Journal Samstag, 5. September 2015 – Hilfe für Fliehende / One Pot Pasta

Sonntag, 6. September 2015 um 9:33

Früh vom Wecker geweckt, denn ich hatte einen Termin.

Über dem Morgenkaffee erst mal auf Twitter nachgelesen, wie der Marsch der Fliehenden vom Budapester Bahnhof aus weiterging; in meiner Timeline wurden Berichterstattende vor Ort retweetet, ebenso die Koordination von Bürgerhilfe in Wien. Etwa 1200 Menschen waren zu Fuß zur Grenze nach Österreich aufgebrochen, nachdem ihnen die ungarischen Behörden die Weiterfahrt per Zug verwehrt hatten. Die sanitären und humanitären Zustände am Bahnhof waren schon seit vielen Tagen untragbar. Endlich hatte Ungarn Busse bereit gestellt. Doch die Fliehenden trauten den ungarischen Behörden nicht mehr und fürchteten, dass sie statt nach Österreich wieder in ein abgelegenes Lager gebracht werden sollten: Erst als Journalisten und Journalistinnen mit einstiegen, füllte sich der Konvoi.

Am Wiener Westbahnhof war den ganzen Freitag über Hilfe koordiniert worden: Die Tausende Menschen wurden wohl organisiert erwartet.

Während sie weiterfuhren nach München, nahm ich mir endlich mal wieder Zeit, bei Diakonia Spenden zu sortieren. (Die Frau auf dem Websitefoto ist Nicole. Sie schmeißt die Kleiderkammer, verbringt dort gerade auch ihr Wochenende, erklärt geduldig und unermüdlich, strahlt eine mitreißende Freude und Energie aus.) Ich hatte mich vor zwei Wochen angemeldet, da war die Helfendenliste für den Tag schon fast voll gewesen.

Im Januar war die Sammel- und Sortierstelle der Diakonia noch an der Dachauer Straße gelegen, im Nordwesten Münchens. Inzwischen ist sie umgezogen, ich radelte weit hinaus in den Osten nach Trudering. Zu meiner großen Erleichterung regnete es nicht wie angekündigt, sondern war nur kühl und bedeckt.

Wir Helfenden wurden diesmal zackig angeleitet: Wir hätten einen Notfall, Tausende Flüchtlinge würden noch am selben Tag am Münchner Hauptbahnhof erwartet. Dringend benötigt würden Oberteile und Hosen für Männer in den Größen S und M, deshalb wurden wir gebeten, die Kleiderspenden danach zu sortieren. Alles andere wurde grober sortiert, Kleidung in sofort verwendbar oder nicht, Schuhe, Hygieneartikel, Kuscheltiere, Gürtel, Spiele und Weiteres in extra Behälter. Auch diesmal wurden hohe Ansprüche an die Kleidungsstücke gestellt, die den Fliehenden angeboten wurden: Nichts Beschädigtes oder Verschmutztes (sie haben kein Flickzeug und keine Möglichkeit Wäsche zu waschen), nichts Abgetragenes (Ärmel-, Kragen- und Hosenkanten!) und Ausgewaschenes – eine Frage von Respekt und Würde. Die bei der Prüfung ausgemusterte Kleidung, so wurde uns immer wieder versichert, würde anderer Weiterverwertung zugeführt, von Reparatur und Verkauf bis Faserverwertung, zum Teil durch andere Stellen der Diakonia, zum Teil durch Partner. Die finanziellen Einnahmen dieser Verwertung würden für den Zukauf von dringend Benötigtem verwendet, gestriges Beispiel war Herrenunterwäsche.1

Es war wieder ein sehr fröhliches Sortieren, Hand in Hand mit unterschiedlichen Menschen, in einer sehr produktiven Atmosphäre, in der sich jeder verantwortlich fühlte, volle Säcke zu schließen und weiterzutransportieren, neue zu besorgen und zu beschriften, den anderen nicht im Weg herumzustehen. Unter den Helfenden einige, denen deutlich anzuhören war, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache war – wenn das mal keine perfekte Integration ist.

