Sarah Kane, Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose

Dienstag, 26. März 2013 um 8:34

Wieder Theater, doch diesmal war ich sehr beeindruckt, zu meiner Überraschung. Die drei Dramen Gesäubert, Gier und 4.48 Psychose der Britin Sarah Kane waren mit insgesamt dreieinhalb Stunden angekündigt – das schreckte mich schon mal. Dann sprach die Ankündigung auch noch von einem „dunklen, beunruhigenden Oeuvre (…), in dem Vernichtung und Selbstzerstörung wichtige Themen sind“.

Doch das Ergebnis war ein berührendes Erlebnis mit ungewöhnlichen Einblicken. Das unendliche Leid psychischer Erkrankung aus einer reflektierten Innensicht ergab eine Mischung aus Anklage von traumatisierenden Verbrechen, verzweifelter Suche nach Heilung, den Abgründen der Hoffnungslosigkeit, dem Erkennen von Zusammenhängen, der Hilflosigkeit eigenen Sehnsüchten und Gefühlen gegenüber, dem, was menschliche Begegnungen auslösen können, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Und daneben so etwas wie Alltag. Doch statt aus diesem Abend niedergeschmettert heimzugehen, überwogen Dynamik und Klarheit – die Sinnlosigkeit des Lebens kann etwas Heiteres haben.

Inszeniert hatte Kammerspiel-Intendant Johan Simons – dem ich misstraue, seit er dieses Stück als Klamauk auf die Bühne stellte. Dass Simons sich in diesem Interview auf die Regieanweisungen Kanes bezieht, überraschte mich: Ich hatte aus den Inszenierungen der vergangenen Jahre geschlossen, dass Regisseure und Dramaturgen den Regieanweisungen etwa so viel Bedeutung beimessen wie Münchner Radler der Straßenverkehrsordnung. Doch auch im Theater bleibe ich Rezeptionsästhetikerin: Ausschlaggebend ist nicht, was mir die Inszenierer Damit Sagen Wollen, sondern was bei mir ankommt.

Das erste Stück, Gesäubert, überforderte mich noch ziemlich. Eine Gruppe Menschen in einer freiwilligen Internierungssituation mit Aufseherin/Ärztin, es geht um Sucht, Zerbrochenheit, Wahnvorstellungen – meine Wahrnehmung konnte nur sehr langsam und sehr angestrengt aus den Fragmenten Zusammenhänge herstellen. Anders in Gier: Vier Personen tragen einen sehr dichten Text mit Selbstbeschreibungen und Interaktionen vor, die im Jetzt stattfinden, dann wieder die Vergangenheit beleuchten. Lebensentwürfe, Sehnsüchte, schwere seelische Erkrankungen, die jeden menschlichen Austausch unmöglich machen – all das schälte sich schnell aus dem hohen Tempo des Austauschs heraus. Sensationell war in diesem ohnehin hervorragenden Quartett die Schauspielerin Sandra Hüller: Sie schauspielte in genau diesem atemberaubendenden Tempo, wechselte die Charaktere/Rollen/Stimmungen jedesmal in einer fast erschreckenden Tiefe.

Nach der Pause saß ein Streichquartett mit Klavier auf der Bühne. Es untermalte 4.48 Psychose, den Abschiedsmonolog einer tödlich Depressiven. Alle Rettungsversuche nochmal zusammengefasst, das langsame Aufgeben der Aussicht auf Rettung, ein Aufbäumen bereits in den Tod hinein – Thomas Schmauser und Sandra Hüller spielten ein prämortales Requiem.

Der Zuschauerraum war nicht mal halb voll; ich danke bei dieser Gelegenheit allen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen, dass sie die Subventionen für das deutsche Theatersystem ermöglichen und mir damit für den Preis nur zweier Kinokarten dieses Erlebnis. Soweit ich sah, kamen alle Zuschauer aus der Pause zurück – ich war wohl nicht als einzige sehr angetan.

Die Übersetzung aus dem Englischen (verschiedene Übersetzer je Einzelstück – sie stehen im Programmheft, das ich nicht habe) riss mich nur einmal ziemlich am Anfang von Gesäubert heraus: Ein Charakter steckt dem anderen einen Ring an den Finger, dieser fragt ihn, was das bedeuten soll. „Engagiert!“, antwortet der. Wie bitte?

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Ich glaube es war Benjamin Henrichs, der vor Jahren in der Süddeutschen Zeitung bedauerte, dass Theater in Blogs praktisch nicht stattfindet. Er hatte recht, doch das war mir bis dahin gar nicht aufgefallen. Und es hat sich seither nicht geändert. Woran mag das liegen? Der Anteil an Theaterbesucherinnen unter der Gesamtbevölkerung ist ohnehin sehr gering – repräsentiert der Anteil unter Bloggerinnen einfach diesen Prozentsatz? Unter den paar hundert Blogs, die ich verfolge, lese ich bei Frau Modeste regelmäßig über Theaterabende, dann taucht das Thema noch bei Frau kittykoma auf. Dass wir keine Fachleute sind, bremst uns doch bei anderen Themen auch nicht, unsere individuelle subjektive Sicht darzulegen – die, wie so vieles Geblogtes, in den klassischen Medien nicht vorkommt. Gehen Blogger und Bloggerinnen nicht ins Theater?

