Arme Leute

Donnerstag, 16. Juni 2011 um 11:43

Ein Nachdenken in drei Kapiteln.

1. Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein und meine polnische Oma

Meine polnische Oma selig unterteilte die Männerwelt in „guede Männä“ und „Lumpe“ (darunter war der Bodensatz „g’suff’ne Mannsbild“). Meiner Mutter und mir gratulierte sie immer wieder dazu, dass unsere Ehemänner zur ersten Sorte gehörten, hin und wieder lobte sie uns explizit für unsere umsichtige Wahl des Lebenspartners.

Was sie damit meinte, begriff ich erst durch die Lektüre von Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein. In dieser Welt Ende der 1930er bis Mitte der 1940er war meine Oma ein junges Mädchen und eine junge Frau, aus dieser Zeit hatte sie ihre Sicht auf die Menschen.

Der Fallada-Roman ist voll von armen Leuten. Davon sind viele Schlawiner und Haderlumpen, Tagediebe, die sich von wechselnden Frauenbekanntschaften durchfüttern lassen, Kleinkriminelle, die keine illegale Gelegenheit des Gelderwerbs auslassen und notfalls die eigene Ehefrau bestehlen, wieslige Handlanger der Mächtigen, die von Spitzeldiensten leben. Kurz: viele Lumpen. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie meine Oma in jungen Jahren gelernt hatte, sich vor diesen Männern zu hüten, vor allem, wenn sie auch noch soffen.

Doch unter den armen Leuten bei Fallada sind auch anständige Menschen, tüchtig, fleißig, ordentlich. Die Abgrenzung zu den Lumpen war in dieser Zeit so klar, dass Fallada sie in seinem Roman nicht explizit erklärt – wo er ansonsten in Jeder stirbt für sich allein doch alles und jedes erklärt und durchleuchtet. Arm waren sie auch. Doch die Guten machten sich nützlich, waren bedacht und sorgsam, achteten auf sich und ihr Hab und Gut, haushalteten, sahen hauptsächlich sich selbst in der Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen – das gute alte protestantische Arbeitsethos.

Ob jemand an seiner Situation selbst schuld war, ob ihm ein Staat helfen sollte, waren damals keine Themen. Zum einen gab es eine große Gemeinschaft von Armen, die die Zugehörigkeit zu dieser Schicht als etwas Schicksalhaftes sahen. Zum anderen gab es nicht das gemeinschaftliche Ziel, reich zu werden – im Gegenteil: Diesen Wunsch hatten nur die Lumpen, die Faulen. Auch in dieser Haltung erkenne ich meine polnische Oma wieder.

2. Arme Leute – reiche Leute

Zu Falladas Zeiten waren die Wünsche der kleinen Leute bescheiden: Genug Nahrung, um jeden Tag satt zu werden, genug Möbel und Ausstattung für eine behagliche Wohnung, dazu Gesundheit und körperliche Unversehrtheit. Reichtum hingegen war kein verbreitetes Ziel. Das ist heute anders geworden. Der Mitbewohner bot mir letzthin als Erklärung dafür die Demokratisierung der Gesellschaft an: Vor 80 Jahren akzeptierte fast jeder Hierarchien und dass es nun mal reiche Leute und arme Leute gab (Unmut und Groll auf diese reichen Leute eingerechnet). Die Ideale der Französischen Revolution von Freiheit und Gleichheit sind in Deutschland wohl erst durch die Demokratisierung der Nachkriegszeit wirklich Konsens geworden. Nun beansprucht jeder die Möglichkeit für sich, zu den Reichen zu gehören (die USA räumen den pursuit of happiness schon länger jedem ein).

Sibylle Berg wunderte sich kürzlich in ihrer Spon-Kolumne, warum Intellektuelle heute nicht mehr geschätzt würden, sondern:

Die achtziger Jahre leiteten (…) einen Wertewandel im großen Stil ein. Bei einer Bank zu arbeiten, war plötzlich nicht mehr denen vorbehalten, die es anderenorts zu nichts Gescheitem gebracht hatten. Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endgültig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in Kürze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press für alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserhähne und Speedboote beinhalten.

Auch das ließe sich mit der oben beschriebenen Demokratisierung erklären. Während früher(TM) ausgemacht war, dass nur Menschen einer bestimmten Herkunft ein Anrecht auf Reichtum und ein bequemes Leben haben, sorgte der Gedanke der Demokratie dafür, dass alle dieses Recht für sich beanspruchen. Dass angeborene Hierarchie nicht mehr akzeptiert wird, ist doch eigentlich eine gute Sache – die halt ihren Preis hat.

3. Armut zu meinen Kinderzeiten

Schon länger fühle ich mich unwohl beim Umgang mit dem Begriff „Armut“ in den heutigen Medien, vielleicht sogar in unserer heutigen Gesellschaft. Eigentlich besagt er doch lediglich, dass ein Mensch wenig materielle Güter besitzt. Unwohl wird mir bei den Schlussfolgerungen und Implikationen: Meist werden damit undifferenziert gesellschaftliche Randexistenz, Bildungsferne und Arbeitslosigkeit gleichgesetzt. Damit einher geht die Annahme, man müsse lediglich die materiallen Güter dieser armen Leute vermehren und sorge damit für gesellschaftliche Integration, Bildung und Arbeitseinsatz. Das ist meiner Überzeugung nach eine gefährliche Vermischung von nur bedingt voneinander abhängigen Erscheinungen.

Leider sind meine Argumente anekdotisch: Ich bin halt unter armen Leuten aufgewachsen. Doch damals, in den 60er und 70ern, bedeutete das etwas ganz anderes als heute.

