Beifang aus dem Internet – 34

Sonntag, 24. August 2014 um 11:10

Vor fünf Jahren erfreute mich Kathrin Passigs Artikel „Standardsituationen der Technologiekritik“, auf der darauffolgenden re:publica ihr Vortrag zum Gegenstück des Technologieoptimismus‘. Jetzt hat sie eine Aktualisierung veröffentlicht:
„Neue Technologien, alte Reflexe“.

2009 habe ich einen Artikel über falsche Vorhersagen geschrieben. Er heißt wie das Buch, in dem er Anfang 2013 abgedruckt wurde: „Standardsituationen der Technologiekritik“. Es war ein leidlich lustiger Text, der bis heute oft zitiert wird. Leider ist er ganz falsch. Das ist noch ein bisschen ungünstiger, weil das Buch gerade erst erschienen ist. Es ist eine Essaysammlung, und jetzt gehen die Leute davon aus, dass der Text meine aktuelle Meinung wiedergibt, was nicht stimmt. Technikoptimisten mögen den Text, weil er Skeptiker blöd aussehen lässt. Es ist immer schön, wenn irgendwas andere Leute blöd aussehen lässt. Man kann sich ganz leicht über Vorhersagen im Allgemeinen lustig machen und in diese Falle bin ich hineingetappt. Man findet jede Menge falscher Vorhersagen und durch das Internet ist es noch leichter geworden. Aber dass es diese ganzen falschen Vorhersagen gibt, beweist an sich noch überhaupt nichts.

Hilfreich sind vor allem die Folgerungen, die Kathrin Passig aus ihren Irrtümern zieht.
Bei mir war die lehrreiche Erfahrung übrigens die völlige Fehleinschätzung von SMS: Hallo? Schreiben auf dem Telefon? Wo doch immer weniger Leute überhaupt schreiben! Und dann auch noch derart unanatomisch mit dem Daumen? Dieses SMS-Zeugs wird verschwinden, bevor auch nur mehr als die expertigsten Experten davon gehört haben.
Seither, so bilde ich mir zumindest ein, bin ich vorsichtig mit wegwerfenden Prognosen über neue Erscheinungen.
Das ist genau der Punkt, der mich an manchem dafür bezahlten Publizisten verzweifeln lässt: Jeder irrt sich mal kolossal. Doch selbst nach belegbaren Fehleinschätzungen von der Zuverlässigkeit der eigenen Einschätzungsreflexe auszugehen, kann ich nur als Dummheit ansehen.

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Andrea Diener war in Brighton – hach! Und sie hat dort fotografiert und darüber geschrieben – HACH!
„Unter Briten in Brighton. Pretty eccentric!“

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Nach zehn Jahren Schweigen schreibt sie nun selbst, wie es ist, Monica Lewinsky zu sein – vor allem ganz offensichtlich eine bemerkenswert kluge Frau, die den Schandmäulern in vielerlei Hinsicht überlegen ist:
„Shame and Survival“.

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Ein DAX-Personalvorstand analysiert, warum in den vergangenen Jahren so viele von den wenigen Frauen gescheitert sind, die in echte Machtpositionen bei Großunternehmen kamen:
„Wenn Frauen scheitern, ist das ein Privatproblem“.

Jeder Statistiker weiß, dass systemisch irgendetwas schiefläuft, wenn acht von insgesamt 17 weiblichen Vorständen nach nicht mal der Hälfte ihrer Vorstandsperiode ausscheiden. Neueste Studien zeigen, dass weibliche Vorstände durchschnittlich nach etwa drei Jahren aus ihrem Amt scheiden, während Männer acht Jahre verweilen – und damit fast drei Mal so lang. Ein mit Einzelfällen nicht erklärbares Muster.

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Nein, daran werde ich mich nie gewöhnen, dagegen werde ich nie abstumpfen:
„Brutale Drohungen im Internet. Hetze gegen Genderforscherinnen“.

Die jetzige Vorsitzende der FG Gender, die Arbeitssoziologin Susanne Völker von der Universität Köln, hält die Aggression für einen Ausdruck sozialer Verunsicherung. „Arbeit wird prekärer, die eigene Position fraglich“, sagt Völker. „Da fragen sich einige: Kann ich noch Familienernährer sein? Was bin ich sonst? Wissen wir noch, was Männer und Frauen zu tun haben?“ Völker sieht keine „Massenstimmung“ gegen die Gender Studies. Doch einzelne – „überwiegend Männer“ – trügen ihre Unsicherheit über die Geschlechterfrage aus. Völker spricht, in Anlehnung an den Göttinger Soziologen Berthold Vogel, von der „nervösen Mitte“.

