Marcelo Figueras, Sabine Giersberg (Übers.), Kamtschatka

Dienstag, 23. April 2013 um 9:06

130422_Kamtschatka

Der Mitbewohner, ein großer Spielespieler vor und nach dem Herrn, wusste bei Nennung des Romantitels sofort, woher er kommt: „Risiko“, sagte er, nannte also das weltweit gespielte Strategie-Brettspiel, mit dem er aufgewachsen ist. Im Roman ist es zwar die spezifisch argentinische Variante, TEG, aber er hatte Recht: Auf dieses Land rechts oben auf dem Spielbrett verweist der Titel. Spiele, phantasie-beflügelnde Orte, geheime Passwörter, die als Kommunikationscodes eine enge Verbindung zwischen Menschen herstellen, die einander lieben, innere und äußere Kämpfe – die Ebenen in diesem Roman von 2003 sind reich und dicht. Es erzählt ein zunächst namenloser Ich aus der Perspektive eines Erwachsenen seine Erinnerungen an einige Monate seiner Kindheit, als er 1976 zehnjährig mit seiner Familie in Argentinien in die politischen Umstürze geriet.

Kamtschatka von Marcelo Figueras beginnt mit dem Abschied, den der Bub am Ende der Geschichte von seinen Eltern nehmen muss, um mit seinem kleinen Bruder bei den Großeltern unterzukommen. Dann geht es zurück an den zeitlichen Beginn der Geschichte, in den Schulunterricht (die fünf Großkapitel des Romans sind auch mit Unterrichtsfächern betitelt). Die Mutter des Erzählers ist Physikerin an der Uni, sein Vater ist Anwalt, beide widmen ihren Söhnen viel liebevolle Aufmerksamkeit.
Die Eltern sind politisch sehr aktiv; als 1976 das Militär die Macht übernimmt und die ersten Oppositionellen verschwinden, versteckt sich die Familie in einem Landhaus. Zur Tarnung geben sie sich neue Namen, und konsequenterweise werden nur diese im Roman verwendet. Aus dem Erzähler wird Harry.
Dieser Harry ist einerseits aufgeweckt und intelligent, gleichzeitig noch ganz selbstbezogenes und unvernünftiges Kind. Diese Mischung ergibt eine ungewöhnliche Perspektive auf die Ereignisse. Teils naiv, teils mit eigenen Erklärungen schildert er die weiteren Ereignisse und mögliche Hintergründe. Die Froschperspektive ermöglich es ihm, viel zu erleben und zu schildern, doch eine Einordnung in größere Zusammenhänge ist schwer. Seine und die Wahrnehmungen seiner Familie haben viel Ähnlichkeit mit der der Kröten, die nachts im ungepflegten Swimming Pool des Landhauses orientierungslos ertrinken. Gleichzeitig nutzt der Erzähler aus Erwachsenenperspektive den Abstand und die Erkenntnisse von 25 Jahren für Ausblicke und Analysen.

Der Roman ist eine meisterliche Mischung aus leichtfüßiger Erzählfreude und inhaltlichem Reichtum, aus der sich viel Komik ergibt. Ob es die unkonventionelle Figur der Mutter ist, die Leidenschaft des Erzählers für Superhelden oder Entfesselungskünstler (auch hier viel Material für allegorische Bezüge), die Schilderung von Religion (Erzähler und Bruder wurden atheistisch erzogen und kommen an der neuen Schule erstmals in intensiven Kontakt mit Katholizismus) oder die nachvollziehbare Ratlosigkeit der Erwachsenen, was gerade passierte und wie es weitergehen würde: 1976 begannen in Argentinien Menschen zu verschwinden, doch die Eltern des Erzählers und ihre Freunde wussten damals nur, dass sie von Autos ohne Kennzeichen abgeholt wurden. Dass sie zu Folter und Mord verschleppt wurden, war damals offenbar noch undenkbar. Einige Erzählstränge werden sogar nur angerissen (Was wird es wohl sein, was die exzentrische Großmutter Mathilde noch wie angekündigt so politisiert?).

Die deutsche Version schien mir auffallend gut übersetzt; zum Beispiel findet Sabine Giersberg immer wieder elegante Lösungen, spanische Wörter oder Liedtexte, die in ihrer Ortsbezogenheit nur auf Spanisch funktionieren, durch unauffällige Übertragungen in Klammern zu behalten.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Marcelo Figueras, Sabine Giersberg (Übers.), Kamtschatka

  1. Liisa meint:

    Mir hat der Roman, als ich ihn vor etlichen Jahren las auch sehr gefallen und einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine Lese-Empfehlung kann ich auch für den Nachfolge-Roman „Das Lied von Leben und Tod“ geben. Der Titel ist zwar nicht so toll wie „Kamtschatka“ aber davon nicht abschrecken lassen.

  2. percanta meint:

    Hey, Kamchatka! Seit langem eines meiner Lieblingsbücher und Aufhänger für mein Forschungsprojekt. Und ja, es lohnt sich sehr, den Allegorien („Los invasores“!), den intertextuellen Verweisen etc. nachzugehen.
    Der Film (Drehbuch auch von Figueras) ist übrigens auch sehr toll.
    Zur Übersetzung kann man wohl geteilter Meinung sein, Mensing in der FAZ fand sie ziemlich schlecht (http://www.perlentaucher.de/buch/marcelo-figueras/kamtschatka.html)…

  3. percanta meint:

    Hier Mensing:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/weine-nicht-um-sie-argentina-1359260.html


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