Handlinien

Sonntag, 1. Dezember 2013 um 11:29

Als ich etwa 16 war, stieß ich beim Wühlen in den Remittenden vor der Buchhandlung Schönhuber auf ein Buch über Handlesen. Es war einfach geschrieben und mit vielen Zeichnungen illustriert. Für die Mark fuchzig, die es kostete, nahm ich es mit.

Die Systematik, mit der das Buch die Bedeutung der Handlinien erklärte, war einfach und leicht zu merken:
Die linke Hand, so hieß es darin, zeige die Anlagen des Menschen, mit denen er geboren worden sei, welches Leben für ihn vorgesehen sei. Aus der rechten hingegen sei sein momentaner Stand im Leben zu erkennen, was er aus diesen Anlagen bislang gemacht habe. (Bei Linkshänderinnen andersrum.)

Die Linien selbst wurden ganz klassisch so bezeichnet:

Hauptlinien

An Länge, Dicke, Verlauf und Verzweigtheit der Lebenslinie, so ging die Geschichte, könne man das Auf und Ab der Biografie ablesen, mit den erwartbaren Gleichungen: lang = langes Leben, dick und klar = wenige Turbulenzen, zerrissen und von Seitenlinien gekreuzt = unruhiges Leben. Stärke und Klarheit der Kopflinie sollte Aussagen über Größe und Einfluss des Intellekts zulassen, bei der Herzlinie wiederum war der Grad der Biegung wichtig: Je krummer, desto größer der Anteil von Bauchentscheidungen. Auch die Stellung von Kopf- und Herzlinie zueinander trug Bedeutung: Je paralleler, desto sturer. Ein großer Unterschied zwischen den Linien der linken und der rechten Hand wies auf ein sehr selbstbestimmtes Leben hin, das sich kaum von Dritten und äußeren Umständen beeinflussen ließ. Das Buch betonte, die Handlesekunst Chirologie sei keineswegs Hellsehertum auf die Zukunft, sondern gebe lediglich Aufschluss über Veranlagung und Charakter eines Menschen. (Alles aus dem Gedächtnis, das Buch habe ich schon lange nicht mehr.)

Mit diesem oberflächlichen Wissen machte ich mich an das Lesen von Händen. Und wurde ein Partystar: Sobald ich einer die Hand las, standen die anderen schon Schlange und wollten auch. Selbst auf Festen meiner Eltern wurde diese Leserei vorübergehend ein Programmpunkt: Meine Mutter ließ fallen, dass ich übrigens Handlesen gelernt hätte, und der Abend war gelaufen.
Ich stellte schnell fest, wie einfach die Menschen dabei zu beeindrucken waren: Ein paar anfängliche Erklärungen wie oben notiert, und dann musste ich lediglich auf die Reaktionen meines Gegenübers eingehen und mein Wissen über diese Person nutzen: „Oh, ich sehe einen ganz schwierigen Lebensanfang“, war bei einer Nachkriegsgeborenen ein ziemlich sicherer Treffer. Den von Überstunden geplagten Büroarbeiter auf die gebogene Herzlinie hinzuweisen und eine Zerrissenheit zwischen Pflichten und inneren Bedürfnissen herauszulesen, war auch nicht schwierig. Und irgendwo in der Hand fand ich dann schon noch etwas, mit dem ich ihn trösten konnte, dass das alles bald besser würde.

Gleichzeitig erschrak ich, wie begierig die Leute meine Interpretationen aufsogen und glauben wollten. Ich stand hilflos und befremdet vor dieser ungeheuren Sehnsucht, eine tiefe Wahrheit über sich zu erfahren, das wahre Selbst (die Fragebögen in Frauenzeitschriften leben davon). „Ja! Genau!“, riefen sie und sahen mich fassungslos begeistert an – auch wenn es zum Glück immer jemanden in dritter Reihe gab, der „Pah. Humbug.“ schnaubte. Auf einer Party meiner Eltern wich mir ein Gast nicht mehr von der Seite, nachdem ich ihm aus der Hand gelesen hatte. Er folgte mir kuhäugig und schien überzeugt, ausgerechnet in diesem gschaftigen Teenager den einen Menschen gefunden zu haben, der ihn wirklich verstand.

Für mich war es ein Spiel, das umso besser funktionierte, je öfter ich es betrieb. Chirologie ließ sich halt, wie jedes ausgedachte System, das sich nicht an Naturgesetze halten muss, sehr flexibel und individuell einsetzen.

