Theater: Gift. Eine Ehegeschichte.

Donnerstag, 15. November 2012 um 13:05

Auf diesen Theaterabend in den Kammerspielen hatte ich mich gefreut, allein weil Elsie de Brauw eine der beiden Hauptrollen spielte, die mich in Angst so umgehauen hatte: Gift. Eine Ehegeschichte Doch dann wurde es das erste Mal, dass ich eine Pause nicht vermisste, weil ich darin lustwandeln hätte können, sondern weil ich darin gerne gegangen wäre.

Zwei geschiedene Eheleute treffen sich nach zehn Jahren zum erstem Mal wieder, weil ihr gemeinsamer, vor der Trennung gestorbener Sohn, umgebettet werden soll.
Es ist mir ein Rätsel, warum Intendant Johan Simons solch ein Stück als fast konsequenten Klamauk inszeniert.

Elsie kommt fuchtelnd, stolpernd, rudernd auf die Bühne, grimassiert das ganze Stück hindurch grotesk, zappelt und hüpft herum.
Steven van Watermeulen als ihr Ex-Mann spricht seinen Text immer wieder leiernd entfremdet und gekünstelt überschlagend.

Das Bühnenbild ermöglicht viel Bewegung, die beiden wechseln ständig ihre Plätze – jajaja, damit können Unruhe, die Haltung der Figuren zueinander dargestellt werden. Was eigentlich alles bereits im Text steckt, der auskomponiert ist wie ein Barockkonzert. Die Türen zum Foyer blieben in den ersten zwei Dritteln offen, dadurch liefen die Figuren auch mal hinaus und sprechend durchs Foyer. Tatsächlich originell, von mir aus Punkte in der B-Note.

An drei Stellen singt Steve Dugardin (laut SZ Lieder von Dowland). Countertenöre mit ihrem druckvoll hohen Gesang sind wohl wirklich nichts für mich: Da konnte ich versuchen, konzentriert zuzuhören, meine Zehennägel rollten sich trotzdem auf.

Das Stück selbst war vermutlich sogar ganz gut. Der Text war realistisch angelegt, mit vielen „Hm“s und Hasplern sogar hyperrealistisch. Er bestand hauptsächlich aus stereotypem Pärchengezicke („Was ist denn?“ „Ach nichts.“ „Aber du hast doch was.“ / „So hab‘ ich’s nicht gemeint.“ „Warum hast du’s dann so gesagt.“ – Symbolausschnitte), dessen ich schon beim wirklichen Hören sehr, sehr überdrüssig bin. Ich weiß um die typische Paar- und Konfliktdynamik, die das Stück abbildet. Doch muss ich gestehen, dass sie bei mir immer, on- und offstage, heftigstes Augenrollen hervorruft.

Als ich schon hoffte, das Stück sei aus, begann das letzte Drittel, in dem die beiden sich dann tatsächlich unterhalten. Das fand ich inhaltsreich und interessant.

Mit meinem Missmut scheine ich allerdings recht allein zu stehen. Der Zuschauerraum war auch über ein Jahr nach der Premiere voll, was auf gute Rezensionen und positive Mundpropaganda deutet. Und der Applaus stürmte, inklusive Bravo-Rufen. Was habe ich übersehen?

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Theater: Gift. Eine Ehegeschichte.

  1. dorothy_jane meint:

    Vielleicht haben Sie den Wiedererkennungsfaktor im Publikum unterschätzt.

    So wie Sie es schildern, scheint das Stück das alltägliche Gezicke und Generve von (ehemaligen) Paaren abzubilden, die scheinbar nicht in der Lage sind, diese Kommunikationsstrukturen zu durchbrechen. Die Chance, dass das Publikum dabei denkt „ha, das kenne ich aus eigener Erfahrung“ ist relativ hoch. Hinzu kommt allerdings, dass sie aufgrund des Szenarios (Umbettung des verstorbenen Kindes) zugleich sagen können „so etwas wird mir nie passieren“ – eine Art Verdrängungsmodus, der da greift, denn wer gesteht sich schon ernsthaft ein, dass jedem etwas zustoßen könnte?

    Hobbypsychologie vom Küchentisch, anhand ihrer Beschreibung. Wer weiß schon, was in einem Theaterpublikum vorgeht? Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten ; )

  2. Kittykoma meint:

    Das, was Sie übersehen haben, gehört wahrscheinlich zum selbstreferentiellen Teil der Theaterkunst. (und ist jedes Jahr eine andere Sau, die durchs Dorf getrieben wird) Das wird nicht nur ihnen so gegangen sein. Der Rest spielte ohne es zu wissen auch brav im Stück mit. Nämlich die Rolle des sich sachkundig gebenden Publikums beim Kunstgenuß.

  3. Chris Kurbjuhn meint:

    Hört sich für mich nach typisch zeitgenössischem Regie-Theater an. Da nimmt sich der Regisseur einen Stücktext vor und hat nur noch ein Ziel: ihn zu ironisieren. Die Schauspieler müssen ihre Rollen „ausstellen“ und zerhampeln (grundlegend missverstandener V-Effekt) und jede Gelegenheit wird genutzt, sich vom Stücktext zu distanzieren, um den es am Ende gar nicht mehr geht, sondern nur um eines: dem Publikum stolz den eigenen Zynismus zu präsentieren, obwohl es sich dafür nun am allerwenigstens interessiert.
    Daniel Kehlmann hat übrigens dem „Falter“ ein paar sehr kluge Dinge übers Regietheater gesagt: http://www.falter.at/falter/2012/11/06/regietheater-ist-mainstream/

  4. Nina meint:

    Aus meiner Sicht hast du nichts übersehen. Geschmäcker und Ohrfeigen sind nunmal verschieden.

    Ich nehme mir schon lange die Freiheit gewisse Kunst – selbst wenn sie von „Übermeistern“ kommt – abzulehnen, wenn sie mir nicht zusagt. Da kann ein Fachmann gerne lang und breit referieren, weshalb dieses oder jenes doch toll sie … nö, nicht für mich :-D

  5. philine meint:

    Sie haben weder was überhört, noch übersehen. Ich habe extreme Assoziationen an meine beiden letzten Theaterbesuche: Kammerspiele: La nave va (in der Pause erschöpft und genervt gegangen und in der Kulisse Roastbeef und Bratkartoffeln gegessen) und
    Tod eines Handlungsreisenden im Residenztheater, leider war keine Pause, sonst wäre ich auch gegangen. Alles extrem übertrieben und überzogen dargestellt, als ob man dem Publikum den Text mit dem Holzhammer in den Gehörgang treiben müsste….

  6. Sebastian meint:

    Die wissen schon, warum sie keine Pausen machen. Aber warum darf man nur in denen gehen?

  7. Chris Kurbjuhn meint:

    @Sebastian: Um die anderen Zuschauer nicht zu stören. Wenn ich im Zweifel bin, ob ich die Veranstaltung durchstehe, lasse ich mir einen Randplatz geben. Da kann man jederzeit abhauen.

  8. Sebastian meint:

    @chris kurbjuhn Sehr rücksichstvoll. Sicher auch gegenüber den Schauspielern, die ja als Angestellte machen müssen, was der Chef angeschafft hat. Nur wenn es das Theater ist, das permanent stört, ist irgendwann auch Schluss mit freundlich. Dann würd ich gehen. Weswegen ich wohl gar nicht mehr rein gehe?


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