Journal Montag, 11. April 2016 – Ausbruch der Referenzkirsche

Dienstag, 12. April 2016 um 6:17

160411_05_Theresienwiese

Auf dem Weg in die Arbeit: Der Aufbau des Frühlingsfests dauert zwei Wochen (Aufbau Oktoberfest zwei Monate).

160411_11_Kirschblueten

160411_13_Kirschblueten

Auf dem Weg nach Hause: Die Referenzkirschbäume sind voll in Blüten ausgebrochen.

Als Abendessen geplant waren Fleischpflanzerl (die ich noch nie nach Rezept gemacht habe, wie mir gerade auffällt, wo ich sogar für Pfannkuchen ein Rezept brauche). Doch schon auf dem Heimweg wünschte ich sie mir nicht klassisch bayrisch, sondern – meinem Wohnort im Bahnhofsviertel geschuldet? – orientalisch: Gewürzt nicht nur mit angedünsteter Zwiebel, sondern auch mit Knoblauch, Oregano, Harissa, zudem mit Schafskäse gefüllt. Dazu machte Herr Kaltmamsell ein noch orientalischeres Püree aus weißen Bohnen, Tahini, Knoblauch, Zitronensaft, Olivenöl.

160411_17_Fleischpflanzerl

Es war ein sehr gutes Abendbrot.

§

Auf kleinerdrei macht sich Barbara Gedanken darüber, welche Auswirkungen der Überfluss und die Geschenkeflut haben, unter der ihre kleinen Kinder begraben werden:
„Der Osterhase hat ein Fahrrad gebracht.“

Unter anderem weist sie darauf hin, wie groß ihre Entfernung zu Familien geworden ist, die in materiellem Mangel leben.
Diese Ungleichheit ist relevanter, als es auf den ersten Blick aussieht. Wissenschaftler haben schon lange herausgefunden, dass für die Zufriedenheit mit Gehalt und auch sonst mit materiellem Wohlstand gilt: Nicht der absolute Besitz gibt den Ausschlag, sondern der Wohlstand/das Gehalt im Vergleich zur Umgebung.

Wenn wir Alten (jetz lassen’S mich halt) krückstockfuchteln: „Mia ham ja nix g’habt!“, dann ist daran wichtig, das auch sonst niemand etwas hatte. Ein neues paar Schuhe war eine Investition, für Eis musste ich mein Taschengeld hernehmen, Restaurantbesuche waren für meine Eltern als Aspiranten auf ein eigenes Häusl nicht drin – aber so ging es allen. (Das Argument meiner Mutter, dass ich irgendetwas nicht gekauft bekam, von Eis bis Billigspielzeug, war übrigens keineswegs: „Dafür haben wir kein Geld.“, sondern: „Des braucht’s net.“)

Das hat sich mittlerweile völlig verändert: An derselben Klassenfahrt nehmen Schülerinnen teil, die eine Kreditkarte mitbekommen, damit sie bei Nichtgefallen der gebotenen Speisen Pizza bestellen können. Und gleichzeitig Schülerinnen, deren Eltern einen finanziellen Zuschuss beantragen mussten, damit sie überhaupt mitfahren konnten. Diese immer größer werdende Schere ist auf vielen Ebenen bedenklich.

Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass der/diejenige viel Geld verdient, die klug ist und hart arbeitet und viel Geld verdient. Solange ich der Meinung war, dass das stimmt, konnte ich Ungerechtigkeiten, die ich gesehen habe, ganz gut verkraften. Je mehr ich sehe, dass der Zusammenhang zwischen harter Arbeit, großer Verantwortung und gutem Verdienst ein Fantasiegespinst ist, desto weniger komme ich damit klar – und desto schwieriger finde ich es, es meinen Kindern zu erklären.

§

Bella hat eine worst case-Beerdigung erlebt. Und nutzt die Gelegenheit, vor dem bösesten Schnitzern zu diesem Anlass zu warnen.
„Kyrie eleison – Ableben mit Stil“.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Montag, 11. April 2016 – Ausbruch der Referenzkirsche“

  1. Micha meint:

    Folgende amerikanische Studie, wonach Gehirne von Kindern aus sozial schwachen Familien deutlich schlechter entwickelt sind als die aus wohlhabenderen, birgt zusätzliches Konfliktpotenial in der Diskussion um angebliche Chancengleichheit:
    http://www.stern.de/panorama/wissen/mensch/hirnforschung–wie-armut-kinder-praegt-6784426.html

  2. Christine meint:

    Über das Thema mit den Dingen, die wir meiner Tochter kaufen, habe ich mir auch schon viele Gedanken gemacht.
    Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich ihr und mir jederzeit alles kaufen kann, was ich möchte. Nicht nur, dass das Kind bei jedem Einkauf im Supermarkt etwas extra bekommt, sondern auch größere Dinge sind finanziell gesehen eigentlich immer drin. Darüberhinaus ist die Kleine quasi das einzige Enkelkind von beiden Großelternseiten und auch hier kräftig verwöhnt. Und ich weiss nicht wie ich sie darauf vorbereiten soll, dass es etwas auch mal nicht gibt. Um sich dann hinterher um so mehr darüber zu freuen.
    Als Kind bin ich auch in einem Haushalt mit knapper Finanzlage aufgewachsen und kenne es eigentlich nicht anders. Vielleicht geniesse ich meine finanzielle Freiheit deshalb um so mehr? Und wieso das Kind unnötig quälen?
    Wie man es macht, so macht man es verkehrt.

