Bov Bjerg, Auerhaus

Sonntag, 9. August 2015 um 8:51

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Den Namen Bov Bjerg hielt ich ja jahrelang für ein Pseudonym. Zum einen hatte ich sein Blog und dann den Herrn selbst zu einer Zeit kennengelernt, als bürgerliche Namen im selbst geschriebenen Web eine rare Ausnahme waren, zum anderen ging ich ohne zu überlegen davon aus, dass niemand so in Echt heißen kann. Selbst dass er diesen Namen auch für seine kabarettistischen Auftritte verwendete, störte diese Annahme nicht. Ehrlich gestanden: Erst als er mir seinen aktuellen Roman Auerhaus als Leseexemplar zuschicken ließ (vielen Dank!), erwog ich die Möglichkeit, dass der Name Bov Bjerg auch in seinem Personalausweis steht und recherchierte. Aber das macht natürlich keinen Unterschied.

§

Ich las das Buch sehr gerne. Mir gefiel die vordergründige Leichtigkeit der Sprache, ich wollte mehr über die Personen wissen, die mir die Geschichte sehr nahe brachte: In den Achtzigerjahren ziehen auf einem schwäbischen Dorf ein paar junge Leute im (damaligen) Abituralter in ein leer stehendes Haus zusammen. Einer von ihnen, Frieder, hat versucht, sich das Leben zu nehmen, seine Ärzte und Therapeuten empfehlen, dass er nicht zurück zu seinen Eltern zieht. Und so wohnen sie da zusammen, der frisch aus der Psychiatrie entlassene mit drei Klassenkameraden und -kameradinnen, später laufen ihnen zwei weitere junge Leute zu. Erzählt wird das von Höppner, dem besten Freund von Frieder, der als Mitbewohner auf ihn aufpassen soll.

Ich assoziierte bald Wolfgang Herrndorfs Bilder einer großen Liebe, auf das mit „Ich bin verrückt, aber nicht blöd!“ explizit referenziert wird (der Herrndorf-Roman beginnt „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“). Vor allem aber warf mich der Roman in Erinnerungen an meine eigenen Achtziger (die Rezensionen, die ich bislang über Auerhaus gelesen habe, weisen darauf hin, dass das vielen Lesern und Leserinnen so ging). Zwar ist mir ein damaliges schwäbisches Dorf fast so fremd wie ein finnisches, doch auch in der oberbayerischen Provinzstadt meiner Achtziger wohnten Freunde ein bisschen so. Statt Auerhaus1 hieß es „as Häusl“ („Haisl“ gesprochen), in dem „da Woidla“ mit seiner Freundin wohnte, die auch meine Freundin war. Das Haus stand in einem Vorort von Ingolstadt, war ein typischer Aussiedlerbau aus der Nachkriegszeit, gehörte dem Vater einer Schulkameradin und hatte schon eine Weile leer gestanden. Wir trafen uns darin hin und wieder vor dem abendlichen Ausgehen, verbrachten Sonntage darin. Auch wenn die Bewohner ein paar Jahre älter als die des Auerhauses waren, habe ich die Atmosphäre und die Rolle des Hauses im Freundeskreis ähnlich in Erinnerung.

Ich selbst war ganz auf der Seite der Spießer, ich brauchte nicht mal den im Roman angeführten Kokon dafür. Aber ich bilde mir ein, dass ich sehr neugierig auf die Alternativen der anderen war: Ich besuchte sie, ließ mir erzählen. Das fand ich alles höchst interessant, es war halt einfach nichts für mich. Ich fürchte, darin habe ich mich bis heute nicht verändert: Ich möchte bitte gerne in meinem Fortress of Spießigkeit leben und freue mich ungeheuer, dass mutigere und weniger konventionelle Leute mir von ihrem Leben erzählen, mich per Blog daran teilhaben lassen, mich einladen, mich sogar besuchen. Manchmal setze ich mich sogar aktiv dafür ein, dass sie ihr Nicht-Mainstream-Leben so leben dürfen/können.

Womit ich allerdings von Kindesbeinen an ein Problem hatte: Klauen und Dealen, johlend anderer Leut‘ Sachen zerstören. Das fühlte sich für mich ungerecht an.

