Samstagslektüre

Samstag, 8. März 2014 um 8:55

Kathrin Passig schreibt im ohnehin wunderbaren Techniktagebuch („Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!“) welcher Kampf mit Kollaborationstools hinter der Arbeit an ihrem Buch bei O’Reilly mit dem Esel drauf steckte: „2008 bis 2013“.

Wenn auch in Extremform zeigt die Geschichte, woraus das Arbeiten mit Computern heutzutage besteht: Work-arounds. Und dem ständigen Abwägen, ob man nicht gerade mehr Energie auf das Finden von Lösungen für Prozessprobleme verwendet als auf die eigentlich Aufgabe, ob es sich lohnt, strukturierte Grundlagenlösungen zu entwickeln (weil man sie öfter brauchen wird), ob strukturierte Lösungen überhaupt jemals möglich sind.

Für Angestelltenmäuse wie mich kommt dazu, dass die technischen Werkzeuge fast immer indiskutabel vorgegeben sind. Zum Beispiel schlage ich mich seit Monaten mit einem antiken CMS für das Veröffentlichen von Pressemitteilungen auf einer Kunden-Website herum (für das ich bereits einen Work-around über mein privates WordPress entwickelt habe). Aktuell stellte sich heraus, dass es nicht mal das Veröffentlichen terminieren kann und am morgigen Sonntag ein Mensch auf den „Publish“-Knopf wird drücken müssen.

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„I Went to the Oscars and Nobody Cared“ – auf Myspace (!) schreibt Laura Simpson, wie sich die Oscarverleihung für eine Zivilistin anfühlt.

How did I get invited to the 86th Academy Awards, you ask? Well, my best friend took me as her date. I met her seven years ago at an event where we both didn’t know a single person. We hit it off over a mutual respect for Chandler Bing, and we’ve been eating pizza together ever since.

(Die Freundin? Jennifer Lawrence.)

Sehr viele interessante Details, einige davon unerwartet.

(Dass Lupita Nyong’o auf Instagram ist, passt gut hierher.)

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Immer noch erschüttert über die Gemeinheiten der Romanautorin Sibylle Lewitscharoff gegen Kindzeugung auf anderem Weg als vaginalem, heterosexuellem Geschlechtsverkehr (ich hatte sofort die dystopische Zeugungsszene in Atwoods The Handmaid’s Tale vor Augen). Unter all den klugen Repliken mochte ich am liebsten diese beiden:

Jo Lendles Brief auf Zeit Online: „Ich ertrage es nicht“.

Die Paare, die sich heute für künstliche Befruchtung entscheiden, klonen keine Nobelpreisträger, sie bekommen ein Kind. Das geschieht in der Tat ohne Geschlechtsverkehr. Na und? Waren wir nicht alle der Meinung, dass Sex überschätzt wird? Sex ist erfreulich, Fortpflanzung auch. Beides voneinander zu trennen, ist eine relativ alte Idee (auch wenn das höchstens die Hälfte der aktuellen Päpste zur Kenntnis nimmt).

Und Angela Leinens Blogpost „Es wird jetzt ein bisschen persönlich und ein bisschen allgemein. Und ein bisschen pathetisch„.

Es ist ein Unterschied, ob man diesen Eltern und Kindern ins Gesicht spuckt oder ob man berechtigte Fragen zu den Grenzen des Machbaren stellt. Wer in der Lage ist, über das Allgemeine zu reden und dem Besonderen mit Respekt zu begegnen, mit dem kann man diese Fragen diskutieren. Ich will nicht, dass Kinder nach Maß enstehen. Ich will auch nicht, dass nur die Klugen und Guten Kinder haben dürfen. Jeder zeugungsfähige Depp soll aus Versehen Kinder kriegen dürfen, das gehört dazu. Dann sollen aber auch ein paar Leute, die dafür Opfer bringen, ihre Wunschkinder auf anderem Weg bekommen können.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Samstagslektüre“

  1. iv meint:

    Ich glaube, Jo Lendle gehört wirklich zu den forces of good.

  2. Chris Kurbjuhn meint:

    Das hier fand ich noch lesenswert, Frau Lewitscharoff betreffend:
    http://lovegermanbooks.blogspot.de/2014/03/spanking-sibylle.html

  3. arboretum meint:

    Die Ironie an der Geschichte ist, dass Onan von Gott mit dem Tode bestraft wurde, weil er eine Samenspende verweigerte. Ich schrieb es eben schon bei Madame Modeste: Onan war das Opfer einer Zwangsheirat. Er musste die Witwe seines älteren Bruders heiraten, um – in dessen Namen – Kinder mit ihr zu zeugen. Dabei machte er aber nicht* so wie vorgeschrieben mit, und für seine Verweigerung, die Linie seines Bruders fortzusetzen, wurde er bestraft (und zwar nur dafür).

    Lewitscharoff hat also keine Ahnung, wovon sie redet, wenn sie ein vermeintliches „biblisches Onanierverbot“ als Gegenargument gegen Samenspenden und künstliche Befruchtung anbringt.

    * Ob er sich selbst befriedigte oder coitus interruptus praktizierte, ist nicht eindeutig geklärt.

  4. Trulla meint:

    Mit religiös Verblendeten ist vernünftige Auseinandersetzung nicht möglich. Sie glauben zu wissen. Frei von Schamgefühl (die Bibel hat schließlich immer Recht) erlauben sie sich jede Erniedrigung anderer.
    Lewitscharoffs Äußerungen sind einfach abscheulich

  5. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für den Hinweis, arboretum, diese Passage des AT hatte ich mir nie genauer angesehen. Nur dass Fakten und Quellenverweise meiner Erfahrung nach in der Diskussion mit Religiösen nicht punkten: Deren gesamte Argumentation ist derart inkonsistent (angefangen von den Kriterien, welche Passagen ihrer Heiligen Schriften wörtlich zu interpretieren sind und welche an einen historischen Kontext gebunden), deren Prämissen so verschieden von denen der Nicht-Gläubigen, dass ein Austausch schon nach drei Sätzen in Streit enden MUSS.

  6. arboretum meint:

    Im Tagesspiegel las ich, dass Lewitscharoff in Stuttgart-Degerloch aufgewachsen ist und wohl dem schwäbischen Pietismus nahe steht.

    Ich bin übrigens aus gutem Grund evangelisch und finde ihre Argumentation unchristlich und völllig daneben.

  7. maphisti meint:

    „Unchristlich“? Wie herrlich! – Bin (nebenbei) evangelisch, kann aber dennoch eigenständig denken.


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