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Sarah Kane, Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose

  1. kid37 meint:

    Falk Schreiber bloggt viel übers Theater. Es stimmt aber, mir fällt das auch auf. Menschen aus meiner Umgebung, die viel ins Theater gehen, Bloggen meist nicht. Anders als die Kinogänger z.B.

  2. Chris Kurbjuhn meint:

    Vielleicht geh ich in die falschen Aufführungen, aber die überwiegende Zahl der Aufführungen, die ich mir in den letzten Jahren angeschaut habe, hat mich merkwürdig kalt gelassen. Entweder hat mich die vollkommene Abwesenheit des Theaterhandwerks (das ich mal gelernt habe, irgendwann im Pleistozän) angewidert, oder das ständige Ironisieren und Distanzieren des Bühnengeschehens von sich selbst hat verhindert, dass ich so etwas wie Interesse oder gar Empathie für die Figuren auf der Bühne empfunden habe. Wenn an die Emotionen eines Theaterzuschauers aber nicht gerührt wird, worüber sollte er schreiben? Und warum sollte er schreiben wollen?

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ärger ist doch auch eine Emotion, Chris Kurbjuhn, eine Vielzahl von Blogs lebt von genau dieser.
    Theater heute könnte aber tatsächlich eine Kunstform sein, die sich von der Emotionsansprache entfernt hat – sie vielleicht dem Kino überlassen hat? Ich sehe eine Bühneninszenierung deutlich näher an Installation oder sogar Plastik. Klar: Auch die kann einen so kalt lassen wie ein Blick auf trocknende Farbe.

  4. Kitty Koma meint:

    Ich glaube auch, Theaterliebhaber sind nicht unbedingt internetaffin.
    Ich für mich habe als Theaterwissenschaftlerin und Ex-Dramaturgin eine tiefe Hassliebe zum (Regie-)Theater, die sich meist in Nichthingehen äußert.
    Dann ist eben auch die Theaterkritik im Printmedium institutionalisiert und sehr selbstreferentiell, benutzt eigene Codes und spielt mit Insiderwissen eines engen Personenkreises. Was wiederum heißt, die Angst, etwas Falsches zu sagen und als Greenhorn zu gelten, ist groß.
    Die Theatermacher selbst haben eine Art Omerta. Nur öffentlich nichts falsches über jemanden sagen, der womöglich als nächstes über dein Engagement entscheidet.
    Ich könnte perfekte Theaterkritiken schreiben, ich habe als Studentin sogar schon mal Geld damit verdient. Aber mich ärgert es meist nur, was ich sehe oder zerfällt in Fachbegriffe und ich habe keinen Genuß mehr
    Da gehe ich lieber in die Oper.

  5. trippmadam meint:

    Bei mir liegt’s, glaube ich, daran, dass ich in jüngeren Jahren eine Überdosis Theater abgekriegt habe. Vieles habe ich schon mehrmals gesehen, und zwar von Regisseuren und Schauspielern, die zu den Großen ihrer Zunft zähl(t)en. Das selbe Stück dann nochmals in einer schlechteren Besetzung zu sehen, tut manchmal weh. Seinerzeit war ich ein echter Theater-Junkie, heute bin ich auch nicht mehr so begeisterungsfähig.

  6. Chris Kurbjuhn meint:

    Ach, Frau Kaltmamsell, es langt ja nicht einmal mehr für Ärger. Ich will jetzt nicht an der „Ja, früher“-Leier drehen, aber ich hab eben noch Zeiten erlebt, als man sich öffentlich über Theater erregt hat. Als brave Bürger Gift und Galle spuckten, weil Peymann nach Camus‘ „Gerechten“ eine Straßenbahnfahrt vom Schauspiel raus nach Stammheim zeigte. Als Kroetz Themen und Menschen ins Theater brachte, die da vorher nicht sein durften und deswegen durch die Bank weg vom Intendanten bis zum Kritiker angefeindet wurde. Als erboste Kulturbeflissene ihre Abonnements kündigten, weil das Theater angeblich versuchte, Einfluss auf die politische Willensbildung zu nehmen… Ja, doch, sowas gab’s mal wirklich.
    Jetzt – da haben Sie vollkommen recht – zeigt man öfters tatsächlich Installationen bzw. arbeitet sich an eher ästhetischen Fragen ab. Darüber lohnt doch das Ärgern nicht.

  7. Muyserin meint:

    Seit Anfang des Jahres schreibt ein Dresdner Blogger fleißig über Inszenierungen in Dresden und anderen ostdeutschen Städten.


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