Der kleine Waschsalon in der Altstadt

Donnerstag, 9. August 2007 um 9:25

Wäscheautark wurde ich spät: Als der Mitbewohner vor elf Jahren zum Mitbewohner wurde, brachte er eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner in unser gemeinsames Leben ein. Davor nutzte ich Heimatbesuche und somit Mutters Maschine, später bereits wäscheautarke Freundinnen – und einen Waschsalon mit Mangelstube in der Altstadt meines Studienortes.

Der Waschsalon hatte nichts mit dem Bild zu tun, das man aus Großstädten, Filmen, Fernsehen kennt: Er bestand aus einem langen, neonbeleuchteten Gang, der tief in ein schmales Haus aus dem späten Mittelalter hinein reichte. An der linken Wand aufgereiht acht weiße eingemauerte Waschmaschinen, dann zwei öltonnenförmige Wäscheschleudern, dahinter zwei riesige Wäschetrockner. An der rechten Wand Holzbänke, Garderobenhaken, ein Tisch zum Zusammenlegen der Wäsche. In einem Hinterzimmer die Heißmangel. „Salon“ war sowas von die falsche Bezeichnung dafür.

Die Besitzerin und Führerin des Geschäftes war die gute, liebe Frau Karkosch: klein, steinalt, drahtig und nur wenig gebeugt, immer in Kittelschürze, die wenigen dunkelgrauen Haare im Nacken zum Knoten gebunden, ununterbrochen in Bewegung. Jeden begrüßte sie beim Betreten des Waschladens mit ihrer bis fast zur Unhörbarkeit heiseren Altfrauenstimme mit einem herzhaften „Grüß Gooooott!“. Sie liebte ihre Arbeit, das war in jedem Handgriff sichtbar, liebte es, sauber und effizient zu arbeiten, liebte den Kontakt mit den Menschen jeden Alters. Gleichzeitig war sie feinfühlig genug, niemandem ein Gespräch aufzunötigen, dazu hätte sie auch gar keine Zeit gehabt; sie sprach ihre Kunden und Kundinnen nur auf Anfrage oder auf ein Signal mit ihrem dicken schlesischen Akzent an, blinzelte freundlich von ein bisschen schräg unten durch ihre Brillengläser hoch. Doch dann warf sie sich mit Leidenschaft in jedwedes Thema – vielleicht klang sie aber auch deswegen immer leidenschaftlich, weil sie sich über ihre Heiserkeit hinweg nur verständlich machen konnte, wenn sie heftig in die Stimmbänder atmete. Sie liebte es, Geschichten und Neuigkeiten zu hören, liebte es zu staunen, und besonders heftiges Staunen unterstrich sie mit einem Altfrauenkrallgriff an den Arm des Gesprächspartners.

Die liebe Frau Karkosch trug wegen ihrer dauerkalten Füße immer kurze Winterstiefelchen, mit Fell gefüttert. Richtig warm war ihr nie, auch im heißesten Hochsommer nicht und obwohl die Trockner zusätzlich Hitze abstrahlten. Mehrmals am Tag schaute ihr dicklicher Sohn vorbei, im blauen Hausmeisterkittel, selbst schon um die 60. Wenn es etwas zu reparieren gab, reparierte er es, wenn es etwas zu besorgen gab, ging er Einkaufen. Ich bin nicht draufgekommen, wie alt Frau Karkosch Anfang der 90er selbst war. Irgendwann erwähnte sie, sie habe in den 20er Jahren als eine der ersten Frauen den Führerschein gemacht – dann hätte sie ja schon um die 90 sein müssen!

Bei Frau Karkosch konnte man nicht nur selbst Wäsche waschen, schleudern, trocknen. Man konnte auch die schmutzige Wäsche da lassen und am nächsten Tag sauber abholen. Dieses Angebot nahm ich zwar nie in Anspruch (ich ging lieber Einkaufen oder las, während meine Maschine lief), aber so konnte ich Frau Karkosch bei der professionellen Wäschebehandlung beobachten und so einiges über fachgerechtes Zusammenlegen lernen. Ebenfalls übernommen habe ich von ihr, vor dem Entnehmen der sauberen Wäsche aus der Trommel erst mal den Gummirand mit einem Lappen sauber zu wischen – so geraten keine Waschmittelreste an die Kleidungsstücke.

