Fern der Bildung

Mittwoch, 18. November 2009 um 13:35

Als Gastarbeiterkind mache ich mich nur erkennbar, wenn ich einen Lacher erzielen möchte oder es mir darauf ankommt, Stereotypen zu widerlegen. Zwar interessiere ich mich sehr für das Phänomen Einwanderung, gerade nach Deutschland, und verfolge aufmerksam die Haltung der verschiedenen Gesellschaftsgruppen dazu. Mir liegt viel an Chancengleichheit – so schwierig sie auch zu definieren ist. Doch denke ich ungern darüber nach, welche Auswirkungen meine Abstammung von einem spanischen Gastarbeiter und der unehelichen Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin auf mein ganz persönliches Aufwachsen in dieser Gesellschaft hatte. Tendenziell neige ich sogar zum Reflex, weit von mir zu weisen, dass ich dadurch benachteiligt wurde; die Opferrolle passt so überhaupt nicht zu meinem Selbstbild. Außerdem hatten für meine Eltern schulische Leistungen höchste Priorität, sie förderten mich nach Kräften. Und so marschierte ich nahezu problemlos durch Abitur und Universitätsabschluss. Allerdings als einzige von allen neun Kindern meiner Generation aus den vier spanischen Gastarbeiterfamilien, mit denen ich groß geworden bin (insgesamt: 1 x Hochschulabschluss, 2 x Abitur, 2 x Fachabitur, 3 x Realschulabschluss, 1 x kein Schulabschluss). Das waren die deutschen 70er und 80er.

Wie ist das heute? In einem Artikel im Tagesspiegel weist Bruno Preisendörfer überspitzt, aber in der Sache richtig darauf hin, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten1 von Bildung fern gehalten werden.

Die schulische „Selektion“, wie dieses scheußliche Rampenwort der Pädagogik lautet, (hat) keineswegs die Aufgabe, begabte Kinder zu entdecken und sie für Führungspositionen vorzubereiten. Vielmehr gelten Kinder von Eltern in Führungspositionen automatisch als begabt und schon für Höheres bestimmt, bevor sie das erste Wörtlein über die Lippen bringen.
(…)
In den sechziger Jahren gab es Äußerungen, in denen die Tatsache, dass 49 Prozent der Bevölkerung, aber nur 17 Prozent der fertig Studierten weiblich waren, als Beweis femininer Minderbegabung hingestellt wurde. Heute ist die strukturelle Benachteiligung der Mädchen im deutschen Schul- und Hochschulwesen überwunden, jedenfalls was die Lage vor dem Berufseintritt angeht, und die Behauptung einer geschlechtsbedingten geistigen Minderbemittlung würde nicht einmal mehr als Ideologie ernst genommen, sondern bloß noch als ordinäre Dummheit belacht.

Im Unterschied dazu gilt die Idee von der sozial bedingten geistigen Minderbemittlung weder als ordinär noch als dumm.
(…)
Dumme Ratten sind dumm, kluge sind klug. Das wurde in Laborversuchen bewiesen. Forscher, denen Tiere anvertraut wurden, denen (grundlos) besondere Geschicklichkeit attestiert worden war, erzielten bei Dressurexperimenten mit ihren animalischen Zöglingen deutlich bessere Ergebnisse als Forscher, die mit (grundlos) als weniger lernfähig etikettierten Tieren arbeiten mussten. Die Lösung des Rätsels liegt in der fördernden Sympathie, die den „hochbegabten“ weißen Mäusen im Unterschied zu ihren angeblich minderbegabten Artgenossen zuteil wurde.

Dass ich vielleicht doch um die eine oder andere Chance gebracht worden sein könnte, ging mir erst auf, als ich mich um Promotionsstipendien bewarb und mit der Begründung abgelehnt wurde, es kämen nur deutsche Staatsbürger in Frage – von denen ich eine war, was lediglich mein Name nicht erkennen ließ. Nun kann ich mir bis an mein Lebensende einbilden, ich wäre bereits weit vorher eine eindeutige Studienstiftungskandidatin gewesen, die nur wegen ihrer vermeintlich unpassenden Staatsbürgerschaft nie vorgeschlagen wurde.

  1. Ich finde diese Bezeichnung sehr passend. Wie lautete nochmal die Kritik daran? []
die Kaltmamsell

32 Kommentare zu „Fern der Bildung“

  1. Tanja meint:

    Ich komme selber aus einer bildungsfernen Schicht und interessiere mich wohl deswegen für das Thema. Aber auch weil Intergrationsfragen einfach zu meinem Leben gehören, zum Teil zufällig. Aber natürlich auch als Schweizerin, dem Land mit den meisten Einwanderern in ganz Europa.

    Ich erlebe zwei Reflexe bei Menschen, die ihre Identität stark über Anpassung/Nicht-Anpassung definieren müssen (weil sie einen Migrationshintergrund haben und/oder aus bildungsferner Schicht stammen):

    a) Ja keine Opferrolle! Manchmal gar: Opfer sind verdächtig, Opfer sind selber schuld.
    b) Ich kann nichts dazu, ich bin ein Opfer. Manchmal gar: Alle anderen sind schuld.

    Beides ist zu ausgeprägt sehr ungesund, weil es zu Selbsthass führt. Dieser wiederum schadet der Integration und dem Selbstvertrauen bis in die nächste Generation. (Ich neige übrigens auch zu a.)

  2. Stefan meint:

    Das ist doch aber wieder mal nur ein Beispiel für »so biegt man sich Statistik« mit sehr viel subjektiver Wertung. Der Weg über das Fachabitur wird z.B. erst nach Klasse 10 eingeschlagen, da kann es keine Selektion nach dem Elternhaus mehr geben. Es gibt so viele weitere Wege: staatliche Studienakademien mit hohem Praxisanteil (Abschluss: Bachelor) und technische Fachhochschulen mit speziellen Zugangsbedingungen.

    Auch der Weg über Berufsausbildung und Aufstiegsfortbildung führt jedes Jahr für eine große Zahl von Erwachsenen zu einem anerkannten Abschluss. Zu einem Abschluss, mit dem man meist mehr anfangen kann, als mit einem brotlosen Hochschulabschluss. Man muss endlich mal davon wegkommen, dass ein Uni-Abschluss das einzig Wahre ist — was ist denn das für ein Bildungsdünkel! Viel wichtiger wäre die Antwort auf die Frage: welche Talente hat ein Mensch mit auf den Weg bekommen und was hat er selbst daraus gemacht?

    Zu unterscheiden wären: der individuell erreichte Bildungsstand (relativ zum eigenen Leistungsvermögen) und der absolut erreichte Bildungsstand (bezogen auf alle Menschen einer Altersgruppe). Es wird immer eine Gruppe mit einem hohen absoluten Bildungsstand geben, zu der nur 20% aller Menschen gehören können, weil Menschen nun mal unterschiedlich begabt sind. Das ist so selbstverständlich, wie es eben auch eine Gruppe mit 20% der besten Schachspieler gibt.

    Viel interessanter ist doch, wie stark sich jeder Mensch an sein eigenes Optimum annähert. Dieses Optimum kann nicht für jeden Menschen »Abitur« oder »Universitätsabschluss« heißen. Für einige ist es auch der Meisterbrief, für andere der Facharbeiterabschluss, für wieder andere der Betriebswirt als IHK-Abschluss. Hoch zu respektieren ist, wer dieses Optimum erreicht hat und für den Rest des Berufslebens nachhaltig sein Niveau hält. Ich finde einige Vertreter in diesen Bildungsdiskussionen einfach völlig abgehoben, weil sie alle anderen Bildungserfolge außer einem Hochschulabschluss völlig negieren.

