Journal Freitag/Samstag, 21./22. Oktober 2016 – Unser Web und goldenes Schwimmen

Sonntag, 23. Oktober 2016 um 7:37

Freitagabends heimkommen und Twitter geht nicht ist schon gruslig – vor allem, wenn sich ziemlich schnell herausstellt, dass der Grund ein DDos-Angriff war. Denn, wie Gizmodo schreibt:

Our internet is frightfully fragile in the face of increasingly sophisticated hacks.

(Mittlerweile scheint klar zu sein, dass der Hack über “internet of things” erfolgte.)

In letzter Zeit grüble ich viel darüber, wie komplett anders die Einstellung zum Internet für die Generation ist, die es erst seit wenigen Jahren kennen. Generation meint hier nicht Alter, sondern ersten Internetkontakt – es sind nämlich gerade Teenager und Zwanziger, die mir als Beweis ihrer Online-Expertise als erstes erzählen, was sie alles nicht tun und nutzen. Möglicherweise spaltet sich vor allem in Deutschland die Internetbevölkerung in diejenigen, die in erster Linie Gefahren und Bedrohung sehen und deshalb vor allem Kenntnis dieser Gefahren und Selbstschutz suchen. Und auf der anderen Seite in diejenigen, die sich als Teil des Web sehen, als selbstbestimmte Mitbegründer und Architektinnen seiner unendlichen Möglichkeiten, und die vor allem befürchten, dass man ihnen diesen Lebensraum durch Überwachung, Kommerzialisierung und Kontrolle wegnimmt. Diese andere Seite war schon immer die Minderheit.

Jüngstes Beispiel: Freitagabend entspann sich ein kurzer Austausch im Twitter-Chat (DM) zwischen mir und alten Webfreundinnen über Kontinente hinweg. Innerhalb Minuten wurde daraus eine Idee, schon bekam ich eine Einladung zu einem Google-Doc, auf dem wir zu dritt die Idee weitersponnen. Diese Art des Austauschs und der Kollaboration in dieser Geschwindigkeit ist mit Angst vor Bedrohung unmöglich.

Oder haben die Bösen schon längst gewonnen und wir Webveteraninnen haben es einfach nur nicht gemerkt?

§

Freitagabend war ich mit Halsweh heimgekommen, das mich auch in der Nacht auf Samstag plagte. Doch sonst ging es mir gut, also radelte ich Samstag nach einer kleinen Einkaufsrunde durch die Sonne ins Olympiabad. Erst erschrak ich über die vielen Hilfsmittelschwimmerinnen und -schwimmer auf den Bahnen – das Wasser war durch die Menge (und einen Schmetterlingschwimmer) so aufgewühlt, dass ich auf meinen ersten 100 Metern gleich mal eine kräftige Nasenspülung bekam.
Doch deren Trainingszeit (ich unterstelle diesen Hilfsmittelschwimmern, dass sie nicht “zum Schwimmen” gehen, sondern “zum Training”) war dann wohl um, ansonsten schwomm ich gemütlich und ungestört. Und dann erkannte mich auch noch eine Blogleserin und sprach mich ganz bezaubernd an – hallo!

Zurückgeradelt durch die Sonne, daheim Rest des Vorabendessens gefrühstückt (von Herrn Kaltmamsell bereitete Krautkrapfen).

Tüchtigkeit des Nachmittags: Ich setzte mich mit einem guten Kilo Haselnüsse aus Elterns Garten in das lichtdurchflutete Wohnzimmer und knackte, bis ich Blasen an den Fingern hatte – aber alle Nüsse weiterverwertbar waren.

200 Gramm davon rieb ich auch gleich, daraus wird am Sonntag Nusszopf.

§

Selbstverständlich müssen bildende Künstler und Künstlerinnen nicht auch noch schreiben können. Können ja nicht alle ein Wolfgang Herrndorf oder eine Katia Kelm sein.
Zum Glück aber ist zumindest eine bildende Künstlerin Katia Kelm und kann sich erklären, zum Beispiel dass sie’s nicht so mit Farben hat:
“Regenbögen”.

§

James Rebanks aka @herdyshepherd wurde vor einem anstehenden Auftritt zu seiner Schriftstellerei interviewt:
“Seriously questioning… James Rebanks”.

Who in history would you most like to have a stinking-drunk night out with? Richard Flanagan (he is still very much alive, and I did it — but I’d like to do it again), the Australian Man Booker Prize-winning writer, likes a beer or two, and took me to a grimy nightclub where we had to shout over thrash metal tracks to hear each other, but I loved talking books with him, and I’d love to do it again. We didn’t agree about a single book (he loves The Great Gatsby, which I think is lousy, and hates The Old Man and the Sea, which I love), but I remember things he said and I loved that night.

Ich glaube, das sagt sehr viel über James Rebanks: Dass er sich am liebsten an ein Gespräch mit jemandem erinnert, der komplett anderer Meinung war.

