Diätterror – die Serie (15):
Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body

Montag, 7. Juli 2008 um 12:54

Letzte Woche versuchte mir das Selbsthassmonster mal wieder einzureden, ich hätte zugenommen. Mein Kleiderschrank ist sehr voll, und so merke ich mir nicht im Detail, welche Hose, welcher Rock eher locker oder eher eng sitzen – und kann mir flugs einbilden, die blaue Hose mit Nadelstreifen kneife plötzlich an den Oberschenkeln. Ich war mal wieder ganz knapp davor, mich zu wiegen (merke: sich ständig wiegen müssen nur Kranke und Schwangere). Dabei bewies mir mein schöner Blumenrock gestern, dass von Zunehmen nicht die Rede sein kann: Er saß mit genau so viel Spiel wie immer auf den Hüften.

An der Ecke bin ich immer noch hochempfindlich. Mein Körperumfang ist seit fast zwei Jahren genau so, wie ich ihn haben will. Nein, ich wünsche mir nicht, dünner zu sein – was sich doch angeblich jede Frau erträumt. Zum einen schaue ich mir heute die Fotos meines dünneren Selbst an und stelle fest: Das war zu dünn. An meinem kräftigen Knochenbau wirkt zu wenig Umhüllung verhärmt. Und ich erinnere mich zu gut, dass ich Größe 36/38 nur mit eiserner Selbstkasteiung halten konnte – ein deutlicher Hinweis, dass sie mir nicht entsprach. Zum anderen weiß ich aus Erfahrung, dass viele Kleidungsstücke mir nie stehen werden, egal, wie dünn ich bin. Gewichtsverlust würde also lediglich bedeuten, dass mir all meine schönen Sachen nicht mehr passen. Nein, danke.
Aber, und hier die Empfindlichkeit: Mehr zu werden, bleibt einer meiner schlimmsten Alpträume. Auch wenn nichts darauf hinweist, dass das ein reales Risiko ist.

Kein Wunder also, dass mich Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body interessierte. Es war der Untertitel, der mich auf das Buch aufmerksam machte. Er fasst zusammen, was die Autorin Courtney E. Martin zum Schreiben gebracht hat: Wir sehen es inzwischen als völlig normal an, dass Frauen ein kaputtes Verhältnis zu ihrem Äußeren und zur Nahrungsaufnahme haben.

Martin nimmt sich heterosexuelle Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 29 vor. Auch wenn ihre Untersuchung nicht statistisch relevant wissenschaftlich ist, sondern lediglich eine große Menge Fälle aufzählt, sind ihre Definitionen und Abgrenzungen gewissenhaft und transparent. Dazu gehören auch saubere Quellenangaben und eine ausgiebige Literaturliste.

Das Buch basiert auf einer Vielzahl Interviews mit Mädchen, Frauen und Männern, per E-Mail oder persönlich. Zu den Aspekten, die Martin beleuchtet, gehören „Feminism’s unintended legacy“, „The male mirror“, „Pop, Hip-hop, Race and the Media“, „All-or-nothing nation“, “Athletic obsession“. Vieles daran ist sehr US-amerikanisch: Die High-School-Mechanismen, die beschriebene Desillusion nach Studium oder 11-Jährige, die von ihrer Mutter einmal die Woche zum Nutritionist geschickt werden, sind mir als Europäerin fremd. Überrascht war ich aber, wie viel von dem, was sie über 12- bis 29-Jährige schreibt, auch auf mich 40-Jährige zutrifft.

Viele von Martins Beobachtungen fand ich erhellend. So hält sie ein unbeabsichtiges Erbe der Feministinnen zweiter Generation fest: Wir, die wir von unseren Müttern ermutigt wurden „You can be anything you want“ haben das ganz offensichtlich aufgefasst als „You must be everything“. Wie es zu diesem Missverständnis gekommen ist, bleibt offen. Allerdings waren es dieselben Mütter, die Wein predigten, aber Wasser servierten (es sind immer die Mütter schuld). Die ihre Töchter anwiesen, sich gegen die Kult von Äußerlichkeiten zu wehren, selbst aber vor dem Spiegel verächtlich zu sich waren. Oder die mich, in meinem Fall, auf Höchstleistungen in der Schule und eine Karriere dressierten, sich selbst aber komplett vom Geld und Beruf ihres Ehemanns abhängig machte.