  3. Not quite like Beethoven meint:

    Die Sache mit dem Stipendium verstehe ich nicht ganz, Frau Kaltmamsell. Sie haben nicht auf den Fehler hingewiesen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass man ihre Bewerbung dann nicht schleunigst zugelassen hätte. Ist doch jedem sich weltoffen glaubenden Deutschen peinlich, sowas.

  4. Not quite like Beethoven meint:

    Ah, okay. Ich glaub jetzt hab ich’s. Zu schnell aufgehört zu denken und mit schreiben angefangen. Perdona :-)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Nein, nein, Not quite like Beethoven, das lag schon an meiner unklaren Schilderung: Ich habe den Irrtum durchaus korrigiert. Im gleichen Schreiben bot ich an, drei Zeugen dafür vorzubringen, dass ich sogar „Oachkatzlschwoaf“ akzentfrei aussprechen kann. War vielleicht nicht klug. (Aber ICH habe mich amüsiert.)

    Nein, Stefan, auch ich glaube nicht an einen alternativlosen Idealweg. Gleichzeitig bezweifle ich, dass alle Schichten die volle Wahlmöglichkeit geboten wird.

  6. AnkeD meint:

    In der Grundschule, in der ich arbeite, sehe ich immer wieder, dass das soziale Umfeld der Kinder einen größeren Einfluß auf ihre Leistungen und Bewertungen hat, als ihre Intelligenz.

    Aber – das ist die Verantwortung der Eltern. Wie alles andere auch. Wenn du morgens nicht aus dem Bett kommst, dein Kind ständig ohne Frühstück und ohne Materialien zu spät zur Schule kommt, du Hausaufgaben schon immer blöd fandest und das jetzt deinem Kind vermittelst, du ständig deine Verantwortung auf die Lehrer überträgst und dich wie ein nörgelndes Kleinkind verhältst, wenn du damit konfrontiert wirst, dann wird dein Kind keine erfolgreiche Schulzeit haben. Echt nicht. Besonders nicht, wenn dein Kind nicht weiß, dass „Na, alte F**ze“ keine angemessene Begrüßung für eine Lehrerin ist und die Lehrerin dadurch weiß, wie du sie nennst, wenn du mit Freundinnen über die Schule plauderst (ist passiert, ich schwöre).

    An diesem ganzen Mist kann der Lehrer nichts ändern. Denn wenn er dir das Jugendamt auf den Hals hetzt, bloß weil dein neuer Freund dem Kurzen mal eine geballert hat, und das Blag bloß, weil am Ende des Monats kein Geld mehr da war, mal 3 Tage nichts zu essen bekommen hat, dann sind eh‘ alle Lehrer ätzend und du ziehst besser um, dann wird in der neuen Schule alles besser. Echt! An dir kann es ja nicht liegen, alle anderen sind doof, nur du blickst durch.

    Seufz.
    Manchmal bin ich echt müde.

  7. ilse aus München meint:

    Ms K – danke für den superinteressanten und engagierten Beitrag. Und an alle Lehrer: manche Eltern KÖNNEN einfach nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Die sich nette junge deutsche Frauen garnicht vorstellen können. Und man bringt bildungsferne Kinder der Bildung nicht näher, wenn man sie als Den Feind betrachtet. Remember: Lehrer sind die Erwachsenen, und sollten daher souveräner sein als die Kinder, vor allem als die pubertierenden Kinder. Wer die Schuld daran trägt, dass das ganze Schulsystem zu einer unerträglichen bürokratischen Farce verkommen ist, weiß ich auch nicht.

  8. Stefan meint:

    @Ilse: In der Grundschule sind die Kinder bis zur vierten Klasse. So zeitig beginnt die Pubertät noch nicht ;-)

    Was AnkeD hier angesprochen hat, könnten mindestens 95% der Eltern tun. Niemand muss eine Lehrerin oder einen Lehrer obszön beschimpfen. Jeder kann zumindest ein Minimum an Respekt vor Lehrerinnen und Lehrern bewahren und den Kindern vorleben. Jeder kann zumindest seine Kinder grundlegend zum Erledigen der Hausaufgaben anhalten, pünktlich zur Schule bringen, in den Förder-Unterricht schicken usw.

