Hochzeit auf Italienisch

Montag, 15. Dezember 2014 um 12:08

Wie es halt immer so ist mit fremden Kulturen: Da das bislang meine einzige italienische Hochzeit war, kann ich nicht einschätzen, was davon zum lokalen oder nationalen Brauchtum gehörte und was individuellen Einfällen entsprang.

Dass das Brauthaus in Fano geschmückt war, kommt vermutlich öfter vor. Ebenso dass die Hochzeit um 10:30 Uhr beginnen sollte, meine Kusine, also die Braut, das Haus erst kurz vor 11 Uhr verließ.

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Katholisch geheiratet wurde in der Pfarreikirche San Marco Evangelista, laut Inschrift 1992 geweiht. Es sang ein erstaunlich guter kleiner Frauenchor, sehr beherzt. Der Pfarrer holte aus seinem Auftritt alles heraus: Bei der Predigt bewegte er sich mit Funkmikro durch den Altarraum (die Eckbank darin fungierte den Papierstapeln nach zu schließen wohl als sein Zweitbüro), sprach vor allem die Kinder an, und nutzte die Gelegenheit hauptsächlich, um für sonntäglichen Kirchenbesuch zu werben. Daneben Euer-gemeinsamer-Weg-wird-nicht-immer-einfach-sein und Wahre-Liebe-bedeutet-das-Leben-füreinander-zu geben (echt?).

Ich nehme an, dass das Bach/Gounod Ave Maria mittlerweile zur katholischen Liturgie gehört und eine kirchliche Trauung ohne nicht mehr gilt – richtig?

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Falls Sie sich wundern: Nein, ich spreche kein Italienisch, verstehe aber 60 bis 70 Prozent. Hoffe immer noch vergeblich, dass sich dieses irgendwann wundersam in Sprechenkönnen verwandelt.

Das Lokal, in dem die Hochzeit gefeiert wurde, La Ginestra, lag 40 Kilometer außerhalb von Fano in den Bergen. Weswegen man mich darauf vorbereitet hatte, es werde sicher keinen Fisch geben: In den Bergen würden Wild und Pilze serviert. So funktioniert italienische Küche.

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Bei Ankunft im großen Saal gab es gleich mal Kleinigkeiten auf Brot – es war halb zwei, alle hatten Hunger. Bis das Brautpaar eintraf, dauerte es allerdings noch eine Weile, es war beim Fotografieren. Als sie ankamen, legten sie als Erstes einen Tanz hin (Musik von zwei DJs, die den Geschmack der Hochzeitsgesellschaft ganz offensichtlich trafen) – und so lernte ich über meine Kusine, dass sie und ihr Freundeskreis samt Frischangetrautem begeisterte Tänzerinnen und Tänzer sind. Die etwa 80 Gäste saßen an großen, runden Tischen, das Brautpaar einzeln an einem Tisch. Und nun begann das eigentliche Festmahl.

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  • Antpasti vom Buffet
  • Hausgemachte Spaghettone mit Gemüse, Kürbisblüten, Räucherspeck, Tomaten, Pecorino, Parmesan
  • Teigtaschen mit Fleisch-Ricotta-Füllung in Steinpilzsoße (mein Favorit)
  • Kapaun vom Spieß (mein Vater fragte die Serviererin: „Pollo?“ Serviererin ohne mit der Wimper zu zucken: „Pollo castrato!“) mit in Cognac glasierten Maroni und Kartoffeln
  • Spanferkel mit Grillgemüse
  • Blattsalate (eine ausgezeichnete Sache an dieser Stelle: frische, bittere Blätter)
  • Hochzeitstorte (Blätterteig mit einer Vanille- und einer Schokoladenschicht)
  • Dessertbuffet

Nochmal in Bildern:

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Bei Hochzeitstorte war es 19 Uhr. Dennoch beeindruckte mich, dass das Dessertbuffet im Anschluss immer noch einen Run auslöste – die Leute hier können aber auch mal essen! Beeindruckt war ich zudem vom sehr aufmerksamen Personal, das sich umgehend Getränkepräferenzen merkte, ein Auge darauf hatte, wer beim Nachschlag gerade nicht an seinem Platz gesessen hatte und ihm oder ihr gesondert Nachschlag anbot, die Tische so zuverlässig mit Wein und Wasser versorgte, dass nie jemand daran erinnern musste.

Zwischen den Gängen gab es Vorführungen: Tanzgruppe des Freundeskreises (meine Mutter kannte die Musik aus ihren Zumbastunden), Braut-Bräutigam-Spiele (die ich nicht recht verstand, nur dass sie gegeneinander antraten), eine Dia-Show mit Bildern aus dem Leben der beiden.