Auch interessant: Die Ergebnisse von Martins Erhebung, was Männer (angenommen, es handle sich um eine erfassbare Gruppe) wirklich an Frauen (eine ebenso hypothetische Gruppe) attraktiv finden. Zum einen stellt sie fest, dass ein Unterschied zwischen der Jagd nach hot girls und der Suche nach einer möglichen Partnerin besteht. Die hot girls entsprechen den Stars in Film, Musik und Fernsehen, von ihnen träumen Männer, um diese treten sie in Wettstreit, sie gelten als Trophäe. Doch dann ist da die E-Mail-Aktion, die Martin startete. Sie mailte allen Männern in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis und bat sie, die Mail an so viele Männer wie möglich weiterzuschicken, wies ausdrücklich darauf hin, dass auch anonyme Antworten willkommen seien:

“What do you honestly find attractive? Don’t give me your politically correct answer. Lay it on me.”

And almost every one of them answers in some form or another:
confidence and a sense of humor.

In truth, if you are worrying about snagging a man, you would be better off spending your time taking an improv comedy class than running on the treadmill. (…) Guys don’t want disappearing women. In direct contrast, they actually want women who are present, strong, and ambitious. Guys don’t want women who maintain a tiny size if it isn’t their natural weight. They want women who carry their size with grace.

Es folgen seitenweise Zitate aus den Anwort-Mails, die das belegen.

Andererseits: Wenn Frauen das wirklich einsehen würden, könnten die meisten Frauenzeitschriften dicht machen. Die Folgen: Medienkrise, arbeitslose Journalisten, Einbruch in der Werbeindustrie, Armageddon. Das wollen wir doch nicht. Es ist einfach zu lukrativ, wenn Frauen sich scheiße finden.

Eine Ursachenanalyse bietet Martin nur in Ansätzen an – aber das hat sie sich auch nicht als Aufgabe gestellt. Völlig hilflos ist auch sie, wenn sie in Gesprächen mit jungen Mädchen feststellt, dass diese sich sich des mörderischen Einflusses von Medienbildern sogar bewusst sind, aber keine Möglichkeit sehen, sich ihm zu entziehen. Die Lösung, die sie am Schluss des Buches als Möglichkeit aufzeigt (kein amerikanisches Buch ohne Lösung), ist entsprechend fragwürdig: „Spirituality.“

Befremdlich war für mich das Einweben persönlicher Erlebnisse der Autorin. Ihre Begründung: So viele Frauen haben sich ihr geöffnet und viel von sich preisgegeben, dass sie das der Gerechtigkeit halber ebenfalls tun muss. Ich schwanke zwischen Kopfschütteln über das Aufgeben der wissenschaftlichen oder auch nur journalistischen Distanz und dem Respekt davor, wie verletzbar sich Martin damit macht. (Außerdem hätte ich Martins hochkomische Geschichten, wie ihr Vater sich bemühte, Teil ihres Frauwerdens zu sein, nicht missen wollen.)

Wieder zurück zu mir persönlich: Mein Selbstbild ist viel besser geworden in den vergangenen Jahren (mag am Alter liegen: Martin berichtet am Rande von den älteren Frauen, die endlich Frieden mit ihrem Körper geschlossen haben. Nur dass sie nicht so lange warten will), auf einer Waage stand ich seit eineinhalb Jahren nicht mehr, das innere Monitoring meiner Nahrungsaufnahme ist deutlich nachlässiger geworden. Misstrauisch bleibe ich meiner Sportlust gegenüber.

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Diätterror – die Serie (15):
Perfect Girls, Starving Daughters: The Frightening New Normality of Hating Your Body

  1. Sprachspielerin meint:

    Ich denke, dass es relativ klar ist, dass Männer nicht so viel Wert auf Gewicht und Figur legen, wie Frauen das manchmal zu glauben scheinen, das bestätigt eigentlich die Alltagserfahrung ganz gut. Nur, was ich mich frage: ist das wirklich das Problem? Müssten nur alle Frauen einsehen, dass das so ist und dann wäre alles gut?

    Ich habe manchmal den Eindruck, dass ‚Männer‘ und deren Sicht auf den weiblichen Körper (der durchaus gelassen und recht unkritisch ist) gar nicht der springende Punkt sind. Ich glaube beinahe, dass es tatsächlich der Blick der anderen Frauen ist, der so unter Druck setzt: dieses Sich-Vergleichen, dieses Konkurrenzfähig-Sein/Bleiben-Wollen, dieser dauernde Blick nach drüben, ob die andere schöner, schlanker, besser ist. Und der Blick von drüben her, den man gerne liest als: ‚wie sieht die denn aus, die hat aber ordentlich was auf den Rippen…‘, auch wenn das vielleicht gar nicht so gemeint ist…

    Ich formuliere das alles sehr vorsichtig, weil ich mir da wirklich nicht sicher bin. Und noch unsicherer wäre ich mir bei der Frage: warum um Himmels willen ist das denn so? Warum müssen wir uns immer vergleichen, warum macht uns der Blick einer schönen Frau auf uns selbst so fertig? Oder täusche ich mich damit einfach?

    P.S.: Sie haben hoffentlich den schönen Artikel im SZ-Magazin gelesen, dass mäßiges Übergewicht sogar gesundheitsfördernd ist!

  2. Remington meint:

    An mir defilieren nun tagtäglich mindestens tausend Menschen vorbei, der überwiegende Teil davon Frauen und Mütter. Und ich möchte behaupten, der Teil von ihnen, der aus männlicher Sicht mit seiner Figur zufrieden sein kann, ist äußerst gering.

    Das mag am Publikum liegen; ein Zoo ist keine Vernissage. Das mag an der Mutterschaft liegen, mit der ja allgemein eine umfassende Veränderung einher geht. Fakt ist aber auch eines: Für einen Mann, zumindest für die meines Schlages schwächt sich das Figur-Argument geradezu dramatisch ab, wenn näherer Kontakt hergestellt wird und sich herausstellt, wessen Geistes Kind die Dame ist. Esprit, Selbstbewusstsein, Schlagfertigkeit und Mutterwitz stehen dann im Vordergrund und zwar alles andere weit überragend. Eine Frau mit einer guten Figur ist sich immer ihrer Sache sicher, sagt man. In Wahrheit ist das nur selten der Fall. Erst die Summe aller Eigenschaften macht die Persönlichkeit und ist diese stimmig und wird als ehrlich empfunden, spielt der reine Körperbau eine sehr untergeordnete Rolle.

    Ganz allerdings nicht. So edel wird ein Mann niemals. Glaub ich.

  3. Milla meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    Sie sprechen mir, wie so oft, aus dem Herzen. Ich kenne Selbsthasstage bis zur Genüge und auch dieses fiese unechte Gefühl, wenn die Hose an den Beinen scheinbar enger sitzt (bei diesem Wetter übrigens kein Wunder) Dies zog zu anderen Zeiten Tage schlimmster Selbstkasteiung nach sich. Ich habe gelernt, mich davon nicht mehr verrückt machen zu lassen. Allein, was mir nicht ganz geheuer dünkt, ist nicht die Sportlust, sondern eine uralte, mittelerweile völlig zerfetzte Jeans in einer bestimmten Größe, die ich dann und wann noch einmal aus dem Schrank holen muß.
    Manchmal denke ich, diese ganze Diät-Geschichte ist ferngesteuert, um uns von den wirklich wichtigen Dingen ab- und fernzuhalten. Ich rätsele nur noch, ob von den Männern, aus Angst, dass wir gleichziehen, oder von unseren Geschlechtsgenossinnen, aus eben dem gleichen Grunde. Aber vielleicht ist das noch viel zu einfach gedacht.

    Wie auch immer, vielen Dank für den Beitrag und den Hinweis auf den Titel.
    Ihre
    Milla

  4. pepa meint:

    Da mag was dran sein, Milla.

    Manchmal denke ich, diese ganze Fixiertheit auf vermeintliche körperliche Makel ist ein ganz eigenes, weibliches Vermeidungsmanöver zur Ablenkung von den wichtigen äußeren Aufgaben, die nicht nur mit einer Menge Verantwortung, sondern vor allem mit der für viele von uns unangenehmen Nebenwirkung verbunden sind, nicht mehr everybodys darling sein zu können.
    So etwa, wie man anfängt die Butze aufzuräumen, wenn man eigentlich die Steuererklärung machen sollte.

    Eine ganz ähnliche Funktion scheint mir übrigens auch diese, vielfach bei jungen Akademikerinnen zu beobachtende Fixierung auf die Brutpflege zu haben.