    Bildung ist Kooperation zwischen Kindern, Eltern und Schule. Und wer nicht viel an eigener Bildung und Talent beitragen kann, der kann wenigstens kooperativ mitziehen.

  9. kecks meint:

    Offenbar kann er/sie das (das Mitziehen) ab einem gewissen Grad an Bildungsferne eben nicht mehr, da Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung/Interesse an dem Thema/eine lebende Gehirnzelle grundlegend fehlt bzw. schon vor längerer Zeit schreiend die Flucht ergriffen hat. Und dann hat man (die Schule, die Lehrer, die Gesellschaft und allen voran das betroffene Kind) den Salat.

  10. Stefan meint:

    Deshalb habe ich ja ca. fünf Prozent ausgespart, die es wirklich nicht können, die — mit allem Respekt gesagt — dazu schlicht nicht in der Lage sind, weil ihre Intelligenz eben nicht ausreicht. Aber was Anke beschrieben hat, das liegt nicht am Können, sondern am Wollen. Kein soziales Problem gibt jemandem das Recht, die Grundschullehrerin obszön zu beschimpfen oder sein Kind von den Hausaufgaben freizustellen.

  11. kecks meint:

    Nö, das Recht dazu hat natürlich niemand. Soll auch gar keine Entschuldigung oder gar eine Rechtfertigung für derartiges Verhalten sein. Wohl aber eine Erklärung dafür.

  12. beh meint:

    Aber nach Ihrem Aber, AnkeD, kommt meiner Meinung nach noch ein grosses Aber: das Kind kann in den meisten Fällen nichts dafür. Man entscheidet sich ja als Grundschulkind nicht bewusst für Umgangsformen oder dafür, die Hausaufgaben nicht zu machen. Und wenn, dann doch ohne jede Chance, die Konsequenzen zu überblicken. Darin liegt, finde ich, eine rasende und himmelschreiende Ungerechtigkeit den kindlichen Personen gegenüber.

    Was nicht heisst, dass mir eine Lösung einfiele. Nach „den Lehrern“ zu rufen ist bestimmt zu kurz gegriffen, das allermindeste ist „die Schule“ oder „das Bildungssystem“.

  13. AnkeD meint:

    beh, ich weiß, dass das Kind nichts dafür kann. Aber – wieder ein aber – der Lehrer kann an 200 Tagen im Jahr jeweils 4-6 Stunden lang Einfluß auf ein Kind ausüben. Wenn diese Zeit in keiner Weise im Elternhaus unterstützt, sondern ignoriert oder sogar mißbilligt wird, dann kann der Lehrer nicht viel erreichen. Es kann deshalb auch nicht von Lehrern erwartet werden, dass sie die gesamte Erziehungsarbeit leisten. An 200 Tagen jeweils 18-20 Stunden, an weiteren 164 Tagen 24 Stunden lang täglich ist ein Kind in der Verantwortung der Eltern, deren Erziehung, Weitblick und Bereitschaft zur Mitarbeit an der Schullaufbahn ausgesetzt.

    Daran wird kein Schulsystem etwas ändern. Und diese Tatsache wird ja genau von den Eltern mit wortreichen Schuldzuweisungen verschleiert, die diese ihre Verantwortung nicht übernehmen können oder wollen.

    Warum sie das nicht können oder wollen ist ein gesamtgeseellschaftliches Problem- aber (schon wieder) es ist ja einfacher, auf die Lehrer einzuprügeln, die verdienen ja schließlich genug und sind Beamte.

