Journal Mittwoch, 21. September 2016 – Bayerisches Nationalmuseum, Der große Glander

Donnerstag, 22. September 2016 um 8:52

Wer schon wieder um halb sechs Uhr aufwacht, hat dann zumindest bis zum Mittagsläuten
– gebloggt
– einen rosenfingrigen Sonnenaufgang gesehen
– Morgenkaffee getrunken
– den restlichen Bügelberg gebügelt und verräumt
– Schuhe geputzt und die Wanderstiefel gründlich eingefettet
– ein ausgiebiges Vollbad genommen – mir war so kalt
– sich gecremt und gekleidet
– gefrühstückt und dabei die Tageszeitung gelesen
– drei paar Schuhe zur Schusterin gebracht und mit dieser ausgiebig geratscht
– ein wenig Lebensmittel eingekauft

Und steht kurz nach Mittag vorm Bayerischen Nationalmuseum.

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Der Spitzname, den die Münchner diesem Museum geben, „Bayerische Rumpelkammer“, passt heute wirklich nicht mehr: Der riesige Ausstellungsteil Barock, der 2015 wiedereröffnet wurde, ist ebenso sorgfältig luftig, schön ausgeleuchtet und informativ präsentiert wie die Sammlungen aus Romanik und Renaissance.

Ich ging chronologisch vor (nachdem mir ein freundlicher Angestellter auf meine Frage Ort und Funktionsweise der Schließfächer von Grund auf erklärt hatte – die Museumsräume waren gut geheizt) und hatte bereits so viel Zeit mit Romanik bis Renaissance verbracht, dass ich durch den Barockteil lediglich schlenderte und nur vereinzelte Exponate genauer besah. Lange hielt ich mich nach dem ersten „Holy Shit!“-Moment in der Zunftstube der Augsburger Weber auf, für die das Museum seinerzeit einen eigenen Raum gebaut hatte. Ich kenne das Weberhaus in Augsburg und habe während meines Studiums ein Seminar über Augsburg im Späten Mittelalter besucht, konnte also einiges ein wenig einordnen. Es gab ohnehin viele solche Vertrautheitsmomente in der Romanik- und Gotikausstellung: Ortsnamen, Bezüge zu ebenfalls vertrauten Werken – schließlich bin ich in der Stadt aufgewachsen, die unter anderem die erste bayerische Hochschule beheimatete.

Viel Zeit verbrachte ich auch im Raum mit den Sandtner-Modellen bayerischer Residenzstädte (nur schwach beleuchtet, vermutlich wegen der Tapisserien an den Wänden), auch wegen der Druckplatten für die zeitgenössische Landkarte.

Auffallend: Die fast schon als Stolpersteine aufgestellten Erklärtäfelchen vor Vitrinen und Exponaten, die auf die Provenienz von Objekten aus der Sammlung Hermann Görings hinwiesen. Mit einem Forschungsprojekt der Provenienzforscherin Dr. Ilse von zur Mühlen geht das Museum seit 2014 der genauen Herkunft von 430 Ausstellungsstücken nach, die zwischen 1961 und 2004 aus der Sammlung Görings in den Bestand kamen. (Dachte man davor: „Sammlung Görings? Ach, der hat’s vermutlich am Flohmarkt gekauft, wo er am Sonntag immer war.“?)

Im Untergeschoß mit seinen Ausstellungen zu Möbeln und Geschirr war ich erst gar nicht, ich nahm mir dringend mindestens einen weiteren Besuch des Museums vor. Überhaupt begegnete ich während der etwa zweieinhalb Stunden meines Aufenthalts (für mehr reicht meine Aufmerksamkeit nicht) nur einem halben Dutzend anderer Besucherinnen und Besuchern – da sah ich ja mehr Museumspersonal. Gerade der neu gestaltete Barockteil ist doch eigentlich ausgesprochen attraktiv für Touristen, gerade aus dem Ausland – wo sie doch eh alle zur Eisbachwelle nebenan pilgern. Hat das Museum vielleicht zu wenig Budget für Öffentlichkeitsarbeit? Oder ist nicht zu viel Aufsehen gewünscht? (Die meisten sensationellen Exponate stehen frei und sind nicht durch Glasvitrinen geschützt.)

