Journal Dienstag, 20. August 2013 – Lesezeichen und Leserunde

Mittwoch, 21. August 2013 um 10:29

Vor der Arbeit ein bisschen Crosstrainerstrampeln und eine Stunde Krafttraining mit Langhanteln in der Gruppe.
Ich versuche ja weiterhin vom gelassenen Mitbewohner zu lernen, unter anderem von seinem Mantra, nichts Menschliches sei ihm fremd. Mir ist nämlich eine ganze Menge Menschliches fremd, und es kostet mich viel Selbstüberzeugung, es dennoch zu akzeptieren. Zum Beispiel dass Menschen auf dem Weg zum Morgensport im 2. Obergeschoß den Aufzug nehmen statt Treppen zu steigen.

§

An meinem Arbeitsplatz erst mal erschrocken, weil auch dort mein Telefon nicht lag. Ich hatte mich am Vorabend bereits gewundert, dass ich es offensichtlich im Büro vergessen hatte: Zum Feierabend räume ich meinen Schreibtisch immer auf und hätte es sehen müssen. Die Praktikantin erinnerte mich an die Möglichkeit, mich selbst anzurufen, und tatsächlich hörten wir leise meinen Klingelton (glücklicher Zufall, dass ich das Klingeln ausnahmsweise nicht weggeschaltet hatte). Es brauchte allerdings drei Anrufe, bis wir das Telefon orteten: in einem versperrten Aktenschrank. Dort lag es in einem Ordner mit Kundenverträgen – wo ich es am Vortag als Einmerker verwendet hatte. Ahem.

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Nach Feierabend noch ein wenig Käse und Salchichón im neuen Biosupermarkt an der Sonnenstraße eingekauft, das Wohnzimmer für den Abend vorbereitet: Meine kleine Leserunde traf sich bei uns. Wir hatten My Policeman von Bethan Roberts gelesen (ins Deutsche übersetzt von Astrid Gravert als Der Liebhaber meines Mannes). Alle hatten wir den Roman gerne gelesen, die meisten sogar sehr gespannt. Doch in der Mehrzahl fanden wir ihn ein wenig zu schlicht gestrickt. Individuelle Beobachtungen:
– Es ist gar nicht die Homosexualität Toms, die sich so verheerend auf das Leben der drei Menschen auswirkt. Die Verbindung basiert so oder so auf einem kleinbürgerlichen Konstrukt von Lüge und Verdrängung.
– Tom bleibt seltsam wenig fassbar als Person – was allerdings daran liegen mag, dass wir ihn nur aus der Perspektive von Marion und Patrick kennenlernen und er nie für sich selbst spricht.
– Die Liebesszenen zwischen Tom und Patrick sind sehr berührend erzählt.
– Patrick ist nicht wirklich sympathisch.
– Die Erzählung spannt einen Spannungsbogen (“Es wird später noch etwas ganz Fürchterliches passieren!”), dessen Lösung eher enttäuschend ist.
– Die heutige gesellschaftliche Haltung zu Homosexualität ist (zumindest in einer deutschen Großstadt) so anders, dass die damaligen Verhältnisse sich streckenweise wie schlecht erfunden lesen.
– Keine der drei Figuren hat im Grunde je aus den gesellschaftlichen Fesseln herausgefunden.
– Dass der Roman in Brighton spielt, ist leider nebensächlich.

Selbst kann ich die Lektüre durchaus empfehlen, auch wenn sie mir etwas unpersönlich aus Recherchematerial zusammengestellt erschien. (Eben entdecke ich, dass Bethan Roberts über die Entstehung selbst schreibt: “There is something about doing research – particularly historical research involving real people – that frees you from the feeling of plucking your story out of the air.” Vielleicht hat sie das künstlerisch ein wenig bequem gemacht.)

Nach der Tomatentarte nach dem Rezept von Küchenschabe hatte ich Wildblaubeeren (vom Viktualienmarkt) mit Sahne serviert. Ähnlich wie Erbeeren liebe ich Blaubeeren so sehr, dass ich jede Verarbeitung durch Kochen oder Backen als Verschwendung empfinde.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Dienstag, 20. August 2013 – Lesezeichen und Leserunde“

  1. Nikana meint:

    Mit dem Aufzug ins Fitnessstudio, schönes Thema. Ich starrte neulich auch fassungslos eine Frau an, die im Fitnessstudio ihre Turnsachen in einem Rollköfferchen hinter sich herzog.

  2. adelhaid meint:

    hihi, handy als lesezeichen. das mach ich auch oft. oder das ipad in ein buch stecken oder sowas.
    diese funktionen stehen gar nicht in den produktbeschreibungen. das könnte man bei gelegenheit ja mal anprangern.

  3. stedtenhopp meint:

    Das Blaubeeren-Diktum kann ich nur aus vollem Herzen unterschreiben.

  4. dorothy_jane meint:

    Hihi. Mein Freund formuliert es so schön “Rolltreppen sind für faule Menschen und Aufzüge haben erst ab einer Differenz von mehr als zwei Etagen genutzt zu werden.”

    – er äußert dies mit Vorliebe in unserer Unibibliothek, in der die Studierenden den Aufzug auch für die Strecke “EG/1. OG” nutzen, selbst ohne mit schweren Bücherstapeln belastet zu sein.

  5. kubelick meint:

    mich würde interessieren, wie ihr Leserkreis die lektüren wählt. bei unserem lesezirkel ist der wahlverfahren schon zum x-ten mal geändert worden, to no avail. nun wird weiter eingeschränkt: keine Neuerscheinungen, da zu teuer, also noch nicht als taschenbuch erhältlich.

    treppe vs. lift etc.
    auch schön – die Herrschaften, die mit auto zu den isarauen fahren,
    um zu laufen oder joggen (kostenlose parkplätze gibt es hier ohnehin nicht, also auch noch zettel kaufen und ins fenster sichtbar platzieren). wenn die isarauen nicht direkt vor der Haustür wären, würde ich doch eher den radl bevorzugen, wenn’s den sportlich und kostengünstig sein soll.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Lektürewahl, kubelick: Wer möchte, schlägt etwas vor. Und dann einigen wir uns, was wir davon als Nächstes lesen. Fertig.

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