Mein Vater und Fahrräder

Dienstag, 27. Oktober 2009 um 16:24

Manchmal frage ich mich, ob nicht alle Kaltmamsells das Problem mit Geselligkeit haben, das ich an mir beobachte. Inzwischen unterstelle ich meinem Vater ja, seine Manie des Geschirrspülens von Hand sofort nach dem Abräumen sei lediglich eine Flucht vor den Menschen, die dann noch um den Tisch sitzen. Als er letzthin wieder mal unauffällig von der großen Kaffeetafel verschwunden ist und ich aus der Küche ein verdächtiges Klappern höre, gehe ich ihm nach und greife nach einem Geschirrtuch; je älter ich werde, umso mehr genieße ich die seltenen entspannten Momente mit meinem Vater.

Wir plaudern über Fahrräder, und während er heißes Wasser ins Becken nachfüllt, erzählt mein Vater, wie er sich seinerzeit in Madrid im Parque del Retiro selbst das Fahrradfahren beibrachte. Es habe ihn, so berichtet er, einfach gewurmt, dass ihn der Pfarrer auf dem Dorf so blöd angeredet hatte. Im Sommer nämlich, wenn er in die sierra nördlich von Madrid zu den Verwandten ins pueblo geschickt wurde, auf dass sie ihn gegen Handlangerdienste durchfüttern mögen, im Sommer fungierte er sonntags als Ministrant, als monaguillo. Der Pfarrer habe nicht nur eine Kirche in dieser sonst gottverlassenen Gegend Kastiliens betreut, sondern eine ganze Reihe. Und so forderte er den Burschen auf, mit ihm zur nächsten Messe ins nächste Dorf zu radeln. Ein Fahrrad hätten seine Verwandten sogar gehabt – nur dass mein späterer Vater nie gelernt hatte, darauf zu fahren. Da habe ihn der Pfarrer, und hier drückt er den Spülschwamm, dass es nur so schäumt, saublöd angeredet.

16 sei er damals gewesen. Zurück in Madrid sei er zum Fahrradverleih des Retiro gegangen. Mein Vater legt den letzten gesäuberten Kuchenteller vorsichtig zum Abtropfen ab und beschreibt mit beiden Händen, wo genau im Retiro Ende der 50er Jahre die Hütte dieses Verleihs stand. Halbstundenweise habe er sich Räder ausgeliehen, um das Fahren zu lernen, erst ein Dreirad, dann das richtige Fahrrad. Schließlich habe er damals als Elektrikerlehrling erstmals ein bisschen eigenes Geld gehabt (nicht etwa aus der Lehre, sondern weil er das Erlernte umgehend mit seinem besten Freund Pedro in elektrische Installationen gegen Schwarzgeld umwandelte). Doch ganz allein wollte ihm das Radfahren nicht gelingen; er brauchte einfach jemanden, der ihn auf den ersten Metern ein bisschen am Gepäckträger hielt. Wieder sprang sein Onkel, der Wirt einer tasca, ein: Er beordnete einen seiner Kellner in den Retiro und hieß ihn, meinem Vater zu helfen. Das klappte wohl, und mein Vater konnte fortan Fahrrad fahren. (Dieser Onkel habe auch dafür gesorgt, dass mein Vater im Elektrogroßhandel für seine Schwarzjobs auf Rechnung einkaufen durfte und nicht Vorkasse zahlen musste.) Inzwischen ist das gesamte Kaffee- und Kuchengeschirr sauber und trocken. Beim Verstauen in den Schrank kann ich nicht helfen – ich weiß schon lange nicht mehr, wo der feste Platz welcher Dinge bei meinen Eltern ist.

Mit dem Lappen in der Hand erzählt mein Vater weiter: Wenige Jahre später in Deutschland habe er seine Radlkünste gut genutzt. In meiner späteren Geburtsstadt kauften er und zwei befreundete Spanier beim Kellerhals (dort bekam auch ich mein erstes) gebrauchte Fahrräder. Gleich am nächsten Sonntag fuhren sie 30 Kilometer in einen Nachbarort, weil sie gehört hatten, dass dort Spanierinnen wohnten. Zu denen fragten sie sich auch erfolgreich durch und verbrachten einen lustigen Nachmittag. Doch dann mussten sie wieder zurückradeln. Alle drei, so schmunzelt mein Vater und beginnt die Arbeitsfläche zu wischen und zu wieneren, seien völlig fertig gewesen. Die beiden anderen hätten sich am nächsten Tag in der Fabrik krank gemeldet. Er natürlich nicht.

Gleich nachdem er meine Mutter kennenlernte, fällt ihm nun ein, habe er sich mit ihr zu einer Radtour verabredet. Mit dem alten Gebrauchtrad habe er sich dabei aber auf keinen Fall blicken lassen wollen. Also überredete er seine beiden Freunde, dass sich alle drei neue Fahrräder kauften: dasselbe Modell, nur in verschiedenen Farben, auf Pump. Mein Vater wählte das blaue. Damit, so war er sicher, würde er meine Mutter beeindrucken können. Als sie zum Treffpunkt für die Tour mit einem richtig alten Rad anfuhr, sei er beruhigt gewesen.

(Soweit die Erzählung meines Vaters, die ich so wenig wie möglich ergänzt habe. Vielleicht schmücke ich sie irgendwann zu einer richtigen Geschichte aus.)

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Mein Vater und Fahrräder“

  1. Thea meint:

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    Gerne gelesen

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  2. Nathalie meint:

    Auch lerne diese Geschichten meines Vaters zu schätzen, das liegt wohl am Alter – an seinem und meinem.

  3. fragmente meint:

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    Gerne gelesen

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  4. Buchfink meint:

    Und wieder eine dieser wundervollen Geschichten von der spanischen Familie.

  5. peppinella meint:

    Ich lehne mich entsapnnt zurück. Und lese hier. Und genisse es ungemein. Punkt. Mhr brauche ich nicht zu sagen. Ich liebe es, wie Du zu erzählen vermagst.

    Herzlichst
    Peppinella

  6. peppinella meint:

    ..natürlich nicht „genisse“, sondern „geniesse“.

    Immer noch herzlichst
    Peppinella

  7. kid37 meint:

    Ich mag diese Situationen ganz am Anfang, wenn die scheinbar unscheinbaren Dinge und Begebenheiten verraten, ob es paßt oder nicht. Wenn man plötzlich ganz sicher ist.

  8. theodoraa meint:

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    Made my day

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  9. mariong meint:

    danke für diese Geschichte.
    Geschirrspülmaschinen sind gewissermaßen auch ein Fluch der Technik. Heute wird erwartet, dass man bei Feierlichkeiten ein mehrgängiges Sternemenü auftischt und anschließend das Geschirr einsammelt und in dem Automat versenkt.
    In den 70ern sahen Familienfeiern so aus: die Frauen lieferten Geschirr und kamen zum helfen, sei es vorbereitend zum Tisch decken, Schnittchen vorbereiten etc. oder sie steuerten Salate/Kuchen bei. Oder es gab eher einfache Gerichte. Nach dem Essen, sammelten die zur Familie gehörenden Frauen das benutzte Geschirr ein und verschwanden in der Küche. Dort wurden ergänzend zum Spülbecken manchmal noch große Plastikwannen aufgestellt und dann wurde in Gemeinschaftsarbeit gespült und abgetrocknet. Die Männer mussten im Wohnzimmer sitzen bleiben . Die Kinder schlichen sich in die riesige Küche. Und dort war es sehr sehr lustig. Manchmal wurden so gute Geschichten erzählt, dass die Frauen Tränen lachten und die Männer dann aus dem langweiligen Wohnzimmer ebenfalls versuchten, in die Küche zu huschen.

    Gespirrspülmaschinen können auch ein Fluch der Technik sein ;-)

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