Ich rufe mir die Umgebung vor Augen, in der ich groß geworden bin: In einem sehr einfachen Arbeiterviertel einer zentralbayerischen Provinzstadt. In erster Linie wohnten in diesen Neubaublöcken, die Ende der 60er, Anfang der 70er zwischen Vorstadt und großer Fabrik gebaut worden waren, die Familien der Arbeiter dieser Fabrik. Doch es gab dort auch richtiges „G’schwerl“, so die Dialektbezeichnung für Asoziale: In einen der Wohnblöcke hatte die Stadt Familien einquartiert, die bis in die 1960er die Nachkriegs-Notwohnungen im Kavalier Hepp behaust hatten. Wir Kinder hatten deshalb immer Umwege um diesen heruntergekommenen Festungsbau gemacht: Jederzeit konnten einen daraus kläffende freilaufende Hunde oder böse Buben anspringen. Auch wenn inzwischen das Stadtmuseum in dem Gebäude untergebracht ist, habe ich bis heute bei dem Anblick ein ungutes Gefühl.

Sie können sich also vorstellen, dass da niemand viel hatte. Zudem, und das ist keine zwingende Folge, richtete sich das Wertesystem dieser Leute nicht daran aus, was jemand besaß. Ob jemand höher oder geringer geschätzt wurde, hatte eher folgende Kriterien:
– Kann die Familie gut haushalten? (Verschwendung wurde als schlecht erachtet.)
– Sind die Kinder sauber, frisiert, ordentlich angezogen?
– Achten die Eltern auf regelmäßigen Schulbesuch ihrer Kinder?
– Gibt es etwas Anständiges zu essen?
– Trägt die Familie gepflegte, saubere, anlassgemäße Kleidung?
– Wird einmal am Tag gemeinsam gegessen (die Männer arbeiteten ja alle Schicht)?
– Sind die Kinder behütet? (Ist für Aufsicht gesorgt? Da konnte ja durchaus die Nachbarin oder Hausmeisterin einspringen. Rennen die Kinder nicht bei Dunkelheit allein herum? Kümmert sich jemand um sie, wenn sie krank sind?)
– Haben die Kinder Umgangsformen?
– Erfüllen die Familien ihre Gemeinschaftspflichten? (Treppendienst, kein Zeug draußen herumliegen lassen)

Zum guten Ton im Leben dieser armen Leute gehörte auch, dass die Mütter untereinander Kinderkleidung und Tipps zum Selbernähen austauschten. Dass die Väter den Kindern Spielzeug bastelten. Dass auf Anschaffungen erst gespart wurde, bevor man sie kaufte – Schulden waren verpönt.

Unter diesen kleinen Leuten bedeutete Armut keineswegs Antriebslosigkeit, fehlenden Ehrgeiz, schlechte Umgangsformen, vernachlässigte Kinder. Daher mein Verdacht, dass diese Probleme andere Ursachen als fehlendes Geld haben, also auch nicht durch höhere finanzielle Unterstützung zu beheben sind. Ich kann mir auch vorstellen, dass heutzutage viel Leid durch Armut im Vergleich mit der Umgebung entsteht: Wenn man auf dem Volksfest die einzige in der Clique ist, die nur fünf Euro im Geldbeutel hat, schmerzt das. In meinem Fall musste die ganze Clique mit je fünf Mark rumkommen, das war halt so.

Wie sieht das heute aus? Gibt es diese Art kleiner Leute überhaupt noch? Ist das Wertesystem meiner Kindheitsumgebung abgelöst worden von der Sehnsucht nach Ruhm und Reichtum?

Selbst bewege ich mich halt nicht mehr unter armen Leuten: Meine Gastarbeitereltern haben hart geschuftet, um mir das zu ermöglichen. Die armen Familien, die ich noch selbst kenne und die ich zu meiner Gesellschaftsschicht zähle, sind Künstler, zum Beispiel klassische Musiker mit vielen Kindern: Sie achten auf die Bildung ihrer Kinder, halten ihr Zeug zusammen und pflegen es, achteten auf das nicht-materielle Wohlbefinden ihrer Kinder. Auch bei ihnen bedeutet Armut keineswegs Randexistenz.

die Kaltmamsell

33 Kommentare zu „Arme Leute“

  1. Julia meint:

    zum 3. punkt: diese „anständigkeit der kleinen leute“ gibt es in unserer generation nicht mehr in diesem ausmaß. aber ich kenne die aufgezählten kriterien alle noch sehr gut. auf dem weg zum bus, der sie in die stadt bringen sollte, hielt vor nicht allzu langer zeit eine ältere, nur entfernte bekannte meiner großmutter an deren haus und bat um nadel und faden. sie wollte sich ein loch im strumpf stopfen, das sie gerade erst entdeckt hatte: „mit einem loch im strumpf kann ich doch nicht in die stadt fahren“.
    auf seine vielleicht alte und geflickte aber stets saubere kleidung, einfache herkunft aber redlichkeit, gute manieren bei kindern, zuverlässigkeit usw. war man „früher“ m.E. noch stolz, während es heute eher um andere werte (?) geht. aber liegt das daran, dass diese werte verschludert werden, oder dass sie von „oben“ nicht mehr anerkannt werden und auch keinen aufstieg mehr ermöglichen? ich finde das sehr schwierig zu beantworten.

  2. Liisa meint:

    So, wie sich vieles seit unserer Kindheit verändert hat, so auch das, was in der Gesellschaft zählt und „wert“geschätzt wird, was als arm oder reich definiert wird. Ich überlege auch schon länger zu dem hier von Ihnen angeschnittenen Thema und bin zu ähnlichen Gedankengängen und Schlußfolgerungen gekommen. Etwas weiter hilft beim darüber Nachdenken vielleicht die Unterteilung in „innere“ und „äußere“ Armut. Jemand kann äußerlich „arm“ sein aber innerlich reich oder äußerlich „reich“ sein und innerlich arm. Wer innerlich reich ist, dem kann im Endeffekt werde äußerliche Armut noch äußerlicher Reichtum wirklich schaden. Die Wichtigkeit des inneren Reichtums – wie immer der auch wieder definiert wird und zustande kommt – war glaube ich der Generation unserer Großeltern und Eltern noch wesentlich bewusster und klarer.

  3. frauziefle meint:

    Mir scheint, es dreht sich um die Differenz zwischen „Haben“ und „Sein“. Die Liste der einzuhaltenden Verhaltensregeln ist völlig frei von „haben“. Obwohl die Kinder Spielzeug haben, liegt das größere Gewicht ja auf der Tatsache, dass die Väter (oder die Mütter) das Spielzeug selbst hergestellt hatte.
    Man konnte stolz sein auf das Gefährt und stolz auf den Papa, der es gemacht hat – stolz auf die eigene Geduld, bis es endlich fertig war etc.

    Heute definieren sich Kinder so dermaßen oft über das „Haben“, dass sich mir regelmäßig der Magen umdreht. Warten, bis etwas erspart wurde gibts kaum noch, und das führt rasend schnell zur Stigmatisierung des einen Kindes in der Klasse, das eben sehr wohl warten muss, bis es genügend Geld für die Urlaubsreise oder das neue Fahrrad gibt.

    5 Mark fürs Volksfest – das wäre heute sogar mit 10 Euro undenkbar. (wenn ich mich recht erinnere sind wir im Moment so weit mit der Inflation, dass 1 Euro der Kaufkraft von 1 Mark im Jahr 1981 entspricht).

    Die erwähnten Künstler definieren sich ja nun auch über ihr „Sein“, ihr Können und ihr Talent, über das kollektive Leben in der Boheme, sozusagen. Viele zu sein die sich gegenseitig in ihrem Wert anerkennen, machts da sehr sehr sehr viel leichter als beispielsweise eine Hartz4 Familie, die TV, Fernsehen oder Internet einschalten muss um ihre Wertlosigkeit um die Ohren gehauen zu bekommen.

  4. Not quite like Beethoven meint:

    Vielen Dank für diesen Text! Ich erkenne darin deutlich meine Mutter wieder, die (um Julias Beispiel aufzugreifen) auch dem Abgewetzten und Löchrigen nie etwas abgewinnen konnte, wenn es sich denn in meinen Kleiderschrank einschlich. Ich weiß nicht, ob diese Einstellung (das Haushalten und das Vorzeigbar/Anständig Sein) tatsächlich flächendeckend abhandengekommen ist, aber ich kann es mir vorstellen. Die Kehrseite der allgemeinen Unverbindlichkeit. Ich bilde mir aber ein, dabei in meinem Umfeld übrigens zuweilen durchaus als verschroben geltend, ein wenig von der alten Lebensweise zu konservieren (wenn auch unter ganz anderen Umständen).

  5. sjule meint:

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    Gerne gelesen

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  6. Sebastian Dickhaut meint:

    Viel zu lesen, zu dem man ganz viel sagen könnte, und dazu haben wir ja noch Gelegenheit. Aber taugt dieses Buch trotz allem Lokalkolorit zu arm-reich-, heute-damals- oder guter-Gatte-schlechter-Gatte-Vergleichen? Denn es geht ja ums Überleben mitten in einem Terrorregime vor 80 Jahren genau hier. Und gerade wegen der Nähe hat das manchmal was von Historic Science Fiction.

    Wenn heute manche sagen, dass es diese rohe Gewalt und Verlotterung der jungen Leute (U-Bahn-Schläger) früher nicht gegeben hätte, frage ich schon mal gerne „außer in der Reichskristallnacht?” Und bei Fallada gibt es da ja auch ein paar schöne Söhne – wobei ich ohnehin finde, dass die Geschichte oft Bühne ist, um exemplarische Charaktere und Situationen vorzuführen.

    Zwei Assoziationen: Siggi Sommers „Und keiner weint mir nach” zur damaligen Armut in München (ist halte es nicht für Zufall, dass beide Titel ähnlich und zusammen nach Simmel klingen) und der Film „Winter’s Bone”, in dem die Armut von heute irgendwo in den USA gezeigt wird – mit einem Ehrenkodex, der fast an Eingeborenenstämme erinnert.

    Ich glaube, dass es diese Armut immer noch gibt, aber dass sie viel mehr von den Betroffenen verborgen und es dabei als Schuld empfunden wird, nicht am großen Traum teilhaben zu können. Den man dauernd als für jeden erreichbar vor Augen geführt bekommt, das ist heute wohl tatsächlich anders als früher.

  7. Menachem meint:

    Toller Beitrag. „Selig“ heißt übrigens mein polnischer Vater und den muss ich mal nächste Woche fragen, was er zu diesem Thema arm und reich meint.
    „Zum anderen gab es nicht das gemeinschaftliche Ziel, reich zu werden – im Gegenteil: Diesen Wunsch hatten nur die Lumpen, die Faulen.“

    Ich kann mich noch erinnern: „Meine Kinder sollen es mal besser haben“, und als Grundlage dazu der Besuch der höheren Schule fast zur Pflicht wurde, als Startpunkt in ein reicheres Leben. Damit meine ich, das hier erstamls auch eine legale Gelegenheit für die Armen geschaffen wurde, sich hochzuarbeiten. Diese Möglichkeit fehlte in der damaligen Zeit gänzlich, oder?
    Was aber auch aussagt, das man dem „arm sein“ schon entkommen wollte.

    Ob wir allerdings heute mit Auto, Flachbildschirm und Eigentumswohnung wirklich reich sind, wäre nach deinem Beitrag eine Überlegung wert. Vielleicht ist es das damalige arm sein, nur auf anderem Niveau. Oder wer hat schon ein Häuschen von uns im Tessin, ein Nummernkonto in der Schweiz?
    Über eine Million Deutsche haben es. Und über 80 Millionen nicht.

    Was sich nach meiner Erfahrung zu Fallada`s Zeiten nicht geändert hat, ist, das auch heute nur die Lumpen reich werden können. Deinen Mitarbeitern einen Euro weniger zahlen, dem Finanzamt ein Schnippchen schlagen, dem anderen ein Couvert hinschieben und keine Skruppel haben, für 100 Tage Arbeit bei x eine Millionenabfindung einzustecken, und sie ggf. auch noch gerichtlich einklagen. Das ist nun mal so und war wahrscheinlich nie anders.

    Aber viel nachdenklicher neben der materiellen Seite macht schon, haben sich die Werte verändert und wenn ja, wer hat da geschluddert? Die Kinder träffe keine Schuld, in ihnen zeigt sich ja nur, was sie NICHT haben. Das ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen.

  8. Alicja meint:

    Hat auch was mit sozialer Kontrolle zu tun, die früher stärker war. Daher findet man „diese Art kleiner Leute“ noch auf dem Land.

  9. walküre meint:

    Ein unendliches Feld für Diskussionen …

    Kurz fällt mir dazu ein, dass das angesprochene „Sich-Hocharbeiten“ in der heutigen Zeit oft sehr schwierig geworden ist. Mein Vater zum Beispiel hatte sich hochgearbeitet, auch mittels selbst bezahlter freiwilliger Fachkurse; er allerdings konnte sicher sein, bei „seiner“ Firma bis zur Pension bleiben zu können, sofern er sich keine Verstöße bezüglich seiner Arbeit zuschulden kommen ließ. Wer kann das heute noch von einer (unselbstständigen) Arbeit behaupten ?

    Die Kriterien, die Sie, Frau Kaltmamsell, bezüglich der Wertschätzung im Beitrag anführen, haben meines Erachtens allesamt mit Selbstachtung und Sozialkompetenz zu tun. Womit wir auch schon in der heutigen Zeit angekommen wären, in der diese Werte auf weiten Strecken ein gar kümmerliches Dasein führen.

  10. fragmente meint:

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    Made my day

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  11. lingoas meint:

    Ich freue mich sehr besonders, dass dieser Beitrag nicht nostalgisch wirkt (naja, nur ein Bisschen wenn es um die Intellektuelle geht, die auf gesellschaftliche Anerkennung traditionell gepfiffen haben, um nun mit einem Schrek feststellen, dass sie nicht länger anerkannt werden), denn ich selber, als Gastarbeitervater in einem der neuen Bundesländer, erkenne die gleichen Fragestellungen und Herausforderungen in meiner eigenen Umgebung. Ich war vor kurzer Zeit auf einer Tagung mit dem Bund spanischer Elternvereine, der die Erfahrung hat, wie es zu den Zeiten der Nationalschulen aussah (…aber hallo, kein Wikipedia-Eintrag für „Nationalschule“!), und wie es auch heute das eine gilt, nämlich den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und sie mit den gesellschaftlichen Normen vertraut zu machen, also, das alles was man auf Spanisch educación nennt. Haben Sie recht vielen Dank für den Beitrag!

  12. iv meint:

    Tatsächlich scheint es mir in meinem traditionell schon immer bildungsfernen Familienumfeld so, dass die Werte sich tatsächlich verschoben haben. Ich kanne noch die von Ihnen beschriebenen Faktoren, die übrigens in meiner Familie mit Trennung meiner Eltern aufhörten, zu gelten. Heute beobachte ich bei Cousinen etc. eher: Teilnahme durch Vorspiegeln materiellen Wohlstands anhand bestimmter Statussymbole (die vor allem die Kinder haben und zeigen müssen). Ich als einzige „Bildungsaufsteigerin“ in einem lange Zeit finanziell fruchtlosen Orchideenfach kam mir da eher oft vor wie das Schwarze Schaf.
    Andererseits kann ich gerade aus gewissen eigenen Mangelerfahrungen heraus sagen, dass es heute sicher so ist, dass bis zu einem gewissen Grad Geld eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für Teilnahme (sozial, kulturell) ist. Ich zum Beispiel, als eine, die es mittlerweile „geschafft“ hat, habe auch heute noch Aha-Erlebnisse darüber, was vom saturierten Mittelstand und aufwärts alles normal war für Kinder meiner Generation, während es für mich noch immer wie vom anderen Stern wirkt – nicht nur in Sachen „haben“, sondern auch in Sachen „wie man die Welt wahrnimmt und sich selbst darin“.

  13. windsbraut meint:

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    Gerne gelesen

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  14. kid37 meint:

    @iv: „…habe auch heute noch Aha-Erlebnisse darüber, was vom saturierten Mittelstand und aufwärts alles normal war für Kinder meiner Generation, während es für mich noch immer wie vom anderen Stern wirkt – nicht nur in Sachen “haben”, sondern auch in Sachen “wie man die Welt wahrnimmt und sich selbst darin”.“

    Eine interessante Beobachtung, die ich ebenso gemacht habe (bei offenbar vergleichbaren Hintergrund). Intetessant ist auch die (Selbst-)Wahrnehmung, daß sich das „Sachen haben“ sehr wohl, das Betrachten der Dinge aber nicht nachholen läßt. Mir ist diese andere „Kultur der Weltbetrachtung“, diese zahlreichen Selbstverständlichkeiten unverständlich wie eine fremde Sprache.

    Vor Jahren las ich von der These, daß es in Deutschland seit dem Krieg keine echte Arbeiterklasse mehr gibt, weil alles in das (falsche) Verprechen aufgelöst wurde, „Mittelsschicht“ zu sein. Damit schwanden aber auch Stolz und Haltung einer durchaus selbstbewußten Schicht.

  15. walküre meint:

    Kid, diese These klingt mehr als interessant. Die Arbeiterklasse war ja (nicht nur in Deutschland) durchaus eine Macht, und durch diese seltsame Versprechung wurde ihr einerseits die Identität genommen, aber noch viel mehr die Macht durch Zusammenhalt. Cui bono ?

  16. Not quite like Beethoven meint:

    Man fragt sich ja sowieso wie es sein kann, dass es so großen Zahlen von Menschen „schlecht“/“prekär“ geht, die aber ihre strukturelle Gemeinsamkeit nicht erkennen oder zumindest nicht politisch wenden und als Gruppe zur Geltung bringen können. Alle verindividualisiert. Und in erstaunlich vielen Fällen auch noch stolz drauf, keiner geregelten Arbeit (langweilige Festanstellung) nachzugehen.

  17. Menachem meint:

    “ In dieser Welt Ende der 1930er bis Mitte der 1940er war meine Oma ein junges Mädchen und eine junge Frau, aus dieser Zeit hatte sie ihre Sicht auf die Menschen.“…

    und die sollte uns auch nicht vergessen lassen, das der Druck unter diesem dampfenden Kessel eine ungeheure Explosion ausgelöst hat. Der brave Briefträger – auf einmal in blank geputzten Stiefel Herr über 1000de Sklaven. Metzger, Ärzte, Beamte, Richter …

    Es wurde rechtlos enteigent, um reich zu werden und wer sich Macht aneignen konnte, tat es. Nicht alle, aber auch viele, die sich bis dahin in der oben beschriebenen Armut angeblich eingefunden hatten.

    War früher alles besser? Ist es heute nur anders?
    Was steht dem, was wir vermissen, gegenüber?

    Gesellschaftliche Entwicklung ist ein unsicherer Terrain. aber, es muss ja nicht immer schief gehen.

  18. grete_o_grete meint:

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    Gerne gelesen

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  19. Pia Butzky meint:

    Oh, das ist mal ein guter Text. Interessant!
    Und ich dachte immer, bloss ich habe die Macke mit der „Schichtenzugehörigkeit“. Arm und gebildet sein war früher mal des öfteren anzutreffen. Auch: Arm mit guten Umgangsformen. Oder: Arm und stolz auf die Klassenzugehörigkeit (mein Opa war Bergmann).

    Habe noch nicht alle Kommentare zuende gelesen, aber nur soviel dazu:
    Arm und zufrieden sein ist heute Revolte, weil Konsumverweigerung. Böse böse. Das geht nicht, darf nicht sein, denn die Kaufkraft eines Menschen ist wichtiger als sein soziales Tun oder sein Intellekt.

    Reichtum gilt heute als erstrebenswert, denn dadurch wird der Wunsch nach „Habenwollen“ dauerhaft angestachelt. „Habenwollen“ erzeugt „Kaufengehen“. Wenn man sich keinen goldenen Wasserhahn leisten kann, befriedigen eben die Schlappen für 9,99 € oder die Pizza zum Sonderangebot oder der Schrank aus Spanplatte. Egal.

    Hauptsache, alle glauben, Dinge zu besitzen mache glücklich(er). Damit man nicht so schnell hinter diese Lüge kommt, wird noch gesellschaftlicher Druck erzeugt, um mit Kaufkraft mithalten zu müssen. Wer es nicht tut, ist unten durch (Schulhof!).

    Davon profitieren dann insbesondere die großen Wirtschaftskonzerne. Wage ja nicht zu sagen, du möchtest deren Kram nicht und bist zufrieden mit Wenigem – das macht dich zu einem zwielichtigen Objekt, zum Provokateur, zum hinterhältigen Zerstörer der deutschen Wirtschaft.

    Arm sein und es bleiben wollen ist Provokation!

    Arm sein wollen, weil man sein eigenes Pendel an Zufriedenheit gefunden hat, das hat ja schon fast terroristische Züge.

  20. iv meint:

    @ pia butzky: Ich würde dem grundsätzlich beipflichten, allerdings muss man dann „arm“ doch etwas genauer definieren. Unterhalb einer bestimmten existenziellen Grenze ist m.E. kaum einer „gerne“ arm. Also zum Beispiel, wenn man wirklich Angst vor der nächsten Heizkostenabrechnung hat, obwohl man schon friert, oder Angst davor, krank zu werden allein wegen der Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlung und wegen des Arbeitsausfalls, der in prekären Arbeitsverhältnissen durch keine Versicherung aufgefangen wird.
    Die Grenze, jenseits derer man das loswird, liegt gar nicht so hoch, für eine Einzelperson in einer Großstadt vielleicht irgendwo jenseits der 1000 Euro im Monat. Grundlegende soziale Absicherung, die nicht gleich Stigmatisierung heißt, vorausgesetzt. (Eines meiner größten Erfolgserlebnisse auf dem Weg war z.B. die Aufnahme in die Künstlersozialkasse.)
    Jedenfalls bin ich der Meinung, das mit dem freiwillig, bewusst und aus Oppositionsgründen „arm“ sein, das kann erst jenseits dieser Grenze anfangen, und dann ist „arm“ auch nicht mehr das richtige Wort dafür.