150905_Diakonia

Immer wieder öffneten wir Spendensäcke und Koffer, die die Hilfeaufrufe eindeutig zum schlichten Kellerausmisten genutzt hatten: Dreckige Schuhe, verschimmelte Schuhe, völlig verdreckte Kleidung, ein originalverpacktes Hundebett, Stofffetzen kamen uns entgegen (Koordinatorin Nicole deutete noch weniger appetitliche Funde in der Vergangenheit an). Es fiel mir schwer, auch dahinter guten Willen zu sehen.
Dann wieder ganze Ladungen offensichtlich kaum getragener Kleidung, frisch gewaschen duftend und liebevoll zusammengelegt. Wenn sie dann noch die gestern gesuchten Größen hatten, ging schon mal ein Freudenjuchzer durch die Halle.

Am Nachmittag radelte ich wieder trocken zurück. Die 20-Uhr-Tagesschau meldete, dass am Samstag bislang 2700 Fliehende am Münchner Hauptbahnhof eingetroffen waren, nochmal so viele erwartet würden.

Es ist so großartig, wie viele Menschen helfen wollen – ich habe die Hoffnung, dass in unserer Gesellschaft gerade wirklich etwas passiert. Aber es wäre auch klasse, wenn die Hilfe in erster Linie hilft und nicht in erster Linie dem Hilfeimpuls der Helfenden folgt. Einfach an den Hauptbahnhof zu fahren und zu erwarten, mit anpacken zu können, ist zum Beispiel keine gute Idee (auch wenn die Dutzenden Münchnerinnen und Münchner, die den Ankommenden applaudieren, wirklich wichtig sind).
Hier ein Appell auf Facebook:

Wenn die Lager also zum Bersten voll sind, macht es keinen Sinn die eigene Spende mit Gewalt noch irgendwo unterbringen zu wollen. Das hilft nicht, sondern macht Arbeit und stiehlt Zeit.

Wenn Helferlisten voll sind, braucht man nicht anrufen oder einfach vor der Tür stehen um die Verantwortlichen zu überzeugen, einen doch noch „mitspielen“ zu lassen. Auch das verursacht nur unnötigen Stress und nimmt Zeit in Anspruch, die sinnvoller genutzt werden könnte.

Privates Verteilen von Spenden etc. vor Unterkünften mag einem selbst ein tolles Gefühl bescheren, weil man in die „strahlenden Augen“ Einzelner blickt, ist aber im Normalfall nicht fair und verursacht oftmals große Probleme.

Wenn Sie in München helfen wollen: Unter anderem das Portal muenchen.de aktualisiert laufend Hinweise und Tipps.

(Ich habe noch einen Freund im Ohr, der Anfang des Jahres seine Management- und Organisationsexpertise Hilfsorganisationen ehrenamtlich anbot und vergnatzt war, dass man diese nicht annahm: „Ich geh doch nicht Kleider sortieren!“ Es mag meine innere brave Befehlsempfängerin oder meine innere Kibbuznik sein: Ich lasse mir gerne von den Organisatoren mit Überblick sagen, wo Anpacken gerade am dringendsten gebraucht wird und stelle mich zur Verfügung.)

Wie es weitergeht? Nein, ich glaube nicht, dass die Zukunft mit Tausenden Geflohenen und Entwurzelten in Europa einfach wird. Aber ich bin überzeugt, dass sie für alle bereichernd zu schaffen ist.

Was diesmal niemand behaupten können wird: Sie hätten nichts gewusst.

Und wie die hiesigen Geschehnisse der vergangenen Wochen wohl bei den Fliehenden ankommen? Sie sehen meiner Einschätzung nach in erster Linie Freiheit und Demokratie. Sie sehen: Selbst wenn Behörden versagen wie in den ersten Wochen mit einer anscheinend unerwartet großen Anzahl von Ankömmlingen, helfen Bürger. Weil sie frei sind, weil sie gewohnt sind, dass sie eigenständig handeln dürfen, weil sie nicht in Gewalt und Unterdrückung leben.

§

Auf dem Heiweg kaufte ich noch ein wenig ein. Herr Kaltmamsell ist auf Reisen, so probierte ich abends das Rezept „One Pot Pasta“ aus, das seit einiger Zeit durch mein Internet geht. Zumal @vinoroma gute Erfahrungen damit gemacht hatte.

Bei mir war das Ergebnis ein Desaster, schon nach drei der neun Kochminuten begannen die Spaghetti beim Umrühren zu verpomfen, bei gleichzeitig dunkler (=roher) Farbe. Zum Schluss hatte ich Nudelbrei.

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  1. Alle Fehler in dieser Erklärung sind meine Missverständnisse und gehen auf mein Konto, ich bin natürlich keine Sprecherin der Diakonia. []
die Kaltmamsell

17 Kommentare zu „Journal Samstag, 5. September 2015 – Hilfe für Fliehende / One Pot Pasta“

  1. Sjule meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Nicole meint:

    Die Diskussion um „richtig“ helfen ist schwierig, weil sie auf zwei Ebenen läuft: einer rationalen und einer emotionalen. Natürlich ist es weniger sympathisch, wenn Leute vor allem zugunsten ihrer Selbstbildpflege mit anpacken (wollen). Und aus Sicht der Organisationen/Freiwilligen ist es natürlich anstrengend, wenn Leute versuchen, ohne Plan mit anzupacken.

    Ich habe mich auch schon bei Bildern von Tamponbergen bei dem Gedanken erwischt „Tampons für Frauen aus vorwiegend muslimischen Ländern. Wie gedankenlos kann man sein?“

    ABER. Selbst wenn es das Falsche oder zumindest nicht ganz Richtige ist, das Leute bringen. Selbst wenn sie es tun, um hinterher davon berichten zu können – sie tun etwas. Das ist ein Wert an sich. Und: Sie lernen dazu, wenn sie offen sind. Und das scheinen sehr viele zu sein.

    Wenn man wenigstens etwas Gutes am Flüchtlingsthema entdecken kann, ist es vielleicht das.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ja, das stimmt, Nicole, und ich wage zu hoffen, dass das die Gesellschaft positiv verändert.
    Ich befürchte allerdings, dass gerade die nur emotional helfenden auch schnell emotional vor den Kopf (vors Herz?) gestoßen sind: Wenn die Berufshelfer irgendwann keine Energie mehr haben, sich für alles zu bedanken und auf jedes Hilfebedürfnis einzugehen. Wenn die Kindern aufgedrängten Schokoladentafeln irgendwann halb gegessen auf dem Boden landen. Und dass dann ihre vorherigen Resentiments umso heftiger zurückkehren.

  4. Ulla meint:

    Genau, ich finde es völlig falsch sich an den Bahnhof zu stellen und als Zuschauer den Kindern massenweise Süßigkeiten aufzudrängen. Ich frage mich da, welches Helfersyndrom (oder Gaffersyndrom)da befriedigt wird.

  5. doro meint:

    Danke für den Bericht über Flüchtende in München, als Leserin diverser Nachrichtenseiten (Internet und Zeitung) fühlt man sich immer noch sehr weit entfernt vom Geschehen.

    Zur „one pan pasta“ fand ich den Kommentar von „mariorenzi“ unter Martha Stewarts Rezept (http://www.marthastewart.com/978784/one-pan-pasta?search_key=One-Pan%20Pasta) ziemlich treffend:
    … And now my recipe: it takes 9 minutes too, cook the ingredients in a straight-sided skillet and at the same time boil the linguine in a separated pot for 8 minutes, drain the pasta and add to the ingredients and cook for a minute more, done.
    Zwar nicht one pan funktioniert aber definitiv besser ;-)

  6. Nicole meint:

    Ich bin mir nicht sicher, dass es Leute mit zuvor tief sitzenden Ressentiments sind, die Schokolade verteilen (aufdrängen? Habe ich so von niemandem gehört, der/die dort war. Ich finde es auch unfair, so harsch zu urteilen wie Ulla. Man sollte nicht im Vorfeld gut Gemeintes niederreden, sondern, genau, lieber überlegen, was passieren kann, und sich drauf einstellen. Aber ich bin auch keine Fachfrau.)

  7. Trulla meint:

    @ Ulla
    Ich sehe es genauso, das hat mit Helfen nichts zu tun. Und es erinnert mich an die Peinlichkeiten zur Zeit der Wende, als unzählige Trabbis in den Westen rollten, um Freiheit wahrzunehmen und begrüßt wurden von Menschen, die Apfelsinen und Bananen in die Autos reichten und hinterher beleidigt waren, nicht mit Dank überschüttet worden zu sein.

  8. Sigourney meint:

    @ Nicole
    Äh, muslimische Frauen benutzen keine Tampons? Ich habe sicher mindestens mal durchschnittliche Allgemeinbildung und das war mir nicht bekannt. Wenn man das googelt, kommt auch gar nix Eindeutiges dazu heraus. Woher ist diese Info?

  9. Nicole meint:

    Ich habe in den letzten Jahren viel in islamischen Ländern gearbeitet, muslimische Freundinnen und Kontakt zu NGOs, die in Kriegsgebieten tätig sind.

  10. maz meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  11. Nicole meint:

    Trulla und Ulla (ist das Zufall?): Ich hoffe, niemals so verengt negativ zu denken, um so viel Schlechtes in womöglich naiv Gutes zu dichten.

    Und der Vergleich mit dem Mauerfall – den finde ich sehr bemüht. Da haben Menschen ihre Regierung mittels Revolution abgesetzt und sind nicht aus ihrer Heimat geflohen, alles und fast jeden zurücklassend.

  12. Trulla meint:

    @ Nicole

    Den Vergleich, den Sie mir unterstellen, habe ich nicht gezogen.

    Und – nur weil eine Handlung gut gemeint
    ist, muss sie es nicht zwangsläufig sein.

  13. Nicole meint:

    Da haben Sie Recht. Ich warte aber lieber auf die erste Negativrückmeldung, bevor ich etwas schlecht finde, das die Flüchtlinge, die so aufgenommen wurden und mit denen ich gesprochen habe, ihrer Aussage nach sehr schön fanden. Repräsentativ ist das aber sicherlich nicht.

    Und sorry, wenn ich „erinnert mich an“ als Einleitung zu einem Vergleich verstehe. Dann ist das ein klassisches Missverständnis.

  14. susann meint:

    Für mich hat das Ganze so den Beigeschmack von „holier than thou“ – einer Art olympischen Dispziplin, da gibt’s die Goldhelfer, die alles richtig machen und nicht noch kariesfördernde Schokolade verteilen, um sich selbst gut vorzukommen, dann die Silberhelfer, die sich diskret im Hintergrund halten, aber dann doch Tampons abgeben, und abgeschlagen auf allen hinteren Rängen die, denen man Egoismus oder ein Helfersyndrom unterstellen kann…schade, dass selbst hier unterschieden wird zwischen Würdigen und Unwürdigen, wobei die Einteilung selbstverständlich durch die Würdigen vorgenommen wird…

  15. die Kaltmamsell meint:

    Ja, susann, die Metaebene der Analyseanalysten gibt es natürlich auch noch.

  16. Nicole meint:

    Susann: „Selbstaffirmativ“ nannte eine Kollegin diese Haltung heute Morgen. Und wurde von einer weiteren Kollegin dafür als „borniert“ bezeichnet. Daraufhin Gelächter. Und weiterhelfen. Man sollte (sich und alles) vielleicht nicht zu ernst nehmen – auch und gerade, wenn es sehr ernst ist.

  17. antje meint:

    Und einfach fragen vorm helfen? Ist ja nicht so schwierig, heutzutage noch leichter als einstmals.

    Und deswegen bin ich mit meiner Hilfe für Flüchtlinge hier im 3Ländereck noch auf dem Weg, weil jetzt die Verantwortlichen für Begegnung und Begleitung von Migrant_innen (CH) bzw. Sprachunterricht (D), nachdem sie mich kennengelernt haben (freie Zeit, Fremdsprachen, Vorwissen) und meine Wohnung angeguckt haben, überlegen wo und wie ich – auch ihnen – am besten helfen kann.

    Finde ich gut so. Weil die Mühen der Ebene kommen jetzt erst. Für alle.

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