  3. Kitty Koma meint:

    Über die Geschenkeflut für Kinder denke ich auch schon länger nach. Meine Tochter wurde von den Großeltern und Uromas ebenfalls mit üppigen Geschenken bedacht (einziges Enkel für lange Zeit). Nicht dass eine Urgroßtante die Babypuppe schenkte und eine Uroma den Puppenwagen, wie besprochen. Im Puppenwagen lag die Puppe schon drin. Und die andere Urgroßtante kam einen Tag später mit mit noch einer. Es kamen halt sehr viel sparsame Rentner auf sehr wenig Enkel und Urenkel. Dazu kamen dann noch Freunde und Bekannte, die unbedingt für einen Moment mit einem billigen Kuscheltier leuchtende Kinderaugen sehen wollten. Dass das dann irgendwann fast 100 Stück waren, war egal.

    Ich in einem Land aufgewachsen, wo es qua Staatspolitik (offiziell) keine Reichen gab. Alle waren halbwegs gleich grundversorgt, Luxus war knapp. Ich kann mir also kaum ein Urteil erlauben, wie es früher™ im Westen war. Ich kenne nur die Erzählungen anderer meiner Generation.
    Aus denen schließend, habe ich das Gefühl, dass es früher genauso viele bitter arme Menschen/Kinder gab. Dass aber soziale Unterschiede unter Kindern nicht als skandalös empfunden wurden (war eben so) und dass vielen bürgerlichen Kindern im Bezug auf ärmere Menschen vornehme Zurückhaltung beigebracht wurde. Dazu kam eine Erziehung, die ohnehin strenge Grenzen setzte und Selbstbeherrschung trainierte. Die wohlhabenden Kinder unter meinen Freunden mussten materiell immer wieder verzichten, ihnen wurde der Wert der Dinge und Lebensumstände beigebracht.
    Ein Eis für einen Fünfjährigen nach einer anstrengenden Bergbesteigung? Nein. Zu teuer. Ein Eis im Alltag? Gab es nicht. Und diese Familie war reich.
    Auch wenn das Reichenkind mit dem Zwanzigmarkschein auf Klassenfahrt Pizza gekauft hätte – sicher nicht mit elterlicher Sanktion.

    Wenn oberste Erziehungsmaxime ist, dass alles erreichbar ist und ein Kind auf gar keinen Fall zu frustriert werden darf, schlagen die sozialen Unterschiede doppelt und dreifach durch. (Dafür muss es gar nicht mehr arme Kinder geben.) Das Kind einer armen Familie wird automatisch frustriert, weil das Kind der wohlhabenden Familie auf gar keinen Fall frustriert werden darf und alles erreichen kann, was es will.

    Dass harte Arbeit derzeit keinen Aufstiegsgarantie ist und auch bei Bildung demnächst eine Grenze erreicht sein wird (wenn 50% eines Jahrgangs studieren, gibt es trotzdem nicht mehr krisensichere, gut bezahlte Arbeit) ist allerdings kein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass arme Kinder dort bleiben werden, wo sie sind.

    (Ich bitte um Entschuldigung für den langen Kommentar. Das wollte raus.)

  4. Tim meint:

    Mal ein anderer Aspekt. Die Familien sind kleiner geworden, oft nur 1-2 Kinder, 1-2 Enkelkinder. Gleichzeitig leben die „Oma/Opas“ länger und die kommunikative Vernetzung hat auch Familien erfasst. Die „erweiterte Familie nimmt an der Entwicklung und Leben des Kindes mehr teil und dadurch auch die Motivation durch Geschenke zum Leben des Kindes beizutragen.

  5. Petra meint:

    Das ist eine Problematik, die ich auch schon länger sehe. Besonders auch der fehlende Zusammenhang zwischen Leistung und „Erfolg“ bzw. Wohlhabenheit macht es sehr schwierig, die Enkel zu schulischen Leistungen zu motivieren, da sie ja sehen, dass es offensichtlich so nicht ist.

  6. Croco meint:

    In unserer kleinen Stadt gab es eine Siedlung, dort wohnten die Flüchtlinge. Sie kamen aus Ungarn, Schlesien und dem Sudetenland. In einem Häuschen wohnten drei Familien dicht an dicht. Die Kinderzimmer hatten Stockbetten und alles war eng aber lustig. Dort wohnten meine Freundinnen. Wir wohnten mitten im Städtchen, mit Parkettboden und drei Wohnzimmern. Das gefiel meinen Freundinnen.
    Sie bekamen Taschengeld, ich nicht. Meine Geschenke waren Silberbesteck und Damastbettwäsche. Schnickschnack hatten die Freundinnen. Ich hatte wenig Freiheiten und hätte oft gerne getauscht.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen