werfen ganz andere Namen in den Ring.

  12. maz meint:

    OK, bei mir heißt es dann so: wenn ich nicht lese, dann treibe ich Sport oder schlafe gerade mit jemandem :-)))
    Ansonsten: klar, ausgezeichneter Geschmack: klar, feinste Bildung: klar, Kaltmamsell: klar…

  13. Gonzo meint:

    Unterschätzter Autor
    Joanne K. Rowling

    Hmmm… na, ich weiss nicht…. jemand, der Saetze schreibt wie „Ron’s teeth were gritted with fear“ muss sich aber bei mir noch ein bisschen anstrengen….

  14. Chris K. meint:

    @ Gonzo: Hier hätte sich der Lektor ein wenig´mehr anstrengen müssen. Dass auf ein paar hundert Seiten mal die eine oder andere Formulierung daneben geht, ist eher normal. Niemand ist davor gefeit, gelegentlich Unfug zu schreiben.

  15. Greenbay meint:

    Ja, diese Selbstbeweihräucherung, mir gefällt das. Gebildet, geliebt und immer im Trend. Das führt zu der Selbstzufriedenheit, die ich auch so gerne hätte. Du bist mein Ideal, ich will auch so sein.

  16. die Kaltmamsell meint:

    Arroganz und Herablassung üben Sie hier ja schon fleißig, Greenbay; jetzt müssen Sie nur noch die Minderwertigkeitskomplexe loswerden, dann sind Sie auf gutem Weg.

  17. Mareike meint:

    Schnafte? – Nie gehört, aber super Wort!

    War heute erst in Shakespeare’s Globe. Sehr interessant. U.a. ist mir dabei aufgefallen, dass ich den guten Herrn mal wieder aus dem Bücherregal auf den Lesestapel packen muss.

  18. Nulldev meint:

    Bitte das Versprechen, über Schwanitz zu schreiben, irgendwann erfüllen.

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