  5. mo meint:

    faszinierend ist auch, dass fast jeder auf eine anspielung auf einen (vermeintlichen) körperlichen makel „reagiert“, egal ob frau oder mann.

    dabei werden komplimente gerne überhört, gegenteiliges oder auch nur ungeschickte kommentare bleiben im jahrelangen autoloop im hinterkopf. (ich konnte nach einem ersten kommentar eines kollegen über mein schütterer werdendes haupthaar nicht mehr ertragen, wenn jemand am schreibtisch hinter mir steht).

    richtig lustig ist aber, dass noch so abfällige kommentare von dritten zur eigenen geisteskraft meistens überhaupt keine wirkung hinterlassen. (zumindest nach der schulzeit)

    ergo: mann findet sich zwar klug, aber hässlich.

    wie passt das denn?

  6. pepa meint:

    „mann findet sich zwar klug, aber hässlich.“

    Vielleicht hängt das damit zusammen, dass man zwar von innen her denkt, sich aber selbst von außen nicht sehen kann? ;-)

  7. walküre meint:

    „Es ist einfach zu lukrativ, wenn Frauen sich scheiße finden.“

    Dieser Satz erklärt alles. Es geht ums Geld, um nichts sonst – unter dem Deckmäntelchen der Gesundheit (Der BMI wurde von Versicherungsgesellschaften salonfähig gemacht !), der vermeintlichen Attraktivität, des modischen Aspektes.

    Wer profitiert ?

    – die Modeindustrie, die sich nicht den Käuferinnen anpassen muss, sondern umgekehrt
    – sehr viele Zeitschriften
    – Pharmakonzerne (Appetitzügler, Nahrungsergänzungspräparate & Co)
    – Kosmetikkonzerne (nur als Beispiel: Cellulite, das Feindbild der Nation)
    – Diätberater/innen, ein Beruf, der mittlerweile allenthalben auftaucht
    – die Nahrungsmittelbranche („Light“-Produkte, der ernährungsphysiologische Hoax des Jahrhunderts)
    – Fitnessstudios
    – Organisationen wie die Weight Watchers, Figurella und dergleichen

    Auf die Schnelle aufgezählt.

  8. shlonek meint:

    Manchmal denke ich, diese ganze Fixiertheit auf vermeintliche körperliche Makel ist ein ganz eigenes, weibliches Vermeidungsmanöver zur Ablenkung von den wichtigen äußeren Aufgaben, die nicht nur mit einer Menge Verantwortung, sondern vor allem mit der für viele von uns unangenehmen Nebenwirkung verbunden sind, nicht mehr everybodys darling sein zu können.
    So etwa, wie man anfängt die Butze aufzuräumen, wenn man eigentlich die Steuererklärung machen sollte.

    GOLDENE WORTE

  9. die Kaltmamsell meint:

    Genau, pepa, den Aspekt greift Martin mit dem Begriff „perfect girls“ auf: Was bringt Frauen dazu, perfekt Erwartungen entsprechen zu wollen – eben inklusive dem perfekten Äußeren?

  10. walküre meint:

    Wird man denn – umgekehrt betrachtet – wirklich everybody’s darling, sobald die äußeren Attribute der gängigen Definition des Begriffes „Schönheit“ entsprechen ? Wenn ja: Ist dieser Zustand einer – für meine Begriffe äußerst labilen – einseitigen Harmonie wirklich ein erstrebenswertes Ziel ? Dieses „Ich bin so, wie ihr mich haben wollt, dafür müsst ihr aber auch ganz, ganz lieb zu mir sein !“ ?

  11. Frl. Sonnenschein meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    vielen Dank für den Artikel, der mir aus der Seele spricht. Ich habe erst langsam gelernt, mich und meinen Körper attraktiv zu finden – was bei 93 kg verteilt auf 173 cm nicht so einfach ist. Das „Selbsthassmonster“ war Dauergast bei mir und ich habe alles mögliche versucht, um noch ein bißchen abzunehmen und so rank und schlank zu werden, wie es einem die Medienwelt als Idealbild vorgaukelt.

    Mittlerweile achte ich nur noch darauf, mein Gewicht immer zwischen 90 und 95 kg zu halten, was mir auch spielend gelingt. Von meinem Diätwahn abgebracht hat mich ein Mann… Ein Mann, von dem ich niemals gedacht hätte, dass er eine Frau wie mich auch nur anschauen würde. Bei seinem Aussehen könnte er jedes Topmodel schwach machen – er fängt mit diesen Hungerhaken nichts an. Und wie ich mittlerweile feststellen konnte: viele Männer bevorzugen weibliche Formen und frauliche Kurven. Leider ist uns Frauen das viel zu wenig bewusst…

  12. die Kaltmamsell meint:

    Ich glaube nicht so recht, walküre, dass vernünftige Überlegungen etwas an den Mechanismen ändern werden (sonst hätten Kosmetikkonzerne schon lange Umsatzeinbrüche – schließlich weiß jede, die hunderte Euro für eine Creme ausgibt, dass sie gar nicht halten kann, was sie verspricht).

    Das war auch an den Geschichten in Martins Buch immer wieder erschütternd: Die Mädchen und Frauen erzählten reihenweise, wie klar ihnen die Unvernunft ihrer Ideale und Handlungen oft ist – sie kommen dem Teufelskreis dennoch nicht aus.

    Zum ersten Mal sah ich übrigens in einem Buch die Sonderform des Selbsthassmonsters beschrieben, das Akademikerinnen jagt: Wir hassen uns auch noch dafür, dass wir als doch eigentlich vor allem geistig Interessierte, als intelligente Frauen, genauso gebeutelt werden.

  13. shlonek meint:

    Es ist eben so: Du kannst 5 mal promovieren und befördert werden, für nichts kriegst du so viel lob und anerkennung wie für 10 kilo und drei kleidergrössen weniger. da hält sich jeder für einen gutachter.

    es gilt als ein ausweis von selbstdisziplin und kontrolle, also irgendwie erfolg, den körper zu zähmen ( bei männern auch)

    körperkontrolle bei frauen ist deshalb als erfolgsbenchmark so beliebt, weil sie im gegensatz zu macht und wissen den gutachter nicht in konkurrenz setzt, das eckt nicht an, sondern da macht man sich im wortsinn kleiner und gefälliger.

    körperkontrolle als macht und erfolg auf den spielfeld der selbstwahrnehmung im blick der anderen.

  14. shlonek meint:

    so eine art auto-aggressives dominanzverhalten?

  15. Richard meint:

    @sprachspielerin: gerade dieser kommentar zeigt meiner ansicht nach den unterschied zwischen weiblicher selbstbetrachtung und männlicher auf. frauen stellen die frage „was hat sie was ich nicht habe?“ auf ihr sein bezogen, männer konkurrenzbezogen auf haben.
    es war und ist für mich immer wieder faszinierend wie wenig weibliche solidarität in bezug zu erscheinungsbild und körperform bei anderen frauen greift. kanzlerin merkel sei hier beispielhaft genannt. eine solche ablehnungsquote bei männern, nur wg. der erscheinung, habe ich da nicht erlebt. da ich seit 1958 in einem beruf mit frauen und für frauen arbeite,
    die vergleichenden und wertenden blicke unter frauen zur genüge kenne, erlaubte ich mir diesen kommentar.
    Richard

  16. mo meint:

    frau kaltmamsell,

    ganz vergessen, ihnen zur selbstreflektion zu gratulieren anstatt sich zum opfer böser, kommerzorientierter massenmedien oder grosskonzerne zu machen.

    ob jetzt der kosmetikkonzern den selbsthass schürt oder der vermeintliche körperliche mangel die fitnessstudioexpansion bedingt, ist ein henne/ei-problem was am grundproblem nichts löst:

    ich bin unzufrieden mit meinem äusseren

    (nebenbemerkung: ein jahresziel für 2008 ist 100x sport)

    und darunter verbirgt sich tief und verquer der glaube, dass ich glücklichere wäre, wenn dieser körper anders aussehen würde.

    das ist natürlich genauso dumm, wie die wahn, dass mich ein trip zur cricket-wm glücklich machen würde oder richtig geld auf der bank oder mindestens viel ehr und ruhm. und selbst die liebe funktioniert nicht, wenn sie als „you complete me“ glücklich machen soll. nicht für lange und erst recht nicht für ewig.

    was bleibt ist die eigene unzufriedenheit, das da noch was fehlt, noch mehr kommen sollte oder müsste.

    und in den wenigen augenblicken, wenn mir aufgeht, welchen bekloppten hirngespinnsten ich da hinterhereile, muss ich laut vor mich hinprusten.

    deshalb, frau kaltmamsell, wenn ihnen an der isar ein grinsender jogger entgegenkommt, könnte das der mo sein, der sich gerade eckhart tolle oder anderes spirituelles anhört.

  17. Stefan meint:

    Ich beginne gleich mal mit Widerspruch ;-)

    Diät ist prinzipiell kein Terror und eine Waage müssen nicht nur Kranke und Schwangere benutzen. Letzteres ist einfach zu erklären: für viele Sportarten möchte man ein bestimmtes Gewicht halten und deshalb wiegen sich viele Sportler mindestens wöchentlich.

    Aber warum kann Diät in meinen Augen kein Terror sein? Diät ist für mich »nach rationalen Gesichtspunkten ausgewählte Nahrung«. Die Art der Diät kann aus dem Gesundheitszustand oder aus den Zielen eines Menschen hergeleitet werden. Die Diät kann von einem Arzt, Ernährungsberater oder von der betreffenden Person selbst entwickelt werden.

    Es gibt natürlich falsche Ziele und falsche Methoden. Es ist nicht rational, sich bis zum Untergewicht mager zu hungern oder auf Dauer einen BMI an der Grenze zur Adipositas zu kultivieren. Aber es ist auch nicht gleich Diätterror, wenn man durch rational ausgewählte Nahrung langfristig ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch erreicht. Ich halte die heute bekannte Bedeutung von »Diät« (kurzfristiger Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder kurzfristige Einschränkung der Nahrungsaufnahme) für falsch. Und rationale Ernährung steht für mich überhaupt nicht im Widerspruch zum Genuss — im Gegenteil.

    In der Diskussion wurde über den Zusammenhang zwischen Erfolg und Figur geschrieben. Warum soll man das nicht akzeptieren? Es ist doch bekannt, dass wir als Menschen unbewusst auf Körpersprache, Körperhaltung und Körperbau unseres Gegenübers reagieren. Warum sollte es sich dann nicht auf den Erfolg auswirken, wenn jemand bei gleicher Leistung überzeugender wirkt?

    Richard hat Kanzlerin Merkel als Beispiel angesprochen. Sicher sehen die Leute sie heute anders an als vor vier Jahren. Aber ihr wurde vor der Wahl von allerlei linken Bloggern nicht nur jeglicher Respekt, sondern sogar die Wahrnehmung als Frau verweigert: »das Merkel« hieß es verächtlich neben den diversen Figur- und Frisurwitzen. So lange ist das nun auch nicht her.

  18. die Kaltmamsell meint:

    Widerspreche ich doch gleich mal zurück, Stefan: Das Wort „Diät“ hat schon lange seine Ursprungsbedeutung verloren und heißt heute immer Einschränkung – fast ausschließlich zur Gewichtsreduktion. Ziel ist ein willkürlicher Standard, der nichts mit individueller Veranlagung oder gar Freude an / Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zu tun hat. Im Gegenteil: Um die Diätmaschinerie aufrecht zu erhalten – und sie ist eine riesige, prosperierende Branche – muss den Menschen mit allen Mitteln suggeriert werden, sie müssten abnehmen. Die Omnipräsenz dieser Suggestionen ähnelt Terror.

    Berufssportler müssen sich wohl regelmäßig wiegen, allein schon wegen vieler Wettbewerbsvorschriften – aber niemand wird wohl behaupten, dass Berufssport ein vorbildlicher Lebensstil ist. Wer als Hobbysportler nicht ohne Waage merkt, ob er zu- oder abnimmt, hat ein ernsthaftes Problem mit seinem Körperbewusstsein.

    Das Ideal, das die Diätwirtschaft als Ziel von Ernährung und Lebensziel propagiert, hat nichts mit ansprechendem Äußeren zu tun, auf das Menschen nun mal positiv reagieren. Sonder damit, möglichst vielen Menschen, vor allem Frauen, einzureden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Dass sie minderwertig sind, wie sie sind, und für Vollwertigkeit erst mal etwas tun (und kaufen) müssen.

  19. Stefan meint:

    Ich lese hier gern, ein klein wenig muss ich aber doch zurück-widersprechen ;-) — Den Sinn der Überspitzung des Titels habe ich schon verstanden.

    Auch wenn man Sport als Hobby betreibt, kann (oder muss) man sich regelmäßig wiegen. Sie werden ja hoffentlich einem Läufer mit Stoppuhr auch nicht unterstellen, er habe ein ernsthaftes Problem mit seinem Zeitgefühl? ;-)

    Das Wiegen hat prinzipiell erst mal nichts mit einem Problem mit dem Körperbewusstsein zu tun, auch für Hobbysportler kann es Gewichtsklassen oder ein bevorzugtes Wettkampfgewicht geben. Es kann in bestimmten Fällen mit einem psychischen Problem zusammenhängen, aber ich würde das nicht generalisieren.

    Ich bin überzeugt, dass eine gesunde Lebensweise immer mit Einschränkungen und Verzicht verbunden sein muss. Einschränkungen: z.B. Essen, Alkohol und extreme Belastungen. Verzicht: z.B. Nikotin, Rauschgift, unnötige Medikamente …

    Eine Diätwirtschaft sehe ich eigentlich nicht. Meinen Sie mit »Diätwirtschaft« die Anbieter angeblich gesunder Nahrung, die man durch die Werbung wahrnimmt? Das sind doch aber die gleichen Lebensmittelkonzerne, die auch für jeden anderen Geschmack und generell für jede beliebige Ernährungsweise etwas anzubieten haben. Die machen doch genauso viel Werbung für Cornflakes mit 30% Zucker oder Chips mit 35% Fett. Würden Sie das als Dickmachterror bezeichnen?

    Ich sehe in Deutschland viele große und kleine Lebensmittelanbieter, die mir insgesam eine sehr große Auswahl und einen kaum abschätzbaren Überfluss anbieten. In meiner eigenen Verantwortung liegt es, was ich mir davon aussuche. Im Grunde wie auf einem großen Büffet: alles wird professionell präsentiert, aber nicht alles ist gleich gut für mich.

  20. die Kaltmamsell meint:

    Keine Diätwirtschaft, Stefan? Wann haben Sie zuletzt an einem Zeitschriftenregal gestanden? In einer Buchhandlung? Wann haben Sie sich zuletzt Sport-, Reise- und Hotelangebote angesehen? Selbst beim Ausblenden von Anzeigen in den Medien kann man die Flut von Abnehmprodukten (Nahrungsmittel, Medikamente, Kosmetika, chirurgische Eingriffe) nicht übersehen.

  21. Stefan meint:

    Ich muss gestehen, dass bei mir der Einfluss der Fernsehwerbung nahezu komplett wegfällt und dass ich Werbespots für Nahrungsmittel eigentlich nur im Kino sehe. Meine Buchhandlung hat vier Etagen und in den Etagen, die ich besuche, stehen garantiert keine Diätbücher. Meine Zeitungen und Fachzeitschriften sind auch anders ausgerichtet ;-)

    Ich würde das nicht als Terror, sondern als Verlockung bezeichnen. Natürlich wird man kein Unternehmen finden, das seine Produkte selbst als ungesund oder gar dickmachend bezeichnet. Heute wird für fast jedes Nahrungsmittel in irgendeiner Weise mit (zugeschriebenen) Attributen wie »gesund«, »modern« oder »natürlich« geworben. Aber ich habe doch als Konsument einen funktionierenden Verstand. Schon mit Blick auf die Zutatenliste wird die meiste Werbung ad absurdum geführt.

  22. Stefan meint:

    Die neue Art von Diät für alle, die immer genau eine Packung essen: short-sizing ;-)