Doch das, was in Auerhaus als Horrorwelt des Wiederholens von Erwachsenenmustern beschrieben wird, war für mich in diesem Alter aufregend und anders. Ich kam aus einer Arbeiterumgebung, ein Wiederholen von Mustern wäre in meinem Fall ein Job in der Fabrik gewesen. Wäre ich nicht in der Produktion gelandet, sondern im Büro, hätte man das schon als „es geschafft haben“ angesehen. Die Welt, in die ich über den Besuch eines humanistischen Gymnasiums kam – damals in der Provinz gleichbedeutend mit Eliteschule -, war für mich spannend, inspirierend und erstrebenswert. Die meisten meiner Mitschülerinnen wohnten in Eigenheimen – das war in meinen Kinder- und Jugendlichenaugen keineswegs spießig, sondern bedeutete unter anderem:
– Beim Gehen gedankenlos laut sein zu dürfen, weil es keine Leute in der Wohnung darunter gab, die bei allem, was sie als Lärm definierten, sofort protestierten.
– Laut Musik hören, weil es keine Leute in der Wohnung darunter… siehe oben.
– Auch zur Mittagszeit Querflöte üben zu können, weil es keine… siehe oben.
– Zwei Klos, also morgens nie Gerangel.
– Eine Geschirrspülmaschine, der ultimative Luxus.
– Ein eigener Garten zum Spielen und Herumsitzen.
Heute empfände ich ein Eigenheimleben als Gefängnis (ich! andere anders!), damals erschien es mir als Paradies.

Für mich stand fest, dass ich im Leben etwas reißen würde – müßig zu überlegen, ob ich selbst darauf gekommen war oder mir das von klein auf die Umgebung suggerierte. Was genau oder auch nur ungefähr, wusste ich nicht. Denn eigentlich hatte ich keine eigenen Ideen. Kein Wunder, dass ich als konstante Enttäuschung für mich selbst endete.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft.

§

Es freut mich sehr, wie viel Anklang Auerhaus findet, es wird in allen wichtigen Medien besprochen, durchwegs positiv.

Mehr über das Buch erfährt man zum Beispiel in Peter Praschls Besprechung für die Welt:
„Zeig mir die Achtzigerjahre in zärtlich“.

Es gibt sogar eine Neueinspielung des namengebenden Lieds:
„Our House (The Auerhaus Version) performed by Andreas Spechtl & Robert Stadlober“.

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https://youtu.be/3FIaarp3sHM

§

Mein Frieder hieß Britta.

  1. Der Sprachwissenschaftler an meiner Seite meckert allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass der Bauer die Band Madness beim Singen des Lieds so verstand: Die Briten hätten schließlich „Ah-haus“ gesungen, nicht „Auer-„. []
die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Bov Bjerg, Auerhaus

  1. Jan Gesudski meint:

    Ein schöner Text. Spricht mir mit jedem Satz aus der Seele.

  2. pazzerella meint:

    Danke für die Fußnote, durch die ich unmittelbar das Lied im Ohr hatte. Bis dahin stand ich da etwas auf dem Schlauch.

  3. Modeste meint:

    Für mich stand fest, dass ich im Leben etwas reißen würde „

    Lustig: ich habe gerade zum ersten Mal darüber nachgedacht, welche Erwartungen an mich ich eigentlich als Teenager hatte. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern. Ich glaube, ich hatte gar nicht so richtig ernsthaft mit Erfolg und Beruf gerechnet. Ich wollte damals Literaturkritikerin werden. Oder Professorin. Oder Gedichte schreiben (ich habe damals viele sehr, sehr schlechte Gedichte geschrieben, die ich irgendwann alle wegwerfen musste wegen Unerträglichkeit). Ich habe aber Beruf nie mit Geld zusammengebracht, oder auch nur mit Komfort, Lebensstandard, all das. Im Nachhinein etwas weltfremd, so alles in allem.

  4. Rob meint:

    Geht mir genauso. Mir fällt nicht ein, was ich mit 19 oder 20 wollte. Ich weiß nur, dass die bis 16 festgetackerten Ziele zum Glück nicht mehr in Frage kamen.

  5. Ina meint:

    In den Eigenheimen gab’s dann aber keinen Oppa im Obergeschoss. Meiner hat getobt wenn wir in Clogs unten übern Flur geklappert sind.

  6. ilse meint:

    Ich wollte immer Fotografin werden und einen Motorroller fahren. Fotografin bin ich irgendwie, weltfremd a la Modeste, weil’s kaum Geld bringt.
    Ach ja und – Auerhaus gab’s auch schon hier

  7. Trolleira meint:

    Ohh, das schafft Lust auf das Buch! Sehr interessant.
    Bei uns wars übrigens „da Preiß“ und der wohnte in einer alten Mühle!

  8. principe meint:

    Danke für den Hinweis, das ging tatsächlich an mir vorüber und Danke natürlich für die gscheide Besprechung. (Dabei war ich immer ziemlicher Fan vom Bov (und hielt es immer für ganz normal, dass einer der so schreibt auch so heisst))

  9. Nina meint:

    Hm, also ich war bis eben gerade nach Lesen Ihrer Fußnote davon überzeugt, dass das Lied „our house“ hieß…

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