Journal Freitag, 28. November 2025 – Wintersonne, Details der Bürgerversammlung

Samstag, 29. November 2025 um 9:23

Deutlich später als sonst eingeschlafen, eine Stunde zu früh aufgewacht, von Arbeitssorgen gequält.

Weg in die Arbeit mit Stimmung zum Heulen. Man schrumpft mit seinen Aufgaben.

Gleichzeitig schöner Marsch unter erblauendem Himmel und aufgehender Sonne, auf dem Boden dekorativer Frost, in der Luft leise klirrende Kälte. (Aber andere hatten hübscheren Frost.)

Im Büro stellte sich heraus, dass Heuli-Stimmung fast ebenso Konzentrations-hinderlich ist wie Wut – letzteres kann ich zumindest wegrennen, doch gegen ersteres war halt keine Zeit für Verkriechen unter Bettdecke.

Ich schaffte den vom Vorabend aufgeschobenen Job, einen Dienstgang raus (Sonne! klare Luft!), weitere Jobs. Mittagscappuccino im Westend (Sonne! klare Luft!).

Mittags ging’s mir besser, ich aß Mango mit Sojajoghurt, Apfel, Persimon. Gleich nach dem letzten Löffel voll ereilte mich die nächste Hiobsbotschaft zum Fiasko von Donnerstag, jetzt zog es noch weitere Kreise. Zum Glück sprang mir jemand zu Hilfe, doch ich muss mir eine langfristige Lösung überlegen.

Auch nachmittags schien die Sonne, außerdem bekam ich ordentlich was weggeschafft.

Freitagspünktlicher Feierabend, auf dem Heimweg Einkäufe im Vollcorner – darunter weiterhin keine Meyer Lemons. Weiß jemand, was dieses Jahr los ist? In den Vorjahren tauchten sie in der ersten Novemberhälfte auf, dieses Jahr bekam Herr Kaltmamsell Ende November nicht mal am Vikutalienmarkt welche. Außerdem holte ich Abendessen im Verdi und einem weiteren Laden in der Landwehrstraße.

Daheim Vorbereitung der Rosinen fürs Stollenbacken, Teil 2 am Samstag, dann eine Einheit Yoga, die sehr gut tat.

Feier des Wochenendes mit Cosmopolitans (mir war nach etwas, was umgehend richtig reinknallen würde) und arabischen Würznüsschen.

Zum Nachtmahl briet ich Doraden – wie geht bitte der Trick, dass beim Anbraten in der beschichteten Pfanne die Haut beim Wenden nicht am Pfannenboden kleben bleibt? Ich habe bereits verschiedene Erhitzungsgrade und Ölmengen ausprobiert. Herr Kaltmamsell hatte dazu Salzkartoffeln gekocht, im Glas ein geschenkter fränkischer Silvaner May Langenberg Alte Reben – der sich mit nur wenig Luft sehr interessant entwickelte, eine schöne Entdeckung.

Nachtisch Panettone und Schokolade, wir ließen im Fernsehen den Film Hangover von 2009 laufen – aus Bildungsgründen, der Film war ja ein riesiger Erfolg und hat Geschichte geschrieben, auch wenn alles an den frauenfeindlichen Gender-Stereotypen ultra-cringe war. Herr Kaltmamsell hielt mich mit Verweis auf die Erzähltechnik des Drehbuchs bei der Stange: Ja, die ist wirklich ganz ausgezeichnet und ausgeklügelt.

§

Mehr zur Bürgerversammlung also, die des Münchner Stadtbezirks 2, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt.
(Was eine Bürgerversammlung ist; ich empfehle eine Teilnahme sehr als Gelegenheit, mal so richtig in Demokratie zu baden. Und als Alternative zum Meckern über lokale Missstände, denn hier können jede Anwohnerin und jeder Anwohner, sofern kommunalwahlberechtigt, Anträge zur Änderung der Misstände stellen).

Klarstellung: Dies ist keine journalistische Berichterstattung; ich bin lediglich Zeitzeugin.

Die gestrige war besonders gut besucht; es gab schon Bürgerversammlungen, bei denen ich den Eindruck hatte, dass nur Antragsteller*innen gekommen waren.