Exponat des Monats ist „ein seltenes Frauenwams aus dem 17. Jahrhundert“, heute um 18 Uhr gibt’s eine Führung dazu – falls Sie zufällig Zeit haben.

(Meine Fotos traue ich mich nicht hier einzustellen, weil es keinerlei Angaben zu Fotografier- und Veröffentlichungsregelung auf der Website gibt.)

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Der Vormittag war hochneblig gewesen, auf meinem Heimweg durchs Lehel schien die Sonne.

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Daheim las ich Der große Glander von Stevan Paul aus und fühlte mich sehr gut unterhalten. Da es in diesem Roman so viel um Speisen und Getränke, deren Zubereitung, ihr Aussehen, ihren Duft, ihre Geschmacksnuancen geht, ist die Versuchung stark, auch den Roman so zu beschreiben: Süffig ist er, durch und durch, würzig ohne zu überfordern, rund abgeschmeckt, handwerklich sorgfältig zubereitet.

Die Geschichte des Malers und Kochs Glander wird nicht linear erzählt: Während die Haupthandlung (Kunstzeitschriftenredakteur recherchiert den Verbleib eines vor elf Jahren verschwundenen Künstlers) voranschreitet, springen dazwischen Kapitel in die Vergangenheit, indem sie die Vorgeschichten einzelner Romanfiguren beleuchten. Das ist sehr gut gemacht. Eingeflochten sind auch, immer an passender Stelle, Plädoyers für gutes Essen und Trinken, für deren Bedeutung. Die Figuren sind glaubwürdig, Landschaften und gesellschaftlicher Hintergrund werden lebendig und nachvollziehbar beschrieben, Robert de Niro ist ein witziger roter Faden.

Herummäkeln möchte ich lediglich am einen oder anderen Sprachklischee; hier hätte ein härterer Streichstift der Lektoren gut getan.

Völlig rausgefallen aus dem so abgerundeten Werk ist allerdings ausgerechnet das zweiseitige Eingangskapitel: Beschrieben wird die (Haus-)Geburt des Protagonisten, und nicht nur muss der einzige Geburtshelfer, der Kindsvater, „noch mehr heißes Wasser“ bringen, ein Rätsel seit Westernfilmen aus den 50ern (auf Twitter ließ ich mir von Expertinnen erklären, dass mit heißem Wasser bei der Geburt Tücher befeuchtet werden, die den Damm weich halten sollen – im konkreten Zusammenhang des Romans unwahrscheinlich). Zudem wird die Mutter des Protagonisten als einzige Hebamme am Ort eingeführt – das ist dann aber auch das letzte Mal, dass ihr Beruf oder auch nur das Thema auftaucht.

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Zum Abendessen kochte ich Tomatensuppe. Nach dem Ernteanteilpacken durften wir Helferinnen angedotztes Gemüse mitnehmen, unter anderem Tomaten. Selbige versauten mir wegen Angedotztheit zwar die Tasche, wurden aber zu einer sensationellen Suppe. Olivenöl, Salz, Pfeffer, ein wenig gekörnte Brühe – zerkocht, zerstört, fertig. Und spektakulär köstlich.

160921_13_tomatensuppe

Farbe original, es waren einige gelbe Eiertomaten dabei.

§

Ich bekomme ja selten Werbeanfragen, die meisten lassen sich nach kurzem Überfliegen als Spam löschen. Diese aber hat mich so sehr zum Lachen gebracht, dass ich sie unbedingt mit Ihnen teilen muss:

E: HI,
D: Guten Tag,

E: We are an Onlineshop (www.mariakommunion.de), and we sell Communion Dresses on our website. We found your website and would like you to write a Post for us and/or put our Banner on your Website. We will pay you through Paypal.
D: Wir sind einen Onlineshop (www.mariakommunion.de), und verkaufen maßgeschneiderte Kommunionkleider auf unserer Webseite. Wir haben Ihre Webseite gefunden, und wir hätten gern wenn Sie einen Post für uns schreiben könnten oder/und unser Banner auf Ihrer Webseite machen können. Wir werden Ihnen durch Paypal bezahlen.

E: Please read our proposal:
D: Bitte schauen Sie unserer Vorschlag an:

E: INSTRUCTIONS TO WRITE THE POST:
D: Anweisungen um der Post zu schreiben:

1.

E: Write a Blogpost for 20 US $ (post should be in german)
D: Schreiben Sie einen Blogpost für 20 US $ (Post soll auf Deutsch):

E: Instructions to write the Post:
D:Anweisungen, um den Beitrag zu schreiben:

A.

E: The design of the Post you can do as you please.
D: Design können Sie tun wie Sie möchten.

B.

E: Use all the following words in the list to write your Post and add a hyperlink on the word to their corresponding URL.
D: Benützen Sie alle die folgende Wörter im Post und machen Sie einen Hyperlink auf dem Wort der schickt zum spezifischen URL:

Kommunionkleider

www.mariakommunion.de
Kommunionkleider 2016

http: //www.mariakommunion.de/kommunionkleider-2016-c-1_6/

Kommunionkleider Schlicht

http: //www.mariakommunion.de/kommunionkleider-schlicht-c-1_7/

C.

E: In addition put a few Dress Pictures from our Website with a link to the product page
D: Außerdem setzen Sie bitte ein paar Kleider Bilder mit Links zur Produkt Seite

D.

E: Share the post on your social medias (facebook, twitter, instagram, Pinterest)
D: Teile Sine den Post auf Die Social Medias dass Sie haben (facebook, twitter, instagram, Pinterest)

2.

E: Set our Banner for 10 US $ (für 3 Monate)
D: Setzen Sie Banner für 10 US $ (für 3 Monate), in der Seitenliste.

E: Just copy the Banner-Code:
D: Sie brauchen nur der Banner-Code zu kopieren:

< a title="Günstige und Hohe Qualität Kommunionkleider | Mariakommunion" href="http://www.mariakommunion.de">Entdecken Sie Wunderschöne Kommunionkleider bei Mariakommunion. Unsere elegante Kommunionkleider findet man in weiß und elfenbein Farben. Wir bieten Tolle Angebote an.< /a>
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E: If you agree with the terms, send us the Url of the Post and your paypal Adress, once we checked the Post we will transfer the money. If you have any questions do not hesitate to contact us. Please tell us the social Medias you can share the Post on.
D: Wenn Sie mit den Vorschlägen in Ordnung sind, schicken Sie mir bitte die Link von dem Post und Ihrem Paypal-Konto, nachdem wir den Post gecheckt haben werden wir bezahlen. Hätten Sie Fragen, wenden Sie sich bitte an mich. Danke für Ihre Zeit. Bitte sagen Sie uns welche social media Sie haben wo Sie den Pot teilen können.

E: We look forward to hearing from you. Sincerely
D: Ich freue mich von Ihnen zu hören. Viele Grüsse

Sagen Sie selbst: Ist das nicht ein Juwel? Und 30 US-Dollar für geschätzte drei bis vier Stunden Arbeit (die erst gezahlt werden, wenn die Arbeit auch gefällt) passen ja fast ins deutsche Mindestlohngesetz.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Journal Mittwoch, 21. September 2016 – Bayerisches Nationalmuseum, Der große Glander

  1. Lempel meint:

    Das heiße Wasser wird eigentlich nicht gebraucht. Beschäftigt den werdenden Vater aber eine Weile und gibt ihm das Gefühl, auch etwas zur Geburt beizutragen.

  2. lihabiboun meint:

    Werte Kaltmamsell, also, ich weiß gar nicht, was Sie haben – ich kann mir ehrlich gesagt NIEMANDEN vorstellen, der besser über Kommunionskleidchen schreiben könnte als ausgerechnet Sie: inbrünstig, feierlich und voller Überzeugung. Da hat doch mal wieder jemand richtig gut das Blog studiert, gell.
    Made my day!

  3. Julia meint:

    WTF? Herzlich gelacht & ungläubig das protestantische Haupt schüttelnd *kicher*

  4. berit meint:

    Allein als Running Gag in the making müssten Sie diesen Artikel schreiben. Herrlich :D

  5. Sigourney meint:

    Aber jetzt kamen in dem Blogpost doch alle geforderten Wörter vor, zählt der nicht schon?

  6. Joel meint:

    Ich dachte genau das gleiche wie Sigourney oben.
    Im Prinzip haben Sie doch alles in dieses Posting gesetzt. :-)
    Mit Ausnahme vom Foto und Banner könnten Sie jetzt 20 Dollar kassieren.
    Zudem haben sie den ganzen Text ja auch in Deutsch übersetzt.

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