  21. iv meint:

    P.S.: Und dass die Grenze relativ betrachtet nicht hoch ist, bedeutet nicht, dass sie nicht schwer zu übertreten wäre. Man muss sich mal die ganzen Freibeträge, Bemessungsuntergrenzen (z.B. der „freiwilligen“ gesetzlichen KV) etc. anschauen, dann sieht man genau, dass das System ganz gut darauf ausgerichtet ist, genau an dieser magischen Grenze bestimmte Hürden aufzubauen.

  22. Buchfink meint:

    Sehr guter Text heute und viele ebenbürtige Kommentare. Da habe ich viel zu lesen und nachzudenken an diesem regenerischen Samstag.

  23. Lila meint:

    Sehr interessante Gedanken im Text und den Kommentaren. Ich mußte dabei erstens an meine Großeltern mütterlicherseits denken – beide aus Bergbau-Familien, in denen Fleiß, Sparsamkeit, lebenslanges Lernen und geistige Aufgeschlossenheit (bei großer Frömmigkeit) die Leitwerte waren. „Erstmal was lernen“ und „man lernt nie aus“, das war ihr Motto, und es war ihnen viel wichtiger als Anhäufung von Besitz, die heute als Erfolgsindikator und -Ziel gilt. (Ganz zu schweigen von der Hohlheit des Lebensideal „Celeb“…)

    Ich höre das „Steigerlied“ immer noch mit Stolz. Als meine Mutter in eine wesentlich großbürgerlichere Familie einheiratete, fühlten sich ihre Eltern keineswegs unterlegen. Da die Werte auch dort dieselben waren (vor dem Studium mußten alle Kinder erstmal eine Lehre machen), begegnete man sich auf einer Stufe.

    Zweitens fiel mir das Sinus-Modell zu den Mileus ein, diese bunte Kartoffel.
    http://www.sinus-institut.de/loesungen/sinus-milieus.html

    Das „traditionelle Milieu“ – wie ist da der Altersdurchschnitt? Ich habe den Verdacht, daß die Enkelkinder des traditionellen Milieus dort nicht bleiben. Das traditionelle Milieu läuft leer, weil seine Nachkommen entweder „aufsteigen“ oder ins hedonistische Milieu wandern.

    Ich muß mal darüber nachdenken, und das wäre der dritte Punkt, wie viele der bedeutenden Bildungsroman-Helden direkt aus dem traditionellen Milieu kommen oder nur eine Generation davon entfernt sind.

  24. lm meint:

    Hmm, nicht selten verkehrt sich solche Selbstgenügsamkeit in schlichte Borniertheit. Und ist die überlegte Abgrenzung vom frech-nutzlosen Hallodri doch dem dumpfbackigen Ressentiment geschuldet. Beide Seiten habe ich im Dorf meiner Mutter kennengelernt: Wirklich anständige Leute, die ab einer bestimmten Uhrzeit oder Alkoholpegel (auf Festlichkeiten zu saufen war legitim und erwünscht) die reaktionäre Sau herausließen. Dann doch lieber der Taugenichts, der ja auch zu unserem kulturellen Erbgut gehört.
    Die Situation heute ist seltsam paradox, denn Projektemacherei ist geradezu zum Ausweis der Anständigkeit geworden. Dafür steht beispielhaft die Ich-AG. Die ganze Hartz-IV-Weiterbildungsindustrie bemüht sich um die Implantierung dieser neuen Tugenden der Selbstdarstellung und des Selbst-Managements. Traditionalismus stört da nur. Wenn entsprechend sozialisierte Menschen, womöglich noch mit Dialekt gesegnet, durch diese Reifen springen müssen, hat dies schon eine tragikomische Anmutung.
    (Darf ich auf Harun Farocki hinweisen? http://www.youtube.com/watch?v=bExQSmcUkOo)

  25. Sebastian Dickhaut meint:

    Leider gelingt es mir weiter nicht, den Sprung von „Jeder stirbt für sich allein” zu allen Schlussfolgerungen der kaltmamsell und in manchen Kommentaren zu finden, die für sich durchaus interessant sind. Das mag zum einen daran liegen, dass meine Herkunft eine Mischung von großbürgerlich-großstädtisch und kleinbürgerlich-kleinstädtisch ist und ich meine Großeltern nicht mehr erlebt habe wegen alter Eltern – mein Vater war zur Zeit des buches um die 18.

    Joachim Fests viele verblüffende Biografie eines klassen- und bildungsbewusssten inneren Emmigranten „Ich nicht” war ein Bild aus jener Zeit, das mir über meinen Vater vertraut war. Umso mehr hat mich die auswegslose (und wohl viel allgemeingültigere) Szenerie bei Fallada, bei dem die Lumpen wie die Guten und die Armen wie die Reichen für sich ganz grausam alleine sterben, richtig schockiert. Ein tiefer Blick ins Innere eines Gefängnisses, in dem nur noch fressen oder gefressen werden gilt, auch für die Wärter.

    Arm sein hieß damals, so liest man es hier: täglich was zu fressen finden, ohne dabei gefressen zu werden. Und hier sehe ich eins anders als die kaltmamsell: Ich entdecke keine anständigen armen Leute in diesem Roman. Quangel ist ein leitender Angestellter, in dessen Haus ein Parteibonze, ein Gerichtsrat, eine gutbürgerliche Jüdin leben; die Armut herrrscht brutal im Hinterhaus. Und es sind die „Staatsdiener”, die am Ende von den Guten wie den Bösen am Leben bleiben (Richter, Postbotin, HJ- und SS-Karrieristen). Außer dem Kommissar, der auf beide Seiten gerät und dabei zerreisst.

    Vielleicht liegt es auch an meiner Herkunft, dass mich in manchen Kommentaren Stolz und Verehrung bis Verklärung für Werte und Ordnung der (bitte recht armen) Arbeiterklasse seltsam angehen – hat die Nationalsozialistische Deutsche ARBEITER Partei doch gerade in diesem Klassenbewusstsein anfangs ein Instrument gefunden, um alles „andere” auszugrenzen bis auszurotten bis hin zu „Arbeit macht frei”. Und am Ende ging auch diese Klasse drauf – als Quangel in der eigenen Fabrik überführt wird, zeigen die Arbeiter nur Angst und dann Erleichterung, dass sie davonkommen. Jeder stirbt für sich allein.

  26. philine meint:

    Das ist ein Riesen-Thema: darüber würde ich mich gerne mit Ihnen Frau Kaltmamsell bei einem nächsten Treffen beim Abendessen unterhalten. Vielleicht beim nächsten Abholen von Büchern?-wenn es denn soweit ist.
    Ich möchte neben den bereits erwähnten Gründen von Armut und Reichtum noch einen Aspekt anbringen: den des geistigen Reichtums und der materiellen Armut.
    Heute wird Reichtum meist durch Besitztum im Sinne des Materiellen definiert, sprich: mein Haus, mein Pferd, mein Pool, mein Auto. Von geistigem Reichtum: sic: die Künstler, Schriftsteller etc. wird überhaupt nicht mehr gesprochen.
    Selbstverständlich muss der Mensch essen, muss sich kleiden, muss seine Miete bezahlen (in München sind das bekanntlich viele Euros pro Monat), aber: die heutige „sogenannte“ Armut wird auch damit definiert, dass viele sich keine drei Urlaube, kein neues Auto nach fünf Jahren, keinen neuen Computer nach spätestens vier Jahren, keinen Winterurlaub in Asien, keine neuesten Klamotten leisten können, nicht das neueste Handy.
    Das halte ich für ein absolutes Paradoxon.
    Einmal im Jahr Ferien machen, ein altes Handy besitzen, einen alten Computer zu haben etc. etc. hat nichts mit Armut zu tun, sondern mit gesunder Sparsamkeit. Nämlich Dinge zu benutzen, bis sie endgültig den Geist aufgeben.
    Die, die wirklich arm sind – Sie sprechen Ihre eigene Familie an – ich kenne dies aus Portugal aus den 70iger Jahren – da pflegte und hegte man das, was man besass und reparierte, bis es eben einfach nicht mehr ging. Dafür war im Gegensatz die Familie in Ordnung, der Zusammenhalt war da und vieles, was heute durch Besitztum als Ersatz für mangelnde Sozialkompetenz aufscheint und mich in höchstem Maße irritiert.

    Der geistige Reichtum, die soziale Kompetenz ist tausendmal wichtiger, als Prestigeobjekte, die vermeintlichen Reichtum ausmachen. Ein Mensch ist nicht interessanter, weil er das neueste Auto hat, oder das neueste Iphone, sondern mit seinem persönlichen und geistigem Reichtum zum Gespräch und Austausch etwas intelligentes beitragen kann.

    ich möchte anmerken, ich spreche hier nicht von Hartz IV Empfängern! Sondern von menschen mit niedrigem Einkommen.

  27. Menachem meint:

    Ich frage mal, @philine, nur des Nachdenkens willens, ob geistiger Reichtum nicht oft als Substitut des nicht erreichten materiellen Reichtums dient? Für den materiellen Reichtum gibt es als Ausweis ein ganz einfaches Mittel: den Kontoauszug.

  28. philine meint:

    @menachem: wenn in unserer europäischen Kulturgeschichte jeder nur den Kontoauszug gesehen hätte, gäbe es weder den Reichtum an Musik, Malerei, Architektur, geschweige denn ein Auto, noch eine medizinische Sensation wie das Penicillin und andere vergleichbare Entdeckungen.
    Hatten die Seefahrer ein dickes Konto zuhause, als sie sich auf waghalsige Fahrten machten? Von denen konnte ja noch nicht mal einer schwimmen. Sie fuhren ins Ungewisse. So erfuhren wir von unserer heutigen Welt. Geld war das mindeste, was damals galt, es galt das Entdeckertum. (mal abgesehen vom Handelsgedanken der Portugiesen, Spanier und später der Fugger; Handel wurde immer getrieben, aber er wurde auch aus Neugier getrieben, u.a.)
    Substitut war geistiger Reichtum nie, es war erklärtes Wollen etwas anderes zu machen, nämlich seiner Neigung nachzugehen. Heute werden Schulabgängern geraten eine Banklehre oder ähnliches zu machen, weil es ihnen dann u.Umständen gelänge eine gesicherte Altersversorgung zu bekommen. Schreinerlehrlingen oder Schusterlehrlingen oder anderen Handwerkslehrlingen wird davon abgeraten diese Berufe zu erlernen, weil man damit finanziell “ auf keinen grünen Zweig“ kommt und keine Familie ernähren kann, im übrigen dies auch in Punkto Buchhandel. Und dann werden Tausende in Berufe geschickt, wo dann menschen sitzen, die sich zu Tode langweilen und keinen Inhalt in ihrem Leben finden, aber viel Geld verdienen. Was soll das?

  29. Lila meint:

    Philine, das war aber nie anders. Vielleicht gibt es heute sogar mehr Toleranz „brotlosen“ Berufen gegenüber, weil einige davon im allgemeinen Ansehen aufgewertet wurden (Schauspieler, Designer etc), und weil andererseits auch das Ing-Diplom nicht unbedingt lebenslangen Wohlstand garantiert.