§

Um respektvollen Meinungsaustausch geht es im weitesten Sinn auch Carolin Emcke. Sie nahm gestern in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen, der Tagesspiegel hat sie vorher interviewt.
„’Lieber politisch korrekt als moralisch infantil’.“

Ich bin weiterhin begeistert von der Ruhe und Besonnenheit in Emckes Argumentation, die gleichzeitig Empathie als Treiber sichtbar macht. Sie bietet nie einfache Lösungen, und doch ist es klar, dass es ihr um Lösungen geht, nicht um Schuldzuweisungen.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Freitag/Samstag, 21./22. Oktober 2016 – Unser Web und goldenes Schwimmen“

  1. Uwe meint:

    Bzgl. Twitter und so: Ich vermute, dass viele (jüngere) Menschen mittlerweile von den vielen Möglichkeiten entweder überfordert sind, oder auch einfach “gedankenfaul” wurden – statt sich auf neue Technologien einzulassen und diese kreativ zu nutzen, ist man mit dem zufrieden, was man hat. Dass sich neue Möglichkeiten durch neue Dienste ergeben, wird ignoriert, weil man auch so durchs Leben kommt. Und eigentlich immer keine Zeit ist, etwas neues (kennen) zu lernen. Hm. Kann das sein?

  2. Anne meint:

    Hallo zurück! Im Wasser nicht auf Anhieb erkannt, aber draussen dann an den wunderbaren güldenen Schuhen. War mir eine Freude!

  3. mark793 meint:

    es sind nämlich gerade Teenager und Zwanziger, die mir als Beweis ihrer Online-Expertise als erstes erzählen, was sie alles nicht tun und nutzen.

    Interessante Beobachtung. Kevin Kelly hat mir vor paar Jahren mal in einem Interview gesagt, künftig werde man sich verstärkt darüber definieren, was man alles nicht nutzt an Diensten. Ich deute das aber nicht so sehr als Ausdruck einer generell netzkritischen Abwehrhaltung, sondern eher als Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins dafür, dass unsere Lebenszeit begrenzter ist als all die ständig neuen Gimmicks, Apps und Social-Media-Dienste und dass man daher eine kluge Auswahl treffen muss, wofür man seine Zeit und Aufmerksamkeit investiert.

    @Uwe: Auf so einen Gedanken kann vielleicht nur jemand kommen, der wenig Kontakt mit Kindern und Jugendlichen hat. Twitter ist für Teenies zumeist aus ganz anderen Gründen uninterssant. Wenn man eh schon die ganze Zeit am Chatten und Messagern ist, wozu dann noch twittern?

  4. Uwe meint:

    Kann schon sein, aber Kinder und Jugendliche waren hier eigentlich nicht gemeint – eher Tweens. Aber egal. Die ganze Bewerbung klingt für mich auch so wie eine Art von “digitalem Biedermeier”, bei dem n es chic ist, sich aus dem öffentlichen Netz Zürich zu ziehen.

  5. mark793 meint:

    @Uwe: Mit der Altersgruppe habe ich jenseits von Neffen und Nichten zu wenig Kontakt, um das fundiert beurteilen zu können. Vielleicht geht es bei der ostentativen Teilverweigerung auch darum, Abgeklärtheit zu signalisieren, nach dem Motto, ich bin doch hein Herdentier, was jeden Sch**ß mitmachen muss. Davon ab: So eine gewisswe Faulheit, auf jeden neuen Zug aufzuspringen, bemerke ich auch an mir selber, ich twittere nur sehr verhalten, für pinterest oder ello hatte ich nie Interesse entwickelt, und ohne snapchat kann ich prima leben.

    Oder sind wir inzwischen doch schon im postdigitalen Zeitalter angekommen, wo das alles schon so selbstverständlich geworden ist, dass man um die Nutzung diverser digitaler Dienste nicht mehr Aufhebens macht als um die Benutzung von Wasserhähnen oder Steckdosen? Ich habe da mal vor Jahren was drüber geschrieben, ohne es so recht verstanden zu haben. ;-))) Vielleicht war das, was wir heute bei den jungen Leuten sehen, damals noch zu weit weg, um es uns vorstellen zu können. Wir sind ja noch stark davon geprägt, dass wir uns das Netz erkämpfen mussten, gegen den x.25-Standard der Datenübertragung, gegen Bundespost und Zensursula.

    .

  6. Uwe meint:

    Ja, ich denke, dass trifft es ganz gut. :) Das erinnert mich an eine Kurzgeschichte von Assimov, in der zwei Jungen ein Objekt auf dem Dachboden des Opas fanden, und merkten, dass man sich damit geheime Botschaften schicken kann, die niemand außer ihnen enziffern konnte. Klang total mysteriös – bis sich am Ende der Geschichte herausstellte, dass es die ganze Zeit um ein stinknormales Buch ging – mit Buchstaben(!). :) Vielleicht besinnt man sich auch demnächst wieder mehr den offline-Tätigkeiten und “echten” Dingen. Wir werden es sehen.

Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen