Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Donnerstag, 21. Oktober 2010 um 6:59

Ich weiß ja noch immer nicht, was in meinen 13 Jahren Unterricht schief gelaufen ist, dass sie mir kein einziges Buch vermiest haben. Manche Schullektüre fand ich eher anstrengend als erfreulich, aber insgesamt war mir alles willkommen, was man uns dort lesen hieß. (Ich gehörte zu den Schülerinnen, die in den ersten Wochen des Schuljahres in Unter- und Mittelstufe heimlich unter der Bank das Lesebuch auslasen – Geschichten!) Mich hat die Lektüre im Deutsch- und Englischunterricht ausgesprochen bereichtert, auch von dem in Latein und Griechisch Gelesenen profitiere ich bis heute. Pervers.

In Deutschland ist nunmal gesetzt, dass Literaturunterricht Leselust erstickt, dass die Analyse eines literarischen Werkes in der Schule zu einer Ablehnung dieses Werkes führt. Ob wohl Musikunterricht und Kunstunterricht dieselbe Macht über Musikstücke und Kunstwerke haben? In England gibt es diesen Konsens über Literaturunterricht übrigens nicht. Dort lesen auch Erwachsene noch gerne Austen und Brontë, selbst wenn sie die Bücher der Autorinnen ausführlich in der Schule besprochen haben. Mich interessierte möglicherweise bereits als Schülerin nicht nur, ob eine Geschichte langweilig oder spannend war, sondern auch warum. Und was hinter den Inhalten stand, die ich nicht verstand.

Ich mochte Faust, ich mochte The Catcher in die Rye – wobei ich letzteres im Rahmen des kleinsten Leistungskurses des Jahrgangs in einer Gruppe von Sechsen las. Wir Schüler bekamen auch die deutsche Übersetzung von Heinrich Böll zugefüttert, fanden sie total daneben und trafen uns nach der Schule, um selbst eine bessere Übersetzung anzufertigen (oh wunderbares Alter, in dem man noch alles kann). Diese Initiative lehrte uns sehr schnell und am praktischen Beispiel, wie verdammt vielschichtig und schwer literarische Übersetzungen sind – ohne dass die Lehrerin (eine frankophile Dame, die wir weitgehend ignorierten) uns das beibringen musste.

Welche Schullektüre mochte ich also am liebsten? Walter Kempowski, Tadellöser und Wolff. Deutschlehrer Robert Köhler las es mit uns in der 10. Klasse, und ich bilde mir ein, dass ich zum ersten Mal den Eindruck hatte, im Unterricht ein Buch für zeitgenössische Erwachsene zu lesen. Ich fraß es in einem Happs, mir war mit 15 die gutbürgerliche norddeutsche Welt, in der der Roman spielte, völlig neu. Im Unterricht sprachen wir dann über die ungewöhnliche Erzählweise, woher die Sprüche des Vaters kamen, ein wenig über den historischen Hintergrund. Und die ganze Klasse streute wochenlang „Immerhinque!“ und „Fiss biste patzt“ in die Unterhaltungen ein.

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die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Tag 20 – Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast“

  1. adelhaid meint:

    HA!
    muss ich also lesen, denn immerhinque ist ein mir sehr vertrauter ausdruck, stets von meiner mutter kommend. das muss bedeuten, dass dieses buch in meinem elternhaus steht.

  2. Buchfink meint:

    „Wie isses isses nur möchlich“ sagte doch immer Mutter Kempowski. Sohnemann Walter habe ich mal persönlich kennengelernt, ein griesgrämiger Typ, dem man das aber nachsah, weil er doch so lange im Bautzener Zuchthaus gesessen hatte. Die nachfolgenden Familienromane fand ich nicht mehr so gut wie „Tadellöser & Wolff.

  3. croco meint:

    Das hab ich nebenbei gelesen, nicht in der Schule.
    Schulisch hat mich sehr „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz beeindruckt.
    Ein Referandar hat es mit uns in der 8. Klasse gelesen.
    Es war zum größten Teil eine Überforderung der Klasse.
    Und ich dachte „Aha, so kann man auch schreiben.“
    Er hat übrigens das Referendariat nicht bestanden.

  4. fille meint:

    Ich hatte ein ähnliches ERlebnis mit „J’ai quinze ans et je ne veux pas mourir“ von Christine Arnothy.

    Autobiographische Beschreibung des Lebens im Lufstschutzkeller in Budapest gegen Ende des zweiten Weltkrieges. Ich war einfach fasziniert von dieser Gleichaltrigen, die mir über ihr aufregendes und lebensgefährliches und nervendes Leben im Luftschutzkeller schrieb, plus dann Erlebnisse unter russischer Besatzung (Meine Mutter schnitt mir die Haare ganz kurz, denn man sollte nicht sehen, dass ich ein Mädchen war).

    Christine Arnothy hat noch andere Bücher geschrieben, Romane, aber die haben mir lange nicht so gut gefallen.

  5. Tanja meint:

    Nie gehört. „Schule, immer so durchgemogelt“ aus seiner Deuschen Chronik seit Jahren auf meiner Leseliste. Vielleicht sollte ich besser mit „Tadellöser & Wolff“ anfangen. (Das waren noch Zeiten, als Goldmann solche Bücher machte.)

  6. Thomas meint:

    Ich las „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz ca. mit 17 oder auch 16. Aber nur ein Stück. Dann packte ich es weg. 2 Jahre später verschlang ich es dann.
    Und als Goethefan bin ich nicht so für Heine, dem bin ich schon öfter begegnet.
    Lektüre in der Schule, mh, tw. gut, tw. schlecht. Schlecht war z.B. „Deutschland ein Wintermärchen“ von Heine (Note in einer Arbeit darüber: 6!), oder auch Brecht (steckte schon im Namen…). 1984 war interessant (Englischunterricht), in dem Unterricht auch Shakespeare’s Macbeth, im Lateinunterricht Seneca. Ich habe immer ältere Literatur bevorzugt, so aus dem 18./19. Jahrhundert, Hesse und Co. interessier(t)en mich nicht. Heutzutage lese ich neuere Bücher, aber nur zu aufklärerischen Themen, wie beispielsweise „Das Kapitalismus-Komplott“ von Oliver Janich.
    Kempowski habe ich nie gelesen, nur im Fernsehen gesehen damals, falls „immerhinque“ da auftauchte, ist mir das nicht aufgefallen.

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