    Ich bin übrigens keine Lehrerin. :)

  14. generator meint:

    @Tanja: danke für die Begriffe, die mir so nicht bewusst waren. Anpassung/Nichtanpassung… Erste Einwanderergeneration ins Bildungswesen sozusagen. Ich sags mal drastischer: Zuhause war man der Arsch, weil man aufs Gymnasium ging. In der („Elite“-)Schule war man der Arsch, weil man nicht den richtigen, bzw tatsächlich Stallgeruch hatte. Bleibt fürs ganze Leben so ein dummes Gefühl nicht dahin zu gehören, wo man gerade ist. Dass das alles nicht selbstverständlich. Und eine klitzekleine Allergie gegen höhere Töchterchen oder Söhnchen. Trotzdem prima, lesen gelernt zu haben.

  15. die Kaltmamsell meint:

    Sie geben es ja eben zu: Das Elternhaus gibt den Ausschlag. Und genau dagegen wünsche ich mir ein anderes Schulsystem. Ich weiß nicht genau, wie es aussehen soll, doch ich wünsche mir sehr, dass die Bildungschancen eines Kindes eben nicht ganz von den Eltern abhängen, sondern sich die Gesellschaft dafür verantwortlich fühlt.

    Wir als Gesellschaft können doch nicht achselzuckend einem Kind von asozialen und gar bildungsverachtenden Eltern sagen: Tja, Pech gehabt. Aber dieser mein Wunsch mag wieder einmal daran liegen, dass ich Kinder nicht als Bestandteil oder Verlängerung ihrer Eltern sehen mag.

  16. AnkeD meint:

    Liebe Kaltmamsell,
    Kein Schulsystem kann etwas gegen das Elternhaus ausrichten. Und gegen Gleichgültigkeit und Ablehnung kann man „von oben“ nichts machen, da kommt bloß noch Feindseligkeit dazu, was nicht wirklich hilfreich ist

    Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder. Das ist vom Gesetzgeber so verankert und kann und darf nicht geändert werden. Jeder Mensch ist gleichzeitig Persönlichkeit und Produkt seiner Umwelt. Daran kann kein Schulsystem erwas ändern, es sei denn, man nimmt Eltern, die ungeeignet erscheinen konsequent ihre Kinder weg und zieht sie anderswo auf. Und das klingt jetzt irgendwie auch komisch, oder?

    Um eine Änderung zu erreichen müßte man die Hoffnungslosigkeit durchbrechen, die vererbt sich nämlich. Die eigenen Eltern als Vorbilder, kein Job, keine Aussichten, da muß die junge Frau früh schwanger werden, nur so kommt sie aus dem Elternhaus heraus. Der Freund hat auch nichts gelernt, da sitzt die junge Kleinfamilie viel beim Amt, kriegt in winzigen Rationen alles zugeteilt, was sie zum überleben braucht, bloß keine Eigenverantwortung oder Aussichten auf diese übertragen. Dann geht das mit dem Saufen los, ist ja auch eh‘ egal, hat den Eltern auch nicht geschadet. Es ist kein Geld da, was kann man den Kindern schon bieten? X-Box und Wii, hat der Vater auch Spaß dran. Viel fernsehen, dass kostet nicht und stellt die Kinder ruhig. Lesen ist nicht mehr interessant, heutzutage wird Ton und Bild geliefert, Fantasie und Eigeninitiative sind weniger gefragt. Und irgendwann ist die Tochter dann 15 und überlegt sich, welche Optionen sie hat. Und die nächste Generation rollt heran.

    Und Schule? Sie würden nicht glauben wie oft ich den Satz: „Ich war auch schlecht in der Schule, hat mir doch auch nicht geschadet“ schon von den traurigsten Erscheinungen gehört habe.

