Das Drexl

Sonntag, 7. September 2008 um 9:50

Eigentlich hatte ich das Café Drexl fürs Frühstücken ausgewählt, weil ich damit schöne Erinnerungen aus meiner Studienzeit verbinde und Fotos von der besonderen Einrichtung machen wollte. Doch dann saß da als einziger weiterer Gast im vorderen Raum der italienische Spinner – eine weitere Erinnerung an meine Augsburger Jahre. Dann erzähle ich halt beides.

Das Café Drexl an der Augsburger Maximilianstraße heißt schon seit vielen Jahren nach einem Eigentümerwechsel anders. Doch Augsburger nennen es beharrlich weiter so. Als Studentin verliebte ich mich sofort in die herrschaftliche Ausstrahlung der großen Räume, Einrichtung aus den 50ern mit blutroten Ledersesseln, filigranen Glasplattentischen, Spiegeln wie aus einem Peter-Alexander-Film – sowas kannte ich aus meiner Kleinstadtheimat nicht. Dort entdeckte ich Ende der 80er das gesellige aushäusig Frühstücken – das wurde doch sicher damals erst erfunden; zumindest hatte ich davor noch nie von jemandem gehört, der sich zum Frühstücken verabredete. Am Drexl war besonders das französische Frühstück attraktiv, das aus einer Schale Milchkaffee, einem Croissant, Butter sowie selbst gemachter Erdbeermarmelade mit einer Alkoholnote bestand und dessen Preis von fünf Mark studentenkompatibel war.

Der neuerliche Besuch versetzte mich zurück in diese Zeit, auch wenn jetzt an den Wänden Lebensmittelfotografie hängt, wie ich sie sonst nur als Supermarktdeko kenne. Das französische Frühstück gibt es leider nicht mehr. Dafür saß da der oben erwähnte Spinner.

Jede größere Stadt hat ihre Straßenoriginale – seltsame Gestalten, die durch ihr Verhalten so auffallen, dass sie jeder kennt; oft sind das Obdachlose oder Menschen mit psychischen Problemen oder und, aber nicht immer. Als Innenstadtbewohnerin waren mir die Augsburger Originale besonders vertraut: Da gab es den Sänger, den ich viele Jahre nachts in den Altstadtgassen von Augsburg Opernarien schmettern hörte – durchaus in echtem Tenor, aber immer wieder den Faden verlierend; erst spät erfuhr ich, wie er aussah, dass er nämlich identisch war mit dem Falstaff in Bundhosen und Haferlschuhen, den ich ebenfalls als auffällige Gestalt kannte. Stadtbekannt auch der Herr mit Wallebart, der in selbst genähten Kleidern (sommers kurz, winters lang) und barfuß auf dem Rathausplatz stand, immer freundlich lächelnd und die Hände hinter dem Rücken gefasst, oft mit einer goldenen Krone im reichen Haar, gerne im ruhigen Gespräch mit Passanten. Die Augsburger nannten ihn den König, und wenn er mal wieder für einige Monate verschwand, machte man sich Sorgen. Und dann war da der kleine Mann mit kurzrasiertem, grauen Haupthaar, den ich bei seinem Auftauchen einige Monate lang für einen gestrandeten Touristen hielt. Er war braungebrannt, gepflegt, trug sportlich-praktische Kleidung und saß gerne an Häuserwänden, einen hochwertigen Nylonrucksack neben sich, rauchte und führte Selbstgespräche auf Italienisch. Manchmal sah ich ihn auch in einem Café sitzen.

Diesmal hatte er einen abgenutzten Straßenatlas vor sich liegen, in dem er blätterte und den er gestenreich in leisem Italienisch kommentierte. Daneben eine Art Scrapbook / Fotoalbum. Er steckte sich auch eine Zigarette an – nur dass er die Flamme des Feuerzeugs nicht die Zigarette berühren ließ und dann mit der kalten Zigarette Rauchgesten machte. Er war älter geworden, sah immer noch schick aus. Nach einer Weile setzte sich ein Herr zu ihm, den er offensichtlich erwartet hatte. Er unterhielt sich mit ihm in einer Mischung aus Italienisch, Englisch und Deutsch.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Das Drexl“

  1. creezy meint:

    Mit solchen Menschen sollte man sich übrigens ruhig unterhalten, sie geben oft einen erstaunlichen spannenden Blick auf das Leben und schenken wie auch immer viel Kraft.

  2. christine meint:

    hei, das ist mario. er hatte einige zeit lang eine art heimat in den augsburger altstadtkneipen gefunden (in denen ich damals gearbeitet habe). dann war er weitergezogen, und keiner wusste genaueres. schön, dass er wieder da ist!
    allerbeste grüße christine (die vom bloggertreffen – du siehst, ich lese weiter…)

  3. Julia meint:

    Sehr interessant, ich bin zwar erst vor 7 Monaten in Augsburg gestrandet – aber von dem Sänger hörte ich auch schon. Im Moment gibt es einen Mann, der um den Dom herum unterwegs ist und ein Pappschild hochhält und predigt. Er trägt auch einen weißen Bart….vielleicht ist er anderen auch schon begegnet?

  4. Daniela meint:

    Der Sänger hat mir auch sehr sehr schöne Stunden beschert als ich ihm an Sommernächten auf meinem Balkon in der Altstadt sitzend lauschen durfte. Danke für diese Erinnerung!
    Der König war mir persönlich immer sehr suspekt.
    Hach, Sommer und (verschneiter) Winter in der Augsburger Altstadt hat was. Die Zwischenjahreszeiten nicht so.

  5. Daniela meint:

    Ach und das Drexl, das geht meiner Meinung gar nicht mehr. Sieht man ja auch an den wahnsinnig vielen Gästen :-)
    Il Gabbiano schon versucht?

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