Körperwelten

Dienstag, 17. November 2009 um 11:53

Bodies

everything about our physical being is the outcome not of nature (although undoubtedly we feel natural and highly individual), but of the ways in which nature’s body is treated by those who raise us

Dass sich unser Verhältnis zur Körperlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten rapide geändert hat, belegt Susie Orbach in Bodies, nachvollziehbar und gut lesbar. Zwar haben Menschen den Körper schon immer der Kultur angepasst, in der sie lebten. Unsere Handbewegungen, wie wir gehen, unsere Tischmanieren, ob wir hellere oder dunklere Haut höher einstufen: All das war immer von der Kultur und der Zeit geprägt, in der wir lebten. Und entsprechend sortieren wir unsere Wahrnehmung der Umgebung.

Mir fiel hierbei der neue Gesundheitsminister Phillip Rössler ein: Sein etwas undeutsches Aussehen bemerkte ich erst mal gar nicht, weil Herrn Rösslers Habitus deutsch ist, seine Mimik und Gestik, also seine gesamte Körperlichkeit. Wäre er kulturell Vietnamese, nicht nur genetisch, sähe er bedeutend fremder aus.

Aber, und das ist der zweite Teil von Orbachs These: Unsere Körperlichkeit hat sich in jüngster Zeit grundlegend verändert. Das Aussehen wird mittlerweile als völlig eigenverantwortlich und beliebig anpassbar gesehen. Zumindest die wohlhabende westliche Welt bietet fast unendliche Möglichkeiten, alles an sich zu verändern und der Norm anzugleichen. Ein Körper, so belegt Orbach, wird nicht mehr geboren: Er wird gemacht.

Bis vor Kurzem galt das Aussehen eines Menschen als Glückssache, ein Geschenk. Man hoffte auf einen gesunden, gut funktionierenden Körper, vor allem Frauen zusätzlich auf einen attraktiven. Eine Frau ohne Pockennarben galt noch im 19. Jahrhundert bereits als schön, hatte sie noch mit Mitte 20 alle ihre Zähne, wurde sie darum beneidet.

Heute hat sich die Beweislast umgekehrt: Jede Abweichung von der Norm gilt als körperlicher Makel. Und dieser Makel wird umgehend zum Vorwurf: Man könnte ja etwas gegen den Makel tun; tut man es nicht, ist man schlampig, nachlässig, ungepflegt, undiszipliniert, wenn nicht gar rücksichtslos. Jede Abweichung von der Norm ist eine persönliche Verfehlung. Ein gesunder und fitter Körper ist Pflicht geworden. Wie hoch die Ansprüche an attraktives Aussehen sind, belegen immer wieder die scharfen Beobachtungen der Fugly-Damen: Selbst die wunderschöne (mit welchen Mitteln auch immer) Demi Moore ist nicht schön genug, dass der Magazingrafiker nicht noch fürs Cover der W ordentlich Hand anlegen würde.

Christiane Link berichtet ja regelmäßig auf Behindertenparkplatz von der Unterstellung, sie müsse sich eine Beseitigung des Makels Rollstuhlleben wünschen. Es gebe doch sicher eine Operation / Behandlung gegen die Ursache ihres Nichtlaufenkönnens. Dass sie sich dies nicht wünscht, werde als Affront und Provokation gesehen.

Nach Susie Orbachs Beobachtung resultiert diese Entwicklung in einem immer häufiger problematischen und unguten Verhältnis zum eigenen Körper, führt immer häufiger zu Selbsthass.

Orbach warnt:

body anxiety is as fundamental as emotional anxiety

Meine persönliche Verstärkung: Ich wurde von einer Mutter erzogen, die das Aussehen einer Frau schon immer als Selbstverantwortung und Verpflichtung sah. Ich bin aufgewachsen mit ihren schneidenden Seitenbemerkungen über Frauen: Ihre Freundin 1 mit schmalem Oberkörper und ausladenden Oberschenkeln könne doch bitte „gezielte Gymnastik“ treiben, damit sie nicht ganz so schrecklich daher komme. Die rundliche und sinnenfrohe Freundin 2 müsse sich nur „ein wenig beherrschen“, um schlanker zu sein. Und die hochgewachsene Freundin 3, hager und grobknochig, könne sich doch zumindest aufrechter halten und ein wenig vorteilhafter kleiden. Nie schwärmte sie von den tiefgründig schwarzen Augen der Freundin 1, deren Blitzen beim Erzählen den halben Orient beschworen; vom mitreißenden Lachen und der Fröhlichkeit der wirren Locken von Freundin 2, von den eleganten und sprechenden Damenhänden der Freundin 3. Wie schade, dass ich nicht schon als Kind darauf kam, wie bezaubernd gerade die extreme Verschiedenheit dieser vier Frauen (inklusive meiner Mutter) war.

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu „Körperwelten“

  1. Brigitte Novacek meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  2. Wildgans meint:

    manche menschen, zu denen wohl auch deine mutter gehört- meine auch- kennen keine positive wertschätzung und „spielen“ beständig das makel-spiel.
    deine beschreibung der drei freundinnen finde ich köstlich!
    gruß von sonia

  3. Nathalie meint:

    Vor einigen Jahren hatte ich mich beworben, durch mehrere Leute empfohlen und auch nach extrem guten Gesprächen, sagte man mir, daß ich zwar alle Voraussetzungen erfüllen würde, dynamisch, etc. trallala wäre – aber meine Kleidergröße nicht zu meinem Auftreten und Bild sowie zum Job (Start-up) passen würde.
    Das war Kleidergröße 42.

  4. Not quite like Beethoven meint:

    Schöner Text! Ich kenne glaube ich niemandem dem es in die Wiege gelegt war, körperliche Abweichung nicht gleich als Makel zu interpretieren. Die, inklusive ich, mussten das alle irgendwie lernen (oder haben’s immer noch nicht gelernt).

    Mit Philipp Rösler hatte ich eine ähnliche Erfahrung und ich frage mich, ob sich „Normale“ von Rollstuhlfahrern vielleicht oft gerade deswegen so unter Druck gesetzt fühlen, weil die vom Habitus her abweichen, also sich einfach anders bewegen etc. Mehr noch als dass sie „als Körper anders“ aussehen, was ja mal mehr mal weniger der Fall sein mag..

  5. Buchfink meint:

    @Nathalie: schön blöd, da haben sich die Herrschaften dummerweise um manch eine Kostprobe aus Ihrer göttlichen Küche gebracht!

  6. die Kaltmamsell meint:

    Sie, Not quite like Beethoven, fielen mir auch ein und Ihr Hadern mit Fluch und Segen eines Implantats – vor allem das häufige Unverständnis von Vollhörern, dass das nicht Ihr größter Wunsch ist.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Natalie, ich bin sprachlos. Für ein nur etwas beeinflussbares Selbstbewusstsein / Körperbewusstsein muss das verheerend sein.

  8. Katia meint:

    meine Mutter (65!) hat auch den Schlankheitswahn, wenn sie mich nach Monaten mal wiedersieht, kommt dann als erstes entweder ein: Du hast zugenommen, oder, prima, Du hast ja abgenommen!……
    Dabei halte ich seit Jahren exakt mein Gewicht…..

    @Nathalie: Du wolltest nicht etwa zur LH?

  9. Indica meint:

    Darauf gleich beim Lesen einen Keks in den Mund geschoben… Sie drücken es gut aus, bzw. Susie Orbach. Ach ja, die Machbarkeit, oder „Anpassbarkeit“, wie Sie es nennen, von Allem. Ja, wenn es alles nur eine Frage von Machbarkeit oder gar nur „Willen“ und „Selbstbeherrschung“, ja, dann hätte Heidi Klum nichts zu lachen, denn ich wäre dann noch modelmäßiger wohlgeformt…

    Ich kann den Philipp-Rösler-Effekt nur bestätigen: Eine Freundin von mir sitzt seit längerem im Rollstuhl. Aber den nimmt man nicht wahr, denn ihre flammend roten Haare und ihr scharfer Verstand, das sind die wahrnehmungsbestimmenden Eigenschaften. Manchmal erwähnt man den Rolli, wenn man sie beschreiben muss, weil sie damit in größeren Gruppen ein Alleinstellungsmerkmal aufweist. Aber es ist nicht das Gebrechen oder das Gerät, das sie charakterisiert. (Und sie würde alles daransetzen, dass das nicht sie und ihre Identität bestimmt.)

  10. Nathalie meint:

    @Buchfink
    Danke! Deshalb vielleicht auch Größe 42.

    @Kaltmamsell
    Obwohl ich über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein verfüge, hat mir das schon schwer zu denken gegeben. Kleidergröße hat aber nicht stark gewechselt. Bin nun mal ich. Und nach einiger Zeit kam auch wieder der Satz über meine Lippen: „Dann haben die mich auch nicht verdient.“

    @Katia
    IT-Start-up. Technische Vertriebsleitung.

  11. Tanja meint:

    Eine animierende Besprechung, das werde ich gerne lesen. Mich enerviert diese Entwicklung sehr.

    (Ich komme ja von der anderen Seite des Massstabes als du. Meine „Hair“-Eltern & ihr Freundeskreis guckten ganau auf die Eigenheiten, auf die du gern von deiner Mutter aufmerksam gemacht worden wärst, Behinderungen waren nichts aussergewöhnliches, Abweichungen fielen kaum auf. Dass ich deswegen die Normen und Ideale der Gesellschaft oft nicht deuten und übersetzen konnte, war auch nicht ganz einfach, aber ganz bestimmt einfacher.)

  12. Sigourney meint:

    @Nathalie
    Das ist ja unfassbar, das haben die wirklich offen gesagt?
    Ich dachte, dann könnte man wegen Diskriminierung klagen?

  13. Lila meint:

    Ach ach, ein schmerzliches Kapitel. Meine Mutter, so lieb sie ist, ist auch vom Aussehen besessen (sie war zeit ihres Lebens eine attraktive Frau und mißt alle anderen Frauen und auch Männer am Aussehen). Daß ich nicht mehr so gut aussehe wie vor ein paar Jahren empfindet sie geradezu als Schmach. Noch schlimmer ist für sie, daß ich damit ganz gut lebe und wirklich andere Probleme habe – das Älterwerden hat auch seine Vorteile, und für den Hausgebrauch bin ich noch attraktiv genug :-)

    Mich nervt das ewige Gerede über wer zu- und wer abgenommen hat. Anderleuts Körper sind deren Privatsache, und ich finde es einfach taktlos, sich darüber auch nur Gedanken zu machen.

    Wenn ich die katastrophalen Auswirkungen dieser Gehirnwäsche auf die junge Generation ansehe, ärgere ich mich. Ich kann keine La Bella von Tizian und keine Donna Velata von Raphael mehr zeigen, ohne daß ein verhungertes Mädel aus der Klasse abfällig sagt: Gott, ist die dick.

    Ich halte mir für diese Gelegenheiten immer eine kleine Rede parat, über die Verteilung von Charakteristika in einer lebenden Population, die Normalverteilung auch beim BMI, und die ungesunde Konzentration auf einen schmalen und extremen Bereich dieser Glockenkurve, unter negativer Bewertung sämtlicher anderer Körperformen. Viele junge Frauen und auch Männer haben da noch nie drüber nachgedacht. Das Axiom „you can never be too slim“ wird schon gar nicht mehr hinterfragt.

    Und ich ertappe mich dabei, daß ich froh und dankbar bin, schlanke Töchter (und auch Söhne) zu haben. So entgehen sie vielleicht den schlimmsten Auswüchsen in Form von Diät, Eßstörung und Selbsthaß. Doch selbst zu meiner spatzenhaft dünnen Tochter sagen die „Freundinnen“: willst du nicht mal ne Diät machen?, weil sie ihre eigene Diät nicht allein machen wollen.

    Wir haben alle verzerrte Brillen auf. Es ist zum sich-schlank-Kotzen…

  14. Not quite like Beethoven meint:

    „Und ich ertappe mich dabei, daß ich froh und dankbar bin, schlanke Töchter (und auch Söhne) zu haben.“

    Erwartungen, Befürchtungen und Dankbarkeiten was die eigenen Kinder angeht finde ich sehr aufschlussreich für den eigenen Umgang mit Abweichendem.
    Ich würde von mir selbst sagen, dass ich recht souverän mit meiner Eigenheit umgehe. Aber wenn ich an meine zukünftigen Kinder denke, dann merke ich, dass mich die Vorstellung erschreckt, sie könnten eine Behinderung oder andere „abweichende Auffälligkeit“ haben. Und zwar, peinlicherweise, nicht nur weil das ihr Leben erschwert (auch wenn sie durchaus interessantere und souveränere Persönlichkeiten werden könnten dadurch), sondern auch weil ich tief in mir die Erwartung finde, „normale“ und „gesunde“, gar „attraktive“ Kinder hervorbringen zu können, was ja eigentlich völlig absurd ist.

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