  17. ivar meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, vielen Dank, dass Sie mein „Lieblingsthema“ ansprechen! Ich BIN sozusagen Dahrendorfs katholische Arbeitertochter vom Land, und trotzdem im Augenblick beinahe fertig promoviert sowie staatlich-bayrisch geprüft „hochbegabt“ (Etiketten, die man nicht mehr so ernst nimmt, wenn man weiß, wie sie zustande kommen).
    Ich möchte gerne anmerken, dass die Gemengelage ziemlich kompliziert sein kann, wenn man aus einer, wie auch immer gearteten bildungsfernen Schicht stammt. Ich z.B. wuchs in einer Familie auf, in der höhere Bildung, zumal für Mädchen, einfach niemandem in den Sinn gekommen wäre. Trotzdem habe ich die Lehrerin nie mit „Hey alte F…“ oder dergleich begrüßt, sondern ihr Blümchen zum Geburtstag mitgebracht und war stets ordentlich gekleidet. Es war übrigens das ganz persönliche Bemühen dieser einen Grundschullehrerin, das mich in der ersten Klasse vor der Sonderschule bewahrt hat, weil der Rektor mich, aus welchen Gründen auch immer, auf dem Kieker hatte.
    Ich war seit der dritten Klasse immer Klassenbeste, aber das Thema Übertrittszeugnis zum Gymnasium stellte sich einfach gar nicht. Erst nach der Realschule war mir klar, dass ein Zahnarzthelferjob in einer bayerischen Kleinstadt mein Tod sein würde, und ich ertrotzte mir den Übertritt aufs Gymnasium. Und, nein, Stefan, das ist dann keine so ganz und gar freie und unproblematische Entscheidung. Meine Mutter empfand es als große Zumutung, dass ich nicht endlich mein Geld selbst verdienen wollte, egal wie. Mein Vater, selbst ein begabter Mensch, der gerne Architekt geworden wäre, dann aber nur Maurermeister geworden ist, erschien überhaupt nicht zu dem Gespräch mit der Schulleitung, er platzte vor Missgunst. „Akademiker“ als Schimpfwort. Das Verhältnis zu ihm blieb nachhaltig zerrüttet und wurde bis zu seinem plötzlichen Tod vor zwei Jahren nicht mehr besser.
    Von den vielen vielen kleinen und großen Hürden finanzieller sowie soziologischer Art, die man mit so einer Lebenshypothek an der Uni hat, will ich gar nicht sprechen. Ich gebe es zu, ich neigte und neige bisweilen eher zur Opferrolle, was sicher nicht gut ist, für mich aber nicht immer vermeidbar.
    Und Verzeihung, wenn der Text sehr lang für einen Kommentar ist, aber Ihr Beitrag hat mir so aus der Seele gesprochen – und manche Vorkommentare scheinen mir zu zeigen, wie wenig nachvollziehbar bestimmte soziale Verwerfungen für viele sind.

  18. generator meint:

    Ich denke auch, Kinder können aus verschiedenen Motiven lernen. Sogar aus Wut und Trotz können sie damit anfangen. Sogar, als Mädchen (obwohl mein Vater da auch gar nicht für war…) — Allerdings hat Bildung in der gesamten Gesellschaft ja keinen besonders hohen Status. Für viele scheint es plausiblerweise kaum attraktiv, jahrelang zu studieren, vielleicht sogar zu promovieren, um dann nicht zu wissen, ob es überhaupt noch akademische Jobs gibt. In meinem Umfeld einige habilitierte Freunde (auch ein „Arbeiterkind“ darunter), die nach 20 Jahren teuerster Ausbildung vor dem beruflichen Nichts stehen. Schade um all die Mühe.

  19. die Kaltmamsell meint:

    Das ist ein weiterer Gedanke, danke, generator: Bildung und beruflicher Erfolg sind zwar oft eng verwoben, aber nicht deckungsgleich. Ich spreche hier von Bildung, und ich bin immer zu Tränen gerührt, wenn jemand einem riesigen Bildungshunger gegen alle Widerstände nachgeht.

    Zum Schulsystem, AnkeD. Vielleicht geht doch ein bisserl was: Warum sonst bekommt Deutschland extra schlechte Noten von der UNESCO, weil fast nirgends in Europa Bildung so eng mit Herkunft verknüpft ist wie hier?