Diese Verunsicherung ist auch innerhalb der Wissenschaft spürbar. Männliche Kollegen hätten das Gefühl, keine Stellen mehr zu bekommen, weil überall Gender-Studies-Lehrstühle eingerichtet würden, sagt Hark. In der Statistik spiegelt sich das nicht wider: Harks Stelle ist die einzige in Deutschland mit der ausschließlichen Denomination Gender Studies. 160 weitere Professuren haben einen Genderschwerpunkt innerhalb ihrer Disziplin, doch das sind nur 0,4 Prozent aller Professuren. „Dass die Gender Studies etwas erreicht haben, wird schon als Angriff gewertet“, sagt Susanne Völker.

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Schön, wenn eine Analyse der Zeitungszukunft aus einer Printredaktion kommt und trotzdem nicht die üblichen Reflexe wiederholt:
„Zeitungskrise. In eigener Sache“.

Zeitungen waren schnell, billig und ein Massenmedium. Ihren größten Triumph (was nicht mit der größten Auflage identisch ist) erlebten sie an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. „Damals waren Zeitungen einfach cool“, sagt der Bamberger Kommunikationswissenschaftler Rudolf Stöber.

Weil damals endlich fast alle Menschen in Deutschland lesen und schreiben konnten, wurden Zeitungen zum billigen Kommunikationsmittel für jedermann (man bekam sie für ein paar wenige Pfennige); sie enthielten zudem das Versprechen des sozialen Aufstiegs. Wer sich ein Zeitungsabonnement leisten konnte, der hatte es geschafft und konnte sich sehen lassen. Man muss sich das so vorstellen wie heute das iPhone und iPad (oder vor ein paar Jahren den Blackberry), Statussymbole, mit denen man Coolness und Zugehörigkeit zu den angesagten Kreisen signalisiert.

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Falls Ihnen aufgefallen ist, wie viel häufiger ich FAZ-Artikel verlinke als die der Süddeutschen Zeitung, obwohl ich doch Print-Abonnentin der Süddeutschen bin: Die SZ stellt deutlich weniger frei verfügbar online, ermöglicht es immer noch nicht mal, für einzelne Artikel zu bezahlen, besteht weiter auf dem atavistischen Abomodell auch online. Der Preis dafür: Erheblich weniger Teil der Debatte zu sein.

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Eine Journalistin recherchiert die Kosten für Hygieneprodukte für Frauen und postet dazu eine Frage bei Twitter. Wieder muss sie die Reaktionen einfach nur zitieren, um geradezu hysterischen Sexismus zu dokumentieren:
„What happens when a female writer asks a question on Twitter about women’s health“.

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Ich gestehe: Die Probleme in Ferguson habe ich lediglich aus dem Augenwinkeln verfolgt – das war mir in all dem Krieg, Mord und Totschlag, die derzeit die Nachrichten dominieren, eine Krise zu viel.

Möglicherweise reicht es ja auch, die Zusammenfassung von John Oliver zu sehen, um das Thema zu erfassen.

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http://youtu.be/KUdHIatS36A
die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Beifang aus dem Internet – 34“

  1. Marqueee meint:

    Vielen Dank für den Hinweis auf Frau Dieners Brighton-Notizen. Die Bilder sind in der Tat toll. Aber – und ich frage das aus echtem Interesse und nicht um zu nörgeln – bin ich eigentlich der Einzige, den die stete leichte Grünstichigkeit, die Frau Dieners Leica offensichtlich produziert, als irritierend und zuweilen auch störend empfindet?

  2. Tim meint:

    Bei der Einschätzung von Dingen, spielt auch die selektive Perspektive eine Rolle. Aus dem USA wusste ich, dass Text-Messaging mit Pagern ein Riesenerfolg war. Als bei uns GSM-SMS eingeführt wurde, so 1995/1996, hatten 60 Millionen US-Amerikaner einen Pager am Gürtel oder in der Tasche, die im Grunde nur empfangen konnten. Mobil auch Nachrichten auch zu senden, war genau das, was alle wollten. Warum sollte das nicht auch in Europa auf Interesse stoßen, obwohl Pager hierzulande durch die Ignoranz der Bundespost, kein Markt hatten.

    Was sich beim „Glaskugel-Zukunftsdeuten“ geändert hat. Früher war es schwer, relavente Informationen aus anderen Märkten, Kulturen, Subkulturen und Lebenswelten zu bekommen. Heute geht das dank Internet im Überfluss.

  3. maz meint:

    Na und. Ich hatte irgendwann in den Neunzigern dem ganzen Internetquatsch keine Chance gegeben.

  4. Trulla meint:

    a question about womens ´health: die Reaktionen zeigen, wohin das Hirn gerutscht ist.

  5. berit meint:

    Wieder ein neues Wort gelernt: atavistisch

    Vielen Danke dafür!


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