Vom Glauben abgefallen

Montag, 26. Oktober 2009 um 10:01

Gestern wohnte ich seit Langem wieder einem katholischen Ritus bei. Gebetet wurde auch das „Apostolische Glaubensbekenntis“. Und ich bemerkte, dass mein schrittweiser Glaubensverlust damit am einfachsten nachzuvollziehen war: Weil ich seinerzeit immer größere Lücken ließ.

Als Katholikin hatte ich Gebete – wie überhaupt Wörter – sehr ernst genommen. Ich hätte nie etwas in Gebetsform geäußert (Ich bitt‘ Sie: an eine Gottheit gerichtete Wörter!), was ich nicht exakt so meinte. Um meine Firmung herum, also mit 12 Jahren, fiel zunächst „die Gemeinschaft der Heiligen“ meinem Glaubenswandel zu Opfer. Deren Rolle in der katholischen Kirche hatte schon früh heftige kognitive Dissonanz ausgelöst, deren Überbrückung mich viel Kraft kostete – auch wenn ich als Kind begierig Heiligengeschichten gelesen hatte; romantische Stereotypen sind nicht zufällig bis heute ein erzählerisches Erfolgsrezept. Als nächstes musste „geboren von der Jungfrau Maria“ dran glauben: Deren frauenfeindliche Rolle im Katholizismus stieß mir ebenfalls schon früh auf.

Ein paar Jahre lang dachte ich, dass ich mir den Rest irgendwie würde zurechtbiegen können. Das Auslassen der „heiligen katholischen Kirche“ war dann wieder in erster Linie ein Protest. Doch schon ums Abitur ging mir der Glaube an „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ verloren. Ein wenig sah ich mir noch den Protestantismus an, der allein schon durch Frauenpriestertum und Abwesenheit von Heiligen- sowie Marienverehrung sympathisch erschien. Bis mir klar wurde, dass mir die Basis für Religiosität abhanden gekommen war: der Glaube an irgendeinen Gott, irgendetwas Überirdisches.

Die einstige Ernsthaftigkeit habe ich allerdings bis heute nicht ganz abgelegt. Selbst wenn ich mir noch so oft vor Augen führe, dass die Riten und Wörter der etablierten Religionen vor allem Kultur und Tradition sind: Menschen, die die Tempel dieser Religionen einfach wegen der guten Show nutzen, zum Beispiel für Hochzeiten, gehen mir gegen den Strich. Am lockersten kann ich noch die Musik nehmen, die unserem westlichen Gotteskult entwachsen ist: Sowohl komponierte Messen als auch Motetten singe ich mit Genuss und ohne Bedenken. Auch den Happy-Clappy-Liedern der gestrigen Zeremonie lieh ich also meine Stimme beherzt.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Vom Glauben abgefallen“

  1. mark793 meint:

    Mir ist nach dem Verlust des Glaubens auch immerhin noch eine gewisse Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema geblieben. Das geht sogar noch so weit, dass ich keine Lieder mitsinge, mit deren Text ich mich inhaltlich schwer tue (und das sind nun mal die meisten, die im Gesangbuch stehen).

    Aber mein Anstoßnehmen am apostolischen Glaubensbekenntnis begann schon viel früher, bevor die Fundamente des Glaubens ernsthaft ins Wanken gerieten. Ich war wenns hoch kommt in der ersten oder zweiten Klasse, als ich meine Mutter während eines Gottesdienstes fragte, was „…Jesus, seinen eingeborenen Sohn“ denn bedeuten solle, ob das nun hieße, dass Jesus ein Neger gewesen sei. Meine Mutter wunderte sich sehr, wie ich auf diese Idee kam, aber sogenannte „Eingeborene“ kannte ich halt nur aus dem Fernsehen, aus den Tiersendungen mit Bernhard Grzimek und der Serie „Daktari“. Auch der Gemeindepfarrer, den ich später im Rahmen des Kommunionsunterrichts danach fragte, blieb eine plausible Erklärung schuldig.

  2. Stefan meint:

    Aber dann hat der Gemeindepfarrer seinen Beruf verfehlt. Die richtige und logische Antwort ist: Jesus ist nach der Bibel der einzige [geborene] Sohn Gottes. Die Wendung »der eingeborene Sohn« beruht auf einer alten Übersetzung und ist so in das Glaubensbekenntnis übernommen worden.

  3. mark793 meint:

    @Stefan: Schon klar. Ich könnte nicht mal beeiden, dass er es nicht so erklärt hat. Ich weiß nur noch so viel, dass das große Aha-Erlebnis auf die Erklärung hin ausblieb bei mir. Was ja auch bedeuten kann, dass ich zu dem Zeitpunkt auf der Leitung stand und es erst später richtig kapierte. Der Pfarrer war schon einer von den guten, an ihm lags wirklich nicht.

  4. mariong meint:

    so ging es mir auch. ganz genau so.

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