Als Leiterin lernte ich Stadträtin Veronika Mirlach (CSU) kennen, die mit besonders guter Laune und souverän durch die Versammlung führte. Aus ihrer Präsentation (PDF-Download) über aktuelle Stadtpolitik erfuhr ich unter anderem, dass die Einwohnerzahl meines Wohnbezirks sinkt (aktuell sind wir 50.025 Menschen); ansonsten wächst München aber. Es wurden auch Investitionen in Projekte aufgezählt, die ich über Anträge in vergangenen Bezirksversammlungen werden hatte sehen, darunter die Piazza Zenetti, ein schönes Gefühl.

Den Ausführungen von Bezirksausschussvorsitzendem Benoît Blaser über das vergangene Jahr (noch nicht online) entnahm ich unter anderem, dass er einen monatlichen Newsletter über die Arbeit des Bezirksausschusses schreibt – gestern gleich mal (recht lang gesucht und) abonniert.

Sigrid Kienle ist weiterhin Chefin der Polizeiinspektion 14, die für meinen Stadtbezirk zuständig ist und den benachbarten Stadtbezirk 8 Schwanthalerhöhe – und damit auch für Theresienwiese samt Oktoberfest. Sie sprach von 27.000 Einsätzen jährlich – das seien die meisten aller Münchner Polizeiinspektionen. Ihr Sicherheitsbericht 2024 wies einen deutlichen Rückgang von Straftaten aus, am deutlichsten bei Drogendelikten – mit der Cannabis-Teillegalisierung als klarem Grund. Rückläufig aber auch die Straftaten im Zusammenhang mit dem Oktoberfest (- 30%). Schlecht sahen die Zahlen und Verhältnisse im südlichen Bahnhofsviertel aus, in dem ich ja wohne. Kienle zählte Gegenmaßnahmen auf und betonte, dass nicht nur tatsächliche Straftaten damit reduziert werden sollten, sondern sich die Menschen hier damit auch sicherer fühlen sollten.

Jetzt aber Anfragen und Anträge der Bürger*innen. Diesmal erlebte ich eine sehr bunte Mischung; Verkehr war zwar wieder das häufigste Thema, dominierte aber nicht so stark wie auch schon. Insgesamt 31 Menschen meldeten sich mit Anfragen und Anträgen, zum Teil auch mit mehreren. Es ging um störende Schrotträder, die Rückzahlungsforderung an einen privaten Kindergarten, lästigen durchfahrenden Autoverkehr, Zwischennutzung von Gebäuden, Toilettenaufstellwunsch, lange Sperrung der Theresienwiese (!), Kinder im Straßenverkehr, Lärm durch Bahn, Lärm durch Gastronomie, mehr Grün an bestimmten Straßen, störende Baustellen, Lärm durch Demos, einige gewünschte Fußgängerüberwege, Sperrung der Hackerbrücke für den Autoverkehr, herumstehende E-Scooter, bessere Verkehrsführung für Fahrräder, hinderliche temporäre Verkehrsschilder, Entsiegelung von Flächen, Beleuchtung an Fußwegen, Müllbeseitigung (und wer dafür zahlen sollte), Schutz vor Entmietung, Kunst im U-Bahnhof, Anwohnerparken.
Zum Glück wurde das Vorgehen beibehalten, bei dem direkt nach jedem Antrag abgestimmt wurde.

Auch diesmal waren Fachleute aus einigen Referaten der Stadtverwaltung da, die gleich Stellung nahmen. So lernte ich, dass die Dauer der Theresienwiesensperrung vom zuständigen Wirtschaftsreferat im April festgelegt wird, und das waren dieses Jahre 12 Wochen vorher und 7 Wochen danach – der Herr wies darauf hin, dass die Querung sogar drei Tage vor Termin geöffnet worden sei. (Ich kenne jemanden im Wirtschaftsreferat persönlich, ich könnte ja mal Einflussmöglichkeiten eruieren.) Einige Male war es auch Bezirksausschussvorsitzender Blaser, der zu Anträgen berichtete, was der Bezirksausschuss bereits versucht oder sogar erreicht hatte.