    Nicht nur heute wird Wohlstand durch Besitz definiert, sondern immer schon. Auch bei den alten Römern hieß es meine Villa, meine Toga, mein Sklave.

    Was sich verändert hat, ist der Verlust alter Sparsamkeits- und Schonungs-Gewohnheiten, die weit bis in die großbürgerlichen Familien reichten: Schuhe besohlen lassen, aus alten Bettlaken Putztücher machen, Kinderkleider umarbeiten, Socken stopfen, bestimmte Möbel nur festtags nutzen etc. Heutzutage werden Schuhe und Socken eben neu gekauft, die Bettwäsche kann beim Putzen nicht mit der Mikrofaser konkurrieren und die Möbel werden nicht fürs Leben gekauft.

    Die Konsumgewohnheiten haben sich also geändert, weil die Dinge sich verändert haben. Aber Wohlstand und Statussymbole waren immer schon hoch bewertet – sie dienen schließlich als Sicherheitspolster im Leben. Wer wirklich arm ist, kann und konnte sich vernünftige medizinische Versorgung nicht leisten und hungert im Alter. Es ist also nicht nur Besitzgier, auf einen gewissen grünen Zweig kommen zu wollen.

    Und mit Reichtum wurde immer schon gestrunzt. Ich kann mich gerade nicht an eine Gesellschaft erinnern, in der Wohlstand als Schande galt. Selbst das von Simon Schama beschriebene ambivalente Verhältnis der niederländischen Großbürger des 17. Jhdt. zu ihrem Reichtum drückt sich in Statussymbolen aus – in soliden Möbeln, gutem Essen, makelloser Sauberkeit und Kunst.

    Nein, da hat unsere Gesellschaft nichts erfunden.

    Und so wie für meine Kinder das allerneuste Handy ein Statussymbol ist, so ist für meine intellektuellen, mittelalterlichen Freundinnen und mich ein altmodisches Handy Statussymbol – nämlich ein Symbol der Mißachtung, die wir diesen Dingen entgegenbringen. Shabby chic ist schließlich ein ganz schön teurer Trend :-)

  30. Stefan meint:

    @Lila: Das ist ein sehr kluger Kommentar, aber in einem Detail möchte ich widersprechen. Zumindest in Deutschland gilt, dass für Arme (z.B. ALG-II-Empfänger) genau die selbe medizinische Versorgung bereitsteht, wie z.B. für einen Gutverdiener an der Bemessungsgrenze der Krankenversicherung. Es gibt zwar auch knapp zehn Prozent Privatversicherte, doch darunter sind nicht nur Gutverdiener und viele Privatversicherte haben einen Standardtarif mit Leistungen ähnlich der GKV. Nur wenige Staaten haben m.W. eine so gleichmäßige Versorgung auf so hohem Niveau.

  31. iv meint:

    @ Stefan: Das ist unbestritten und wird hoffentlich so bleiben. Nur kann z.B. für den sich mühsam über Wasser haltenden Freelancer allein die Mitgliedschaft in der Kasse von Monat zu Monat eine existenzielle Frage sein, während es für jemanden an oder über der Bemessungsgrenze keinen großen Gedanken wert ist, obwohl es in absoluten Zahlen viel mehr Geld ist. Gleiches gilt für die 10 Euro Praxisgebühr oder die ganz schnell ganz teuer werdenden Zuzahlungen beim Zahnarzt, die bei einem nicht abgesicherten Monatsverdienst von 800 Euro eben anders reinhauen als z.B. bei einem Festangestellten-Netto ab 2500 aufwärts. Ich habe den Weg vom einen zum anderen Extrem innerhalb relativ weniger Jahre zurückgelegt, und ich kann Ihnen sagen: Es ist ein anderer Planet.

    @ Sebastian Dickhaut: Stimmt, vom hier eigentlich besprochenen Ursprungstext hat sich das ziemlich wegverselbständigt, aber ich finde, das macht nichts.

    @ lila: Das mit dem „geistigen Reichtum“ würde ich im Prinzip ja gerne ganz genau so sehen, aber bisschen gefährlich finde ich schon die Romantisierung von Mangel, die dabei droht. Auch die muss man sich leisten können. Wenn man sich die Lebensläufe z.B. der Bohémiens von vor 100 Jahren anschaut, wird man auch erstaunlich oft feststellen, welch sanftes Kissen da im Hintergrund bereitlag für den Fall.
    Es erinnert mich ein wenig an Bazon Brocks „Konvent der Goldenen Essstäbchen“, der natürlich mit unglaublich ironischer Geste daherkam, aber ich fand es eigentlich nur klassistisch und kulturchauvinistisch dazu. Der Grundgedanke dabei kreist um etwas, das glaube ich „asketisches Luxurieren“ hieß, und das Statusexempel war: Wenn alle Chinesen zukünftig statt täglich eines paars billiger Wegwerf-Essstäbchen nur einmal im Leben ein paar Esstäbchen aus Gold erwerben würde, dann wäre die Welt natürlich ein besserer Ort…naja.

  32. Petra Hammerstein meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  33. philine meint:

    @lila et al: ich sehe den geistigen Reichtum überhaupt nicht romantisch und verkläre auch keine Freelancer Sorgen, im Gegenteil als Selbständige weiss ich auch, wie es am Ende eines Monats auf dem Geschäftskonto aussehen kann, nämlich gar nicht romantisch, sonder eher schwierig.
    Mir ging es darum, dass heute der Kontostand und damit das vermeintliche Ansehen oftmals einen wesentlich höheren Stellenwert hat, als Anstand, Würde und vieles andere mehr und damit einige Werte flöten gehen können.

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