Gefährliche Projektion

Donnerstag, 28. Mai 2009 um 9:45

Bei neuer Technik und neuen Medien habe ich meist das Gefühl, ich sei die letzte, die sie entdeckt. Als ich zum Beispiel mit dem Bloggen anfing, ging gerade die Tür zu Antville zu – worin ich den Beweis sah, dass ich lediglich auf einen lang abgefahrenen Zug versuchte aufzuspringen. Und als ich mich bei Twitter anmeldete, schienen sich alle meine Internetbekanntschaften schon lange dort zu tummeln.

Doch meine Intuition stimmte nie: Wer Anfang der 90er Eudora verwendete und sich in Newsgroups umsah (wenn auch nicht von daheim, sondern im Rechenzentrum der Uni), wer 1998 zum ersten mal eine Website konzipierte und sich 2000 erstmals an Online-Diskussionsgruppen beteiligte, wer seit 2002 kein gedrucktes Telefonbuch mehr braucht, die hinkt nicht hinterher. Und mein erster Online-Kauf war ein Buch bei diesem deutschen Versender, den Amazon bald kaufte (ABC?). Ich mag zwar nicht zu den Vorreiterinnen gehören, schwimme aber sehr wahrscheinlich im Mainstream in einer der ersten Wellen.

Das hat mich schon zu New-Economy-Zeiten vorsichtig werden lassen: All die Prognosen, mit denen Internetfirmen um sich warfen, gingen davon aus, dass die gesamte Bevölkerung mit dem Internet umging wie ich. Ich musste nur mit Familie und Nachbarn sprechen, um zu wissen: Das war definitiv nicht so.

Eben musste ich erneut umdenken. Mittlerweile ist die Nutzung des Internets tatsächlich ganz normal, vor allem als Quelle von Informationen, und ich war dazu übergegangen, Wirkung und Reichweite anhand meines Verhaltens einzuschätzen. Wieder falsch! Leute wie ich reagieren allergisch auf Täuschung und Manipulationsversuche (Jamba, Horst Schlämmer – beide gelten da draußen als beispielhafte Erfolgsgeschichten). Wir sind optimal darauf trainiert, Website-Werbung auszublenden: Ich kann nach dem Besuch einer Website gerade mal sagen, ob darauf Werbung war oder nicht. Welche? Interssiert mich nicht, weiß ich nicht. Mich muss man schon mit einem Superstitial nerven – und dann merke ich mir den Absender nur deshalb ganz genau, um ihm zur Strafe für die Störung garantiert niemals auch nur einen Cent hinzutragen, auch nicht aus Versehen. (Theoretisch habe ich allerdings nichts gegen Online-Werbung; die vielköpfige Werbeindustrie soll ruhig davon leben, solange jemand dafür zu zahlen bereit ist.)

Der heutige Otto Normalsurfer ist ganz anders. Diese Woche sah ich Zahlen eines verschwisterten Unternehmens: Die Kollegen generieren 35 Prozent ihres Website-Traffics über Anzeigen, die sie auf ausgewählten anderen Websites schalten. Und das kann nur eines bedeuten: Otto und Ottilie Normalsurfer klicken tatsächlich auf Werbung! Das war für mich völlig überraschend und hochinteressant. Und es bedeutet für mich weiterhin: Bei der Planung des Einsatzes von Online-Medien muss ich mein eigenes Verhalten außen vor lassen und auch weiterhin neutrale Untersuchungen und Auswertungen (na ja, so neutral wie möglich) konsultieren.

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu „Gefährliche Projektion“

  1. Alice meint:

    Eudora (Version 7) verwende ich noch heute. Überzeugte Nutzerin seit 1993.

    Im 1. Quartal haben in Deutschland die Unternehmen 340 Millionen Euro im Online-Werbemarkt ausgegeben. Das übertrifft übrigens selbst optimistische Prognosen vor 5 Jahren. Klar klicken die Leute auf Anzeigen.

  2. rip meint:

    Eudora: dto. – Werbung: dto.
    Buch: ABC Telebuch, Regensburg – dto. :-)
    Newsgroups zuerst über Mailbox (FIDOnet), dann per Fips, später Agent. Inzwischen keine Zeit mehr dafür. Schade.

  3. walküre meint:

    Ich wundere mich heute noch immer darüber, dass Menschen tatsächlich im gewünschten Sinn auf Fernsehwerbespots reagieren, und noch viel mehr über den „Erfolg“ von Werbung im Internet.

    Repräsentativ für das Kaufverhalten der breiten Öffentlichkeit bin auch ich wohl eher nicht.

  4. Sanníe meint:

    Im Büro gegenüber hängt genau deswegen ein mahnender Zettel: „YOU are NOT the user“

  5. albertsen meint:

    Also, ich bin ja seit ca 1996 dabei und berufsbedingt immer tief im Internetgeschehen, aber ich klicke auch manchmal auf Werbung, ebenso wie mich Werbung im Fernsehen oder in der Zeitung manchmal dazu animiert, mir ein Produkt mal näher anzusehen. Warum auch nicht? Dazu ist Werbung schließlich da. Banner sind ja keine Täuschung, sie sind eindeutig als Werbung zu identifizieren.

  6. Sabine meint:

    Und dann gibt es noch die Werbung, auf die man aus Versehen drückt, weil sie einem urplötzlich vor die Nase gesprungen kommt oder weil man wieder mal meinte, mit dem Cursor könnte man wie auf einem Stück Papier nebenher so kleine Kringel auf den Bildschirm kritzeln.

    Ich mache auch einen Bogen um Werbung; die „I’m a Mac“-Spots schaue ich jedoch mit Begeisterung an, und muss auch gestehen, für virales Marketing nicht unanfällig zu sein. Dieses tasmanische Bier aus dem Wasser, das alles besser macht, zum Beispiel, das würde ich glatt mal kaufen.

  7. hasenkind meint:

    Ich kann den Erfolg der Online-Anzeigen auch nur schwerlich nachvollziehen. Erst gestern habe ich mich wahnsinnig über eine Anzeige geändert, weil diese sich permanent im Text geöffnet hat und sich dann gar nicht mehr schließen ließ. Für mich absolute Negativ-Werbung!

  8. Brigitte Novacek meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  9. katha meint:

    eudora 7.1.0.9 – ebenfalls seit 1993.
    auch meine erste e-mail-adresse funktioniert noch.

    online-werbung sehe ich auch nicht.

    schöne gesellschaft hier.

  10. Petra meint:

    Newsgruppen mit Agent seit 97, inzwischen aber nur noch sehr abgespeckt – da tummeln sich so viele Dummschwätzer und Besserwisser, jedenfalls im Mampf-Bereich. Da fand ich Blogs interessanter, die auch wirklich ausprobieren, über was sie sich auslassen (hab dann ja auch vor 5 Jahren als eine der ersten einen deutschsprachigen Foodblog aufgemacht). Und Werbung nein danke, die blende ich auch aus.

  11. Alice meint:

    Man kann es auch so sehen: Online bildet offline nach. 90% der Bürger leben in einer Umgebung, in der der öffentliche Raum mit Werbung verseucht ist. Auf jeden Sonnnenschirm, jedem Bus, einen Grossteil der freien Flächen klebt eine Message, die wenig mit Information, aber viel mit Werbung zu tun hat. Medienkonsum ist auch immer Konsum von Werbung. Werbung ist Teil des Lebens, daher gibt es auch keine Vorbehalte auf Werbebanner zu klicken.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Die Erinnerung von Frau Sanníe habe ich mir übrigens bereits neben den Bildschirm gehängt. Vielen Dank dafür!

  13. susan meint:

    traffic ist nicht gleich traffic

    es gibt so kleine tools, mit denen mal ganz wunderbar traffic erzeugen kann. es dürften wohl nicht otto und ottilie normalverbraucher sein, die auf banner klicken, sondern otto und ottililie providermitarbeiter, die dafür verantwortlich sind ;o)

    herzlichst
    susan

  14. Christian meint:

    Gute Worte, wichtige Worte. Vielen Dank.

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