Sie liebte vor allem das Gespräch mit jungen Leuten, die gute Frau Karkosch, bei älteren war sie eher kurz angebunden. Sie war neugierig auf deren andere Sichtweise, schaute sich gerne ihre Kleidung an, von krachbunten Resten der 80er über gesamtschwarzen Waver-Look bis zu Selbstgestricktem, dessen Herstellung sie sich genau erklären ließ. Selbst berichtete sie nur über ihren Alltag in der Gegenwart, leider erzählte sie kaum aus ihrem langen Leben.

Frau Karkosch kümmerte sich um die jungen Leute, die zu ihr zum Waschen kamen, zurückhaltend und doch auf vielerlei Weise. Es gab keine Möglichkeit für Aushänge ihn ihrem Laden (kleine Flyer mit Konzertankündigungen befestigte sie aber gerne im Fenster zur Straße), so vermittelte sie zum Beispiel Wohnungen mündlich. Wer ihr erzählte, dass er gerade auf Zimmersuche sei, konnte damit rechnen, von jemand anderem zu hören, der gerade eines zu vergeben hätte. Und ihr Alter war auch deshalb so schwer einzuschätzen, weil sie sich so gar nicht als schonenswert sah – im Gegenteil: Immer wieder nahm sie mir den schweren Korb mit nasser Wäsche aus den Händen. Frau Karkoschs heiser hervorgestoßene Begründung: „Sie sind noch jung, Sie müssen noch auf sich aufpassen. Bei mir is eh schon egal.“

Das letzte Mal habe ich wohl vor zwölf Jahren bei Frau Karkosch gewaschen, deren Namen ich hier nach dem Gehör aufschreibe. Es ist unwahrscheinlich, dass sie den Laden noch führt, dass er überhaupt noch existiert. Ich muss den Mitbewohner bitten, dass er mich daran erinnert, beim nächsten Besuch der Studienstadt an dem Haus vorbeizuschauen.

Nachtrag: Ein Kommentar korrigiert die Herkunft der Dame auf Sudetenland.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Der kleine Waschsalon in der Altstadt“

  1. nachtschwester meint:

    Sehr schön geschrieben, macht ein bisschen melancholisch, denn die Frau Karkosch vertritt einen Frauentyp, den es heute nicht mehr gibt, die Trümmerfrauen, sagen wir im Krankenhaus. Auch den schönen schlesischen Akzent wird es nicht mehr lange geben, denn diese kriegsflüchtige Generation stirbt nun. Frau Karkosch erinnert mich an Tante Gerda, die letztes Jahr mit 83 ihren Eckladen bei uns um die Ecke schloss. Die war auch eine Seele, nun ist da ein beliebiges Copyshop. Oder daran, wie mein Vater bei der Beerdigung meiner 93jährigen Großmutter sagte: Da ist eine Epoche gestorben.

  2. Mareike meint:

    Ist der nächste Besuch schon geplant? Bin gespannt, ob die Eindrücke solche zum (öffentlichen) Teilen oder eher zum Behalten sein werden…

  3. .meike meint:

    Schöne Geschichte. Ich kann mir alles ganz genau vorstellen. Danke. Und was gelernt habe ich auch. Ich werde gleich mal den Rand abwischen, bevor ich die Wäsche aus der Maschine hole!

  4. Thomas Seidl meint:

    Liebe Autorin,

    vielen Dank für das sehr liebevolle Porträt meiner Tante Mali. Sie ist allerdings nicht in Schlesien geboren, sondern im Sudetenland. Leider ist meine Tante schon vor 2 Jahren verstorben.

    Thomas Seidl

  5. Andrea meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell! Auch wenn dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich Ihnen dafür gerne noch danken. Selten habe ich ein so liebevoll gezeichnetes Porträt einer „einfachen Frau“ in so wenigen Worten gelesen. Ganz wunderbar, macht glücklich und traurig zugleich, wie die ganz großen Geschichten.
    Ich bin erst vor einigen Monaten auf Ihren Blog gestoßen, und wie immer, wenn mir ein Blog wirklich gut gefällt, arbeite ich mich chronologisch ins Heute durch. Mir stehen also noch etliche Stunden Lesevergnügen bevor.
    Ganz liebe Grüße
    Andrea

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