Journal Dienstag, 11. Oktober 2016 – The Vegetarian

Mittwoch, 12. Oktober 2016 um 7:02

Abends traf ich mich mit meiner Leserunde, um über Han Kang, Deborah Smith (Übers.), The Vegetarian zu sprechen. Einige hatten das Buch in der deutschen Übersetzung von Ki-Hyang Lee gelesen.

Nach dem kurdischen Roman hatte ich erwartet, dass auch dieser südkoreanische sehr fremd sein würde – in Erzählweise und Erzählwelt. War er aber gar nicht. Und doch ist The Vegetarian ein sehr anderes Buch, auf die beste Art befremdlich. In drei Teilen wird von Yong-Hye erzählt, von einer unauffälligen und angepassten Ehefrau, die eines Nachts beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Das wird in drei Teilen von außen erzählt, irritierenderweise die ersten beiden und wichtigsten Teile der Geschichte von Männern: Teil 1 von Yong-Hyes Ehemann, Teil 2 von ihrem Schwager, einem Künstler. Erst der letzte Teil 3 hat die Perspektive ihrer Schwester, die sie in der psychiatrischen Klinik besucht. Die Erzählweise ist realistisch, mit Ausnahme der Schilderung von Yong-Hyes blutgetränkten Träumen – die sie zu ihrer Essverweigerung gebracht haben. Diese Träume sind auch die einzigen Passagen, in denen die Hauptfigur selbst zu Wort kommt, in denen sie nicht nur von außen von Mitmenschen geschildert wird. Yong-Hyes verschwindet von Kapitel zu Kapitel mehr, in ihrer Passivität scheint sie sich aufzulösen. Doch geht es tatsächlich um Essen? Steht das für etwas anderes?

Wir sprachen lang über das Buch (nur eine hatte es nach wenigen Seiten weggelegt, weil es sie überhaupt nicht interessierte), darüber, wie wenig Sinn die eigenartige Handlung ergibt, vor allem die Protagonistin. Meiner Meinung rührt die Faszination des Romans genau daher, aus dieser Unbegreiflichkeit und der Verweigerung, Yong-Hye zu einem konsistenten, fassbaren Charakter zu machen – was vor allem durch die Schilderung von außen gelingt. Und Verweigerung ist ja ein starkes, möglicherweise das beherrschende Motiv der Geschichte. Verweigerung des Essens als allerletzte Möglichkeit der Selbstbestimmung.

Zudem fesselten mich immer wieder die sinnlichen Beschreibungen von Details der Umgebung oder der Figuren, die mir sehr nahe gingen – zum Beispiel die verregnete Fahrt der Schwester in die Klinik, die ich fast körperlich riechen und spüren konnte.

Auch über den Titel des Romans unterhielten wir uns: Er führt ja eigentlich in die Irre, denn Yong-Hye verweigert nur im ersten Schritt Fleisch. Vielleicht doch eine Marketingmaßnahme? Wir waren uns einig, dass der Titel stark zum Verkaufserfolg des Buchs beigetragen hat.

Die Neue Züricher Zeitung veröffentlichte ein interessantes Interview mit der Autorin.
„Gespräch mit der Booker-Preis-Trägerin Han Kang
‚Unschuld gibt es nicht'“

Ihre Lesart des Romans ist zwar meiner Überzeugung nach nicht höherwertig oder gar richtiger als die anderer Leserinnen, doch in diesem Fall wirklich interessant, zum Beispiel:

Yong-Hye ist als Figur konzipiert, deren Mitte leer ist. Im Roman finden die Leser Bruchstücke an Informationen darüber vor, wer sie sei. Sie sind aufgerufen, diese Splitter zu nehmen und mithilfe der eigenen Imagination die Leere zu füllen.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Dienstag, 11. Oktober 2016 – The Vegetarian

  1. berit meint:

    Das Buch hört sich sehr interessant und perfekt für den Herbst an.

  2. Olga meint:

    Hm, das erinnert mich gerade ein bisschen an The edible woman (oder so aehnlich) von Margaret Atwood, wo es auch irgendeinen Zusammenhang zw. der Verweigerung der Nahrungsaufnahme und dem innerlichen Verschwinden der Person geht. Wobei der Atwood-Roman aus der Perspektive der Frau selber erzaehlt ist. Sollte man vielleicht dazu lesen… Buch hoert sich interessant an.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Stimmt, Olga, The Edible Woman habe ich vor mehr als 20 Jahren gelesen, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Atwoods Stil ist allerdings völlig anders.


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