  20. Stefan meint:

    Ich habe gerade ganz wenig Zeit, aber die Aussage, dass fast nirgends in Europa Bildung so eng mit Herkunft verknüpft ist, stimmt nicht pauschal für ganz Deutschland. Sachsen ist zum Beispiel ein Bundesland, auf das diese Aussage nicht zutrifft.

    Außerdem sollte man sich die Randbedingungen dieser Statistik ansehen. Welche Herkunft ist gemeint? Der ökonomische Hintergrund oder der Bildungsstand der Eltern? Wenn der Bildungsstand der Eltern gemeint ist, dann muss nicht notwendigerweise soziale Ungerechtigkeit vorliegen. Denn wer kann es Eltern verbieten, ihre Bildung an die Kinder weiterzugeben? Es liegt doch auf der Hand, dass in einer gebildeten Familie mehr Bildung weitergegeben wird.

    Mich befremdet es sehr, wenn ich lese, dass in Bayern Kinder aus einfachen Verhältnissen Klassenbeste sein können, aber keine Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekommen. Wollten die Eltern keine haben oder wollte die Schule keine geben?

    Bei uns in Sachsen ist es seit Jahrzehnten selbstverständlich, dass Mädchen das selbe Recht auf eine höhere Bildung haben wie Jungen. Wenn ich Deinen Bericht lese, ivar, kommt mir das vor wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit. Trotzdem muss ich in einer Sache widersprechen: Ein Handwerksmeister ist nicht bildungsfern. Es bedeutet eine hohe Anstrengung, den Meisterbrief zu erwerben (persönliche Anmerkung: ich bin zwar nicht bei Handwerksmeistern, aber bei Industriemeistern selbst Prüfer).

  21. die Kaltmamsell meint:

    Oh je, Stefan, jetzt geraten wir auch noch auf das extrem dünne Eis, Bildung von Wissen abzugrenzen. Niemand wird einem Handwerkermeister absprechen, dass er für seinen Abschluss Fleiß und Wissen braucht. Dazu kommt sicher eine Menge Erfahrung. Aber ist das zusammengenommen, was unsere Gesellschaft als „Bildung“ bezeichnet?

  22. Stefan meint:

    Darüber ließe sich trefflich streiten. Es handelt sich zunächst nach dem Gesetz um eine Aufstiegsfortbildung, wenn der Abschluss z.B. Industriemeister, Techniker, Fachwirt, Betriebswirt oder Handwerksmeister ist.

    Die Prüfungen, die ich davon im Detail kenne, beziehen sich nicht nur auf die Abfrage des Wissens, sondern auch auf dessen Verknüpfung und Anwendung. So eine Fortbildung kann mehrere Jahre dauern und kann durch bloßes Einpauken von Wissen nicht bestanden werden. So würde ich jedem vehement widersprechen, der einen Meister als bildungsfern bezeichnet.

    Über jegliche Verweise auf die perfekte Definition des Begriffs Bildung würde ich mich sehr freuen. Ich lese nämlich gerade das dünne Bändchen »Theorie der Halbbildung« von Theodor W. Adorno und auch er drückt sich um eine klare Definition ;-)

  23. Ivar meint:

    Ja, das mit dem Handwerksmeister ist richtig. Dazu bemerken möchte ich, dass mein Vater außerdem in eigenem Fleiß neben einem anstrengenden Beruf per Telekolleg die Mittlere Reife nachgeholt hat. Im Alter von 35 Jahren und ohne, dass es ihm beruflich noch etwas genützt hätte. Von dem, was ich machen wollte und letztlich auch gemacht habe, fühlte er sich offenbar dennoch meilenweit entfernt.

    Und wegen der nicht ausgesprochenen Gymnasialempfehlung: Wir sprechen da über das Jahr (moment mal, nachrechnen…1989/90?), und, wie gesagt: Es stand einfach nicht zur Debatte, von keiner Seite: Die Schule dachte nicht daran, die Eltern überhaupt zu fragen, die Eltern dachten überhaupt nicht in so eine Richtung, und das Kind hat eigentlich kaum etwas mit diesen Begrifflichkeiten anfangen können. Hätte nur einer von dreien etwas gesagt, wäre es vielleicht anders gelaufen.

  24. croco meint:

    Bildung ist das, was man haben muss, damit man sich anderswo nicht blamiert.
    So sage ich das meinen Schülern.
    Sie nicken meist. So denke ich, dass sie wissen, was ich meine.

  25. ilse aus München meint:

    Blamiert. Naa, oder? ansonsten ist dies wohl die unterste Stufe von Motivation. Auch im Scherz.

  26. Stefan meint:

    @Ilse: Wenn man Motivation aus Bedürfnissen ableitet, hat Bildung einen Bezug zu den Stufen zwei bis fünf auf der Bedürfnispyramide. Auf der untersten Stufe könnte man noch ohne Bildung auskommen ;-)

  27. ivar meint:

    Das Blamieren ist ja in unterschiedlichen Kontexten auf ganz unterschiedliche Weise möglich. Wenn Sie mit „sich woanders nicht blamieren“ meinen, dass z.B. auch der Philosophieprofessor oder der Bundesminister mit adeliger Abstammung sich nicht blamiert, wenn er einmal in die Verlegenheit kommt, mit den polnischen Bauarbeitern zusammen auf einem Ziegelstapel sitzend eine Leberkässemmel zu essen, dann stimme ich zu. [Ja, ich weiß, eher unwahrscheinliche Konstellation, und voller Klischees auch noch…]

  28. Stefan meint:

    Mit den polnischen Bauarbeitern hätte ich kein Problem. Aber Leberkäs? Dann lieber nur Semmel ;-)

  29. ivar meint:

    @Stefan: Über Geschmack zu streiten ist ja gottseidank nicht unbedingt eine Blamage, sofern man es nicht übertreibt ;-).

  30. Ben meint:

    @ AnkeD
    Dass die Schule nur bedingt in der Lage ist, die Versäumnisse der Eltern auszugleichen, ist gar nicht mal das Hauptproblem. Richtig problematisch wird es erst, wenn es die Lehrer sind, die aktiv an der sozialen (oder auch ethnischen) Segregation teilnehmen.

    @ Stefan
    Auch wenn ich mich jetzt vor einer Definition von Bldung drücke – man kann vielleicht nicht jeden Handwerksmeister als bildungsfern bezeichnen, aber mit Blick auf den Bildungsbegriff, der (wie ich glaube) dem Begriff „bildungsfern“ zugrunde liegt, nämlich dem Maß an Allgemeinbildung des idealtypischen Abiturienten, hat auch die Meisterausbildung nicht allzuviel zu bieten.

    @ivar
    Über Geschmack kann man überhaupt nicht streiten – er ist axiomatisch. Entweder man hat Geschmack oder halt nicht. :-)

    @Kaltmamsell
    Es gibt einen spannenden Aufsatz zur ethnischen Segregation in der Schule: Leviathan 2009, 353

  31. ivar meint:

    @Ben: Fragt sich dann eben nur, welchen (spricht die Kunsthistorikerin..) ;-).

  32. mariong meint:

    @ ivar: autsch, fühlte mich plötzlich so an meine verdrängte Vergangenheit erinnert, mit dem Unterschied, dass ich nach dem Abitur nicht mehr weiterkämpfen konnte, und „was ordentliches lernte“ anstelle zu studieren.
    @ stefan: wie hoch ist der bevölkerungsanteil mit „immigrationshintergrund“ in sachsen? hier in rhein-main in den kindergärten und schulen bei 30-40 %. das ist nicht immer einfach. vor allem, wenn „bildungsfern“ sich darin ausdrückt, dass sprache und kultur abgelehnt werden. (@alle: immigrationshintergrund ist eine spannende sache, das wissen wir die am rhein leben schon lange, das kann sehr bereichernd für uns sein. da müssen aber bitte alle seiten mitmachen.)

Kommentar verfassen:

XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen