Journal Donnerstag bis Sonntag, 21.-24. Januar 2016 – vorerst Winterende

Montag, 25. Januar 2016 um 7:36

Donnerstag entdeckte ich auf Twitter den Account Ravenmaster. Der twitternde Herr arbeitet für den Tower of London und ist für die sechs (plus zwei Reserve-) Raben zuständig, die seit der Viktorianik schon immer dort gehalten werden. Von denen postet er Bilder und Filmchen – an denen unter anderem schön sichtbar wird, wie groß der Unterschied zu Krähen ist.

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Freitagmorgen absolvierte ich im heimischen Wohnzimmer eine halbe Stunde Krafttraining, dann holte ich mir bei der Hausärztin ein neues Rezept für Migränemittel ab. Dass ich es mit dem unwillkürlichen Gedanken „main Schaaaaatz!“ entgegennahm, beweist mir mehr als manch anderes, wie schlimm die großen Migräneattacken für mich sind und welchen Horror ich davor habe, jemals wieder ohne Medikament eine ungeschützt und ganz durchleben zu müssen.

Nach Feierabend Treffen mit meiner Leserunde zu Richard Yates‘ Cold Spring Harbour: Hatte uns allen gefallen, aber kaum jemand fand es so besonders gut wie ich. Ich hatte die scheinbar nüchterne Sprache gemocht, mit der Yates den Figuren Raum zur Entfaltung gibt, die fast tragische Unausweichlichkeit der zwischenmenschlichen Mechanismen in den frühen 40ern an der amerikanischen Ostküste. Ich hatte mich oft an Jane Austen erinnert gefühlt: Der formalisierte gesellschaftliche Umgang, der schlimme Probleme unter den Teppich kehrt, die extrem wenigen Optionen, die das Leben Frauen ließ, Selbstbetrug als Lebenserhaltungsmaßnahme.

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Samstag den schlimmsten Eisregen verschlafen, der in den frühen Morgenstunden München überzog. Für den Vormittag hatte ich mir eine 45-Minuten-Folge bei Fitnessblender ausgesucht, auch die gefiel mir gut: Die Übungen werden sorgfältig erklärt und gezeigt, die Stimmung ist ruhig und freundlich.

Nach einer Einkaufsrunde bereitete ich Dorschbrot zu. Ich habe das Rezept von einer Studienfreundin: Sie hatte eine kleine Gruppe Freunde damals nach München in die Neuhausener Altbauwohnung ihrer Eltern eingeladen (wir wohnten und studierten ja in Augsburg) und dort Familienrezepte serviert. Wir kochten ohnehin oft füreinander: Wo unsere wilden Altersgenossen Nächte in Discos verbrachten, trafen wir uns zum gemeinsamen Essen. Dorschbrot scheint etwas sehr Spezielles zu sein, nicht mal Google kannte es. Das ändert sich hiermit, ich habe das Rezept aufgeschrieben.

160123_06_Dorschbrot

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Bis Sonntag war der Winter fast verschwunden, die Temperaturen stiegen in deutliche Plus-Regionen. Ich radelte vormittags zu einer Hüpfstunde am Ostbahnhof, verbrachte den Nachmittag über Ostfriesentee und Kuchen mit Kunstgeschichtegesprächen.

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Der Blogger Kurzhaarschnitt hat die Geschichte seiner Frau aufgeschrieben und schildert bedrückend nachvollziehbar das juristische Dilemma und die Folgen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit:
„Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.“

Auch bemerkenswert ist die Geschichte wegen ihres Trigger Warnings, das den Sinn solch eines Hinweises erklärt:

Liebe Leserinnen und Leser, Smartphones und Laptops ermöglichen uns, Texte wie diesen jederzeit und überall zu lesen, ob nun zu Hause, an der Arbeit in der Pause, im Wartezimmer beim Arzt oder, oder, oder. Jedoch gibt es Momente, in denen aus verschiedenen Gründen die Konfrontation mit manchen Themen für einige Menschen ein Problem darstellen kann. Damit Sie eine Chance haben, zu entscheiden, ob Sie diesen Text zu diesem Zeitpunkt lesen wollen/können, möchte ich Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass er se*uellen M*ssbr*uch thematisiert.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, wie sehr ich mich zum einen an diese Technik gewöhnt habe, die ich hauptsächlich aus dem angloamerikanischen Raum kenne: Dass vor einem Text auf Themen hingewiesen wird, die manchen Menschen zu nahe gehen könnten. Und wie sinnvoll das aus genau den oben genannten Gründen ist. In deutschen Medien habe ich über diese Entwicklung noch nie sachlich gelesen; wenn überhaupt, taucht sie ins Lächerliche überzogen auf. Als Beispiel für Zwang zu etwas, was bescheuerterweise als political correctness diffamiert wird.

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Meine Geburtsstadt hat einen Imagefilm veröffentlicht und geschafft, kein einziges Auto darin vorkommen zu lassen – eine Meisterleistung.

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https://youtu.be/y_BwBh2nq74

Übrigens sieht ein Hopfengarten nach der Ernte keineswegs so aus wie der, durch den im Filmchen der Pferdewagen (ROFL) rollt: Statt grün und bewachsen ist er nach der Ernte nackig, denn die Pflanze wird vom „Roreißa“ (Hinunterreißer) mitsamt dem Draht, an dem sie hochgewachsen ist, auf dem Boden befördert. Zumindest scheint sich diese Stadt ihrer Wirklichkeit genug zu schämen, dass sie sie im Imagefilm lieber gar nicht erst vorkommen lässt.

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die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Donnerstag bis Sonntag, 21.-24. Januar 2016 – vorerst Winterende“

  1. Berit meint:

    Vielen Dank für den Link zum Herrn Kurzhaarschnitt. Ein sehr berührender und wichtiger Text.

  2. Usul meint:

    Trigger-Warnungen hätte ich gern bei Filmen. In der Regel schaue ich mir Filme mit sexuellem Mißbrauch/Vergewaltigungen nicht an, und falls doch, versuche ich das in einer Umgebung zu tun, in der ich problemlos spulen kann. Im Kino will ich sowas auf keinen Fall sehen.

  3. Steffi meint:

    Usul, genauso geht es mir auch. Und wenn ich dann doch davon überrascht werde, fühle ich mich – ich kann es nicht anders sagen – selbst irgendwie missbraucht. Sowas werd ich dann auch nicht mehr so leicht los, manche Szenen verfolgen mich jahrelang. In Romanen wären die Trigger-Warnungen übrigens auch gut!
    Ihnen, liebe Kaltmamsell, mal wieder vielen Dank für die interessanten Links. Und das Dorschbrot muss ich unbedingt ausprobieren, das klingt köstlich.

  4. Sigourney meint:

    „Main Schaaatz“ kann ich so gut nachempfinden!

  5. Croco meint:

    Der Schatz in meiner Handttasche ist die Packung mit dem Nasenspray und dem Magenmittel bei Migräne. Wo ich jetzt darüber nachdenke: Im letzten Jahr hatte ich kein einziges Mal Migräne, unglaublich!
    Danke auch für den Text von Herrn Kurzhaarschnitt über seine bewundernswerte Frau. Ich glaube, ich hätte mich an ihm gerächt, auf ganz fiese Art. Aber was weiß ich schon, ich behütetes Kind…
    Meine Großmutter war auch “ Hopfen zopfen“, so hieß das Herunterreißen der Hofpenranken und das Abpflücken der Blüten. Am Bodensee war das. Das muss eine sehr anstrengende Arbeit gewesen sein. Aber im Film hüpfen ja alle vor Freude ;)

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