Meine Glanzpunkte des Abends aber waren die Stellungnahmen von “Frau Strehle”, wie Veronika Mirlach sie immer ans Mikro bat. Die Architektin und Regierungsbaumeisterin Isabel Strehle leitet im Münchner Mobilitätsreferat den Geschäftsbereich Verkehrs- und Bezirksmanagement – und vermittelte mir mit ihren sorgfältigen und gut verständlichen Erklärungen, wie wissenschaftlich und strukturiert sowas gehandhabt wird. So wird bei Antrag eines Fußgängerüberwegs erstmal durchgezählt, wie viele Autos und Fußgänger es hier zu Stoßzeiten gibt; nur wenn das Ergebnis die Mindestzahl erreicht, wird weitergeplant (einer der vielen Haken: Baustellen in der Umgebung können den Verkehrsfluss so stark beeinflussen, dass für eine Zählung ihr Abschluss abgewartet werden muss). Oder eben der “freilaufende Rechtsabbieger”, eine Abbiegespur unabhängig von der Ampel an einer Kreuzung. Ich hielt die Bezeichnung erst für einen Scherz und lachte. Als mir klar wurde, dass das die echte Fachbezeichnung ist, lachte ich noch mehr (das müsste sich doch als politische Metapher verwerten lassen). Und lernte, dass es sich um ein Erbe der 1960er handelt, dass solche Spuren bereits vor einigen Jahren in München systematisch erfasst wurden sowie nach und nach beseitigt werden – in priorisierter Reihenfolge. Auch lernte ich Fachliches über Zebrastreifen, also Prozess, Voraussetzungen etc. Oder warum die Umsetzung mancher Verkehrsanträge den kompletten Umbau ganzer Kreuzungen erfordern würde. Und dass der Autoverkehr auf der Hackerbrücke ab 2027 sowieso für die Brückensanierung gesperrt wird und das Mobilitätsreferat in dieser Zeit genau beobachtet, welche Auswirkung das auf Verkehrsflüsse hat.

Isabel Strehle machte einen superkompetenten Eindruck mit ungeheurer Leidenschaft für ihr Fach (Platz ganz oben auf meiner Liste von Wunschgästen zum Abendessen), ab jetzt träume ich davon, mir von ihr die Verkehrslage am Stachus erklären zu lassen.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Freitag, 28. November 2025 – Wintersonne, Details der Bürgerversammlung“

  1. Poupou meint:

    Der Link zur Bürgerversammlung führt in den Bearbeiten-Modus – so sehr ich Beiträge zur Wikipedia begrüße, ich vermute das war nicht so gedacht?

    LG

  2. Annbellis meint:

    Vielen Dank für die ausführlichen und hochinteressanten Informationen zur Bürgerversammlung – ich fühlte mich nach dem Lesen geradezu als Insider!
    Bürgerversammlungen auf dem Dorf (hier im Pfaffenwinkel) werden vom Bürgermeister geleitet – entweder er hat Lust, alle zu Wort kommen zu lassen oder er hat keine.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Poupou, das war auf die Schnelle die einzige Möglichkeit, die ich für Direktverlinkung des Absatzes fand – und ist ja auch gut lesbar. Jetzt habe ich mir eine Alternative zeigen lassen.

    Oh je, Annbellis, dafür gibt es durchaus Regeln – deren Einhaltung man Einfordern kann.

  4. Annbellis meint:

    Zu den Doraden:
    Mehlieren Sie die Haut? Wenn ich das tue, habe ich in einer beschichteten Pfanne keine Probleme beim Wenden (außer ich bin gerade etwas abgelenkt).

  5. Rainer meint:

    Bemerkenswert an der Einrichtung Bürgerversammlung finde ich, dass Gewerbetreibende im Bezirk offensichtlich nicht stimmberechtigt sind und nicht eingeladen werden, wir haben jedenfalls keine Benachrichtigung bekommen und ich wäre sehr gerne gekommen.

  6. Poupou meint:

    @Kaltmamsell: vermutlich ist mein Handy zu klein: ich sah erstmal nur die Warnung, dass ich den Artikel ohne Anmeldung bearbeite, das Popup verdeckte den Text. Prima, wenn sich eine andere Lösung finden ließ!

    LG

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