Zum letzten Mal griff ich darauf mit 18 zurück, als mir vor der Kathedrale in Sevilla eine gitana ihre Handlesekünste anbot. „Danke, kann ich selbst“, wandte ich mich ab – da hielt sie mir ihre Hand hin und bat mich, ich solle ihr daraus lesen. Den Gefallen tat ich ihr gerne, woraufhin eine weitere gitana mitdiskutierte, dann noch eine (ich glaube es ging in erster Linie darum, ob und wie man die Zahl der künftigen Kinder erschließen kann). Meine Reisegefährtin Veronika machte die denkwürdige Aufnahme: Kaltmamsell liest vor der Kathedrale von Sevilla einer gitana aus der Hand.

1986_gitana_handlesen

Doch schon mit 16 betrachtete ich natürlich als erste meine eigenen Handlinien, als naheliegendes Beispiel und zum Lernen der Systematik aus dem Buch. Und war ein wenig verwirrt: Die Lebenslinien beider Hände wollten nicht recht zu den Zeichnungen passen. Ich musste sie entweder als nach zwei Dritteln endend interpretieren, oder ich hatte je zwei, von denen eine die andere ablöste. Nun gut, nach dem Muster, mit dem ich beim Handlesen andere beeindruckte, lautete die Prophezeiung, dass es im dritten Viertel meines Lebens wohl eine existenzielle Veränderung geben würde – einen Unfall vielleicht, der meine körperlichen Fertigkeiten beeinflussen würde. Oder einen großen Umzug in eine andere Gegend der Welt.

131127_Hand_links 131127_Hand_rechts

Und nach dem Muster, mit dem meine Gegenüber ihre realen Erfahrungen in meine Aussagen einsortierten, könnte ich im Moment darauf hinweisen, dass das das ja wohl alles stimmt: Ich habe im dritten Lebensviertel mein bis dahin geführtes Leben (na ja, Berufsleben) abgebrochen, führe ein anderes Leben weiter. Nun wird lediglich spannend, ob ich mich schon in diesem neuen Leben befinde (das wäre unangenehm) oder noch in der Lücke zwischen den beiden Lebenslinien und erst zu diesem neuen Leben finde.

die Kaltmamsell

18 Kommentare zu „Handlinien“

  1. creezy meint:

    .

    Lesen Sie mir die Hand, Madame? ;-)

  2. maike meint:

    Ich liebe das Foto!

  3. Ehrlichgesagt meint:

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  4. Gaga Nielsen meint:

    Ja, schönes Foto.
    Diese semiprofessionelle Ära muss unbedingt in den Lebenslauf.
    Das macht die Vita amüsanter zu lesen.

    (Mir fällt gerade bei mir auf, dass sich die Linien meiner rechten Hand (bin Rechtshänderin) im Laufe der letzten zwanzig Jahre (da hat mich das auch mal kurz interessiert, daher damals die eigenen Hände betrachtet) stark verändert haben, die Lebenslinie war im unteren Drittel unterbrochen, wie ein gebrochener Zweig, jetzt habe ich Jahre nicht darauf geachtet, aber schon vor einer Weile fiel mir auf, dass ich die Bruchstelle nicht mehr identifizieren kann. Sie hat sich geschlossen. Die rechte Hand ist der linken, die eine lange, ungebrochene Lebenslinie hat, ähnlicher geworden. Wenn jetzt noch die Herz- und Kopflinie in der rechten Hand weiter wachsen, die weniger lang sind als auf der linken Hand, sind beide Hände wie spiegelgleich. Vielleicht ist dann das Lebensziel erreicht. Interessanter Gedanke.)

  5. Reimers meint:

    Ich mag sehr gerne Fotos betrachten, die eine Geschichte erzählen. Ihr Foto kann das!

  6. Sebastian meint:

    Eins ist aus dieser ganzen Geschichte und dem wunderbaren Bild sicher – Humbug kann zu außergewöhnlichen und nahen Begegnungen führen. Vielleicht ist das grad sein Sinn? So wie Interviews und Gespräche oft erst interessant werden, wenn der Zweck weggenommen wird – wenn also das Mikrofon aus ist oder die Gäste die Mäntel schon wieder anziehen? Oder der Baedecker eben in der Tasche bleibt und einfach aus der Hand gelesen wird.

    Wär das nicht ein Job für die Zukunft – mit diesem Bild hinter dem Handschreibtisch glaubt man Dir alles.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Man müsste, Gaga, den Verlauf der Handlinien mit den Sternenbahnen des Tierkreiszeichens verbinden – daraus ließe sich doch sicher eine unschlagbare Persönlichkeitsanalyse erstellen.

  8. Gaga Nielsen meint:

    Ja bestimmt, super Businessplan. Sollte mich nicht wundern, wenn es das schon gibt. Schade, dass ich es nicht schaffe, mich für die Konstellationen von anderen Leuten zu interessieren. Was könnte man für Geschäfte machen! Ein Jammer. Man könnte sämtliche Mittelaltermärkte erobern. Mit so einem schönen Zelt mit viel Schleiern und Troddeln durch die Lande ziehen. Die Kaltmamsell zieht dann immer ihre brünette Langhaarperücke an, die Blogger der Welt strömen herbei und lassen sich herrliche Prognosen geben. Anschließend bloggen sie darüber, man wird weitere Handleserinnen anstellen müssen. Eine Armada von Zelten ist unterwegs. Das Catering wird von der firmeneigenen Cateringfirma nach handverlesenen Kaltmamsell-Rezepten zubereitet und ebenfalls auf sämtlichen Mittelaltermärkten feilgeboten. Inzwischen hat das Kaltmamsell’sche Handlese-Imperium so viel abgeworfen, dass sie sich zur Ruhe setzen kann und nur noch zu ausgewählten Exclusiv-Veranstaltungen persönlich Hof hält und aus der Hand liest. Es gibt inzwischen auch diese Fernsehshow, wo monatlich einem Prominenten der Kaltmamsell’schen Wahl vor laufender Kamera die Zukunft prognostiziert wird. Die Dreharbeiten finden jeweils im luxuriösen Heim des Prominenten statt, so wird gleich noch eine intime Homestory mitgeliefert, was die Einschaltquoten zusätzlich nach oben katapultiert. Zur Bambi-Verleihung überrascht die Kaltmamsell und nimmt lachend ihre Langhaarperücke ab. Der Skandal ist perfekt. Diese unerwartete Geste hat aufgrund der Beliebtheit der Kaltmamsell einen neuen Modetrend zur Folge. Überall sieht man jetzt Frauen ohne gefärbte Haare mit einem total ähnlichen Kurzhaarschnitt wie die Kaltmamsell. Irgendwie ist das auch blöd, dass jetzt alle so ausschauen wie sie selber, denkt sich die Kaltmamsell, und lässt sich aus Trotz die Haare lang wachsen und macht braune Farbe rein. Sie verkauft das Firmen-Imperium für eine neunstellige Summe, die hier nicht genannt werden darf und macht was komplett Neues. Bleiben Sie dran!

  9. Modeste meint:

    Mir hat einmal eine Professorin, die ich sehr mochte, gesagt, Zwischenzeit sei quasi immer. Ist was dran.

  10. philine meint:

    Einem Freund, sprich Klassenkameraden wurde von einer portugiesischen Zigeunerin im Alter von 17 ein früher Tod prophezeit. Er wurde am Tag der Ausgabe des Abiturzeugnisses auf einer Ausfallstrasse von Lissabon von einem LKW überrollt. Seitdem lasse ich niemanden mehr an meine Hände, auch ich selber betrachte die Linien uninterpretiert.

    Remittenden:Remittenden sind Bücher die der Buchhändler wegen Unverkäuflichkeit an den Verlag remittiert= zurücksendet (lat.: remittere- zurückschicken)
    Bei den Büchern die in den Krabbelkisten vor den Läden stehen, handelt es sich um sogenanntes Modernes Antiquariat, sprich Restposten, oder leicht beschädigte Bücher, die dann preiswerter verkauft werden dürfen.

  11. stedtenhopp meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Made my day

    *******************************************************

  12. stedtenhopp meint:

    Also, made my day schon gestern. Heute war’s der Kommentar von Gaga Nielsen , der meinen Tag machte.

  13. Lila meint:

    Die Linien des Lebens sind verschieden,
    Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
    Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
    Mit Harmonien und ewigen Lohn und Frieden.

    Das sagt der Magister Hölterleyn dazu.

  14. midori meint:

    684409137634.9792Gerne gelesen

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  15. Croco meint:

    Kaltmamsell: was für ein schönes Foto, mit gestreiften Hosen und gepunkteter Gitana.
    Lila: Hölderlin, ach!

  16. ilse meint:

    Das Foto ist wahrlich wunderbar! dieser kurze Einblick in das Leben der Kaltmamsell as a young palm reader!

  17. walküre meint:

    Das Foto ist auf eine sehr spezielle Weise unglaublich schön.

    btw: Von wo nach wo liest man die Linien eigentlich ? Ist der Beginn bei der Handkante oder zwischen Daumen und Fingern ?

  18. die Kaltmamsell meint:

    Die Lebenslinie, walküre, beginnt an der Handwurzel, die Herzlinie an der Außenkante, die Kopflinie über dem Daumen.

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