Ich unterhielt mich sehr angeregt mit meinem Vater und erfuhr unter anderem einige Geschichten aus seinem längst vergangenen Arbeitsleben, die ich fürs Techniktagebuch verarbeiten werde (fabrikliche Speisenzubereitung in Karrosseriehärtungsofen etc. – es gibt keinewegs nur shadow IT, sondern auch shadow canteen). An unserem großen Tisch saß gegenüber Bräutigamsfamilie, deren fröhlichster Teil Kontakt zu uns aufnahm, indem sie italienische Witze erzählten. Wir lachten aufs Herzlichste miteinander, dazu muss man die Witze ja nicht verstanden haben. Ich nehme an, diese Art von Beziehungspflege kennt jede multinationale Familie.

Dann wurde die Musik ohrenbetäubend und die Tanzfläche voll, oft auch in Formation.

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Hin und wieder tanzte ich mit (Macarena geht immer), ansonsten unterhielt ich mich in Brüllstärke mit meinem Bruder. Heimfahrt gegen zehn unter Scherzen, wo wir wohl jetzt noch in Fano Abendessen herbekommen würden. Die jungen Leute, so erfuhr ich am Tag danach, feierten noch bis um zwei Uhr morgens.

Nachtrag: Neu für mich war, dass meine italienische Tante meine Mutter bat, einen Rosenstrauß des Tischschmucks mitzunehmen und in Ingolstadt aufs Grab der Brautoma zu legen.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Hochzeit auf Italienisch“

  1. Tim meint:

    Gilt: Nach italienischem Recht kann die Eheschließung entweder im Standesamt oder in der Kirche (Konkordatsehe) vorgenommen werden.

  2. adelhaid meint:

    Euer-gemeinsamer-Weg-wird-nicht-immer-einfach-sein scheint also ein internationaler Unkenruf zu sein.

  3. New Number 2 meint:

    Italienische Hochzeiten kenn ich ebenso! Leider wurde bei mir im Kindesalter darauf vergessen die italienische Sprache zu pflegen. Deshalb stehe ich bei den Hochzeiten in Italien (ist Mailand eigentlich typisch Italienisch oder schon fast Deutsch) immer etwas dumm in der Gegend rum.
    Das mit dem Essen bis zum Umfallen ist wirklich sehr verbreitet.
    Mit kirchlichen Hochzeitsbräuchen weiß ich in Italien nicht Bescheid, da die Verwandtschaft allesamt Kommunisten sind (die ausnahmslos weibliche Verwandtschaft heißt, nicht gerade italienisch, Tatjana, Svetlana und Ivana) und somit „gottlos“ im „ufficio“, also dem Standesamt, heiratet.
    Und dann die nicht enden wollende Fotosession: Erst Brautpaar mit Familie, dann nur mit Familie des Bräutigams, dann nur Familie der Braut, dann Freunde der Braut, gefolgt von den Freunden des Bräutigams, Freunde, die sowohl Braut als auch Bräutigam kennen, Personen, die sich gar nicht kennen, Leute, auf deren Hochzeit man auch war, Leute, auf deren bevorstehender Hochzeit man auch wieder sein wird und dann das Ganze nochmal von vorn, weil, sicher ist sicher…

  4. AnnJ meint:

    „Pollo castrato“ – ich stelle mir die Ungerührtheit, mit der die Serviererin das sagte, gerade bildlich vor. Hach, herrlich! Ich werde diese beiden Wörter heute nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

  5. crazycook meint:

    Pollo castrato, no ! Gallo castrato, si !

  6. Suzie meint:

    Ich habe in München mal einer deutsch-italienischen Hochzeit beigewohnt. Ganz besonders viel mir auf, dass die Italiener schon zur Kaffeezeit anfingen zu singen (!) und zu tanzen. Wir Deutsche machen das ja auch, brauchen nur ein wenig Anlauf und alkoholische Getränke. Gegen 22:00 sieht man dann aber keinen Unterschied mehr, wer zu welcher Nationalität gehört.

  7. Philine meint:

    Liebe Kaltmamsell, wie rührend und hinreissend die Idee des Rosenstrausses!

  8. Alexandra meint:

    Blumen-/Tischschmuck auf das Grab / die Gräber der verstorbenen Familienangehörigen zu legen kenne ich im Zusammenhang mit diversen Familienfeierlichkeiten auch (nicht nur Hochzeiten, sondern auch spätere Ehejubiläen, Kommunion, runde Geburtstage).

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