  23. S.V. meint:

    Mit dem weitverbreiteten Schlankheits- bzw Diätwahn wird eine Menge Geld gemacht , dass steht außer Frage (nettes Buch: The Diet Myth von Paul Campos).
    Ich selbst bin schlank und stehe trotzdem seit Jahren auf Kriegsfuß mit meinem Körper, auch wenn das meiner Meinung nach nur wenig mit einer imaginierten Vorstellung eines weiblichen Schönheitsideals der Männer zu tun hat. Es wurde bereits bemerkt dass es vor allem Frauen sind die sich gegenseitig das Leben schwer machen und das möchte auch ich noch einmal betonen. Das fängt beim klassischen „Begrüsungsmustern“ an, und hört bei dem Blick zum Teller der Nebenfrau auf.
    Weil die Ursache „Mann“ aber angesprochen wurde ist mir wichtig zu sagen dass es keine bahnbrechende, neue Erkenntnis ist, wenn Männer sagen sie suchen sich Frauen die nicht Accessoire, sondern Partnerin sein sollen, vor allem anhand charakterlicher Merkmale aus.
    De facto, versteckt sich aber nicht in jedem Menschen ein Feuerwerk aus Charme, Eloquenz und Witz, dass nur darauf wartet herauszubrechen. Gerade gehemmte Menschen die eben nicht über ein großes Selbstbewusstsein verfügen (wieso glaubt eigentlich alle Welt man könne Selbstwertgefühl im Supermarkt kaufen?) haben es besonders anfangs eher schwer. Intelligenz sieht man niemandem an, und „strong und ambitious“ ist genauso ein Ideal.
    Die Tatsache dass der Diätwahn aber vor allem eine Plage unter AkademikerINNEN ist, würde ich (naiv) darauf zurückführen dass diese Personengruppe besonders viel Betonung auf die Tatsache legen möchte, dass sie sich ihre soziale Stellung erarbeitet haben. Ein schlanker Körper soll der Umwelt signalisieren dass, wer seinen Körper im Griff hat, auch sonst mit Ehrgeiz und Selbstdisziplin durchs Leben schreitet. Distinktion ist das Schlüsselwort. Da hilft auch keine „Spirituality“, sondern nur die Einsicht, dass Übergewicht weder ein Zeichen für Masslosigkeit oder für irgendeinen anderen Charakterfehler ist.

  24. Zeitlos meint:

    Danke Frau Kaltmamsell für diesen Buchtipp und danke für die treffende Analyse, danke an alle für die anregenden Kommentare.

    Zu mo möchte ich sagen: Ich kann den Satz „und darunter verbirgt sich tief und verquer der glaube, dass ich glücklichere wäre, wenn dieser körper anders aussehen würde.“ voll und ganz verstehen. Ich glaube das auch.

    Aber ich glaube das nur, weil andere Menschen es mich glauben lassen. Zum einen, weil viele, ansonsten nette Menschen – Männer wie Frauen – nicht im geringsten davor zurückschrecken, abfällige Bemerkungen über dicke Menschen zu machen. Auch (oder vielleicht sogar gerade) wenn ich dabei bin. Frauen mit Kleidergröße 36 scheinen sich in meiner Anwesenheit auch gerne darüber auszutauschen, wie schrecklich es ist, dass sie wieder ein Kilo zugenommen haben.

    Zum anderen, weil die Modeindustrie mich glauben lässt, mein Körper sei hässlich und ich sei ein Mensch, der am Berufsleben nicht teilhaben dürfe. Ich dürfe mich nur in wallende Gewänder für die modebewusste Hausfrau ab 45 hüllen, mit lustigen Falten, Strassaplikationen und Schleifchen. Schlichte Business-Kleidung zu finden ist ein Drama. BHs zu kaufen, die nicht aussehen wie etwas, das man allerhöchstens mit 87 anhaben sollte, fast ein Ding der Unmöglichkeit. Von Kleidung, die irgendwelchen modischen Trends entspricht, will ich gar nicht reden.

    An diesem Punkt setzt der Frust ein, und mit dem Frust das Essen. Und irgendwann kommt dann der Trotz: Ich lasse mir nicht von anderen Menschen vorschreiben, wie ich auszusehen habe!

    Mein Buchtipp an dieser Stelle ist übrigens Paul McKennas „Ich mach dich schlank“ (Auch wenn ich gar nicht schlank gemacht werden will.) Ich habe das Buch letztens im Fitness-Studio auf dem Stepper verschlungen und fand seine Grundsätze so einfach wie einleuchtend, z.B.:
    – Man muss seinen körper so akzeptieren wie er ist
    – Man darf essen, was man will
    – Man soll jeden Bissen genießen
    – Man darf nur essen, wenn man Hunger hat und bis man satt ist.

    Jetzt frage ich mich vor dem Essen nicht mehr, ob ich es mir leisten kann Pommes zu essen (Was ich eigentlich nie kann und es doch immer tue). Stattdessen frage ich mich, ob ich Hunger habe und worauf. Vielleicht ist das ja mein Weg zu mens sana in corpore sano ohne Schlankheitswahn, ohne Frustfressen oder Hungern. sollte sich auf diese Weise etwas an meiner Figur ändern: okay. Sollte sich nicht ändern: auch gut.

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